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 Silberblut

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BeitragThema: Silberblut   So Jun 25, 2017 6:11 pm


Silberblut







Träume sind Schäume




Der helle Vollmond strahlte auf eine kleine Stadt. Er ließ die Betonstraßen schimmern, dass sie beinahe etwas schönes hatten, in der von Menschen besiedelten Zivilisation. Einer Zivilisation, die sich die grüne Natur hielt, wie ein Maskottchen.
Diese kleine Stadt hatte sich einen Geist bewahrt, wie es ihn nur damals gab. Menschen kannten einander, planten gemeinsam für ihre kleine Stadt Festivals und Erneuerungen.

Ruby stand hinter ihren langen, durchsichtigen Vorhängen. Das Licht im Zimmer war gedimmt, während sie ihren Blick auf eben diese leuchtenden Straßen schweifen ließ. Verträumt lehnte sie sich an ihre Zimmerwand. Der Umzug war stressig genug gewesen und nun war sie in ihrer neuen Heimat angelangt. Bisher kannte sie diese nur von Durchfahrten, in Richtung ihrer Arbeit.
Ruby selbst arbeitete in einer Firma für Beauty Produkte, sorgte jedoch nur dafür, dass Jenes auch in den Läden landete.
Manchmal kam ihr das Leben langweilig vor. Sie seufzte leise. Wenn nur irgendetwas Spannendes passieren würde, dachte sie. Seltsamerweise war das in der Großstadt nicht mal der Fall gewesen. Da lebten die Menschen wie Rädchen im Uhrwerk, befand sie. Dafür hatten sie viele vor diesem beschaulichen Ort gewarnt. Natürlich, die Großstädter und Verschwörungstheoretiker. Besonders in kleinen, unbekannten Orten und Dörfern fühlte sich das Böse wohl! Kleinkriminelle, Ex-Mörder, Bankräuber, Terroristen...
Nichts davon schockierte die 22 Jährige so sehr, wie der bisherige Verlauf ihres Liebeslebens.
Aber hier würde sie schon jemanden finden! Hier begegnete man sich öfter als einmal.

Langsam wandte sich Ruby von ihrem Fenster ab und kroch bedächtig langsam unter ihre Decke, fasste dabei suchend nach ihrem Handy, das irgendwo in der Ecke liegen musste und legte sich bäuchlings hin.
Das helle Licht von ihrem Telefon tauchte ihr Gesicht in goldenen Glanz. Nur eine Nachricht von ihrem Kollegen Jay.
Er war nicht so ganz ihr Typ, aber sie mochte ihn ansonsten sehr gerne. Er war immer lustig und kannte sie jetzt beachtlich gut. Sie war immer wieder überrascht, wenn er gewisse Dinge tat oder sagte. Männern hatte sie eine so gute Menschenkenntnis gar nicht zugetraut.

Hey, na was treibst du? Besauf dich nicht grundlos. Komm mit uns zum Sommerfest:)

Ruby überflog nachdenklich die Nachricht. Sie war nicht so der Menschenmassentyp. Meistens passierte ihr doch irgendetwas Peinliches und dann waren da viel zu viele Menschen, die das sehen konnten.
Allerdings war das hier auch ein kleiner Ort und sie würde niemals einen Kerl abbekommen, wenn sie darauf wartete, dass er sie aus dem Dornröschenschlaf weckte.
Warum konnte ihr Leben nicht in einem Märchen stattfinden? Eine böse Hexe und ein stattlicher Mann, der sie rettete.
Ruby hatte Märchen schon immer geliebt. Sie waren- ähnlich wie kitschige Liebesfilme- ein Hoffnungsschimmer das wahre Liebe existierte. Das konnte sich nicht irgendjemand ausgedacht haben.
Sie seufzte ein weiteres Mal und rollte sich auf den Rücken. Sie träumte noch von der wahren Liebe, von Romantik und Heldenhaftigkeit. Wer sagte denn, dass es ein Kerl sein musste, der in der Lage war, einen Drachen zu erschlagen?
Ein Held ihres Alltags reichte ihr völlig aus.
Ruby drehte an ihrem Wecker und kuschelte sich ins Kissen. Morgen würde ein weiterer Arbeitstag stattfinden und da hatte sie ja genug Zeit, um Jay zu antworten.

Piep...Piep....Piep...
Der grell klingelnde Wecker riss Ruby aus ihren Träumen. Sie schreckte hoch und haute so hart auf die Taste, dass er runterfiel. Sie sank davon genervt zurück.
Es konnte nicht gesund sein, immer so aus dem Schlaf gerissen zu werden.
Sie schwang sich aus dem Bett und erschrak vor ihrem Spiegelbild etwas. Als wäre sie unter den Rasenmäher gekommen. Ihre Haare standen in alle Richtungen ab.
Sie kämmte sich alles grob zurecht, band es zusammen und machte sich rasch fertig. Unter Zeitdruck konnte sie morgens besser, sonst kam die Disziplinlosigkeit.
Sie steckte sich alles ein, was sie brauchte und fuhr dann los.

Auf dem Parkplatz war schon reger betrieb. Aber wenigstens sah sie schon Jay vor dem Eingang stehen und rauchen. Am liebsten hätte sie ihm die Zigarette weggenommen, als sie zu ihm ging und kurz einen Arm um ihn legte.
"Da ist sie ja, Rubinchen. Wie siehst du denn aus?" Jay grinste und zerzauste ihre Haare. Keine große Kunst, so ungebändigt wie sie heute waren.
"Lass das!" Jammerte Ruby und versuchte noch etwas zu retten.
"Ist Fabs heute da?" fragte sie und Jay schüttelte zu ihrem bedauern den Kopf.
"Urlaub", antwortete er einsilbig, worauf Ruby das Gesicht verzog. Sie hatte die zwei faulsten Freunde der Welt. Fabs hatte ständig Urlaub und Jay ging dauernd früher.
Nicht selten stand sie also alleine da mit teils mehr oder weniger angenehmen Kollegen. Und manchmal auch mit Widerlingen und konnte sich nicht einmal recht irgendwo auskotzen.
"Na komm, ich hoffe heute vergeht die Zeit rasch", seufzte sie und zog ihn mit sich, als er seine Zigarette gerade entsorgt hatte. Überhörte dabei auch geschickt sein Gemecker. Wie oft war schon in der Firma rumgegangen, dass die Zwei was miteinander hätten. Aber das konnte sie sich bei Jay gar nicht vorstellen.
Er war doch nur ihr Freund!
Ihn als Liebhaber zu haben, würde den Ganzen Spaß zerstören, dachte Ruby.

Es vergingen einige Stunden, ehe Ruby Pause machte. Es war nicht unbedingt ein guter Arbeitstag. Es war stressig, sie war Ersatz an einer anderen Linie und mit dem Personal kam sie auch nur in kühler Distanz klar. Sie war eben nur der Ersatz, für jemanden, der sich viel besser auskannte.
Dementsprechend brodelnd ging sie nach draußen und schnappte sich ihr Handy. Sie brauchte jetzt Ablenkung. Also scrollte sie ihre Liste an Kontakten durch und ihr fiel auf, wie beachtlich viele Leichen sie dort hatte. Einige löschte sie, andere schrieb sie an. Darunter Fabs und ein ehemaliger Kollege, von dem sie von heute auf morgen nichts mehr gehört hatte.
Ruby hatte die unangenehme Angewohnheit, sich durchaus Sorgen zu machen, um die Menschen, wenn sie einfach nicht mehr antworteten. Ganz gleich, ob diese sie nur eiskalt ignorierten. Und hier hatte Ruby das Gefühl, was ihre Laune nicht zwangsläufig besserte.
Deshalb reagierte sie auch verärgert über Fabs schlechte Witze und das lesen, aber nicht antworten wollen des Anderen.
Sie stieß scharf die Luft zwischen den Zähnen aus. Aber sie wollte sich zusammenreißen. Fabian konnte nichts dafür. Der anderen Person schrieb sie, dass sie den Kontakt beenden würde. Es waren mehrere unbeantwortete Nachrichten ihrerseits gewesen, in den letzten Monaten. Was brachte das schon?

Aber die Pause war so natürlich viel zu schnell rum. Vielleicht sollte sie sich mal eine Auszeit nehmen. Sie arbeitete mehr als viele Andere am Stück.
Das vertrugen ihre Nerven nicht unbedingt gut. Jay konnte sie auch nur halb aufmuntern, als sie reinkam.
Sie bekam Kopfschmerzen und agierte ungewöhnlich langsam. Gerade fiel ihr alles schwer. Sie spürte Übelkeit und warf einen Blick auf die Uhr. Die Zeit wollte einfach nicht vergehen.
Als es ihr in kurzer Zeit zunehmend schlechter ging, zog sie die Reißleine und erbat, früher gehen zu können. Machte Jay ja auch oft genug mit ihr. Danach flüchtete sie beinahe schon. Erst draußen fiel der ganze Stress Stückchenweise von ihr ab. Es fühlte sich unglaublich befreiend an für sie, auch wenn sie nicht wusste, was es gewesen war.
Und jetzt hatte sie vergessen zuzusagen. Das Festival war morgen. Ihr letzter Arbeitstag, vor dem Wochenende.
Das musste sie jetzt auch noch hinbekommen. Sie schrieb ihm also die Nachricht, dass sie kam. Noch wusste sie nicht, wie gut die Idee war. Aber was sollte schon noch schief gehen? Vielleicht tat es ihr und ihrem Wohlbefinden gut. Wahrscheinlich würde sie einfach nur an keinen Kerl rankommen, weil er sie abschirmte. Aber dafür würde sie Spaß haben.

Ruby ging es mit der Zeit etwas besser. Sie hatte sich hingesetzt, ihr Handy ausgepackt und noch mit letzter Wut den abgebrochenen Kontakt gelöscht. Er kam auf einmal mit einem kleinen Roman, der einfach nur herausklang, dass sein Leben sehr viel erfüllter und wichtiger war, als ihres. Auf solche Kontakte konnte Ruby verzichten, auch wenn es ihr trotzdem wehtat. Sie hatte mal viel auf gewisse Menschen gegeben, die hatten ihr Selbiges aber offenbar nur vorgeheuchelt.
Sie schloss die Augen und nahm sich vor, das niemals zu tun. Dann schlief sie ein, ohne es eigentlich zu wollen.


Ruby ging langsam einen langen Feldweg entlang. Dort stand etwas rötlich braunes, dass sie nicht richtig erkennen konnte. Wie in Trance ging sie weiter. Sie hatte beinahe einen Tunnelblick. Ihr Traum war nur ein Fetzen Wirklichkeit, während er am Rand wie eine Wolke zerfiel. Es schien nur der Teil zu existieren, auf dem sie ging.
Sie sah sich selbst. Ihre Reaktionen auf gewisse Menschen. Sie war frustriert eingenickt. Eventuell lag es daran?
Dieser Gedanke echote in ihrem Kopf, während sie mit träumerischem Blick weiterging. Selbst, sah sie sich da stehen, still oder verbissen. Wie sie Wut herunterschluckte, wenn sie ungerecht behandelt wurde. Oder wie sie sich wehrte, wenn sie eigentlich im Unrecht war. Aber in jeder Situation hatte sie sich vorgestellt, was sie anderes sagen oder tun könnte und hatte es doch nie getan. Wahrscheinlich wäre es das Richtige gewesen, aber sie hatte diese Gedanken immer im letzten Moment vor einer Konfrontation verworfen. Es hätte doch nichts gebracht...
Manche Fantasien hätten sie eher den Job oder ihre Freiheit gekostet.
Sie schämte sich manchmal dafür, wie sie oftmals am Liebsten reagiert hätte, wenn jemand sie denunzierte oder bloßstellte. Es waren psychisch schlimme Dinge, aber ob sie so etwas rechtfertigten?
Je näher sie dem Wesen kam, dass dort stand, kam, desto mehr wandelten sich die Szenerien. Ruby wurde da mutiger und reagierte so, wie sie es sich vorstellte. Das war nie passiert, zeigte aber wie es aussehen könnte.

Plötzlich stand sie vor ihrem Ziel, dem Wesen gegenüber. Es war... sie. Sie selbst stand vor ihr und wirkte verzweifelt, wütend. Irgendwie ein Mix aus beidem.
Dann trat ihr Gegenüber einen Schritt zurück und explodierte aufeinmal als Wolf, riss das riesige Maul auf und grollte laut.


Ruby schrie auf und merkte gar nicht, dass sie wach war. Sie sah sich hektisch in ihrem Zimmer um. Eine Gänsehaut ging über ihren Körper. Sie war eingeschlafen, es war erst früher Abend. Doch obwohl sie alles so gut sehen konnte, kribbelte die kalte Angst unter ihrer Haut. Sie fühlte sich nicht mehr allein, in ihrem Haus.
Und doch war sie zu gelähmt, um nachzuschauen.
Ihr fiel einfach nichts besseres ein, als Jay anzurufen. Sie waren nur Arbeitskollegen, hatten außerhalb der Arbeit nie etwas miteinander zu tun gehabt.
Es war ungewohnt, als er abnahm.
"Jay? Ich.. ich hab schlecht geträumt. Ich hab Angst, ich glaub ich bin nicht allein.. ich.. ich", gab Ruby im Schockzustand völlig durcheinander von sich. Ihr kam es auf einmal banal vor, anzurufen. Ein Traum! Mehr nicht!
Sie fühlte sich wie ein kleines Kind, dass sich gerade mehr als blamierte. Zwar nur vor Jay, aber immerhin.
"Hey, beruhig dich... soll ich vorbeikommen? Gehts? Alles wird gut, ich schau nach okay? Komm.. bleib wo du bist und bleib am Telefon", kam sofort zurück. Normalerweise wäre sie nicht davon ausgegangen, dass er sie ernstnahm. Aber Ruby hatte angefangen zu schluchzen und Tränen liefen ihr über die Wangen.
Sie drückte sich in die Decke und versuchte, mucksmäuschen still zu sein. Das Licht ihres Aquariums neben ihr begann zu flackern und ging wieder an.
Sie zuckte zusammen. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass es ausgegangen war. Ein Blick auf ihr Handy verriet ihr auch, dass es geladen werden sollte, obwohl es vorher noch 80 Prozent gehabt hatte.

Aber ein Stromausfall beeinflusste ja nicht ihren Akku?
"Ja, bitte komm. Der Schlüssel ist unter der Matte", wisperte Ruby ins Handy. Sie traute sich nicht einmal, unters Bett zu schauen. Was sie doch für ein Feigling war!
Gut, dass sie nach dreimal Schlüsseldienst in ihrem alten zu Hause die Angewohnheit hatte, immer irgendwo einen Schlüssel zu deponieren. Sie wollte gerade nicht einmal aufstehen.
Es dauerte noch einen Moment, bevor sie dieses Gefühl der Angst und Unsicherheit verließ. Sie hörte nichts mehr oder bildete sich zumindest nichts mehr ein.
Aber jetzt konnte sie Jay auch nicht einfach absagen.
"Ich komm jetzt rein, okay?" fragte dieser gerade und Ruby nickte. Bis ihr klar wurde, dass er das nicht sehen konnte.
"Äh, ja" antwortete sie rasch hinterher und biss sich auf die Lippen.
Sie hörte, wie Jay reinkam und legte dann auf. Da hörte sie ihn auch schon rufen, wo sie denn war.
Ruby konnte wieder etwas Lächeln und antwortete:
"Hier!"
In dem Wissen, wie wenig aussagekräftig das war. Jay fluchte wie zur Bestätigung, machte sie aber dann doch noch ausfindig.

Er setzte sich zu ihr aufs Bett und lachte bei ihrem Anblick.
"Du siehst wieder aus. Was ist denn los? Albtraum? Och komm, alles wird gut", meinte er mit einer Stimme, in der man sonst höchstens Kinder ansprach und drückte sie sanft an sich.
"Du bist doof", nuschelte Ruby, aber hatte das erste Mal ein richtiges Gefühl von Sicherheit. Und das genoss sie auch noch etwas.
"Wovon hast du eigentlich geträumt?" erkundigte sich Jay. Genau die Frage, vor der Ruby sich höchstens noch fürchtete.
"Ach, naja.. schwer zu sagen. Es war total durcheinander und alles, aber eigentlich... naja.. von mir", letztes nuschelte sie so undeutlich wie möglich, aber Jay verstand es trotzdem und brach in schallendes Gelächter aus. Zur Strafe bekam er einen Klaps, aber ganz erwehren konnte sie sich nicht.
"Hör auf zu lachen! Da kann ich doch nichts für. Ach man. Es war ganz komisch. Ich meine, ich war auf einmal ein großer Wolf und hab mich angegriffen. Oder wollte. Bestimmt. Naja aber das Schlimmste war eigentlich nach dem Aufwachen. Als wäre etwas.. oder jemand im Haus. Und die Technik hat auch rumgezickt. Licht.. und Akku und alles", rechtfertigte Ruby sich für ihren kleinen Ausbruch. Sie hätte Jay niemals ohne Grund herbestellt bzw. garantiert nicht für DEN Grund! Das er das glaubte, war wieder seinem Unfassbar großen Selbstbewusstsein geschuldet, dachte Ruby seufzend.

"Jaa schon gut, ich glaub dir ja. Kann ich denn sonst noch was für dich tun?" fragte Jay lächelnd und musterte Ruby etwas.
Diese erwiderte seinen Blick misstrauisch.
"Werd mal nicht komisch", gab sie keck zurück. "Nein, ich denke es geht wieder... ich brauch erst einmal einen Kaffee."
Mit diesen Worten löste sie sich, zu seinem Leidwesen, von ihm und schwang sich noch etwas trunken aus dem Bett. Der Schock hatte sie so schnell aus dem Schlaf gerissen, dass sie nicht sagen konnte, ob sie wirklich erholt war. Aber jetzt, wo er aus ihren Gliedern verschwand, überkam sie wieder diese Müdigkeit. Sie wusste gar nicht, was mit ihr los war.
Auch Jay schaute sie etwas besorgt an.
"Wirklich alles okay, Ruby?" fragte er, aber sie nickte nur etwas benommen.
"Komm, darfst zur Belohnung auch einen Kaffee haben", bot sie schließlich an. Aber der Traum ging ihr nicht wirklich aus dem Kopf. Er war so.. real gewesen. Normalerweise verblassten Träume mit der Zeit, aber er war so real.
Der Rest der Konversation flog stattdessen eher wie ein Traum an ihr vorbei.

"Denk dran: Träume sind Schäume", Jay lächelte zum Abschied. "Aber..", fügte er hinzu. "Du kannst im Traum eh nicht sterben, also... erschreck nicht, sondern schau was passiert."
Mit diesen Worten und einem kleinen Schulterzucken wandte er sich schließlich um und lief die Treppen herunter.

Ruby sah ihm noch eine Weile nach und schloss dann beinahe bedächtig die Tür.
Ja, vielleicht sollte sie das. Wenn das mal kein Abenteuer war. Eines, in dem einem nichts geschehen konnte. War das nicht der perfekte Einstieg?
Sie ließ den Abend langsam ausklingen, versuchte sich aber noch etwas abzulenken und schrieb Fabs zurück, den sie über ihre verlorene Bekanntschaft ganz vergessen hatte. Jetzt konnte sie über seine Sprüche sogar lächeln und es tat ihr Leid, dass sie das nicht schon eher hatte tun können.
Sie legte sich noch eine Weile mit einem Buch ins Bett, bevor sie das Licht ganz ausknipste und die Dunkelheit Einzug hielt.
Und damit überwältigte sie auch fast sofort der Schlaf. Der- wie erwartet- von demselben Traum heimgesucht wurde.
Dieses mal ging Ruby entschlossener ihren Weg zu sich selbst, sie betrachtete die Szenerie nüchtern. Und ja, bei mancher Regung, dachte sie sich, hätte sie den temperamentvollen Ausbrüchen ihrer Gedanken, den Vorzug geben sollen. Hätte man es bloß vorher gewusst.


Im wahren Leben wäre sie vermutlich vor Aufregung gestolpert oder hätte einfach eine andere Richtung eingeschlagen.
Nun begleitete sie eine seltsame Ruhe.
Dieses mal war sie nicht unsicher, sondern war der extrovertierten Erscheinung ihr Gegenüber ein Spiegel.
Nur das ihre Traumerscheinung sich dennoch verwandelte. Doch Ruby hob eine Hand und legte sie dem Wolf dieses mal auf die Stirn. Sah ihm tief in die Augen und spürte, wie sie ein unbändiger Mut und Wildheit überkam.
Die Augen des Wolfes begannen weiß zu leuchten, sodass es seine Augen ganz erfüllte. Es spiegelte sich in Ruby's Augen, bis sie ebenfalls leuchteten, wie kleine Sonnen. Sie spürte, wie der Wolf sie durchdrang...


Dieses mal wachte Ruby friedlich auf und rollte sich auf die Brust. Doch sie war nicht mehr sie. Stattdessen war sie nun der Wolf aus ihrem Traum und mehr denn je spürte sie, dass sie nicht alleine war.
Doch dieses Mal hatte sie keine Angst.
Sie sprang auf und wandte sich um, fletschte knurrend die Zähne. Und tatsächlich stand am Ende ihres Bettes eine schlanke, pechschwarze Wölfin und starrte sie aus ebenso eisblauen Augen an, wie die ihren.
Für Ruby gab es nun kein Halten mehr.
Sie stürzte sich grollend auf die Wölfin und in ihrer Rauferei überschlugen sie sich mehrmals. Ruby verbiss sich blind in dem Fell und die Wölfin tat es ihr gleich. Dabei rissen sie fast alles um. Erst aus Angst zu ihrer kleinen Unterwasserwelt, lenkte Ruby den Kampf in den Flur hinein. Der war für die vergleichsweise doch großen, vor allem breiten Wölfe, ziemlich eng, darum so konnte sie sich irgendwann nicht mehr wehren und wurde von der schwarzen Wölfin auf den Boden genagelt.
Diese zog die Lefzen hoch, griff aber nicht an.

"Wer bist du?!", fuhr Ruby sie beinahe instinktiv an. Sie hatte keine Ahnung, ob sie sie hörte, aber sie war wütend. Also hatte das schwarze Ungetüm gefälligst etwas zu verstehen. Und tatsächlich bekam sie eine Antwort. Und gleich stellte sich Ruby die nächste Frage: War das die Besucherin von vor ein paar Stunden? War sie etwa wirklich nicht alleine gewesen?
Die schwarze Wölfin zog die Lefzen hoch, als würde sie grinsen.
"Du schlaues Ding, Rubina. Mein Name ist Kaya und ich verfolge dich. Denn ich bin gut darin, Leute zu verfolgen", erwiderte die Wölfin und kam ihr so nah, dass höchstens noch ein Haar zwischen ihre und Ruby's Zähne gepasst hätte.
Ruby knurrte dunkel. Niemand nannte sie bei ihrem vollen Namen. Was nahm sich diese Kaya also heraus?
Ruby schnappte in dieser Nähe instinktiv nach ihr und es gab einen unangenehmen Knall als Zähne und Zähne aufeinander trafen. Kaya zuckte zurück und so entbrach eine erneute Rauferei. Beide waren augenscheinlich jedoch nicht darauf bedacht, die Andere zu verletzen. Andererseits kam sich Ruby vor, als würde sie mit ihrem eigenen Spiegelbild kämpfen. Kaya kopierte jeden ihrer Schritte, jede ihrer Handlungen. Sie machte sich lustig über sie und das machte es nicht besser.
Automatisch versuchte Ruby sich gezielter und galanter zu bewegen, aber den rutschigen Holzboden mit Pfoten zu meistern, kam einer schwierigen Kunst gleich. Erst recht in diesem engen Flur.

"Du bist ein sonderbarer Vertreter unserer Art. Ein Wolf zu sein ist für dich wohl normal?" spottete Kaya und Ruby war wirklich nicht geschockt. Sie fand es eher richtig cool, hatte aber noch nicht genug Zeit mit der Bedrohung in ihrer Wohnung, sich zu bewundern.
"Warum solltest du auch was können, was ich nicht kann?", gab Ruby stattdessen trotzig zurück und rümpfte die Nase.
"Weil du damit nichts anfangen kannst. Du bist ein Mensch. Du lebst als Mensch, du arbeitest und feierst und liebst. Alles als Mensch. Du glaubst an einen oder etwas Allmächtiges und an Gut und Böse. Du hast all die banalen Dinge an dir und in deinem Kopf, die dich noch jetzt so normal und berechenbar machen, wie jeden Menschen. Jeder von euch lässt sich so leicht täuschen. Eine Schande, dass so etwas Dummem, eine so mächtige Gabe in die Hände gelegt wird", Kaya riss das Maul auf und schnappte in ihre Richtung. Ruby, die verunsichert von ihren Worten und ihrer Attacke war, wich zurück und legte schließlich die Ohren flach an den Kopf.
"Was unterscheidet dich bitte von mir? In dir steckt sicher auch ein Mensch!" verteidigte sich Ruby und sträubte das Fell klangvoll. Ihr Gegenüber gab ein unbeeindrucktes, bellendes Auflachen von sich, welches ihre Laune nicht gerade besserte. Warum machte sich diese Unbekannte so über sie lustig? Was hatte sie nicht verstanden?!
"Uns unterscheidet, dass ich all das, was dich noch immer menschlich macht, abgelegt habe. Was bist du schon für ein Wolf, der nur weiß, wie man ein Mensch ist?" fragte Kaya und umrundete sie wie ein Tiger. Die rote Wölfin schaute die Schwarze an, schüttelte dann den Kopf und schwieg. Das wusste sie nicht.

"Sagst du mir, wo ich es lerne?" fragte Ruby geschlagen. Wenn sie schon nicht widersprechen konnte, wollte sie wenigstens das. Auch wenn sie nicht wusste, woher Kaya's Abneigung gegen Menschen- also im Grunde sich- kam. Als wäre sie wegen ein paar veränderter Einstellungen nun gar keiner mehr.
Die Dunkle schien zunächst zu überlegen, ein abschätzender Blick wanderte über Ruby.
"Na schön. Aber nur, weil du eine recht außergewöhnliche Verwandlung hinter dir hast und zudem ein Zeichen an dir trägst, dass dich zu mehr berechtigt. Wir sind nicht dazu da, neue Wölfe einzulernen", meinte Kaya knapp, ließ sich aber dennoch dazu 'herab' sie einzuweisen. Zumindest knapp. In Dinge die andere finden oder erträumen mussten.
"Es gibt zwei wilde Rudel, wo du den perfekten Gegensatz zu deinem jetzigen Leben kennenlernen kannst. Sie leben als Wölfe und haben ihre je eigene Kultur und Atmosphäre. Und in ihrer unmittelbaren Nähe sind unterschiedliche, verwilderte Einzelgänger. Diese legen zwischen den Rudeln oft große Strecken zurück, einige Wenige bleiben Standorttreu. Das Eisrudel ist in den skandinavischen Eiswüsten heimisch, das Waldrudel im Westen Deutschlands. Sie wissen voneinander, begegnen sich aber niemals. Leb bei ihnen und du lernst von ganz alleine", meinte Kaya und schüttelte einmal ihre steifen Haare locker. Nun musste sie damit nicht mehr drohen. Langsam ging sie den Flur entlang, in RIchtung Ausgang. Ruby hatte sich alles still und etwas unschlüssig angehört.

Ein Urlaubstrip, der nicht ganz attraktiv klang. Wer wollte schon gerne als wilde EInheimische leben? Auch wenn sie nicht wusste, wie modern die anderen Wölfe waren. Aber sie lebten eben als Wölfe! Als nette Nebenkraft fand sie es viel angenehmer. Allerdings reizte sie dieses Abenteuer durchaus. War es nicht das, was sie schon immer einmal machen wollte?
"Halt, warte!" rief Ruby Kaya hinterher und trat unsicher halb aus der Tür. Wie machte Kaya das bloß?, dachte sie bei sich.
"Muss ich ganz alleine gehen, oder kann ich jemanden mitnehmen?"
"Bestenfalls jemanden, der nicht Sterblich ist", erwiderte Kaya trocken.
"Kann man... geht es denn, jemanden zu verwandeln?" Ruby musterte Kaya unsicher. Ob dieses Leben unzumutbar war? Man musste sich ja nicht zwangsläufig verwandeln.
Kaya wandte sich der roten Wölfin zu und spitzte die Ohren.
"DU kannst. Du musst dein silbernes Blut jemand anderem spenden. Die Menge ist egal. Die Wahrscheinlichkeit der Verwandlung wird durch mehr aber erhöht. Wen immer du verwandelst, gehört zu deinem Rudel und als Rudelführer hast du das Befehlswort, wenn du willst. Und wer immer, wird das Rudel erst verlassen können, wenn du ihn verstößt, also gehen lässt. Freiwillig gekommene können freiwillig gehen", erklärte sie und zog die Lefzen zu einem grotesken Grinsen hoch.
"Viel Spaß, kleine Wölfin. Und denk lieber daran, deinen Träumen in Zukunft mehr Glauben zu schenken. Sie werden noch besser."

Mit diesen Worten trabte die Wölfin in die Nacht und verschmolz mit der Dunkelheit. Ruby blieb allein zurück und ging wieder hinein. Mit einem Mal fühlte sie sich gar nicht mehr so sicher hier drin. Nicht, wenn man so leicht einbrechen konnte.
Sie stieß die Tür mit ihrem Hintern zu und lief zum Spiegel, um sich zu betrachten. Das war erst einmal das Wichtigste überhaupt für sie.
Sie sah sich zum ersten Mal ganz. Eisblaue Augen, rot, beinahe orangenes Fell, gemischt mit schwarz am Rücken und einen weiß am Unterleib.
Sie war dreifarbig! Ein Glückswolf, dachte sie und drehte sich fasziniert vor dem Spiegel. Ruby war ganz hin und weg von sich und den ganzen Gegebenheiten. Sie war wirklich etwas Übernatürliches! Team Jake, wenn man so wollte. Ihre Mundwinkel huschten nach oben, dann trabte sie zurück ins Bett und machte sich dort lang, legte ihren Kopf auf die Pfoten. Sie hatte gar kein Interesse sich zurück zu verwandeln.
Und so dachte sie in dieser Gestalt darüber nach, was sie tun würde und vor allem, wen sie dort mit einbinden wollte. Jay und vielleicht Fabs waren die Einzigen, die in Frage kamen. Und sie mussten dazu noch zusagen, sonst brachte ihr das Ganze ja nichts. Sie würde niemanden zu diesem Leben zwingen. Was auch immer es genau beinhaltete. Wenigstens wusste sie jetzt, wo sie es herausfinden konnte.

Mit diesen Gedanken schlief sie schließlich ein und wachte zurückverwandelt und etwas durcheinander auf.
Aber die Erinnerungen kehrten bald zurück und sie zog sich die Decke über den Kopf. Heute war das Sommerfest, aber sie würde vor allem eine Sache tun:
Sie würde ihren Jungs eine individuelle Nachricht schreiben. Es war nicht verboten, sie in Verlockung zu führen. Alleine würde sie diese Reise nicht schaffen. Sie brauchte wenigstens einen von ihnen an ihrer Seite.

Am späten Nachmittag auf dem Fest, ließ sich Ruby nichts anmerken. Sie hatte sich schick gemacht und ihre Freunde schon gut angeheitert gefunden. Deshalb jubelte sie ihnen die Briefchen mit der Nachricht nur unter und feierte noch ein mal als reiner Mensch mit ihnen. Jetzt würde sie es genießen, wer wusste schon, wie oft sie noch auf diese Weise die Gelegenheit bekam.

Bevor die Zwei ihre Nachricht fanden und lange bevor sie die Wahrheit erfuhren...





Zuletzt von Autor am Mo Jul 03, 2017 7:55 pm bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Silberblut   Mo Jun 26, 2017 5:37 pm






Mysteriöse Offenbarung






Hey,
wenn du diese Nachricht erhälst, bist du mir verflucht wichtig. Ich möchte dir etwas über mich preisgeben, was du noch nicht wusstest und ich bis vor Kurzem auch nicht. Ich will dich daran teilhaben lassen und das bedeutet, du genießt mein vollstes Vertrauen.
Bitte triff mich nach der Arbeit hinter unserer Nachbarsfirma. Bring Zeit mit und Mut und Verständnis...

Deine Ruby


Schon zum dritten Mal las Jay die Nachricht und konnte sie immer noch nicht weglegen. Er kam bald zu spät. Leider hatte er die Nachricht erst jetzt gefunden. Gestern, am Morgen nach dem Fest, war der Kater zu groß gewesen und die Aufmerksamkeit zu klein. Die Nachricht war außerdem allgemein gehalten. Wer kam also noch?
Was er nicht wusste, war, dass nur noch einer diese Nachricht in abgewandelter Form erhalten hatte.
Er hatte Ruby den gestrigen Tag nicht mehr gesehen oder erreicht. Das bedeutete, sie hatte die Nachricht schon gestern in seine Tasche gesteckt und er hatte nicht gemerkt, dass sie irgendwie anders drauf war!
Ärger über sich selbst überkam ihn. Dann stopfte er die Nachricht in seine Hosentasche und rannte nach draußen, um nicht gänzlich zu spät zur Arbeit zu kommen. Zeit, Mut und Verständnis... das hatte er für Ruby doch immer. Aber was wollte sie offenbaren, dass ihnen das abverlangte? Hatte sie einen Zweitjob als Edelnutte, würde sie wegziehen? Oder war es etwas ganz banales, was sie nur aufpushte? Letzteren Gedanken verschob er. So war sie nicht. Wenn sie etwas so ankündigte, dann konnte man das sicher ernst nehmen. Er war zwar überrascht, dass er 'Auserwählter' war, aber warum nicht? Er war ihr ja auch eine gute Gesellschaft und dass sie das erkannte war in seinen Augen ein Fortschritt.
Wer wohl noch alles kam? Und ob man sich mit ihnen auf eine Stufe stellen konnte?

---


Hey,
ich hoffe, du findest die Nachricht rasch. Es gibt etwas, von dem ich möchte, dass du es weißt. Ich weiß, dass ich dir vertrauen kann und du bist schon lange ein guter Freund.
Wenn du Interesse hast, mehr zu erfahren, dann triff mich an der Firma nebenan, zum Feierabend. Verbrenn die Nachricht, wenn du dich damit sicherer fühlst.
Wenn ich dir nicht wirklich irgendetwas bedeute, dann komm besser nicht...

In Liebe

Ruby


"Hey Babe... was hast du da?" fragte sie sanft lächelnd und griff nach dem Zettel. Fabs zog ihn rasch weg und zerknüllte ihn in der Hand, ehe er sich Sarah zuwandte und sie sanft zu sich zog.
"Ach nichts. Muss mir irgendwer gestern zugesteckt haben. War aber wohl nicht für mich", erwiderte er lächelnd und gab ihr einen versöhnenlichen Kuss auf die Lippen, der die Neugierde seiner Freundin ersticken sollte.
Er wusste nicht, was Ruby von ihm wollte. Aber eines war sicher: So seltsam wie sie sich ausdrückte, hielt Fabs es lieber unter Verschluss. Nachher kam es Sarah nur vor wie ein Liebesbrief und dann? Sie hatten schon einmal einen Streit wegen Ruby gehabt und das wollte er kein weiteres Mal riskieren. Zum Glück schien Jason verknallt zu sein in sie, so konnte er sie als Nachwuchspärchen darstellen und hatte die Situation in Zukunft entschärfen können. Frauen waren immer entspannter, wenn sie glaubten, eine Konkurrentin hatte schon jemand anderes ins Auge gefasst.

Fabian hatte den Brief schon gestern gefunden und hatte ihn heute erneut nachdenklich überflogen. Heute war der Tag, an dem Ruby sie treffen wollte. Er wusste nicht, was so wichtig war, dass man sich dafür wie ein geheimer Dealer treffen musste, aber ja. Es interessierte ihn. Es konnte Wunder was sein, wenn man solche Vorbereitungen traf. Auch schlimme Dinge. Der Brief hatte etwas von Abschied. Ein Hauch von... dich sortier ich aus, jetzt wirds ernst.
Dafür mochte er die Chaotin eigentlich zu sehr. Man konnte nach der Nachricht immer noch weiter sehen.
Er wandte sich schließlich Sarah zu und verbrachte noch einige Minuten mit ihr, bevor er ebenfalls zur Arbeit los musste. Versprach ihr aber, sich wie immer zwischendurch zu melden. Und das es heute später werden könnte, kündigte er auch an. Zum Glück passierte das manchmal so spontan in der Firma, dass eine halbe bis ganze Stunde später kommen kein Alarmsignal war.
Genug Zeit, um seine Kollegin anzuhören.

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Die letzten Minuten rangen mit sich und Ruby tippte nervös auf den Tisch. Ein Kollege, dem sie eigentlich die Schicht übergeben sollte, riss sie immer wieder halb in die Wirklichkeit, aber ganz kam sie nie an.
"Ich hoffe es ist alles klar, ich hau dann ab. Ruhige Schicht", wünschte Ruby lächelnd zum Schluss und verschwand um Punkt 14 Uhr aus der Tür.
Sie war wirklich eher draußen als alle anderen und das erleichterte sie unglaublich. Vor allem wollte sie den Jungs zuvor kommen. Sie lief schließlich auf das Gelände der anderen Firma und sicherte ab, dass dort wirklich Betriebsruhe war. Auch, das sie hier niemand sah. Das Industriegebiet bestand nur aus zwei Sachen: Natur und anderen Firmen. Sie platzierte sich so, dass sie nach Möglichkeit nur Bäume, Teiche oder geschlossene Wände um sich herum hatte. Sie wollte absolut kein Risiko eingehen.
Natürlich hatte sie sich auch Gedanken über die Verwandlung selbst gemacht. Sich selbst Blut abzunehmen ließ sie jetzt schon nervös zittern. Das konnte ja was werden. Wenn einer der beiden überhaupt wollte. Dabei wollte sie so gern ihre Freunde dabei haben. Auch wenn sie wusste das Fabs, mehr als Jay und sie, schon eine Zukunft mit einer Frau hatte. Jedenfalls wäre ihm das zu wünschen.

Es war vielleicht gemein, aber sie wollte es für einen von beiden zur Bedingung für die Verwandlung machen. Sie wollte niemandem befehlen, aber sie würde auch niemanden erschaffen, der sie dann verließ und Mist baute. Eine Heimsuchung reichte ihr.
Dann lehnte sie sich an die Mauer und wartete quälend lange. Sie befürchtete jede Sekunde das keiner von den beiden kommen würde.
Sie wusste nicht einmal, was sie dann machen würde. Sie schaute schüchtern auf die Uhr, als sie auch schon jemanden kommen hörte. Es war Jason.
Sie stieß voller Erleichterung die Luft aus und lächelte ihm entgegen.
"Hey Rubinchen. Wo sind denn die Anderen?" fragte er und grinste kurz. Jay...
"Kommen noch", erwiderte sie keck und lachte, als sie etwas Enttäuschung bei ihm feststellte.
"Es ist bloß Fabian man. Dachtest du ein kurzer Quickie hinter der Firma oder was?"
Ruby schüttelte den Kopf, als es dieses Mal Jay war der grinste.
"Warum nicht?" erwiderte er bloß und lehnte sich dann gegen die Wand.
"Was gibt es denn so wichtiges?"
Sie musterte ihn abschätzend.
"Mir ist gestern Nacht etwas unglaubliches passiert. Als du da warst.. hör zu, das erzähle ich jetzt nur dir. Als du da warst, waren wir wirklich nicht alleine. Es hat jemand eingebrochen. Der kurz bevor du kamst, ging und in der Nacht wiederkam", flüsterte sie und zupfte nervös an ihren Fingern. Jason war sofort besorgt und nahm sanft ihre Hand.
"Wer? Ist etwas Schlimmes passiert?" fragte er leise. Ruby schüttelte den Kopf.
"Nein.. es war eine Frau.. naja eine Wölfin. Es gab einen Kampf, aber sie hat mir auch viel Wichtiges gesagt. Etwas, das ich euch.. oder dir jetzt gleich auch sagen werde", sagte Ruby leise und schüttelte den Kopf. Sie entzog ihm ihre Hand erst, als Fabian kam. Er hob eine Augenbraue, als er die beiden sah.

Ruby lächelte voll Erleichterung. Er war ihrer Bitte wirklich nachgekommen. Sie merkte, dass sie das von Jay mehr erwartet hätte, als von ihm. Er war für sie vollkommen unsicher gewesen.
"Gott sei Dank seid ihr beide da" seufzte Ruby und trat etwas zurück, damit sich Fabs zu Jason gesellen konnte. So viel zu ihrem Plan. Nur wo sollte sie jetzt, da beide da waren, anfangen?
Wahrscheinlich wurde sie ohnehin erst einmal ausgelacht, aber da sie ja einen kräftigen Beweis hatte, störte sie der Gedanke nicht. Das würde ihnen dann eben im Halse stecken bleiben.
"Nun.. ich hab euch aus einem bestimmten Grund hergerufen. Und zwar hab ich gestern Nacht einen Traum gehabt.. der.. nun ja, wahr geworden ist. Ich vertraue euch das jetzt an und ich bitte euch, einfach zu schweigen, egal wie lächerlich ihr es findet, da es sowieso wahr ist. Okay? Steht euch frei, solange ihr mir genau zuhört. Jay weiß schon, was ich geträumt hab, deshalb für dich nochmal Fabian: Ich habe geträumt, dass ich mich in einen Wolf verwandel. Keinen normalen, einen.. mit Haaren wie aus Stahl, glänzend, schimmernd und groß. Ich habe außerdem erfahren, das, wenn ich mehr über dieses Leben und die Wolfstraditionen erfahren will, nun.. dann muss ich sehr weit reisen, um zu anderen, potenziell gefährlichen Rudeln zu kommen und wenigstens kurz unter ihnen zu Leben. Ich kann das aber einfach nicht alleine. Ich brauche euch oder wahlweise einen von euch, der sich mir anschließt. Und diesem Leben", endete Ruby und schaute die beiden abwechselnd an. So wie sie sich angeschaut hatten, immer mal wieder.
Mal war ein Lächeln über ihre Lippen gehuscht, das Unverständnis in den Augen. Sie hatten Blicke getauscht, teils besorgte, je weiter sie fortfuhr. Hauptsache sie riefen nicht die Psychiatrie an.

"Okay Jungs, bevor ihr mich jetzt noch verschleppt...", seufzte sie leise. Sie hatte es bisher nur im Schlaf getan, völlig unbewusst. Jetzt versuchte sie sich an das Gefühl zu erinnern. Wie es an ihr kribbelte, als würde feinster Sand über ihre Haut rieseln. Wie die Dunkelheit sie umfing, als ihre Haare und ihr Gesicht verweht wurde und sie in orange-rotem dickem Rauch zerfiel, als Wolf wieder auf die Pfoten kommend. Sie schaute die beiden geschockten Jungs an.
"Okay, ich glaub ich hab mich heute überarbeitet", meinte Jay und trat zurück, warf dann einen unsicheren Blick auf Fabs, der nur da stand und sie unschlüssig anschaute.
Ruby senkte den Kopf, legte sich dann hin und machte sich klein, damit die Zwei nicht flüchteten.


"Bleibt bei mir", flüsterte sie in ihre Köpfe und zumindest Jason hielt es auf. Er schaute sie mit trauriger Verständnislosigkeit an und schüttelte den Kopf.
"Ruby, was zum Teufel ist hier los?" fragte er.
"Ich habe es euch schon erklärt. Ich habe eine.. eine Superkraft, sozusagen. Superman kann fliegen und Spiderman ist wie 'ne Spinne. Und ich bin ein Wolf. Kein halber, ein richtiger. Mit Special Effects", murmelte sie und strich sich mit der Nase über das samtene, aber kalte Fell.
"Wollt ihr so was auch können? Schließt ihr euch mir an?" stellte sie schließlich die ultimative Frage und schaute die beiden abwechselnd an. Sie sah ihre Hoffnung gerade schwinden. Fabian sagte überhaupt nichts mehr, versuchte es aber mit einem kleinen Lächeln und neigte den Kopf.
"Naja, cool ist es schon. Hat es denn irgendwelche Nachteile? Ich will meine Freundin beim pimpern nicht ausversehen anspringen. Oder irgendjemanden verletzen", sagte er schließlich. Was nicht schlecht klang, leider hatte Ruby wenig Erfahrung mit dem, was sie war.
"Ja und wie funktioniert die Verwandlung? Beißen?" fügte Jason hinzu.
"Nein, ich bin nicht giftig. Blutaustausch ist die Lösung. Und ich weiß nichts von wirklichen Nachteilen. Ich konnte meine Verwandlung mit Willenskraft aber bisher immer gut steuern", meinte Ruby, froh darüber, dass die Zwei eingehalten hatten in ihrer Flucht. Sie durften jetzt nicht fliehen und sie schon gar nicht verraten.
"Wir haben aber Bedenkzeit oder müssen wir uns jetzt gleich entscheiden?" Jason war der Mutigste und hockte sich vor sie hin, um ihr Fell anzuschauen und leicht darüber zu streichen. Einen hatte sie damit schon einmal fasziniert. Sie vertraute darauf, dass er sich für sie entscheiden würde. Fabs zog den Abstand vor, betrachtete sie nachdenklich.
"Nein, müsst ihr nicht. Es wäre aber schön, wenn ihr die Antwort bald hättet. Dafür werde ich fast meinen kompletten Urlaub einreichen müssen und nun ja. Wer immer mitkommt und wie immer ihr das anstellt. Ich will fair bleiben. Das müsst ihr euch vor Augen halten. Das wird sicher seine drei Wochen beanspruchen", sagte sie fest. Sie wollte, dass sie sich im Klaren waren und nicht im nachhinein einen Rückzieher starteten.

Jason nickte abwesend und schaute zu Fabs.
"Okay. Ich werd drüber schlafen. Aber ich glaub, für die Verwandlung hast du mich schon", meinte dieser und lächelte. Dann verabschiedete er sich und sie und Jason blieben zurück. Er hatte sich auf die Wiese gesetzt und Ruby richtete sich ins Sitzen auf, um auf ihn herabzuschauen.
"Bis morgen?" fragte Ruby eher, als das sie sich verabschiedete.
"Ich denke ja. Andere Rudel, mh? Potenziell gefährlich? Ich wusste gar nicht, dass du so abenteuerlustig bist", er legte etwas den Kopf schief.
"Ich wusste nicht, dass du so vorsichtig bist. Ich dachte du sagst gleich zu und nicht Fabian", erwiderte sie und verzog die Lefzen zu einem Lächeln.
"Das er dafür zu haben ist, war ja klar. Es ist mehr...." Jason zuckte die Schultern.
"Es ist mehr die Reise. Schon klar", sie legte den Kopf auf seine Schulter.
"Lass mich nicht im Stich."
Mit diesen Worten stand sie auf und löste sich von ihm, ehe sie sich umdrehte und davon trabte. Jason ließ sie zurück mit seinen Gedanken und seinem Zögern. Sie verlangte selten und ungern Dinge. Und fast tat es ihr Leid, dass sie Bedingungen setzte. Aber sie wollte in dieser Sache nicht betrogen werden. Denn eines war ihr noch mehr zuwider: Zwang. Und das konnte sie laut Kaya als Rudelführerin. Hatte das den Zweien aber aus Prinzip verschwiegen. Fabs musste auch nichts von dem nächtlichen Besuch wissen, dachte sie. Nichts, was ihn verschreckt. Sie brauchte jemanden, der etwas geradliniger und ernster sein konnte, als Jason es manchmal war. Zwar konnte er Ernst sein, aber wenig reif und geradlinig. Ihm fehlte einfach noch dieser richtige Männerinstinkt, befand Ruby. Auch, wenn sie ihn gerne hatte.

---



Das helle Licht des Bildschirms leuchtete geradlinig Jasons Zimmer aus. Er selbst setzte sich mit einer Tasse Kaffee davor und googlete, was immer er zu Gestaltwandlern finden konnte. Werwölfe waren ihm zu Klischeebehaftet. Er wollte Ruby wirklich nicht mit silbernen Kreuzen oder Weihwasser konfrontieren.
Aber auch andere Seiten gaben ihm nicht viele Informationen. Er hatte jedoch ein Für und Wider gesucht und merkte dabei schnell, dass er keine fand, sich dennoch immer mehr damit abfand, dass er Ruby's Gabe teilen wollte. Ja, irgendwo auch einfach weil es cool war. Etwas anderes können, als andere Menschen. Anderen überlegen sein. Wie oft war es draußen gefährlich geworden und er hatte nichts dagegen ausrichten können. Wäre es da nicht fast schon legitim, sich aus dieser Lage zu befreien?  
Vielleicht sollte er Nägel mit Köpfen machen, bevor ihn die Zweifel überkamen. Deshalb schrieb er Ruby an. Eine kurze Nachricht, die es auf den Punkt brachte:
Bin dabei
Und das meinte er ernst. Er würde sie im Gegenzug auch begleiten und auf sie aufpassen. Er hatte die Gelegenheit so richtig was zu erleben und war das nicht der Spaß an der Sache? Außerdem heizte es den Funken zwischen ihm und Ruby vielleicht an. Er wollte natürlich mehr und wenn man drei Wochen außerhalb der Zivilisation war, war da durchaus die Hoffnung auf mehr.
Mit oder ohne Fabian. Der hatte aber immerhin eine Freundin. Also sollte man ihn größtenteils als Konkurrenz ausschließen können.

Es war recht spät, fast ein Uhr. Dennoch bekam er von Ruby kurze Zeit später eine Info, er solle mal rüberkommen. Gesagt, getan.
Auch wenn er doch schon etwas nervös anklingelte. Hatte sie sich doch schon ausgestattet für die Verwandlung? Blutaustausch klang im ersten Moment so ähnlich, wie der Vollzug einer Blutsbruderschaft. Aber das klang einerseits zu unsicher und andererseits zu einfach.
Er seufzte, klingelte dann aber doch.
Ruby machte ihm mit einem Lächeln die Tür auf und bat Jay herein.
"Hey, freut mich das du tatsächlich zusagst. Damit hätte ich schon den ersten Freiwilligen für meinen Trip. Guter Zug", grinste Ruby und schob Jay ins Wohnzimmer. Sie war scheinbar Feuer und Flamme das Ganze über die Bühne zu bringen. Da hatte er auch was angefangen.
"Sicher, dass es nur ein Austausch ist? Ich muss da aber nichts trinken oder warum grinst du so?" fragte Jay misstrauisch, worauf Ruby auflachte, aber auch gleichzeitig angewidert das Gesicht verzog.

"Man Jay, ich bin ein Halbwolf, kein Vampir. Na komm, für mich ist das auch kein Spaß. Ich mein, mir selbst Blut abnehmen?"
Jay rieb sich nervös die Hände.
"Ehrlich und das ist auch nicht schädlich oder so? Ich spritz mir nicht so oft was in den Arm, schon gar kein Blut. Raus okay, aber rein?".
Alleine bei dem Gedanken wurde ihm etwas schlecht. Aber da ging es ihm nicht unbedingt allein so.
Ruby schubste ihn sanft aufs Sofa und stellte das Werkzeug vor ihnen ab, setzte sich aber selbst auch erst einmal. Sie musste sich vertraut machen und vor allem entspannen. Mit Überstürzung lief da nun nichts.
"Vielleicht trink ichs doch lieber", schlug er vor.
"Ihh, ich bitte dich", sie versetzte ihm einen weiteren sanften Schubs, dieses Mal zur Seite.
"Wir kriegen das schon hin. Bist du nicht irgendwie gespannt darauf, wie du dann ausschaust? Mein erster Gang nach Ka.. nach meinem Besuch war der Spiegel", Ruby grinste und stieß Jay sanft in die Seite. Sie hatte Angst, freute sich aber auch sehr. Dann war er bald nicht mehr nur ihr Arbeitskollege, sondern ein Teil ihres Rudels! Sie schluckte und versuchte sich die Euphorie beizubehalten.
Jay wurde dennoch von Ruby's guter Laune angesteckt und drückte sie sanft.
"Wir kriegen das hin. Ich mach auch.. wenn du willst.." Er war sich zwar nicht 100 Prozent sicher. Aber was er sicher wusste, war, dass er nicht wollte, das jemand anderes ihm irgendwo in den Arm stach. Ruby nickte bedächtig. Vielleicht war es- gerade für sie besser, wenn er es tat.

Sie stand vom Sofa auf und verwandelte sich. Sofort verhärtete sich das Blut in ihren Adern minimal, änderte die Farbe und ihr Herzschlag verlangsamte sich, von ihr unbemerkt.
Jay stand auf mit der Spritze und Ruby verwandelte sich zurück. Durch das Fell würde er nicht durchstechen können.
"Ich hoffe es ist so richtig", seufzte sie. War ja auch ihr 'Erstes Mal'. Aber kurz nach der Verwandlung schadete ja nicht.
"Tief durchatmen. Und wegschauen", befahl Jay.
"Ich kann mir das angucken, das macht mir nichts."
"Ich kann aber nicht, wenn du guckst!"
"Oh.."
Ruby wandte den Blick vom Geschehen weg und machte sich andere Gedanken. Bunte Schäfchen, eine Blumenwiese. Dann zog sie zischend die Luft ein, als Jay loslegte.
"Setz dich durch, nicht so zimperlich", grummelte sie.
"Das ist gar nicht so leicht. Hast du da ne Metallplatte im Arm?"
"Blödsinn. Bist du etwa beim Knochen?!" fragte Ruby schockiert und wollte jetzt erst recht nicht mehr hinsehen.
"Quatsch, das hättest du gemerkt. Wo hast du denn deine Knochen?" gab Jay Augenverdrehend zurück. "Einfach ist es trotzdem nicht. Wobei.. ich glaub, es kommt was."
Ruby wartete einen Moment und hörte, wie Jay der Atem stockte.
"Was ist denn?" Jetzt konnte sie doch nicht anders, als sich hinzudrehen und zuckte fast mit ihrem Arm weg. Sich zusammen zu reißen fiel ihr endlos schwer. Was da in die Ampulle lief... oder eher schlich sah aus, als hätte er ein Schwert geschmolzen und nicht in ihre Vene gestochen. Es war hell, glitzerig und vor allem silbern.
"Deshalb das Blut...", flüsterte Ruby. Es ergab Sinn. Sie hatte sich immer gefragt, warum sie einen Blutaustausch machen mussten. Bei Vampiren wurden so viele logisch klingende Erklärungen erfunden, aber natürlich fielen die bei Werwölfen alle aus. Bei bloßen Gestaltwandlern sowieso. Aber das...
Jay schluckte leicht. Sich Schwermetalle in den Arm spritzen machte ihm noch mehr zu schaffen.
Es dauerte natürlich viel länger, bis sich die Flüssigkeit durch die kleine Nadel manövriert hatte. Hätte Ruby das gewusst, hätte sie schweren Herzens zu einer dickeren Nadel gegriffen.

"Okay, jetzt aber", sagte sie nach einer Weile. Die Spritze war dreiviertel voll und Jay hatte die ganze Zeit schon gedrängt, dass es doch jetzt ganz sicher reichen würde.
"Ob ein Tropfen oder das ganze Ding. Entweder es bringt dich um oder nicht", winkte Ruby ab.
"Danke für die Blumen", erwiderte Jason trocken. Ruby wusste nicht warum sie Kaya's Aussage vertraute. Sie hatte die rote Wölfin wie einen Spielball behandelt und ihre Überlegenheit klargemacht. Es wäre nicht undenkbar, wenn sie sie ins Chaos stürzen wollte. Vielleicht hätten sie es erst testen sollen, aber wie? Einen Unschuldigen töten oder verwandeln?
"Du stirbst doch nicht von mir", flüsterte Ruby leise und gab ihm einen Kuss aufs Haar. Dann nahm sie ihm sanft die Spritze ab und nahm seinen Arm. Sie hockte sich so, dass er nicht sah, was sie tat.
"Zähne zusammenbeißen", sagte sie und stach auch schon zu. Sie hielt seinen Arm zum Glück bombenfest, denn er war kein leichter Patient. Und das Blut mischte sich so andächtig mit seinem, als müsse es seine neue Umgebung erst beschnuppern.
Das machte die Prozedur nicht leichter und irgendwann musste Ruby anfangen, ihm gut zuzureden.
"Wehr dich nicht. So was hat immer Schmerzen zufolge", sagte sie, auch wenn sie wusste, dass es leichter gesagt, als getan war.
"Ich glaub mir wird schwindelig..", gab er irgendwann schwach von sich und Ruby ließ ihn sich auf den Rücken legen. Auf einmal wurde Ruby um ihr unterfangen doch unsicher. Was taten sie da bloß?! Wenn es ihn nun wirklich umbrachte!
Sie wusste nicht, ob sie es schnell mit Schrecken oder ganz beenden sollte.

Mehr Konsequenz! Schoss es Ruby durch den Kopf. Sie wusste nicht, warum ihr der Gedanke kam. Suchend schaute sie sich um. War es ein Wolf? Sprach jemand mit ihr? Doch sah sie niemanden.
Sie überkam ein Gefühl, dass es Bedeutung hatte. Was, wenn sie ihn verlor, wenn sie weiter so langsam war? Zu vorsichtig war?
Sie hatte nur eine Chance.
Sie drückte etwas fester und ließ die silbrige Flüssigkeit schneller in die Vene gelangen, auch wenn Jay das mit schmerzerfülltem Stöhnen kommentierte. Man sah es die erste Zeit auch noch, bis es sich völlig mit dem Blut vermischte.
Schneller jetzt!
Sie gab ihm die letzte Einspritzung mit einem kleinen Ruck. Jay entriss sich ihr mit einer Kraft, die sie einem halb Bewusstlosen nicht zugetraut hatte und schnell sprang sie mit der Spritze auf Abstand.
Jason dagegen kämpfte mit sich, bekam schnellere Atmung und fasste sich an die Brust. Er wehrte sich regelrecht gegen das, was da kam und das schien mit unglaublichen Schmerzen verbunden zu sein. Ruby ließ die Spritze fallen und hielt sich schockiert beide Hände vor den Mund. Was hatte sie nur getan? Was geschah mit ihm?!



Jason spürte, wie das neue Blut seine Blutzirkulation langsam aber sicher durcheinander brachte, beinahe anfing, wie ein Staudamm zu wirken und sie zu stoppen. Ihm wurde schummrig und schwarz vor den Augen. Bis Ruby sich auf einmal dazu entschloss, ihm alles auf einmal zu geben. Ein scharfer Schmerz durchfuhr seinen Arm, als würde er platzen.
Er zog sich weg und sprang auf die Beine. Sein Herz raste gegen seine Brust und versuchte, das Unnatürliche zu reinigen. Er spürte jeden Zentimeter, den das Blut nach vorn und durch seinen Körper waberte. Sein Herz begann langsamer zu schlagen, der Puls beinahe zu versagen und er geriet in Panik. Was hatte er getan? Das würde ihn umbringen! Warum lebte er nicht einfach glücklich als der Mensch, der er gewesen war?!
Doch nun war es zu spät dafür. Er vergaß sich.
Er spürte ein Kribbeln am ganzen Körper, doch für ihn waren es wie tausend Nadelstiche, als er versuchte, es zu unterdrücken. Seine Hände begannen leicht zu Rauchen, fast schon zu hellem, feinstem Sand zu verpixeln, aber er stellte sich immer wieder vor wie er ein Mensch blieb. Er hatte auf einmal Angst davor.
"Jason, lass es zu! Lass es zu!" schrie ihn eine helle Frauenstimme an, doch er hörte es dumpf, als wäre er irgendwo, tief unter Wasser. Erst spät spürte er, dass sie ihn an den Schultern gegriffen hatte und schüttelte.
Er verlor die Konzentration. Sie hatte ihn unterbrochen dabei, sich zu wehren und nun zerfiel er doch.
Wütend darüber, dass ihm jemand schaden wollte, sprang er nach vorn und es gab ein lautes Krachen. Er grollte laut, zog die Lefzen hoch und riss das Maul auf. Sein spitzes Fell stellte sich auf und zeigte in alle Himmelsrichtungen, wie bei einem Igel. Verband sich zu harten Stacheln.

Er schnaubte, schüttelte den Kopf und fletschte die Zähne. Sein Blick war unscharf, er konnte nichts richtig erkennen. Erst, als er sich wirklich fokussieren wollte, erkannte er Ruby vor sich, die er in die Ecke und mehr oder weniger durch den Couchtisch gestoßen hatte. Sie blutete silbrig, langsam rot werdend an der Stirn und der Brust.
Er schaute sich nach der Gefahr um. Bis er erkannte, dass er die einzige Gefahr war. Er hatte Ruby so zugerichtet.
Sofort beruhigten sich seine Aggressionen und er trabte besorgt zu Ruby, die sich den schmerzenden Kopf hielt.
"Du Idiot, hör doch einmal auf mich!" schrie sie, immer noch halb in Panik und halb blind vor Wut und Schmerz und warf eine Lampe nach ihm.
Jason zuckte zurück und ließ sich auf den Boden sinken, die Ohren flach am Kopf und kroch sachte etwas zur Seite. Sie zu verletzen, ob Rudelführer oder nicht, das hatte er nie gewollt.
"Tut mir Leid, Ruby.." flüsterte er sie an und verharrte angespannt in seiner Position, bis sie aufgestanden war. Verfolgte sie mit seinem Blick.
Ruby genoss seine Unterwürfigkeit noch etwas und nahm sie als erste Genugtuung für den Schmerz, der ihren Körper begleitete. Stahlhart war sie gerade gar nicht. Würde Fabs je ankommen, sie würde ihn vorher an einen Stuhl binden.
Sie holte sich etwas Eis, aus dem praktischen Grund, dass sie es nach der Kühlung gleich als Nervennahrung zu sich nehmen konnte und setzte sich dann wieder auf das noch intakte Sofa.
"Mein armer Tisch", jammerte sie etwas und schaute Jay strafend an, der leise fiepte. Dafür hasste sie ihn fast schon. Sie fand Hundefiepen schon immer so herzerweichend.

Selbst in virtuellen Spielen ließ sie sich deshalb fast von Wölfen töten, weil sie die Schmerzschreie nicht haben konnte.
Sie seufzte leise.
"Na komm schon her, du größter Idiot", grummelte sie leise und streckte eine Hand aus. Jay kam langsam auf sie zu geschlichen und schob seinen Kopf auf ihr Bein. Zumindest hatte er den Dackelblick schon mal drauf. Gut für ihn. Aber so viel zur Selbstbeherrschung.
Sie begann ihn etwas geistesabwesend zu kraulen und schaute auf die Uhr.
"Tja, da können wir die Nacht auch durchmachen", seufzte sie und lockte ihn aufs Sofa. Jason schien ihre Nahbarkeit zu genießen, denn er verwandelte sich erst einmal nicht zurück, sondern kuschelte als Wolf mit ihr, während sie das Gefühl auskostete, sein Fell immer mal wieder zwischen die Finger zu nehmen und die feinen Stahlhaare aneinander zu reiben.
Wenigstens ein gemütlicher Abend und Jason bereute nicht alles.
Fehlte bloß noch einer...
---




Fabian fuhr sich durch die dunkelblonden Haare und betrachtete seine Freundin von der Seite. Die Zwei machten einen Filmeabend. Seine Freundin war ein Fan von ausgefallenen Liebesgeschichten, die nicht komplett Klischee waren und so lief der eher unbekannte Streifen 'Blood and Chocolate'. Davor war 'The Covenant' drangewesen. Ersterer war fast etwas besser gewesen, ob der billigen Special-Effects. Aber es ging um etwas Übernatürliches und so ließ ihn der Gedanke an Ruby's Angebot nicht los.
Besonders Blood & Chocolate befasste sich natürlich mit Gestaltwandlern in Wölfe. Dafür waren es normale Wölfe, aber eine ansehliche Verwandlung.
Fabian lehnte seinen Kopf an Sarah's Schulter und schwieg eine Weile, bis er den passenden Moment fand.
"Würdest du jemanden nehmen, der das könnte?" fragte er plötzlich in die Stille hinein. Sarah schaute ihn überrascht an. Überrascht alleine schon deshalb, weil er bei solchen Filmen eigentlich gedanklich meilenweit weg war und niemals auf die Idee gekommen wäre, diese Frage zu stellen.
"Hmm.. also hypothetisch, ja? Ich würde wahrscheinlich erst einmal zögern und mich wirklich Rückversichern das derjenige, in dem Falle ja du", sie lächelte und küsste ihn sanft.
"Keine Menschen jagst, so wie der Großteil ihrer Familie. Aber dann, warum nicht? Eigentlich ganz cool und beschützen kann einen so ein Wolf bestimmt auch gut."
Fabs lächelte schwach zurück. Ja vermutlich. Wenn sie ausgingen hatte er schon manchmal die Sorge, wenn ihnen einige wenig freundlich gesinnte Leute begegneten, was er tun würde, wenn...
Das Problem war dabei weniger der reine Faustkampf, als eher, dass die meisten Menschen heutzutage bis an die Zähne bewaffnet waren. Der Bericht über ein junges Pärchen, bei dem die Freundin vor den Augen ihres Geliebten vergewaltigt wurde und der andere nichts ausrichten konnte, weil der Angreifer eine riesige Machete dabei hatte, stützte seine Aktualität noch.

Davon abgesehen, wollte er diese nette Fähigkeit natürlich besitzen. Übernatürlich oder normal? Wer wählte da schon normal? Wenn seine Freundin ihn so also nahm, stand für ihn nichts dagegen. Außer, dass er sich dieser Urlaubsgeschichte mit Ruby uneins war. Aber seine Entscheidung zwecks des Wolfseins, war gefallen.

---
Die Tage zogen ins Land und so wartete Ruby fast schon ungeduldig auf eine Rückmeldung von Fabian. Solange verhielt sie sich als personifizierter Beweis ihrer Selbstbeherrschung, was ihre Gabe betraf.
Er musste keine Angst haben. Das wollte sie ihm hiermit zeigen. Auch wenn die Verletzungen durch Jay es nicht unbedingt einfacher machten. Kollegen schon gar nicht. Aber auf die war sie eh nie gut zu sprechen. Jedenfalls auf so manche nicht.
Jay hatte ihrem Roadtrip zugesagt und beide hatten drei Wochen Urlaub eingereicht. Die Zeit war festgelegt. Er musste sich also nach ihnen richten, wenn er noch dazu stoßen wollte.
Da sie den ganzen Tag nichts von Fabs hörte, nahm sie sich vor, ihn anzusprechen nach der Arbeit.
Überrascht wurde sie da etwas, als dieser ihr mitteilte, er hätte bereits Urlaub genommen. Die Enttäuschung konnte aber nicht ganz aufkeimen, da er hinzufügte, das er von Jason wusste, wann die Zeit war. Er hatte sie verbucht.
"Also.. also sagst du zu?" fragte Ruby lächelnd und Fabian willigte ein. In die Verwandlung. Für Ruby gab es diese nur als Bedingung, allerdings wusste sie nicht, das Fabs ganz andere Pläne hatte.
Stattdessen war zur Sicherheit auch Jay eingeladen, mit zu machen. Falls Fabs sie ansprang, konnte er dazwischen gehen.

Als sie sich zu Hause bei Ruby eingefunden hatten, erklärte sie ihm den Ablauf. Und Jay seine neueste Erkenntnis, das Wolf werden doch schmerzhaft war, insofern man sich dagegen wehrte.
Fabian, der bisher alles nüchtern aufgenommen hatte, musste grinsen.
"Du Waschlappen", stichelte er und Ruby stimmte in das Lachen mit ein.
"Jaja, war nicht gerade eine meiner Sternstunden", seufzte Jay und winkte ab, um Ruby den Vortritt zu lassen.
Sie musste sich für das Blut vorher verwandeln, hatte sich aber auch mit einer anderen Spritze ausgestattet und jetzt das Wissen darum, dass langsam und behutsam nicht gleich gut war.
Sie ließ Jay wieder ihren Part erledigen, wobei ihr Tränen in die Augen traten vor Schmerz über die dicke Nadel. Sie verspannte sich und biss sich in ihre andere Hand fest. Gott sei Dank, geht es schneller, dachte sie.
Fabs verfolgte das Spiel unruhig und nahm Jason dann die Spritze ab.
"Das mach ich besser selbst", sagte er fest und trotz aller Proteste. Und ohne groß drüber nachzudenken tat er es auch. Schnell und schmerzlos. Ruby hätte es nicht besser machen können und bewunderte seine Selbstbeherrschung.
"Denk dran, lass es zu!" befahl sie zum Schutz ihrer Möbel dennoch. Fabs kostete der letzte Schub alle Kraft und Überwindung, das merkte man. Er sprang auf und ließ die Spritze fallen, die Ruby schnell einsammelte. Dabei ließ sie ihn nicht aus den Augen.

Aber er hörte auf sie. Er zerfiel augenblicklich zu schwarzbraunem Rauch und vor ihnen stand ein Wolf, in eben diesen Farben, mit goldbraunem Hals und einer schwarzen 'Maske' und zog die Lefzen hoch, sträubte das Fell, beruhigte sich aber vergleichsweise schnell.
Ruby freute sich derweil und grinste wie ein Honigkuchenpferd.
"Super! Dann sind wir ja jetzt ein Team", meinte sie zufrieden. Wenn das mal kein Erfolg war. Auch wenn der nicht sonderlich lange anhielt...

Zuerst verabschiedete sich Jay, schweren Herzens, weil Fabs sich einfach nicht abschütteln ließ und er wirklich Schlaf brauchte.
Aber dieser wollte die Sache ein für alle Mal klären. Auch wenn das sicher kein einfaches Unterfangen war.
Er verwandelte sich zurück, um die Situation entschärfter zu halten und betrachtete Ruby eine Weile.
"Ruby, ich weiß ja.. was du für eine Reise antreten möchtest", begann er und sah schon jetzt ihre traurige Erkenntnis.
"Ich werde nicht mitkommen", bestätigte er ihr schließlich, dass sie richtig lag. In Ruby sammelten sich eine Menge Gedanken, aber das Erste war schlichtweg: Betrug, Verrat! Für den eigenen Vorteil!
"Bitte was?! Da kann dir nichts dazwischen kommen, dass war eine Bedingung!"
"Doch, meine Freundin. Ich habe ihr einen Urlaub versprochen. Ich kann schlecht mit einer Fremden mitfahren!"
"Einer Fremden?!" schrie Ruby hysterisch und Fabian wusste, er hatte daneben gegriffen.




"Na.. für sie! Nachher denkt sie noch, ich betrüg sie auf subtile Weise. Hör zu, ich hab meine Zukunft und ich will nicht irgendwo in der Wildnis rumlungern, mit Jay und dir, wenn zu Hause meine Freundin rumsitzt", knurrte er.
"Hör zu, Fabs", Ruby betonte den verhassten Spitznamen gar bösartig.
"Ich hab dich nicht aus Nächstenliebe verwandelt! Die ganze Sache hatte einen Haken! Ich schmeiß doch nicht mit meinem Blut um mich, um Anderen irgendwelche Wünsche zu erfüllen!" grollte sie.
"Es geht eben nicht immer nur um dich.."
"DOCH! Heute geht es ausnahmsweise mal NUR um mich! ICH habe mich aus freier Kraft verwandelt, ICH wurde heimgesucht, ICH will das Leben als Wolf und als Rudel lernen. Und dafür habe ich mir ein Rudel geschaffen! Und du wirst mir folgen..", letzteres sagte Ruby gefährlich ruhig, während sie zwischendurch laut geworden war, die Fäuste geballt.
Fabs senkte den Kopf, duckte sich beinahe schon und trat zurück, verengte die Augen allerdings zu schlitzen. In diesem Augenblick hätten sie zwei Wölfe sein können und beide standen auch kurz davor.
"Das würdest du nicht tun...", erwiderte Fabian, wenig Selbstsicher, aber noch immer in Abwehrhaltung.
Ruby war so enttäuscht in diesem Augenblick. Sie konnte es nicht in Worte fassen.
"Verschwinde..", sie formte die Worte fast nur mit den Lippen. Fabs erhob sich, sah sie irritiert an.
"Verschwinde!" schrie Ruby, stieß ihn mit aller Kraft ihres sich verwandelnden Körpers nach hinten durch die Tür und verschwand als rotbrauner Wolf in der Nacht.




Zuletzt von Autor am Fr Jun 30, 2017 10:31 am bearbeitet; insgesamt 5-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Silberblut   Mi Jun 28, 2017 12:16 pm




Aufbruch





Durch die Spontaneität ihrer Reiseplanung hatten sie ziemlich eng noch Urlaub nehmen müssen. Das war Jay und Ruby zwar gestattet gewesen, doch gab es Ruby nun auch die Möglichkeit zu fehlen.
Zwei Wochen vor dem Urlaub, also auch vor der Reise, war sie nicht da und Jason wurde zunehmend unsicherer in ihrer Sache. Machte sie einen Rückzieher? War alles blödsinn gewesen?
Er hatte sie nicht mehr erreicht seitdem. Da er sich langsam Sorgen machte, reichte er die letzte Woche ebenfalls einen Krankenschein ein, verwandelte sich und campierte bei Ruby's Haus.
Irgendwann konnte sie ihm nicht mehr ausweichen. Schien es aber auch nicht zu wollen. Sie kam geradewegs auf ihn zu. Der Halbmond beschien die Straßen spärlich und sie waren im Schatten sicher.
"Er kommt nicht mit", war alles was sie sagen musste und Jay verstand. Er schloss kurz die Augen und senkte den Kopf. Wenn sich Fabs wehrte, mit zu kommen, aber verwandelt war...
Es erübrigte sich jedes weitere Wort. Er folgte Ruby hinter das Haus und setzte sich ihr schließlich mit gebührendem Abstand gegenüber.
"Es ist jetzt bald so weit. Es war unglaublich schwer die letzten Tage, irgendetwas Nutzbringendes herauszufinden. Unser erster Halt wird das Eisrudel sein. Sie sind nur bedingt Standorttreu, aber gerade halten sie sich an der äußersten Spitze von Norwegen auf. Sie sollen sehr streng, diszipliniert und abweisend sein. Wir nähern uns ihnen am besten als Wolf und bringen unsere Bitte schnell dar. Nun.. ich dachte wir fangen mit dem Verfänglichsten zuerst an.." erklärte Ruby und musterte Jason, der bedächtig langsam nickte. In seinen Ohren klang das alles andere als Fabelhaft. Und jetzt waren sie schon nur noch zu Zweit.
"Nun, ich hab dir zugesagt und du musst mir keine Angst machen. ich folge dir, ich halte mein Wort. Dafür bin ich da", sagte Jay und nickte fest.


Ruby kam nicht umhin, dass seine Einstellung ihn erleichterte. Sie hatte unglaubliche Angst davor und noch mehr, den Posten nicht lebend wieder zu verlassen. Das Ganze war ein Himmelfahrtskommando und das gemütliche, zivilisierte Leben zu verlassen war schwerer, je näher es rückte. Aber eine Sache war klar: Ruby konnte keinen Rückzieher machen.
Vielleicht erwartete Fabian das. Ihr war noch immer nicht wohl, dass ein Jungwolf alleine und ohne ihre Führung hier herumlief, einfach deshalb, weil es ihrer war. Es wäre ihre Aufgabe, ihn anzuleiten und auf ihn aufzupassen, doch er entzog sich ihr und sie hatte sich verletzen und ihn deshalb ziehen lassen.
Ruby seufzte leise, stand dann auf und stupste Jay sanft an.
"War er auf der Arbeit gewesen?" fragte sie schließlich doch. Jay schüttelte den Kopf. Er hatte ihn dort wenigstens nicht gesehen, hatte sich aber mehr um Ruby's Abwesenheit gekümmert.
Sie nickte langsam.
"Wenn wir ohnehin alle nicht erscheinen... können wir auch schon abreisen oder nicht?" Sie schaute Jay an, der unschlüssig mit den Ohren zuckte und schließlich die Schultern hochzog.
Also war das für Ruby beschlossene Sache.


Jay durfte diese Nacht bei ihr schlafen. Nun machte sie was die Abreise anging Druck. Sie spürte selbst, dass sie immernoch die Hoffnung hegte, dass Fabs noch dazu stoßen würde. Und sie wusste, dass sie zu Zweit auf ganz schön verlorenem Posten standen.
Aber so war es jetzt nun einmal und sie hatte sicherlich keine Lust, an verschiedenen Menschen deren Loyalität auszuprobieren.
Am anbrechenden Morgen redeten Jay und sie kaum miteinander. Jay fuhr Heim, um seine Sachen zu packen und Ruby tat es ihm gleich. Obwohl beide nicht einmal wussten, ob sie damit überhaupt etwas anfangen konnten.
Besser war es aber wohl, als völlig unvorbereitet aufzubrechen. Und irgendwo würden sie eben auch einen Ausgangspunkt haben, von dem aus es dann nur als Wolf weiterging.
Sie schrieb Jay, dass sie ihn gleich abholte und verstaute ihre Taschen in ihrem Wagen. Ein recht schweres Exemplar wurde ihr abgenommen.
Überrascht drehte sich um und schaute Fabian in die Augen, der hinter ihr aufgetaucht war und ihre Tasche neben ihr vorbei in den Kofferraum stellte.
Er sagte nichts, wirkte aber auch nicht unbedingt glücklich und schaute sie nicht an.


"Gesunder Menschenverstand überwogen?" fragte Ruby irgendwann knapp in die Stille hinein.
"Sarah und ich haben uns gestritten", erwiderte Fabs.
"Ah.. der perfekte Grund einem drei Wochen Urlaub noch noch zuzustimmen", stellte sie spitz fest. Er sollte ruhig merken, dass sie noch sauer war. Sie war doch nicht sein Ersatz, wenn es mit seiner Freundin mal nicht so lief. Manchmal hatte Ruby das Gefühl, er wusste nicht, auf was er sich da einließ. Aber das würde er dann noch früh genug sehen.
"Steig ein. Das du mitkommst war schließlich keine Bitte", sagte sie und warf den Kofferraum zu, ehe sie sich auf die Fahrerseite setzte. Fabs schwieg, kam aber tatsächlich mit.
So fuhren sie in einer Nacht- und Nebelaktion einen überraschten Jay abholen. Es war so totenstill auf den Straßen, dass es fast gruselig war.
Und der Weg war wirklich lang, also wechselten sie sich ab, mit dem Schlafen auf der Rückbank. Ruby ging als Letzte nach hinten und nahm ihr Kissen, ehe sie sich hinein kuschelte. Natürlich konnte sie noch nicht schlafen, sie bewegten tausend Dinge. Als die Jungs zu reden begannen, war der ruhige, dunkle Ton ihrer Stimmen aber fast wie eine Wiege für sie.
"Du hast sie enttäuscht. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn du nicht mehr mitgekommen wärst", meinte Jay irgendwann und Ruby war wieder hellwach.
"Es war ihr Wunsch. Ihre Bedingung. Ich hätte es nie absagen sollen. Und du solltest es nicht als eine Art Flitterwochen betrachten", entgegnete Fabs.
"Bitte? Du hast doch deine Freundin zu Hause sitzen gelassen. Du hättest sie vielleicht mitnehmen können, hast aber nicht einmal gefragt."
"Das ist nicht so einfach wie du denkst. Außerdem ist sie nur ein Mensch. Ich bringe sie damit in Gefahr!"
"Wenn du ewig mit ihr zusammen bleiben willst, verwandel sie doch."
"Woher soll ich das jetzt schon wissen?"
"Wenn es Liebe ist, wirst du es. Ich würde es wissen.."
"Du bist ein Narr, wenn du das glaubst."
Ruby biss sich auf die Lippen und zog die Decke bis unter ihre Augen. Die Gespräche erstarben, aber es dauerte noch einmal einige Zeit, bis der Schlaf sie übermannte. Und die Jungs ließen sie auch solange schlafen, bis sie von selbst aufwachte, was ihr gar nicht gefiel. Sie wollte keine Sonderbehandlung haben.


"Wir müssten bald da sein", informierte sie Jay und Fabs ging nach hinten und drehte ihnen den Rücken zu. Ruby konnte nicht sagen, ob er die Zeit zum Schlafen nutzte, aber lange hatte er keine Zeit. Sie kamen bald an ein Gebiet, das gut beschildert war. Naturschutzgebiet, Warnungen vor diversen Tieren. Betreten verboten bzw. auf eigene Gefahr. Ein paar Jugendliche, die diese Warnungen nicht sonderlich ernst genommen zu haben scheinen, hatten eine Yeti Warnung an ein Holzschild gepinnt. Es war die Jüngste, der Rest sah verwittert aus und so unbetreten, als hätten Menschen dieses Gebiet Jahrzehnte gemieden. Es war auch fern jeder Zivilisation.
Gut, es war auch nicht gerade die Jahreszeit dafür, eine Eiswüste zu besuchen.
Ruby parkte etwas versteckt, in der Hoffnung nicht einzuschneien, aber ob der Wunsch in Erfüllung ging, stand in den Sternen.
Dann weckte sie Fabs sanft und zog ihre dickste Winterjacke an. Die Temperaturen bewegten sich irgendwo im Minusbereich und draußen lag metertief der Schnee.
"Wir sollten uns schon mal verwandeln", sagte sie leise und schloss alles ab, sicherte was es zu sichern gab, während die anderen Beiden in ihre Wolfgestalt wechselten und schloss sich schließlich an.

Nicht nur die Straßen waren wie ausgestorben. Auch die Wälder waren es. Wenn man lauschte, hörte man nichts, außer Stille, die zurück lauschte.
Lauschte, wann die Gefahr vorüber war. Aus der Zivilisation kannte man so ruhige, vorsichtige Tiere gar nicht.
Aber hier hatten sie einen Todfeind, der nicht auf sie Schoss und jede Flucht damit von vorneherein unmöglich machte. Hier waren richtige Jäger unterwegs.
Ruby übernahm automatisch die Führung und watete durch den tiefen Schnee, drehte immer wieder die Ohren in alle Richtungen.
Doch sie hatten keine Chance das Rudel zu bemerken, ehe diese auf sie Aufmerksam wurden.
Sobald sie in einer kleinen Senke waren, schossen ein paar Späher des Rudels nach vorn. Und man merkte sofort, dass sie hier Heimvorteil hatten. Plus das Verhalten wirklich echter Wölfe. Die ganze Körpersprache war so präzise, dass es die Drei überrumpelte.
Wolfköpfe schossen über die Senke, knurrten, fletschten die Zähne.
Ein weißer und ein dunkler Wolf riefen sofort nach ihrem Rudel, während sich hinter den drei Eindringlingen der Rückweg versperrte. Riesige Wölfe schoben sich durch die Bäume in ihre Richtung und bald waren sie eingekesselt.


Unter ihnen war ein kräftiger, weißer, dem man sein Alter ansah. Nicht aufgrund von Gebrechen, aber seine Bewegungen trugen mit jedem Schritt seine Überlegenheit nach außen.
"Wer dringt freiwillig in unser Teritorrium ein?" fragte er mit der tiefen Stimme eines gealterten Mannes.
Ein paar lebensmüde Dummköpfe, dachte Ruby.
Sie hob trotzdem Rudelführer gemäß den Kopf stolz an, während die anderen Beiden neben ihr die Köpfe senkten und in unsichere Abwehrhaltungen gingen. Jetzt wurde es ernst. Und Ruby war die Anführerin. Wenn die Eiswölfe ihr Begehr falsch interpretierten, dann war sie es, die angegriffen wurde und ihr Rudel beschützen musste. Und der schneeweiße Rüde überragte sie ein gutes Stück.
"Mein Name ist Ruby und das ist mein junges Rudel. Wir wollen lernen, was es bedeutet, ein Wolf zu sein. Man sagte mir, ihr pflegt die alten Traditionen und lebt eine reine Wolfkultur. Ich erbitte euch, gewährt uns eine Woche, um von euch zu lernen", Ruby senkte den Kopf, um nicht als Gefahr erkannt zu werden. Jay und Fabs beobachteten misstrauisch die anderen Wölfe, die ich wie Pfeilspitzen in ihre Richtung drehten, in angriffsbereiter Position und mit gefletschten Zähnen. Doch keiner wagte es, vorzustoßen, ohne das der Anführer ein Zeichen gab. Doch sie würden. Ohne eine Frage zu stellen.


"Wir sind hier keine Schule für junge Wölfe. Wir sind ein geschlossenes Rudel und ihr seid Eindringlinge. Die wir unter normalen Umständen sofort töten würden. Du bist jedoch anders", er betrachtete Ruby und sie war sich unsicher, inwiefern 'anders' gemeint war. Anders, wie ein Held der Geschichte, der alle Freiheiten hatte und reindurfte, wo es sonst keiner durfte? Oder anders...
"Ihr Blut ist am Blutmond erwacht", meldete sich eine reife Frauenstimme zu Wort. Ruby schielte nach oben und dort stand, noch erhabener als der Alphawolf, eine Schneewölfin, flankiert von zwei Weiteren.
"Das bedeutet, sie ist als Führerin geboren. Entweder sie schließt sich dem Weg eines Schamanen an oder sie wird den Alpha herausfordern. So ist das Gesetz."

Die Wölfe um sie herum wurden unruhig. Begannen zu tänzeln, laut zu grollen und zu knurren. Ruby's Augen wurden groß. Herausfordern?!
Sie wollte doch nicht kämpfen. Sie wollte aber auch keinen neuen Lebensweg beschreiten.
"Stopp, Nein. ich habe davon doch gar keine Ahnung. Ich will lernen! Nur lernen! Man hat mir vorgeworfen, ich weiß nur, wie es ist ein Mensch zu sein. Ihr wisst, wie es ist, Wolf zu sein!" beteuerte Ruby. Sie wusste nicht, wie sie die Situation entschärfen sollte. Denn offenbar waren hier zwei Parteien, die darauf nicht anspringen wollten. Der Alpha ließ sich von der Wölfin dort oben beeinflussen und sie wusste nicht, wieso.
Das es kein entspannter Urlaub wurde, wusste sie ja, aber das es gleich so gefährlich wurde?
"Dann ist das deine erste Lektion. Und vielleicht deine Letzte. Dringe niemals in fremdes Gebiet ein. Ihr seid eine Gefahr für das Rudel!" knurrte die Ältere dunkel und der Alpha stimmte mit ein.
"Schließt du dich uns an und verschreibst dein Leben dem Weg der Götter?" fragte er und man hörte ihm an, dass es seine letzte Frage war. Und Ruby wusste genau, dass sie das nicht gewollt hatte. Sie hatte einen Fehler begangen.
Sie erhob langsam zähnefletschend wieder den Kopf.
"Nein!" fauchte sie.
"Dann sterbt!" grollte es durch die Köpfe der Drei.


"LAUFT!" befahl Ruby in ohrenbetäubender Lautstärke, als das Chaos losbrach. Sie niete einen Schneewolf um, der sie angriff und dann sah sie die perfekte Lücke. Ihre Freunde stoben an verschiedenen Stellen aus dem Kreise des Rudels aus und auch Ruby rannte los wie eine Verrückte. Sie hörten das Rudel dicht auf ihren Fersen.
"Das war nicht gerade ein guter Plan!" kritisierte Jay.
"Ob dus glaubst oder nicht, der Gedanke ist mir auch schon gekommen.. Konnte ich ahnen, dass das mit abweisender Haltung gemeint war? Die können doch nicht jeden Neuling töten!"
Ruby war sauer und hatte die Ohren tief in den Nacken gelegt. Es war nicht unbedingt leicht in dem Schnee voran zu kommen und sie gab zu, dass sie nicht wusste, wie und wo sie zurück zur sicheren Straße kamen. Wenn sie denn sicher war.


"Nur dich", erwiderte Fabs auf Ruby's Worte. Es ging im tosenden Gejaul ihrer Verfolger unter. Aber das er etwas sehr Bedeutungsvolles sagte, würde Ruby bald noch mitbekommen.
Vor ihnen tat sich ein rettender Felsvorsprung auf. Ruby setzte letzte Kraft und letztes Tempo in den Absprung und ihre Gefährten folgten ihr blindlings.
Sie landeten in noch tieferem Schnee und sie musste ein paar Mal springen, um nicht gänzlich unter zu gehen. Er fror ab einer gewesen Tiefe zum Glück zu festerem Untergrund.

Und tatsächlich: Ihre Verfolger bremsten und schnappten in die leere Luftfläche, verfolgten sie aber nicht weiter.
Zwei massige Wölfe traten an den Rand, ein Grauer und ein Schwarzer und beobachteten sie drohend, während schlankere, kleinere Wölfe sich hinter ihnen zurück zogen. Sie waren aufeinander abgestimmt wie ein laufendes Uhrwerk.
"Sind wir in Sicherheit? fragte Jay an Ruby gewandt. Diese ließ ihren drohenden Blick nicht aus den Augen der beiden und stellte ihr Fell auf, zeigte andeutungsvoll ihr Profil.
"Fürerst", erwiderte sie. Wissend, dass es nicht von Dauer sein würde. So langsam und bedächtig zogen sich die schweren Rüden zurück. Das würde ein Nachspiel haben. Nur nicht jetzt. Und das schlich sich Ruby als bittere Erkenntnis ein.  

---

Langsam schlichen sie sich an den Waldrand, um dem beißenden Wind etwas auszuweichen. Ruby war zunehmend geknickter. Scheinbar hatten sie die Reise, die ihr so viel Nerven zur Vorbereitung gekostet hatte, völlig umsonst angetreten.
Zum Glück froren sie in ihrer Wolfgestalt nicht und deshalb sahen sie erst einmal davon ab sich zurück zu verwandeln.
"Wir müssen schauen wo das Auto steht", durchbrach Jay irgendwann die Stille, aber weder Fabs, noch Ruby erhöhten ihn irgendwie und so ging das Ganze zunächst wieder unter.

Es dämmerte bald und Jay fügte sich dem Gedanken, dass Ruby vielleicht doch noch nicht aufgeben wollte. Ihm sollte es recht sein. Dann war das hier alles vielleicht doch nicht umsonst gewesen.
Er legte sich unter einen Baum, während die Spitzen der anderen am Fell begannen zu frieren.
Es vergingen Stunden, in denen keiner von ihnen in der unvertrauten Umgebung wirklich schlafen konnte. Unzufriedenheit, Hunger und in Jay's Fall auch der Zigarettenentzug breitete sich aus. Unter dem Unverständnis der anderen beiden, verwandelte er sich also zurück um wenigstens das Verlangen zu stillen.

Mitten in der Nacht ertönten auf einmal Geräusche im Schnee. Die Männer sprangen sofort in Wolfsgestalt auf und gingen knurrend in die Defensive.
Ruby rappelte sich ebenfalls hoch und trat witternd vor. Ein Wolf hatte sich in ihr Lager geschlichen. Einer von ihnen. Alle Alarmglocken gingen an. Ihr kamen Erinnerungen an die sogenannten Einzelgänger. Doch egal ob sie oder welche vom Rudel. So Kampfunerfahren wie die Drei waren, konnte ihnen jeder aggressive Wolf zum Verhängnis werden.
Was Ruby allerdings entdeckte, war eine schlanke, schneeweiße Wölfin. Sie erkannte sie nicht aus den Angreifern wieder. Dennoch zog sie die Lefzen hoch und knurrte. Wer immer das war, war vielleicht nur die Vorhut.


Die Weiße hob den Kopf. Um ihren Hals baumelte eine Kette, mit leuchtend blauen Eiskristallen. Ob die im Kampf nicht hinderlich waren?
"Du bist diejenige, die lernen wollte?" fragte sie sanft und betrachtete Ruby. Diese ließ die Lefzen wieder sinken, irritiert, fragend.
"Ja. Aber das wurde mir vom Rudel untersagt, also..", setzte sie an, brach dann aber ab. Also würde sie gehen, sagte ihr Blick. Bevor sie ihre Kameraden in ernsthafte Gefahr brachte.
"Du hast eine weite Reise hinter dir. Jemand muss dir also erzählt haben, dass du zu uns kommen sollst. Wer war das?" fragte die Wölfin weiter. Ihre Stimme blieb sanft, ohne Provokation oder Aggression. Ruby wollte es nicht ganz als ihre Chance anerkennen. Aber jetzt war es egal. Jetzt konnte sie auch ehrlich bleiben. Schlimmer als im Moment konnte es, so hoffte sie, nicht laufen.
"Mich hat in der Nacht meiner Verwandlung eine schwarze Wölfin namens Kaya heimgesucht. Sie hat mir vorgeworfen, ich wüsste nur wie man Mensch ist und nicht Wolf. Sie wollte es mir nicht beibringen, aber sagte, ihr könntet es. Ihr und das Waldrudel", erklärte sie schließlich. Die Männer tauschten einen Blick. Das hatte Ruby ihnen galant verschwiegen. Tatsächlich hatte sie nicht darüber nachgedacht, dass Kaya bei allen hätte einbrechen können. Doch hatte sie es nicht getan und Ruby wusste innerlich, dass ein System dahinter steckte, welches sie noch nicht verstand. Das ihr aber deutlich machte, dass die Chance, die Zwei würden besucht wurden, gegen Null ging.
Aber mit ihrer Erklärung fing sie das Interesse der Schneewölfin ein und fast begann sie zu lächeln.
"Dann ist es der Wille Fenrir's, dass du zu uns stößt, um zu lernen und kein bloßer Impuls. Wenn du immer noch den Willen hast, dann komm mit mir. Ich werde euch zum Rudel führen. Sie werden sich nicht gegen das Wort ihres Gottes stellen", sagte die Weiße zufrieden und drehte sich um. Sie ging langsam los und Ruby schaute ihr unsicher nach. Es klang nicht nach einer Falle, aber das ging ihr fast zu schnell. Sie wechselte einen Blick mit ihren Gefährten. Fabs schüttelte den Kopf, Jay senkte ihn und nickte unmerklich zur verschwindenden Eiswölfin. Wir waren hier, sagte sein Blick. Das ist unsere Chance.

Ruby gab sich einen Ruck und trabte ihr hinterher, während die anderen beiden ihr widerwillig folgten.
"Wer bist du? Und wie kamst du darauf, uns zu suchen?" fragte Ruby. Sie meinte ein Lächeln bei der Anderen zu erkennen.
"Mein Name ist Blue. Man flüsterte mir von Besuch. Nun bin ich sicher, ihr wart gemeint. Wisst ihr, Sam ist alt. Er führt eine unerbitterliche Hackordnung in seinem Rudel. Und er führt ein gutes Rudel. Oft wurde sein Alpharang in Frage gestellt. Und Eska, nun, sie ist sehr misstrauisch. Als spirituelle Führerin steht ihre Entscheidung noch über der des Alpha's und Sam vertraut ihr. Aber mehr noch vertraut er mir", erzählte Blue. Ihre Stimme klang so zerbrechlich und gutmütig, dass alle Drei nicht so ganz überzeugt von ihrem Handeln waren. Eine kleine naive Wölfin zwischen ihnen und den bulligen Angreifern von eben gerade?
Sie sahen aber bald schon jene Umrisse und es wurde ernst. Jetzt würden sie gleich merken, wie viel Ansehen Blue im Rudel genoss. Schamane klang zumindest einmal nicht verkehrt. Gottgläubige waren von den richtigen Personen extrem leicht zu lenken. Nur wer hatte mehr zu sagen? Blue? Oder diese Eska, die ihr Schicksal vorhin noch besiegeln wollte?
Die beiden Rüden waren die Ersten, die sich Blue grollend in den Weg stellten. Gedanken von Eindringlingen, Todgeweihten und Ausgestoßenen wurde laut.
Die Drei waren sich völlig sicher, dass die arme Blue gleich überrannt werden würde von den fast doppelt so großen Artgenossen.

Zu aller Überraschung hielten sie inne, als Blue nur die Lefzen hoch zog.
"Fenrir hat sie geschickt, um zu lernen. Wollt ihr euch dem Willen des Kettenwolfes entgegenstellen, stellt euch und lasst euch richten", sagte Blue ruhig, aber mit solch einem konsequenten, bösen Unterton, den man ihr nicht zugetraut hätte. Sie war zwar alles in allem leise, doch hatte ihr Wort ein solches Gewicht, dass die beiden großen Jäger ihr widerwillig, aber ohne weitere Aggression Platz machten. Sie betrachteten die Drei misstrauisch und genauso tat es Ruby mit ihnen. Die Situation hatte sich gewendet, aber sie bewegten sich auf dünnem Eis. Offenbar stand bis jetzt nur Blue hinter ihnen und das musste sich dringend ändern.
Aber der Rest des Rudels war nun, da sie in ihre Mitte geführt wurden, ebenfalls aufmerksam geworden.
Das Lager sah irritierend aus. Ein Mix aus menschlichem Lager, dass aber so verfallen aussah, als sei es seit Jahrzehnten abgebrochen und den Witterungen überlassen worden. Dennoch standen noch genug Zelte, um Menschen beherbergen zu können.
Schmale Frauen, die gerade noch in ihrer Menschengestalt dagesessen hatten, sprangen als Wölfe mit gesträubtem Fell vor und fletschten die Zähne.
Sam und Eska kamen nun ebenfalls dazu, während sich andere Wölfinnen, mit interessanten, leuchtenden Färbungen vor die Jäger stellten. Keiner wagte es, an ihnen vorbei zu treten. Wie sollte Ruby bloß Jay und Fabs so was beibringen? Momentan flankierten die Beiden sie nur, weil die bulligen Rüden in ihrem Rücken waren.

"Blue, was soll das? Du bringst Eindringlinge in unsere Mitte, das ist nicht akzeptabel! Wieder widersetzt du dich meinem Wort! Ich habe es schon gesagt und ich werde es wieder sagen. Ihre Absichten haben hier keinen Platz!"
Die Stimme musste zu Eska gehören.
"Du bist die spirituelle Führerin. Dem stehe ich niemals im Wege. Aber die Drei sind von Fenrir gesandt und ich werde nicht zulassen, dass du seinen Groll auf uns ziehst", erwiderte Blue hart.
"Von Fenrir gesandt?" schaltete sich Sam ein und knurrte in Eska's Richtung, als sie das Wort erheben wollte. Sie verstummte widerwillig. Die Schamanen schienen hier unterschiedliche Sprachen zu sprechen.
Die Situation war angespannt. Wie vorher, nur waren jetzt viel mehr Wölfe um sie herum.
"Das Schattenreich hat seine Augen auf sie geworfen. Wenn ihr sie wegschickt...", begann Blue, wurde aber unterbrochen.
"Dann starren sie uns an", beendete eine fremde Stimme den Satz. Sie gehörte der schimmernden Wölfin, die vor den Jägern stand und ihre Stimme klang rau, wie von zu viel Schnaps. Sie war eine derjenigen die beim Angriff Eska flankiert hatten. Ruby erkannte sie an dem etwas längeren Fellkamm auf ihrem Rücken.
Blue verzog die Lefzen zu einem Lächeln und neigte den Kopf. Sie hätte es vermutlich anders ausgedrückt, der Sinn der Aussage blieb aber derselbe.
Sam schien eine Weile zu überlegen. Er erhörte Eska aber nicht mehr länger, die versuchte, seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, während sie versuchte ihren Rang wieder etwas zu behaupten. Die Schamanen schienen dem Rudel zwar anzugehören, aber jeder ein Individuum zu bilden. Anders als die Jäger, die sich untereinander bewegten, wie durch Magnete verbunden, die als Zahnräder im Uhrwerk fungierten, schien jeder Schamane für sich zu stehen.

"Wir dienen Fenrir und schenken einzig ihm unsere Treue. Wenn er einen Willen an uns richtet, gewähren wir ihm diesen. Also bleib. Lerne. Pass dich an. Du wirst den Schamanen zugeteilt, dann den Jägern und wirst ihre Angewohnheiten und ihre Aufgaben mitmachen. Deine Gefährten erhalten den Rang der Jäger. Du bist dafür verantwortlich, sie später Fenrirs Weg zu lehren. Sei Willkommen", sagte Sam zu Eska's Verdruss und wandte sich schließlich ab. Ruby war es unangenehm, dass alle Blicke auf sie gerichtet waren und senkte schüchtern den Kopf. Gut, dass keiner sehen konnte, wie sie errötete.
Blue wandte sich ihnen schließlich zu und legte den Kopf schief.
"Siehst du. Komm, ich weise dich ein. Aber gebt mir zuerst einmal eure Namen", sagte Blue.
"Oh.. Entschuldigung... Das sind Fabian und Jason. Und ich bin Rub.. Rubina" stellte sie sich widerwillig mit ihrem vollen Namen vor, weil man das eben so tat. Obwohl ihr schon aufgefallen war, dass hier eher exotische Namen an der Tagesordnung standen.
"Das sind eure menschlichen Namen. Der erste Schritt ins Wolfsein ist, sich davon zu trennen. Da wir euch nicht wirklich aufnehmen, steht es uns nicht zu, euch neue Namen zu geben. Ich würde euch aber empfehlen, sie auf ein- und zweisilbig runter zu kürzen", empfahl Blue und nickte die Spitznamen erst einmal ab, dann wandte sie sich den beiden Jungs zu.
"In Ordnung ihr beiden. Ihr wurdet von Sam in die Riege der Jäger eingeteilt. Das bedeutet ihr untersteht Suka, denn sie ist die Jagdleiterin. Bärenjäger Nanuq wird euch das Kämpfen lehren. Das ist hier von existenzieller Bedeutung."
Neben Blue trat bei ihren Worten eine schmale, markante Wölfin, mit langem, stacheligen Nackenfell. Sie sah ziemlich kratzbürstig aus, so viel strubbeliger, als die gepflegt wirkenden Schamanen. Das musste Suka sein. Sie war nicht viel größer als Blue, wirkte aber direkt viel beeindruckender und mit Sicherheit alles andere als sanft und naiv.

Sie musterte die Jungs, als wollte sie abschätzen, wofür sie nützlich sein könnten.
"Ganz schön wenig dran an euch. Wir werden sehen, wo wir euch gebrauchen können", meinte Suka und wandte sich um, um sie zu den Jägern zu führen. Ihre Stimme war ebenfalls dunkel, aber klar und nicht 'versoffen'.
Ruby grinste innerlich, aber sie konnte den Widerwillen verstehen, mit dem Fabs und Jay mitgingen und Ruby zurückließen.
Die Zwei knurrten bei Suka's Kommentar, aber ganz verdenken konnte Ruby es ihr nicht. Es gab nur drei Rüden im ganzen Rudel und allesamt zeichneten sich dadurch aus, dass sie eine bärenähnliche Statur hatten. Beeindruckend breite Brust und der Oberkörper merklich höher als der schlankere Hinterleib. Schon als Menschen war an Jay und Fabs nicht viel dran und das zeigte sich eben auch in der Wolfgestalt.
"Wundere dich nicht, Ruby, wenn sich Eska erst einmal nicht viel von dir annimmt. Weißt du, jeder Schamane hier blickt zu Fenrir auf, aber jeder hat eine unterschiedliche Bindung und vertritt unterschiedliche Schwerpunkte. Die Schamanen einigen sich fast nie und haben immer ihre eigene Meinung zu etwas. Im Notfall läuft es eben demokratisch ab. Oder auch.. der Stärkere setzt sich durch." Blue führte Ruby etwas weg aus der Mitte und scheinbar eher zu ihrem Rückzugspunkt. Er war etwas weiter weg von den Anderen. Aber auch hier stand ein kleines Zelt. Jedenfalls klein, wenn man bedachte, dass sie darin wohnten. Wenigstens konnte man aber aufrecht darin stehen.
Sie verwandelte sich zurück, während sie es betrat und Ruby tat es ihr gleich. Dabei überraschte Blue's Anblick sie noch mehr. Sie war ja praktisch noch ein Kind! Sie hatte zwar eine junge, sanfte Stimme gehabt, aber die Reife und ihre Wortwahl hatten sie sehr viel älter klingen lassen.


Ruby strich sich etwas über die Ärmel und setzte sich schließlich, als Blue es ebenfalls tat.
"Ihr redet die ganze Zeit von Fenrir und Gott.. was hat das zu bedeuten?" fragte sie schließlich etwas schüchtern. In der Menschenwelt war es schon ein gefährliches Thema.
Blue lächelte. Ihre Augen hatten ein tiefes Blau und zogen den Blick magisch an. Vielleicht kam daher ihr Name.
"Fenrir ist ein Gott in der Gestalt eines großen Wolfes. Man sagt, die Götter haben ihn aus Angst vor dem, was er anrichten könnte, sollte er Erwachsen werden, in Ketten gelegt. Deshalb ist Fenrir, der Gott, der Kettenwolf. Er hat die Stahlwölfe nach seinem Abbild erschaffen. Sie sollen seinen Willen hier auf der Erde ausführen und seine Macht demonstrieren. Dir wird aufgefallen sein, dass unser Blut sich silber färbt, wann immer wir uns verwandeln. Das härtet unser Fell. Wir nennen uns darum Silberblüter. Je öfter du dich verwandelst, desto länger und dominanter bleibt es. Es verlangsamt den Herzschlag und die Alterung. Deshalb sind viele hier älter, als sie aussehen. Bis auf Sam vielleicht. Er hat versucht, sich zu altern, aber... hat irgendwann aufgehört. Sein Herz schlägt nicht mehr. Er müsste sterben, aber das Silber hält ihn am Leben. Es macht uns Unsterblich", sagte sie lächelnd und Ruby musste etwas schlucken. Oh.. unsterblich, dachte sie. Ob das wünschenswert war, da gingen die Meinungen auseinander.
"Okay, also ist Fenrir euer Gott. Ist Kaya denn auch eine wichtige Schamanin?" fragte sie. Sie schien ein Schlüssel zu sein, selbst das eisigste, verschlossenste Rudel zu öffnen. Blue's Lächeln verblasste etwas.
"Nein... nein sie gehört zum Schattenrudel. Aber ich glaube dafür ist es noch etwas zu früh. Ruh dich aus, erkunde das Lager und komm etwas zu Kräften. Die Schamanen sind dein Ansprechpartner", meinte Blue und verabschiedete sich dann doch etwas flotter. Ruby war irritiert. Hatte sie etwas Falsches gesagt?
Aber sie zog ihre Jacke enger um sich und trat nach draußen. Immerhin wusste sie, wovon sie beim Kettenwolf sprachen. Sie drohten damit, als wäre er präsent. Nicht so wie der Menschengott, sondern richtig personifiziert. Als könnte er jeden Moment um die Ecke treten und sie alle umbringen.

Und vielleicht war es wirklich nicht verkehrt, sich etwas zu Stärken. Sonst würde sie es hier nicht lange machen und schon gar nicht gut lernen.
Wie es wohl mit etwas zu Essen war? Das könnte Ruby gut gebrauchen. Ihr war nicht wohl dabei, aber vermutlich musste sie dafür die Jäger ansprechen.
"Hey, du. Junge Wölfin", erklang die vor Schnaps raue Stimme und Ruby wandte sich um. Sie sah das erste Mal, zu wem die Stimme gehörte. Sie sah auch durchaus so aus wie sie klang. Sie hatte viele Haare, die durcheinander lagen und dennoch schien es ihr irgendwie zu stehen.
"Ruby", half sie ihr auf die Sprünge und ging schließlich unschlüssig zu ihr.
"Hmm.. ja, Ruby. Ich bin Shashi. Hör mal, wir sind doch jetzt deine Ansprechpartner nicht wahr? Belästige mal nicht die Jägerriege. Was gibts? Und sei mal ehrlich. Hat dich wirklich das Schattenrudel aufgesucht? Ich mein, wer von denen?" fragte sie mit träger Stimme und musterte Ruby abschätzend.
"Ja.. tut mir Leid, weißt du wo ich etwas zu Essen bekommen kann?" fragte Ruby beinahe etwas schüchtern.
Sie fürchtete die Antwort schon jetzt.
Auf die weiteren Fragen von Shashi neigte sie den Kopf. Glaubten sie ihr etwa nicht? So eine Geschichte hätte sie sich nie ausdenken können!
"Nicht das ganze Rudel. Ehrlich Shashi ich weiß nichts über diese Welt. Ich hab geträumt und bin als Wolf aufgewacht. Auf einmal stand sie da... Kaya. Ich wusste nichts von einem Schattenrudel. Wir haben ein bisschen gekämpft und ich hab sie schließlich ausgefragt. Und da kam das mit der Wolfsache. Sie meinte, sie wären nicht zuständig, junge Wölfe einzuweisen. Das sagt mir momentan eh jeder. Aber sie sagte, wenn ich lernen wollte, wie ein Wolf zu handeln und zu denken und das Mensch sein außen vor lassen wollte, müsste ich zum Eis- oder zum Waldrudel gehen. Ihr seid meine erste Wahl", sagte Ruby leise und seufzte. Sie hatte doch selbst gar keine Ahnung von diesem Leben.
Das sie aber erwähnte, sie hätte sich im Schlaf verwandelt, überraschte ihr Gegenüber. Shashi hob eine Augenbraue.
"Im Schlaf?" wiederholte sie ungläubig. Ruby kam sich auf einmal seltsam vor. War das denn alles bloß ihr passiert? Wie waren denn die anderen zu ihrem Schicksal gekommen?



"Okay, Shashi.. kannst du mich mal aufklären? Wie ist das bei euch abgelaufen und was hat es mit dem Schattenrudel auf sich?" fragte Ruby hartnäckig. Ihr musste doch einmal jemand eine adäquate Antwort geben, jetzt, wo sie schon hier war.
Doch selbst die so locker und rebellisch wirkende Shashi zögerte bei ihrer Antwort.
"Normalerweise träumen wir vor der Verwandlung davon. Viele Nächte lang. Und in dem Traum verbirgt sich, wohin unser Schicksal uns führen wird. Die Schamanen nennen es Visionen in denen uns Fenrir besucht, uns seine Gabe einhaucht und unser Schicksal festlegt. Irgendwann in Folge dessen kann es passieren, dass wir uns verwandeln. Häufig in Folge starker Gefühlsausbrüche, in denen wir uns nicht mehr unter Kontrolle haben. Das kann alles sein. Egal ob Wut, Trauer, Ekstase. Meistens Wut. Für die Meisten ist es das Gefühl, in das man sich am besten hineinsteigern kann", erklärte sie, natürlich den Teil mit der Verwandlung, aber auch das interessierte Ruby.
"Aber niemals im Schlaf. Hast du nicht irgendetwas gespürt?" fragte sie und zu Shashi's Überraschung schüttelte Ruby den Kopf.
"Ich habe mich im Traum verwandeln sehen und habe meinen Wolf berührt. Da durchströmte es mich und ich bin als Wolf aufgewacht. Kaya stand da schon in meinem Zimmer und.. naja. Der Rest ist Geschichte", Ruby zuckte die Schultern. Shashi nickte bedächtig.
"Du hattest doch Hunger oder? Komm, wir besorgen dir was", meinte sie und zog Ruby mit sich. Diese wollte etwas sagen, verbiss es sich dann aber. Es schien, als würden die Schamanen sich nicht trauen, über das Schattenrudel zu reden. Aus welchem Grund bloß? Wenn sie doch alle davon wussten, warum hatte Ruby dann kein Recht darauf? Immerhin war sie höchst selbst sogar besucht worden!

Shashi verwandelte sich, als sie das Lager verließen und Ruby tat es ihr schließlich gleich. Sie hatte ein wenig Bauchschmerzen darüber, was sie jetzt wohl erwartete. Musste sie jagen? Oder rohes Fleisch fressen?
Mit Letzterem lag sie gar nicht so falsch. Die graue Wölfin führte sie zu einem halb gefrorenen Kadaver.
"Der ist von der letzten Jagd übrig geblieben. Wir müssen erst wieder was reißen. Immer nur das Nötigste laut Sam, aber wir sind auch ein großes Rudel. Gut das deine Gefährten helfen, es wird nicht leicht noch drei Mäuler zu stopfen", meinte Shashi. Das konnte sich Ruby gut vorstellen, dass es in dieser Eiswüste nichts geschenkt gab.
"Ob die Zwei eine Hilfe sind..", zweifelte sie dennoch. "Warum geht ihr nicht woanders hin?" fragte sie, doch Shashi schüttelte nur den Kopf.
"Ach Suka bringt sie schon auf Kurs. Und das hier ist unser Schicksal, weißt du noch? Zudem fühlen sich unsere Schneewölfe im Wald sicher nicht so wohl und nun ja. Die meisten großen Wälder sind bereits besetzt."
"Ehrlich? Wie viele Rudel gibt es denn noch?" fragte Ruby und lenkte sich so etwas von Hunger und dem toten Rentier, das vor ihr lag, ab.
"Über die ganze Welt verteilt sehr viele. Kleine Rudel meistens. Richtig große Rudel sind selten. In Europa sind unsere schon so mit die Größten. Unseres und das Waldrudel. Du brauchst viel Natur und Leben um große Rudel anzusiedeln. Erst in Amerika gibt es wieder größere. Das mit Abstand größte Rudel lebt mittlerweile in Kanada unter Avilox Führung", sagte Shashi und musterte die beeindruckte Ruby. Sie waren also von mehreren tödlichen Wolfgruppen umgeben zu Hause. Wie beruhigend.
"Und sie können alle kommunizieren?" fragte sie weiter und beschnupperte skeptisch das gefrorene Fleisch. Sie konnte unmöglich hungern. Aber DAS?!
"In Gedanken sprechen wir alle dieselbe Sprache. Alles in Ordnung Ruby?" Shashi begann wölfisch zu grinsen.
"Ihr ernährt euch nur von Fleisch?"
"Ja. Als Wolf ist es wirklich nicht so schlecht. Der verwertet das ganz gut. Aber...nur mal unter uns. Mit zwei jüngeren Jägern geh ich schon mal in die Menschenwelt. Das ist aber eigentlich von Sam untersagt, weißt du? Und das ist nicht so häufig, dass du davon leben kannst. Sei doch froh, die ganzen dampfenden Innereien sind bereits weg", sie lachte bellend als Ruby die Lefzen verzog.
"Man gewöhnt sich an alles. Du willst doch lernen, wie ein Wolf zu leben", sie stupste Ruby in die Seite und ließ sie schließlich mit der Entscheidung, zu fressen oder es zu lassen alleine.


Ruby knurrte vor sich hin und biss sich schließlich in einer gefrorenen Rippe fest. Leider hatte Shashi recht. Aber wenn sie wirklich dieses Leben lernte und rohes Fleisch frisch vom Kadaver fressen sollte, dann bestand sie darauf, dass man sie endlich komplett aufklärte und nicht nur so selektiv.
Vielleicht musste sie sich dafür an die anderen Schamanen wenden. Das bedeutete aber auch sich mit Eska auseinander zu setzen.
Ruby seufzte leise und schaute zum Lager zurück. Wenigstens schienen Fabs und Jay Spaß zu haben. Es würde wohl noch etwas dauern, bis sie in die Jägerriege kam. Aber das es den Beiden gut ging, war ihr erst einmal am meisten Wert.





Zuletzt von Autor am Fr Jun 30, 2017 10:32 am bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Silberblut   Do Jun 29, 2017 11:33 pm



Lehren des Eisrudels






Es vergingen einige Tage in denen Ruby zunächst Shashi und später Sedna unterstellt war. Zunächst war sie frustriert, weil den Fragen nach dem Schattenrudel weiter ausgewichen wurde. Aber irgendwann ließ sie sich darauf ein, was die Zwei ihr beibringen wollten und sie vergaß unterdessen ihren Ärger. Selbst die Jungs vernachlässigte sie. Sie fühlte sich aufgenommen von den beiden Wölfinnen und spürte, dass sie es richtig tat. Jetzt, da sie von ihren beißenden Fragen abließ und wirklich offen war, für das Lernen.
Blue zog sich zunehmend zurück, ebenso wie Eska. Manchmal beobachtete Ruby sie dabei und fand es faszinierend, wie sehr sich ihre Wege unterschieden. Blue war ruhig, gedankenverloren und zog sich häufig in ihr Zelt zurück. Eska war redseelig mit sich selbst, besuchte oft den Eissee und war kaum im Lager. Das Einzige, was die beiden gemein hatten, war ihre geistige Abwesenheit. Shashi bereitete Ruby darauf vor, nicht viel von Eska zu hören.
"Naja, ich kann niemanden zwingen mir etwas zu lehren", meinte sie leise, während Shashi und sie als Wölfe durch den Schnee spazierten.
"Aber was ist das zwischen Blue und Eska? Ich dachte sie wäre die spirituelle Anführerin?"
Fragend schaute Ruby zu Shashi, welche den Kopf langsam hin und her wiegte.
"Ja und obwohl sie das ist, geht jeder Schamane seinen Weg. Sind sich mal mehr und mal weniger einig. Aber als Erfahrenste hat sie den Rang irgendwann bekommen. Sie muss einst eine starke Bindung gehabt haben zu Fenrir. Sam hört auf ihren Rat und schätzt ihre Weisheit um die alten Traditionen. Selbst wenn... nun ja.."

"Selbst, wenn es bedeutet Neue in Stücke zu reißen, verstehe", kommentierte Ruby trocken und Shashi grinste wölfisch.
"Diese Einstellung schützt Rudel seit jeher, weißt du? Aber Blue hat sich in ihren jungen Jahren bewiesen. Sie steht Eska um die Traditionen nicht im Weg, aber ihre Visionen sind sehr genau und haben sich bisher immer bewahrheitet. Sie hat eine gute Kommunikation zu Fenrir und das neidet ihr Eska. Beide haben ihre Qualitäten. Man muss sie nur zu nehmen wissen. Eska wirkt immer sehr frostig, weil sie für eine Frau sehr rational ist. Was immer Fenrir und die Traditionen verlangen, dem bleibt sie treu und da haben Emotionen oder Mitleid nicht viel Platz."
Ruby nickte andächtig. Sie verstand durchaus was Shashi ihr mitteilen wollte, auch wenn sie deshalb mit Eska wohl trotzdem nie warm werden würde.
"Ah.. Blue und Eska stehen sich im Weg. Alte Tradition, gegen Fenrir's Wille", schlussfolgerte Ruby und die Schamanin nickte bekräftigend. Dann blieb sie stehen und schaute auf ein verschneites Tal, an den ein Nadelwald grenzte.
"Du hasts verstanden. Mittlerweile vertritt Blue mehr das Eine und Eska mehr das Andere. Das macht sie für Sam gleichwertig. Etwas, dass es unter Wölfen so nicht gibt. Es ist ein Punkt, in dem die Ordnung fehlt. Da wir sehr gläubig sind, wird Fenrir's Wille irgendwann die Oberhand haben und Blue die neue spirituelle Führerin, Eska die Wahrerin der Tradition, die aber unter ihr steht. Das weiß sie." Shashi seufzte leise. Scheinbar war es nicht nur unter echten Wölfen stressig, wenn der Rang nicht sicher geklärt war.

Ruby ließ eine Weile Schweigen zwischen ihnen entstehen. Ihr Blick schweifte einfach nur über die schneeweißen Felder, welche selbst von den Tieren kaum betreten wurden. Bald würde die erste Jagd anstehen. Sie hatte bereits gelernt, dass der Hunger nicht so schnell wiederkehrte als Wolf. Obwohl sie es sich angewöhnt hatte, an gefrorenen Seen Fische zu jagen. Diese ausdruckslosen, stillen Wesen fand sie einfacher zu töten und zu fressen. Ihr Vater war mit ihr früher in Ermangelung eines Sohnes angeln gegangen und daher war ihr das weniger befremdlich.
"Sag mal, Shashi... ich würde gerne wissen, was den Unterschied im Geiste ausmacht, zwischen Wolf und Mensch. Ich glaube an Gut und Böse. Zum Beispiel. Was ist daran falsch?" fragte Ruby schließlich und schaute Shashi ein. Diese brauchte eine Weile, den Blick weiter schweifen lassend, bis sie antwortete.
"Nun, Menschen zeichnen sich durch viel aus, mit dem die Wölfe sich nicht identifizieren. Beispielsweise der Glaube an 'Gott'. Für die Wölfe gibt es nicht nur den einen wahren Gott. Es gibt sehr viele. Nur huldigt das Eisrudel bloß dem Gott, der es erschaffen hat."
"Fenrir.. der Kettenwolf", schloss Ruby und Shashi nickte.
"Menschen denken, es gäbe da draußen etwas Allmächtiges, das alles steuert. Etwas, das dafür verantwortlich ist, dass es Leid und Kriege gibt. Und Wut und Zerstörung. Wir denken, wir haben das Ruder selbst in der Hand und jene Götter können uns nicht mehr als Hinweise und Rat geben, auf einem Weg, den wir selbst beschreiten müssen. Auf unserem Weg begegnen uns nicht gut und böse, die es zu unterscheiden und zu erkennen gilt. Menschen machen es sich einfach. Sie schauen jemanden an und stecken ihn in eine erste Schublade. Lernt man ihn weiter kennen, wird er aufgrund der eigenen Erfahrung böse oder gut. Aber das gibt es für die Wölfe nicht. Es gibt Schatten und Licht und Dunkelheit und Helligkeit. Aber niemandem wohnt nur eine der beiden Dinge inne. Jeder ist alles. Jeder hat Ansichten, die erst einmal für ihn selbst vertretbar und in Ordnung sind. Merke dir: Für die Bösen, sind die Guten, die Bösen.
Ein Fuchs, der ein kleines Kaninchen umbringt, ist für den Menschen also erst einmal böse. Bis er das Futter zu seinem hungrigen, fiependen Nachwuchs bringt. Dann ist die Füchsin eine gute Mutter. Gut und Böse unterstellt dagegen den Held-Bösewicht-Faktor. Doch jeder Mensch hat eine Kehrseite, egal ob es in manchen dunkler und in manchen heller aussieht. Wer naiv und 'gutgläubig' ist, ist auch nicht 'Gut'. Er hat nur die Härte des Lebens noch nicht kennengelernt oder nimmt sie nicht bewusst wahr. Für Menschen ist diese Einteilung einfach, aber sie ist ein System, welches denkbar schwach und manipulierbar, denn es ist meistens von Emotionen bestimmt. Euch zu töten hätte Eska nicht böse gefunden. Es wäre zum Schutz des Rudels gewesen, das steht für sie an erster Stelle. Ihr wärt aber vermutlich unschuldig gewesen. Ist sie jetzt gut oder böse?"
Shashi neigte den Kopf Richtung Ruby, die sich ihre Worte in aller Ruhe durch den Kopf gehen ließ, ebenso wie ihre Frage.

Es war eine ausführliche Erklärung und sie wusste, dass sie nötig war, denn das gesellschaftliche Denken war wie eingebrannt. Ruby merkte mit einem beschämten inneren Lächeln, dass ihr Kopf bei jedem Wort Gegenbeispiele suchte, die versuchten, Shashi's Erklärung in Frage zu stellen. Dabei hatte sie im Grunde recht. Menschen waren nie nur das eine oder andere. Keiner konnte sich reinwaschen. Und schon gar nicht konnte man von jedermann erwarten sein Leben für die 'gute Sache' zu geben. Die ultimative gute Tat. Sein Leben opfern. Wusch das alles wieder rein und machte einen 'Gut'? Vermutlich nicht. Denn es war das Wesen das zählte. Jeder war böse, auch sie selbst. Sie hatte ihren Traum noch vor sich. Wie brutal und aggressiv sie manchmal gerne reagiert hätte. Sie hätte sich niemals böse genannt, aber das 'Böse' war einfach in seinen Kern zurück erzogen und eingeschüchtert worden, aber es existierte. Und nicht bei jedem war es verschüchtert. Manchmal waren es nur die Konsequenzen die zu fürchten waren. Wie oft stellten Geschichten, Filme, manchmal wahre Begebenheiten dar, wie Menschen waren, wenn das System außer Kraft war. Einbrüche, Morde, Apokalypse. Jeder nahm sich was er wollte, gegen alle Widrigkeiten. Das war nicht gut und nicht böse.
"Siehst du", sagte Shashi nach langem Schweigen und wandte den Blick wieder nach vorn. Sie hatte Ruby zum Nachdenken gebracht und das war ihr Ziel gewesen.
"Es ist egoistisch und selbstsüchtig", stellte Ruby nach einer Weile fest. Das waren bisher oft Gründe, um Boshaftigkeiten darzustellen.
"Es ist angeboren. Aus Selbsterhaltungstrieb wird Gier. Gier sorgt dafür, dass in schlechten Zeiten der Selbsterhaltungstrieb siegt", entgegnete Shashi und Ruby seufzte.
"Das ist also Berechenbarkeit."
Shashi wiegte den Kopf hin und her bei Ruby's Feststellung und stupste sie schließlich in die Seite. Diese Ernsthaftigkeit hatte sie selten, doch war es ihr Job als Schamane. Auch mal ernst sein und jemanden lehren, denn deshalb war sie hier.

"Das Schattenrudel wird von Fenrir selbst bestimmt. Es zieht Menschen an, die viel Dunkelheit im Herzen tragen, denn sie sind listig und überlegen. Es fällt ihnen leichter, dem, was sie berechenbar und menschlich macht zu entsagen und steigert ihre Abscheu gegen die Menschheit. Man sagt, das Schattenreich flüstert es ihnen zu. Es gibt genug dort, die ihre Überlegenheit nutzen, den Menschen ihre Täuschbar- und Überlistbarkeit vorzuführen und sie gnadenlos auszunutzen. Den Menschen ist von jeher das größte Anliegen, dass sie die mächtigen Wesen auf der Erde sind, die alles kennen und kontrollieren können. Das stößt vielen Silberblütern auf, die jetzt wissen, dass es anders ist. Die es reizt, ihnen zu beweisen, dass es etwas größeres gibt, das mächtiger ist. Und das, meine liebe Ruby. Das macht die Silberblute noch immer so menschlich, wie sie es einst waren."




Ruby trug Shashi's Lehren noch lange mit sich herum, während sie zum Lager zurück spazierte. Sie sah kaum, was um sie herum passierte. Sie hatte ja lernen wollen, wie es war, ganz Wolf zu sein und wollte Kaya's Vorwürfe verstehen. Ja, sie hatte böse auf sie gewirkt. Sie hatte sie bespitzelt, an der Nase herum geführt und mit ihr gekämpft. Obwohl Ruby den Kampf angefangen hatte. Doch sie hatte auch Rede- und Antwort gestanden, weitestgehend. Trotz Beleidigung. Und sie hatte ihr eine Chance aufgezeigt. Es hätte ein abgekartetes Spiel sein können, Ruby in die Falle zu locken, doch gleichzeitig war Kaya auch der Schlüssel gewesen, überhaupt erst Zugang zum Rudel zu erhalten.
Sie schüttelte den Kopf, verwirrt und diese Verwirrung war es, die so schwach machte. Man zögerte und andere nutzten es aus, weil sie einen Plan hatten, den Ruby nicht hatte.
Sie wollte nach Tagen mal wieder Kontakt haben zu ihren Jungs. Sie wusste, dass sie im Kampftraining waren und das würde auch sie erwarten. Und das, was Shashi sie gelehrt hatte, würde ihr dabei helfen. Wenn die Zeit kam, würde sie es begreifen.
Sie schreckte aus Gedanken auf, als sie an ihrem Futtersee Eska sah, die in Menschengestalt auf dem Eis hockte. Ihr langer roter Mantel umhüllte sie, die Augen hatte sie geschlossen.
"Nur dich!", schossen ihr auf einmal Fabs Worte durch den Kopf. Wann hatte er ihr das gesagt?, fragte sich Ruby innerlich. Das letzte Mal hatten sie so richtig auf der Flucht Kontakt gehabt. Ruby setzte sich in den Schnee und wedelte mit ihrer Rute etwas davon zur Seite.
Tatsächlich hatte das Rudel vorzugsweise sie angegriffen, sie bedroht und sie gejagt. Sie hatte es am Schwersten gehabt, aus dem Kreis zu entkommen, denn nach ihr hatte man gebissen. Und sie fühlte, das Eska die Antwort darauf wusste.

Langsam trat Ruby auf das Eis. Ihre Krallen kratzten darüber. Als sie Eska näher kam, verwandelte sie sich zurück und hockte sich in gebührlichem Abstand neben sie.
Ruby war sich sicher, dass Eska sie bemerkt haben musste. Diese war nicht dumm.
"Ich bin der Feind. Nicht Jay, nicht Fabs. Warum, Eska?" fragte Ruby in die Stille und das leise Murmeln um Eska erstarb.
Sie öffnete die Augen und starrte auf das Eis vor sich.
"Glaubst du, wenn du es mir sagst, werde ich mir irgendeiner Macht bewusst und stürze Sam? Ich bitte dich, ich bin froh, wenn ich wieder Zuhause bin!" grummelte Ruby. Ihr war es jetzt egal, wie die Ältere Frau auf sie zu sprechen war. Sie war ihr diese Antwort schuldig. Immerhin hatte Ruby in ihren Augen genug bewiesen, dass sie Sam nichts stehlen wollte. Sie war sich aber auch sicher, dass das eine Schamanen-Sache, keine Alpha-Sache war.
"Und selbst wenn, könnte ich ihn noch nicht einmal lange halten", fügte Ruby seufzend hinzu.
"Nein, könntest du nicht. Selbst wenn du Sam besiegst, wird Suka die Chance ergreifen und dich vertreiben. Ein Rudel sollte aber nicht von einem ungezeichneten Wolf geführt werden", meinte Eska knapp und Ruby verzog den Mund. Aber sie versuchte sich zu erden. Eska war zwar kurz angebunden und schaute sie nicht an, doch sie redete und das sogar in neutralem Ton.
"Ungezeichnet?" fragte Ruby, um die klamme Konversation am Laufen zu halten. Eska sah sie an, mit ihrem durchdringenden Blick und sie wäre beinahe zurück gezuckt. Es war ihr vielleicht doch lieber, wenn die Frau sie nicht direkt anschaute.
"Wölfe, die gezeichnet sind, wurden zum Blutmond geboren! Wenn am Blutmond der Wolf erwacht, hat Fenrir seine Pfoten im Spiel! Er zeichnet dich als Rudelführer!" sagte sie fest und hielt sich den Kopf, als hätte sie Kopfschmerzen. Dann stand sie auf, ließ die Arme sinken und Ruby tat es ihr gleich. Flog aber gleich wieder hin, weil das Eis verflucht rutschig war.
Sie musste fast über sich selbst lachen, als sie mit dumpfem Knall auf dem harten Eis aufkam und bewunderte Eska's Selbstbeherrschung. Die verzog keine Miene, schaute aber wenigstens wieder weg.


"Nur ein wahrer, gekennzeichneter Wolf, besitzt die Stärke ein Rudel zu führen, andere Wölfe zu verwandeln und bestehende Führer von ihrem Thron zu verjagen. Lediglich seiner Unerfahrenheit wäre es geschuldet, wenn sein Rudel erfolgreich durch reine Stärke meutert. Für einen Führer gegen einen Rudelführer jedoch, reicht manchmal reine Willenskraft aus. Doch von einem ungekennzeichneten Wolf geführt zu werden, bedeutet, angreifbar zu sein, denn jeder Einzelgänger kann ein solches Alpha stürzen. Es ist ein System, das für Ordnung sorgt!" sagte Eska hart und schaute in Ruby's Richtung, aber irgendwie durch sie hindurch.
"Mich verwirrt sie eher", gab Ruby zurück und stand dieses mal vorsichtiger auf. Eska verwandelte sich und verschwand, ehe Ruby ihr folgen konnte. Immerhin hatte sie ihr mehr Worte abgeluchst, als sie vielleicht jemals zu hören bekommen hätte.


Da sie Streber spielen wollte, ging sie ins Lager zurück. Stift und Zettel? Den Luxus hätte sich Ruby gönnen sollen.
Eine riesige Tortour: Der Schnee musste herhalten.


Gekennzeichneter Wolf(Blutmond) -> Nur von seinesgleichen zu besiegen

Ungekennzeichnet(Kein Blutmond) -> Kann nur unerfahrene Blutmond-Wölfe überlisten, aber von jedem besiegt werden


Jetzt, da sie es selbst schrieb, war es ihr leichter. Sie war also eine geborene Führerin. Deshalb hatte sie Jay und Fabs verwandeln können und deshalb war sie für Eska so eine Gefahr gewesen. Nicht, weil sie Sam so lieb hatte, sondern weil Ruby nicht gegen Suka angekommen wäre. Die scheinbar auf Sam's Alpha-Posten scharf war.
Ruby lehnte sich zurück und fuhr sich seufzend durchs Haar. Laut Shashi war die beste Gelegenheit auch den Rest zu lernen Sedna. Sie war Eska am Nächsten und war ein adäquater Ersatz für deren fehlende Mithilfe. Obwohl Ruby sie vor Fenrir freisprechen würde. Sie hatte ihr gerade sehr geholfen, wenn auch vielleicht unbeabsichtigt. Dieses Wissen würde ihr in der Unsterblichkeit sicher noch nützlich werden.
Bevor sie jedoch die hübsche Wölfin aufsuchte, schlich sie sich an die Jägerriege heran. Erst einmal kontrollierte sie die Lage. Diese Ecke des Lagers war verlassen, bis auf ein paar Wenige Verbliebene. Darunter ein rothaariges, verwittertes Mädchen unter einer Haube, die sie vor beißendem Wind schützte und kleine Steine zu Pfeilspitzen schliff. Ruby's Blick wanderte weiter und sie sah den Bärenjäger, den grauen bulligen Rüden, der den Jungs wohl gerade das Kämpfen beibrachte.
Das Mädchen entdeckte sie sofort und beobachtete sie misstrauisch mit ihren wasserblauen Augen. Ruby wollte nicht wie ein Eindringling wirken, auch wenn sie jetzt lieber auf Abstand geblieben wäre.
"Hey..", sagte sie leise, bevor sie näher kam. "Ich glaube, wir kennen uns noch nicht." Ruby versuchte es mit einem Lächeln.
"Ist das denn so schlimm?" fragte das junge Mädchen und Ruby's Lächeln gefror. Sie ließ sich von dem Alter der Menschen hier wieder zu sehr irritieren.
Sie unterdrückte aus gastlicher Höflichkeit ihre wahren Gefühle und Reaktionen dauernd. War es nicht das, was in dem Wolf gemündet war? Was Fenrir ihr hatte austreiben wollen? Ruby schüttelte den Kopf. Nun begann sie ihn schon wahr zu nehmen, wie einen alten Bekannten.
"Nein, auf deine Bekanntschaft kann ich notfalls auch verzichten. Wenn ich gehe, werde ich nicht mal mehr deinen Namen wissen. Aber wozu auch, es wird nie einen Grabstein geben, auf dem er stehen muss", knurrte sie und wurde zuletzt richtig makaber. Das einem fremdem Gastgeber zu sagen war.. ja.. unmenschlich. Aber irgendwie tat es gut, wäre da nicht das schlechte Gewissen. Wie erzogen sie war. Aber dieses Gewissen löste sich bald in Wohlgefallen auf, denn das Mädchen lächelte zum ersten Mal bei ihren Worten und es sah ehrlich aus.

Vermutlich verabscheuten die Wölfe hier einen Menschen, wenn sie ihn am Verhalten erkannten. Aber man selbst zu sein, gegen alle Hürden der Höflich- und Unhöflichkeit. Das fand Ruby wirklich schwierig. Schwieriger würde nur, nicht verletzt oder verunsichert zu sein, wenn solche Sprüche sie selbst mal trafen.
Es schien dem Eisrudel zu beweisen, dass ihre Kultur sich von der, der Menschen unterschied.
"Man ruft mich Sesi", sagte das Mädchen und durchbrach Ruby's Gedanken.
"Und du bist Ruby. Du hast da zwei Bodyguards und kein Rudel. Du musst ihnen zeigen, dass du auf sie Acht gibst und sie verteidigst und nicht sie dich", fügte sie hinzu. Ihre Stimme war hell, aber nicht piepsig und hatte einen Klang wie dünnes Eis, welches jederzeit zerbrechen konnte.
"Gut gebrüllt. Aber ich weiß nicht, wie ich es schaffe, dass sie mich nicht mehr als Prinzessin wahrnehmen", meinte Ruby seufzend.
Sesi lächelte kühl auf Ruby's Sorgen.
"Verhalt dich nicht wie eine und zeig ihnen, dass du die Dinge leiten kannst. Sie können dich beraten, aber sei selbstbewusster. Das bringt Risiko mit sich, aber steh zu deinen Entscheidungen und lass keinen Gedanken an Zweifel aufkommen", erwiderte sie, während sie die Jungs beobachtete, die sich wirklich ins Zeug legten. In den Tagen hatten sie beachtlich viel gelernt. Nanuq schien ein guter Lehrer zu sein, aber die Zeit, an der sie ihn kennen lernte würde wohl noch kommen.
Es dauerte noch eine Weile und ein paar zur Schaustellungen, bevor sie mal wieder Kontakt zu ihren Männern haben konnte. Sie ließ sich Sesi's Worte durch den Kopf gehen. Vermutlich hatte sie recht. Und beim Waldrudel würde sie aus ihren Fehlern lernen.

"Hey, ihr seht ja richtig gut aus", meinte Ruby grinsend und stand auf, um mit Fabs und Jay etwas auf Abstand zu gehen.
Tatsächlich wirkten sie in Menschengestalt etwas wie durch den Fleischwolf gedreht. Besonders Jay.


"Das Leben ist echt krass. Ich hab kaum noch Zigaretten und der Akku geht zu neige. Ich glaub ich halt das nicht mehr lange durch. Und heute ist auch noch Jagd", seufzte er und schüttelte den Kopf. Fabs grinste nur.
"Das mit dem Akku ist scheiße. Aber zum Glück hab ich nicht mit Sucht zu kämpfen. Aber ja, wie das mit der Jagd wird... ich hab noch nie so viele taffe Frauen auf einen Haufen gesehen. Krank." Fabs warf einen Blick über die Schulter.




"Naja wir müssen gleich noch die Taktik durchsprechen. Sonst gibts nichts zu essen", meinte er, legte kurz eine Hand auf Ruby's Schulter und verschwand wieder. Sie schaute ihm irritiert nach.
"Engagiert was? Er soll mal nicht zu sehr streben. Ich glaub er hat sich in Nukka verguckt. Die beiden sitzen nur aufeinander", meinte Jay Augen verdrehend. Ruby gab nur ein leises "Oh", von sich auf diesen Kommentar und es regte sich tatsächlich etwas Eifersucht in ihr. Es waren schließlich immer irgendwo ihre Jungs gewesen auf diesem Trip und jetzt wurde ihre Gesellschaft gerade gegen andere ersetzt. Außerdem hatte besonders Fabs zu Hause eine Freundin sitzen! Das konnte er doch nicht bringen, nur weil sie mal stritten.
"Und, wie läufts bei dir so?" riss Jay sie aus ihren Gedanken und Ruby zuckte die Schultern.
"Die Schamanen sind nett. Ich hab sogar Eska dazu bekommen, kurz mit mir zu reden. Ich werde es euch weitergeben, wenn ich in der Jägerriege bin, eurem kleinen geheimen Club da. Und es gibt ne Menge zu lernen, da seid euch sicher. Naja, ich muss jetzt zu Sedna. Dann geht mal Taktik besprechen", meinte Ruby und all ihre guten Vorsätze waren wieder dahin. Sie klang pikiert und hinten angestellt, statt sich zu behaupten und zu zeigen, dass sie immer noch die Führung für die Zwei hatte.
Jay nickte leicht, schaute sie aber unglücklich an.
"Okay, dann lass dich nicht aufhalten..", meinte er und schaute ihr nach. In ihrem verletzten Stolz merkte sie nicht wirklich, dass sie ihr treuestes Mitglied leiden ließ. Fabs war nie richtig drin gewesen. Es war, als hinge er an einem äußeren Faden eines Netzes, dass ihn nicht los ließ. Vielleicht sollte sie es ihm einfacher machen. Sollte er sich doch dem Eisrudel anschließen.

Ruby biss die Zähne aufeinander und musste doch erst einmal runterkommen. Deshalb machte sie einen Umweg. In Wahrheit erwartete sie Sedna erst spät Abends, also ließ sie wenigstens niemanden warten.
Heute Nacht war Aurora- das Polarlicht- und sie wollte Ruby dabei wissen. Gerade war Ruby aber einfach nur zu frustriert. Sie wusste nicht, wie sie sich jemals als ein Alpha behaupten sollte.
Das erste Mal ergriff sie die Angst, sie würde Fabs an das Eisrudel verlieren. Er schien, anders als Jay, das Leben momentan gar nicht so zu vermissen, wie er es kannte. Auch nicht seine Freundin, denn diese Nukka spielte offenbar Ersatz. Natürlich baute sich gleich eine Mauer der Antisympathie für die Wölfin auf, auch wenn sie sie vermutlich nicht kannte. Höchstens als eine der Angreifer.
Ruby beobachtete von ihrem Platz aus, wie die Zwei sich unter die Jäger gesellten, als gehörten sie schon Jahre dazu.
"Sei nicht frustriert. Mir ist niemand geblieben, den ich je verwandelt habe", erklang eine Stimme hinter ihr. Sie war dunkel, aber man hörte den rauen Unterton des Alters.
Ruby schaute sich um und sah Sam hinter sich stehen. Ein gealterte Mann mit weißem kurzem Bart und weißen Haaren. So ungepflegt wirkte er gar nicht. Er war in einen schwarzgrauen Mantel gehüllt und hatte schwarze Handschuhe an.
Langsam ließ er sich neben ihr nieder, bedächtig, als müsste er es langsam angehen lassen. Vielleicht waren sie wirklich angreifbarer in ihrer Menschengestalt.

"Sie kommen dir auf unterschiedliche Weise abhanden. Sie haben sich mit dem Leben überfordert, können sich nicht unterordnen oder es liegt
an der Unerfahrenheit eines Blutmondwolfes. Ich glaube manchmal, man sollte Fenrir die Aufgabe überlassen, wen er verwandelt und wohin er sie schickt." Sam klopfte ein bisschen Schnee von seinem Mantel und beobachtete die Jäger aufmerksam, die ihre Jagdstrategie einstudierten. Shashi hatte ihr gesagt, dass sie größeres Wild suchen mussten, damit das Rudel versorgt war.
"Ich möchte nicht, dass sie mir abhanden kommen.. sie sind doch meine Freunde. Aber ich weiß nicht, wie ich sein muss. Ich weiß nicht, ob ich das kann", sagte Ruby niedergeschlagen.
"Die härteste Regel, die du als Wolf lernen musst, ist, dass du ein Leitkonzept haben musst, mit dem du dich identifizieren kannst. Mit dem du klar kommst und das du ohne jeden Widerstand zu dulden, durchsetzen kannst. Dazu muss man mit seinem Konzept im Einklang sein. Der schwere Teil daran ist, dass sich Rudelmitglieder daran stoßen können und dann dem Rudel entsagen. Doch da musst du durch. Du kannst es nicht jedem Mitglied recht machen. Wenn du es versuchst, bist du kein guter Anführer und keiner, der lange einer bleibt", erklärte Sam. Ruby hatte etwas in die Richtung befürchtet. Am ehesten entglitt ihr gerade Fabs. Deshalb schenkte sie ihm die meiste Aufmerksamkeit. Das sollte sie vielleicht lassen. Langsam musste sie sich eine To-Do-Liste erstellen. Sie hätte nicht gedacht, dass es so viel gab. Das man sich so ändern musste.
"Mussten alle Wölfe diesen Weg gehen? Sich komplett ändern oder anpassen... und wenn nicht, was ist mit ihnen?" fragte Ruby schließlich neugierig. Sie konnte nicht glauben, das jeder Wolf in einem Rudel untergebracht war, wie in einem Verein.

Sam lächelte bedächtig, da fiel ihr etwas ein.
"Einzelgänger", gab sie einsilbig von sich und er nickte.
"Wilde Einzelgänger sind es, die hier vorherrschen. Die Gefährlichsten  wechseln zwischen den Rudeln. Manche greifen ohne jeden Grund einfach an, andere versuchen die erjagte Beute zu stehlen. Manche sind einfach Zwielichtig. Wir halten sie auf Abstand, das ist das Sicherste für alle. Es gibt aber auch Einzelgänger, die sich dadurch auszeichnen, dass sie ihr Leben einfach leben, als Mensch und hin und wieder Gebrauch von ihrer Gabe machen. Diese Möglichkeit besteht jederzeit auch für euch. Obwohl ich von keinem Einzelgänger weiß, das er am Blutmond geboren wurde. Fenrir vergibt besondere Fähigkeiten nie leichtfertig. Würdest du sie nie nutzen, wäre es Verschwendung."
Ruby verzog das Gesicht. Natürlich war es nicht unbedingt ihr Wille eine Marionette von irgendeinem Gott zu sein. Der ihr Dinge gab, um die sie nicht gebeten hatte. Das Ganze war mit so viel Arbeit verbunden, dass ihr neben ihren üblichen Sorgen fast der Kopf platzte.


Am Abend besuchte sie Sedna. Sie musste weit in die Eiswüste hinaus gehen, bis sie den Wolf auf einem Felsvorsprung fand. Darüber tanzten die Lichter in so faszinierenden Farben, dass Ruby am liebsten stehen geblieben wäre und ihren Blick nie wieder abgewandt hätte.
Ihr rotes Fell wehte im eisigen Wind, als sie sich an den Aufstieg machte und sich schließlich neben die hohe Schamanin setzte.
"Ich bin deine letzte Station, ehe du zu den Jägern zählst. Ich will dir versuchen, den Rest unserer Ansichten beizubringen. Was hast du bisher gelernt?" wollte Sedna wissen, hatte ihren Blick aber weiterhin auf die Polarlichter gerichtet.
Ruby warf ihr einen kurzen Blick zu und sog dann tief die Luft ein.
"Ich habe gelernt, dass ich eine Leitwölfin bin, weil das Silberblut in mir am Blutmond erwacht ist. Ich habe gelernt, dass Fenrir, der Kettenwolf, die Gottheit ist, die uns nach seinem Bild erschaffen hat und dass das Eisrudel ihm huldigt. Außerdem das die Menschen durch ihr leichtfertiges Denken manipulierbar sind. Sie glauben, dass es nur einen Gott gibt, aber es gibt viele. Man muss sie anerkennen, aber nicht allen huldigen. Menschen denken, es gibt gut und böse, aber für Wölfe existiert das nicht. Licht und Schatten wohnt jedem inne. Dem.. Schattenrudel besonders die Dunkelheit, doch sind sie nicht böse. Sie sind ihrem alten Leben einfach nur ferner..", listete Ruby auf. Sie hatte sich wirklich Mühe gegeben und wollte nicht nur sagen, was man ihr gesagt hatte, sondern auch so, wie sie es verstanden hatte. Sie wartete eine gefühlte Ewigkeit, bis Sedna zufrieden nickte.
"Wie ich sehe hast du also auch mit Eska geredet. Das freut mich und ihr widerwilliger Segen erleichtert mir die Arbeit sehr", begann Sedna und schloss die Augen.
"Ich werde dich heute an einer Vision teilhaben lassen. Ich kann nicht steuern was du siehst, nur das du eine hast. Dafür musst du dich aber völlig fallen lassen und Fenrir als Freund begrüßen. Unter normalen Umständen haben Schamanen einen durchgehenden Kontakt zu ihren Ahnen. Leider ist uns das nicht möglich und so ist Fenrir unsere einzige Verbindung, über Visionen und Träume", begann Sedna. Ruby versuchte es mit dem Augen schließen, aber es brauchte eine Weile, bis sie sich da vertrauensvoll fallen lassen konnte.
"Weil Wölfe unsterblich sind. Gibt es keine Möglichkeit- für solche, die diesem Leben entkommen wollen?" fragte sie vorsichtig. Es war noch lange nicht in ihrem Sinne, aber die Möglichkeiten zu kennen...

Sedna seufzte. Als Ruby sich fallen ließ, begannen Sedna's Zeichnungen zu leuchten und auch etwas die unscheinbaren Zeichnungen von ihr. Ruby sah auf einmal ein grünes Tal, an den ein Wald grenzte. Ein mächtiger Hirsch stand davor.
Die Neugierde machte es einfacher sich fallen zu lassen. Die wolkenhafte Vision erinnerte sie sehr an ihren Traum damals.




"Das ist Tapio. Er ist neben Fenrir einer der wenigen Götter mit irdischer Verbindung, von denen wir wissen. Und die uns in unserem Leben sehr präsent sind. Tapio ist ein Feind von Fenrir, denn während Fenrir die Unsterblichkeit und die Unbesiegbarkeit durch Macht vertritt, steht Tapio für die Jagd, das Töten des Schwächeren durch den Stärkeren und die Vergänglichkeit. Den Menschen ist er als Mensch mit einem Speer bekannt, in Felle gehüllt. Den Wölfen als Hirsch. Es gibt Stämme, die freiwillig ihm huldigen und Fenrir entsagen. Ein fataler Fehler, den man niemals begehen sollte. Für Wölfe, die ihre Gabe fälschlicherweise als Fluch betrachten und dem Leben entsagen wollen, gibt es die Möglichkeit Tapio zu huldigen, bis er ihm erscheint. Dann kann er ihn um den Tod bitten. Als Gott hat Tapio die Macht, die Unsterblichkeit vom Silberblut zu nehmen und ihm eine neue Gestalt zu geben. Er wird ein Hirsch, oft mit Runen geschmückt, die Fenrir's Symbole ersetzen und zur Jagd freigegeben. Mir ist kein Hirsch bekannt, der an Altersschwäche gestorben ist, aber es mag sie geben. Sie haben jedoch nicht mehr die Macht, ihre Menschengestalt anzunehmen. Ab da bricht jeder Kontakt zu Fenrir ab, es ist eine Einbahnstraße ohne Zurück. Und wir haben keinen Kontakt mehr, denn Fenrir duldet diese Schandtat nicht", hörte sie Sedna's Stimme zu der Szenerie. Ruby fiel der durchdringende Blick des Hirsches auf. Etwas, was normales Wild nicht unbedingt hatte.
Ruby schaute weg und die Szenerie änderte sich.
"Absofort ist es dein Traum..", hörte sie Sedna's Stimme noch untergehen. Alles blieb schwarz. Doch es war kein schwarz, wie jenes, wenn man schlief, sondern eher ein wirbelndes, waberndes.
Fenrir.. lass mich sehen..., dachte Ruby und versuchte angestrengt, sich etwas vorzustellen, doch ihr Blick blieb verklärt. Es war ihr als verliere sie sich ein wenig im Schlaf.




Dann blitzten Bilder auf. Die Verwandlung in einen Wolf. Sie erkannte Iluq, ganz kurz.
Dann war dort die eisige Landschaft, wechselte sich schließlich ab mit einem dichten Laubwald. Es war, wie eine Reise in sehr erhöhtem Tempo. Der Wald, den sie sah war dunkel und in dichten Nebel gehüllt. Ein riesiger schwarzer Schatten stand dort, in der Form eines Wolfes, mit spitzen, langen Ohren.
Er schnaubte und kleine Schwaden stiegen zum Himmel, ehe er den Kopf leicht hob und die karmesinroten Augen öffnete.
Ja, der Wald ist mein nächstes Ziel..., dachte Ruby. Das wusste sie. Sie würde nur noch mit dem Eisrudel jagen und die Gepflogenheiten der Jäger kennen lernen, aber dann war es soweit. Seltsam war nur, dass Iluq ihr erschienen war im Wald. Er gehörte schließlich als Exot dem Eisrudel an. Oder war das nicht schon immer so gewesen? War er einst Teil des Waldrudels gewesen?

Ruby wollte sich aus der Illusion zurück ziehen, die ihr nichts Neues berichtete, als auf einmal eine tiefe, rauchige Stimme einen Namen flüsterte.
Knochenwolf...




Das Wort hallte in Ruby's Kopf. Sie sah knallgelbe Augen, zu einem weißen, großen Wolf. Er war ähnlich riesig wie Sam, aber sehr viel wilder und agiler. Ein schwarzer Wolf sprang ihn an und sie kämpften. Dann erstarb die Illusion auf einmal und Ruby erwachte mit einem Bellen, war wieder auf allen Vieren.
Sie unterbrach Sedna, die sie überrascht anschaute. Und sie nahm Ruby's geschockten Blick ernst.
"Was hast du gesehen?!" fragte sie und richtete sich langsam auf. Ruby wandte die Ohren unsicher nach hinten. Durfte sie darüber reden? Mit wem, wenn nicht mit den Getreuen Fenrirs?
"Ich habe gesehen, dass mein nächstes Ziel das Waldrudel ist. Ich soll es auch besuchen, nicht nur eines", begann sie und Sedna zog die Lefzen hoch. Ihr schien der Gedanke zu missfallen. Allgemein war das Eisrudel nur negativ über das Waldrudel im Bilde. Das konnte ja spannend werden.

Sie entschied sich, dass mit Iluq in Erfahrung zu bringen, wenn es soweit war. Da konnte sie ihn vielleicht besser selbst fragen.
"Da war noch etwas.. als ich mich gerade aus der Vision zurück ziehen wollte, tauchten andere Bilder auf, kurz nur. Ich hörte eine Stimme, dunkel und rauchig...", setzte Ruby noch völlig durch den Wind an.
"Fenrir..", flüsterte Sedna. Der Kettenwolf sollte persönlich zu der Neuwölfin gesprochen haben? Sie konnte es nicht fassen.
"Er sagte.. Knochenwolf.. und da war ein schneeweißer, riesiger Wolf mit gelben Augen. Er wirkte sehr aggressiv. Er hat mit einem schwarzen Wolf gekämpft", schloss Ruby noch immer überrumpelt. Sedna schien kaum nach zu kommen und nickte.
"Ein Krieg. Wie groß oder klein und wer ihn ausfechtet ist uns nicht bekannt. Aber das wird dich betreffen. Reise weiter, wenn du hier fertig bist und zögere nicht zum Waldrudel zu kommen. Es missfällt mir zwar, aber... Fenrir scheint es ernst zu meinen", sagte Sedna fest und stand auf. Sie nickte Ruby zu und führte sie schließlich zurück zum Lager und in ihr Zelt. Wieder in Menschengestalt, hob sie ihre Kapuze über den Kopf und lächelte schwach.
"Ruh dich ein wenig aus. Bald sind die Anderen von der Jagd zurück. Und ab morgen wird es hart für dich", verabschiedete sie sich.

Das alles war so plötzlich gegangen, dass Ruby sich wie in einem dunklen Keller stehen gelassen fühlte. Sedna schien etwas vor zu haben, aber sie weihte Ruby nicht ein. Diese ließ sich langsam auf ihre Pritsche sinken, so abrupt, wie sie wieder abgestellt worden war, aber sie konnte sich nicht überreden, zu schlafen oder sich gar hin zu legen. Sie nahm es der Schamanin übel, dass sie offenbar etwas mit ihrer Vision trieb und sie nicht einweihte, dabei hatte Fenrir es IHR gezeigt und nicht dem Rudel. Das hatte doch etwas zu bedeuten!
Ruby schlug wütend auf die Pritsche und harrte der Dinge die da kamen. Von diesem Moment an, konnte sie nicht mehr die Augen schließen, ohne die zwei Wölfe vor sich zu sehen.
Aggressiv kämpfend und die Stimme immer im Hinterkopf.
Knochenwolf...


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BeitragThema: Re: Silberblut   Mo Jul 03, 2017 3:49 am

Gesetze der Jagd





Ruby hatte die Lehren der Schamanen nun wohl zu genüge gehört. Die Jagd der Nacht war erfolgreich und erst danach- mit vollem Bauch- hatte sie schlafen können. Sie hatte einen Hunger gehabt, dass ihr das rohe Fleisch egal gewesen war. Von der Beute hatte man ohnehin nicht mehr so viel erkannt.
Die Schamanen zogen sich zurück und gedachten der erfolgreichen Jagd, während Sam Ruby offiziell der Jägerriege zuteilte.
Mit einem eher unguten Gefühl in der Magengegend ließ sie das geschehen. Sie hatte sich noch nicht wirklich viele Gedanken darüber gemacht, wie das Jagen als Silberblut wohl war. Die Jäger feilten ständig an ihrer Taktik, hatten feste Plätze und Aufgaben für eine erfolgreiche Jagd. Ruby hatte erst einmal angenommen das nichts gegen ein Silberblut ankam. Sie waren groß, stark und gepanzert bzw. gut bewaffnet. Sie hatte nicht bedacht, dass das vor allem dienlich war in der direkten Konfrontation. Sie waren so stark, wie ein Wolf es eben war, wenn er so riesig war. Sie hatten nicht ungewöhnlich mehr Beißkraft(die eines Wolfes war schon zu genüge hoch) nur härtere Zähne, sie waren auch nicht außergewöhnlich schnell oder hatten sonstige 'Superkräfte'. Schließlich kämpften sie nur gegeneinander und jagten alles, was ohnehin im Duell schwächer war.
Und sie hatten es nicht weniger schwer im tiefen Schnee voran zu kommen.

Ruby seufzte leise und betrat das untere Gebiet der Jäger. Zwar waren sie hier in einer strengen Hackordnung eingeteilt und die Jäger bildeten dabei das Schlusslicht. Allerdings waren sie keine unterdrückte Gattung. Sie sorgten dafür, dass das Rudel hier draußen überlebte und dessen waren sie sich bewusst. Die Jäger des Eisrudels waren besonders rau und hartgesotten und mussten das auch sein. Hier würde Ruby merken, was Sesi mit dem Prinzessinnen-Kommentar gemeint hatte. Tatsächlich spürte sie schon jetzt, dass sie froh wäre, dass das hier nie ihre Lebensaufgabe werden würde. Selbst dann nicht, wenn sie dem Rudel beitreten würde. Aber sich etwas von den Jägern anzunehmen würde ihr vielleicht raushelfen aus dieser Misere.
Trotzdem, als sie so den kleinen Hügel in ihr Lager hinab ging und die Grüppchen sah, wurde ihr mulmig. Wo würde sie sich da wohlfühlen können?
Suka stand mit ihrer jüngeren Schwester zusammen und die Blicke der Beiden schnitten Ruby in Scheiben.
Fabs und Jay waren mit Iluq bei Nukka. Diese saß fröhlich in ihrer Mitte, während Iluq und Fabs an ihr klebten wie zwei sabbernde Gockel. Jay saß etwas genervt daneben und spitzte erst die Ohren, als er Ruby entdeckte.
Nanuq saß in Menschengestalt neben Sesi und band ungewöhnlich geschickt die Pfeilspitzen, die sie gestern hergestellt hatte, an die dafür vorgesehenen Stöcke. Sie sah ihn das erste Mal in Menschengestalt.
Am liebsten hätte sich Ruby direkt zu Jay gesellt, doch vorher war es Brauch, sich der Jagdleiterin zu stellen.

Also trat sie auf sie zu. Suka sträubte das struppige Fell und umrundete sie schließlich skeptisch. Sie war etwas kleiner als ihre Schwester und Ruby, dafür aber angeblich die Schnellste aus dem Rudel.
"Du sollst uns also die nächsten Tage bereichern", stellte sie fest und man hörte ihr ihre Zweifel an.
Ruby legte die Ohren an und warf ihr einen kühlen Blick zu. Die letzten Tage hier, bestätigte sie gedanklich.
An Suka gewandt meinte sie:
"Du wirst schon einen Platz für mich finden", denn das war ihre Aufgabe. Siku knurrte leise.
"Das werde ich. Bist du vertraut mit dem Töten eines Lebewesens?" Suka stand jetzt direkt vor ihr und schaute ihr mit ihrem stechenden Blick in die Augen.
"Nein", beantwortete sie sich die Frage selbst. "Aber du wirst, egal wie schwer es dir fällt. Die Jägerriege ist ein Zusammenschluss der nicht funktioniert, wenn ein Mitglied schwächelt. Jeder hat seinen festen Platz in diesem Uhrwerk. Du wirst dich nicht weigern, denn sonst hast du kein Anrecht auf die Beute. Du wirst nicht zögern und uns nicht hängen lassen. Sonst geht das komplette Rudel leer aus", sagte sie eisig. Ihre Augen waren zu schmalen Schlitzen verengt und ihre Ohren hatte sie tief in den Nacken gelegt. Beinahe Nase an Nase standen sie da und Ruby dachte gar nicht daran, zurück zu weichen. Vielleicht hätte sie das tun sollen. Aber Suka hatte ja nichts zu befürchten, mit ihrer kräftigen kleinen Schwester, die diszipliniert ihre Position hielt und Ruby so fest fixierte, dass sie jedes Muskelzucken wahrnehmen würde, ehe Ruby das selbst tat.
Nach gefühlten Minuten löste sich Suka und trat wieder in Richtung von Siku.
"Du kannst dich mit deinen Rudelmitgliedern vertraut machen. Das ist wichtig. Im Gegensatz zu den Schamanen sind wir auf unbedingte Zusammenarbeit entgegen jeder Sympathie angewiesen. Differenzen haben während der Jagd keine Bedeutung mehr."
Suka wandte sich wieder in ihre Richtung. Ob sie gar nicht anders konnte, als ihr langes Fell zu sträuben?
"Dein Training in der nächsten Zeit werden Kaninchen sein, keine Fische. Sie sind wendig und schnell. Wir werden deine Stärken herausfinden und dann daran arbeiten. Iluq wird dein Kampflehrer", fügte sie hinzu. Ruby musterte sie etwas.
"Kampftrainer?" fragte sie. Das die Jungs kämpfen lernten fand sie ganz gut, aber scheinbar musste das jeder Können. Nur, weshalb? Was hatten sie zu befürchten?
Suka zog die Lefzen hoch.
"Einzelgänger. Ganz gleich, ob sie aus Spaß angreifen und das Rudel schwächen oder sich der Piraterie verschrieben haben, die einem die Beute streitig machen. Sie müssen abgewehrt werden und wir Jäger sind dafür zuständig", entgegnete sie kühl.

Ruby nickte schließlich geschlagen gebend. Sie zog es vor, nicht mehr als das Nötigste an Worten mit Suka zu wechseln. Sicher war sicher.
Aber sie konnte sich endlich zu Jay gesellen, der ihr schon zufrieden entgegen kam.
"Charmante Dame, was?" fragte er schelmisch und Ruby spürte gerade, wie sehr sie das vermisst hatte und drückte ihn sanft mit ihrem Kopf an sich.
"Hauptsache ich hab dich wieder etwas um mich", sagte sie lächelnd. Das war Ruby wirklich das Wichtigste. Das würden noch harte Wochen werden.
"Jetzt wird alles gut. Jetzt musst du nicht mehr den Kopf anstrengen, nur noch den Körper", feixte Jay mit einem musternden Blick über sie. Ruby knurrte leise.
"Behalt dein Blut im Kopf, den wirst DU nämlich brauchen", gab sie zurück. Und das meinte sie ernst. Sie musste sich ein Konzept ausdenken. Diese Diszipliniertheit des Eisrudels faszinierte sie. Das wollte sie auch. Aber sie wusste, dass sie das nicht halten konnte. Sie war nicht knallhart. Gott bewahre, sie würde es nicht ertragen jemanden in ihren Reihen zu haben, die sie dauernd stürzen wollte, wenn sie Schwäche zeigte. Der psychische Druck würde sie kaputt machen.
Wäre sie Sam, hätte sie Suka verbannt. Allerdings hätte sein Rudel ohne sie nicht dieselben Qualitäten.
Im Laufe des Tages berichtete Jay ihr ausführlich, was sie für ein Talent war und das die meiste Beute ihr zu verdanken war.
"Dann wisst ihr ja, was ihr bald können müsst", scherzte sie mit einem gewissen ernsten Unterton.

Leider war es gar kein Zuckerschlecken nach zu kommen. Suka kreuze ab und zu ihren Weg und wies sie dunkel knurrend darauf hin, dass sie nicht mehr lange Zeit hatte, diejenigen kennen zu lernen, mit denen sie nicht dauernd zu tun hatte und Zähne knirschend schaute Ruby sich um.
Kampftraining wäre etwas, dass sie gerne hinter sich bringen würde, aber dann müsste sie auch zu Fabs und Nukka.
Sie gestand Jay heimlich ihre Sorgen und dieser verstand. Er lief auf Fabs zu und riss ihn um in den Schnee. Das gefiel diesem gar nicht und die Zwei begannen sich mit einem ohrenbetäubend lautem Grollen zu bedrohen und das Fell zu sträuben. Ruby nutzte die Zeit und setzte sich zu Nukka und Iluq.
"Wenigstens haben sie gelernt, das Posen manchmal alles ist", sagte Iluq und schüttelte den massigen Kopf.
Ruby stieg direkt drauf ein.
"Das ist dann wohl meine erste Lektion was?" kam es scherzend von ihr und sie drehte Iluq ein Ohr zu. Dieser schaute sie überrascht an, dann neigte er den Kopf.
"Man muss nur wissen, wann man es riskieren kann und erkennen, ab wann mit einem Gegenüber nicht mehr zu Spaßen ist. Das ist nicht leicht und erfordert viel Konzentration, um das Adrenalin in Schach zu halten. Sei nie der Erste, der den Sprung nach vorne macht. Der erste Angriff kann über den ganzen Kampf entscheiden. Aber wenn dir ein Fehltritt passiert, zögere nicht", sagte er und Jay und Fabs führten gerade eindrucksvoll vor, was das bedeutete.
Sie gingen im Kreis wie Tiger, musterten sich abschätzend, nicht ohne laute Drohgebärden.





"Geht man als Rudelführer nicht zwischen so was?, fragte Ruby irgendwann, der nicht ganz wohl dabei war, wenn sie die vampirartigen Zähne der beiden betrachtete. Es sah schon ziemlich gefährlich aus, auch wenn sie hartes Fell hatten.
"Nein, der Rudelführer steht über solchen Streitigkeiten. Du hättest bei einem großen Rudel einfach zu viel zu tun. Du bist eine Führerin, kein Kindergärtner. Sie werden sich nicht stark verletzen. So was würde das ganze Rudel schwächen", antwortete Iluq. Nukka beobachtete alles um sie herum interessiert und ging mit leichtem schwanzwedeln an die Seite, als Iluq Ruby aufforderte, dass die Zwei es jetzt auch mal probierten.

Das war Ruby's Chance, zu zeigen, dass sie kein Prinzesschen, sondern ein ernst zu nehmender Wolf war. Zu diesem Anlass ließ Sesi ihre Arbeit liegen und glitt in einer eleganten Verwandlung als Schaulustige dazu, Nanuq dicht auf ihren Fersen. Sie war nur ein Viertel dieses mächtigen Wolfes.
Trotzdem feuerte sie Ruby an, als würde ihr etwas daran liegen. Sie hörte sie in ihren Gedanken. Und vielleicht war es sogar so. Sesi wollte scheinbar einen Beweis, dass sie sich irrte, wenn sie Ruby als Prinzessin befand.
Ihr war diese Rolle gegeben und sie wollte sich voll darauf einlassen. Iluq begann sie zu bedrohen und sie knurrte dunkel, fletschte die Zähne. Sie merkte nicht, wie Fabs und Jay ihren Streit unterbrachen und Aufmerksam dazu stießen. Schulter an Schulter, als wäre nie etwas gewesen. Jetzt hatte Fabian nur Augen für sie.
Iluq hob den Kopf, trat mit seinen Vorderbeinen mehr unter seinen Körper. Sträubte das Fell um seinen Hals wie eine Mähne und machte sich so groß wie er nur konnte. Dabei öffnete er das Maul vor lauter Grollen und man sah die dolchartig gebogenen Zähne. Und Himmel, er war groß, dachte Ruby.





Doch sie wollte sich nicht beeindrucken lassen. Statt zu versuchen, mit ihm mit zu halten, stellte sie die Vorderbeine mehr auseinander, um einen festen Stand zu präsentieren und sich stattdessen breiter zu machen. Iluq spitzte offensiv die Ohren, Ruby legte sie defensiv in den Nacken. Entblößte ihre gebogenen Zähne, in dem sie die Lefzen bis zum Anschlag hoch zog.
Die beiden bauten so viel Autorität auf, dass die anderen Wölfe mit knurrten, tänzelten und teilweise den Kopf senkten. Selbst Jay und Fabs senkten ihren Oberkörper, legten die Ohren an und fletschten die Zähne gestresst unter Ruby's Ausstrahlung.
Allerdings geriet jene auch unter Druck. Jederzeit konnte Iluq vorschnellen und die Situation zerplatzte wie eine Seifenblase.
Bei Ruby war die Grenze erreicht. Sie stand so unter Spannung, dass sie es schwer hatte, nichts unüberlegtes zu tun.






Sie sollte nicht als Erste angreifen, doch tat sie es trotzdem. Sie schnellte vor und biss Iluq in die Brust. Sie packte ein bisschen Haut und spitzes Fell, als er kläffend zur Seite sprang und den Biss gezielter und fester erwiderte. Sie konnte nicht so gut ausweichen, wie er. Da hatte er recht, der zweite Biss hatte oft den Vorteil.
Aber wenn du es anfängst, zögere nicht, kamen ihr seine vorherigen Worte in den Kopf und das hatte sie jetzt auch nicht vor.
Sie ließ los und biss ihm in den Kopf, ehe sie ihn ansprang und versuchte ihn umzureißen. Da Iluq aber sehr stabil war, stiegen sie sich stattdessen an und bissen immer wieder aggressiv gegeneinander. Die Schaulustigen stoben etwas auseinander und zwei sich anknurrende Lager bildeten sich, die aber hinter ihrem jeweiligen Wolf blieben.Suka umkreiste die Situation weitläufig und Zähnefletschend, aber beobachtete das Ganze bloß, während Nukka sich aus dem gefährlichen Kampfkreis verzog und die Rute senkte.
Sie kamen schließlich auf den Boden auf und trotz seiner Masse war Iluq als erster im Sprung und riss Ruby um. Diese wandt sich wild schnappend und rappelte sich hoch, während Iluq sich beeilte, von ihr fort zu kommen und zur Seite sprang, dabei in ihre Richtung biss und ihr sein Profil zeigte.
Ruby ging sofort wieder in ihre Drohhaltung, senkte den Kopf, kam aber nicht näher.
"Niemals als Erstes zubeißen. Aber du bist nicht schlecht. Hinter dir steckt mehr Temperament, als sich vermuten lässt", lobte Iluq und entschärfte die Situation, in dem er langsam eine Drohgebärde nach der Anderen abstellte. Ruby tat es ihm zögernd gleich. Es war nicht leicht, sich jetzt zu beruhigen und immer mal wieder zog sie noch die Lefzen hoch und blieb zu Iluq auf Abstand. Eine der beiden Wölfe jetzt zu reitzen, wäre eine überaus unkluge Aktion.

Eines hatte Ruby aber geschafft. Die anderen Wölfe schienen beeindruckt von ihr und die Kontaktaufnahme gestaltete sich in den nächsten Stunden als etwas einfacher.
"Na also. Ich wusste, in dir steckt mehr als eine Madam", meinte Sesi zufrieden und schob ihre Nase durch den Schnee. Ruby ging schließlich auf Nukka zu und musterte sie. Von dieser wurde sie nicht mehr länger ignoriert.
Nukka behielt sie im Auge und Ruby trat selbstbewusst auf. Signalisierte ihren Jungs deutlich, dass sie jetzt gar nicht erst her zu kommen brauchten. Sie würde sich von ihnen nicht mehr auf Abstand halten lassen aufgrund irgendwelcher Unannehmlichkeiten.
"Du musst Nukka sein. Fabs und du scheint euch ja gut zu verstehen", meinte Ruby kühl und Nukka legte die Ohren an.
"Ich habe kein Interesse an ihm, wenn du das meinst. Ich umgebe mich lediglich lieber mit Männern, als mit Frauen. Ähnlich wie du", meinte sie sofort und Ruby musste innerlich lächeln, dass sie von ihr durchschaut wurde und mehr noch, dass sie sich gleich in eine defensivere Haltung begab.
Ihr gefiel diese Macht.
"Mach dir mal keine Sorgen ich könnte eifersüchtig sein. Solange sie wissen, wohin sie gehören. Und das soll nicht deine Sorge sein", erwiderte Ruby locker und setzte sich schließlich hin.
"Suka sagt, ich sollte die Leute aus dem Rudel kennenlernen. Ich habe gesehen, wie ihr geübt habt. Du bist der große Überraschungsmoment, soweit ich gesehen habe. Dazu gehört bestimmt viel timing und eine gute Reaktion", spann sie den Gesprächsfaden nun weiter und Nukka taute ein wenig auf.
"Ja, das stimmt. Ich habe hart daran gearbeitet, weil ich recht spät dazu kam und diese Position uns dringend fehlte. Das ist für besonders schnelle Beutetiere und ungünstige Jagdbedingungen sehr wichtig. Siku ist sehr talentiert und hat diesen Part vorher inne gehabt. Sie hat ihn perfektioniert, wie viele andere Positionen auch. Sie ist eine gute Wölfin, die man fast überall hinsetzen kann."
"Klingt, als würdest du Siku sehr schätzen", stellte Ruby fest.
"Ja, sie ist eine gute Freundin. Sie ist sehr Charakterstark, aber nicht ganz so harsch wie Suka. Bevor sie zum Eisrudel kamen, mussten die Zwei sich komplett alleine durchschlagen. Du musst wissen, bei schweren Wetterbedingungen muss man immer einen Plan B haben. Wenn wir an den entscheidenden Plätzen nur einen Wolf haben und der verfehlt, naja, dann wars das. Wir sind auf eine einseitige Ernährung angewiesen, weil es hier fast nur Eis und Schnee gibt. Keine Beeren oder Früchte", erklärte Nukka und man hörte ihr an, dass die Jagd ihr Element war. Es war ihr roter Faden, in dem sie sich vor Ruby sicher fühlte. Immerhin konnte man so auch ein Gespräch am Laufen halten, also, warum nicht?, dachte diese.

"Komm, ich stell dich den Anderen vor. Das ist manchmal einfacher", bot sie schließlich mit einem wölfischen Lächeln an und Ruby nickte ihr zu. Also machte sie zusammen mit Nukka eine Runde durch die Jägerriege.
"Du wirst jetzt bald ganz oft jagen. Suka wird dich an den verschiedenen Positionen einteilen. Jeder von uns weist dich in unsere gewohnten Strategien kurz ein und je nachdem, was du am besten kannst, da wirst du deine erste große Jagd mit machen", erklärte Nukka währenddessen.
Ruby brummte leise.
"Sicher das ich nicht hoffnungslos bin oder Suka mich willkürlich einteilt?" fragte sie besorgt. Nachher irgendwo, wo sie schlecht drin war. Oder sie machte es im Training gut und wenn es drauf ankam...
"Keine Angst. Suka muss dich auf Kurs bringen. Keiner von uns konnte es von Anfang an. Jeder hat mal Beute versaut", winkte Nukka ab, aber Ruby hörte das minimale Zögern.
"Außer Suka", stellte sie trocken fest, worauf Nukka leicht den Kopf hin und her wog.
"Nun ja, sie wählt die Beute und hetzt. Auch ihr sind dabei schon Fehler unterlaufen... das Problem ist, dass sie die meistens nicht als ihre anerkennt. Aber viele von uns sind eben fest platziert und wenig flexibel, wenn die Beute mal vom geplanten Kurs abweicht", sie zog die Schultern hoch und seufzte. Ruby konnte sich langsam ganz gut Suka's Charakter vorstellen. Und sie fand es erschreckend, dass sie mit ihrer Art unter den Wölfen ebenso weit kam, wie sie es in der Menschenwelt gekommen wäre. Arschlöcher hatten irgendwie immer eine gute Chance.
"So, Sesi kennst du glaube ich schon. Sie ist wie Suka eine Hetzerin. Es ist wichtig davon mehr zu haben, bei besonders schneller und weniger Beute, die dennoch in der Lage ist, zum Gegenangriff über zu gehen oder die aufwendig dirigiert werden muss", erklärte Nukka und Ruby nickte Sesi mit innerem Lächeln zu.
"Ich bin genauso gut wie diese Zicke. Ja, Nukka, du kannst es ruhig sagen. Ich könnte sie locker ersetzen, wenn sie ausversehen mal platt gemacht wird und nicht mit kann. Du wirst es sehen Ruby. Aber du bist keine Hetzerin. Du würdest dich an Nukka's Position gut machen oder an Siku's", meinte Sesi selbstbewusst und musterte Ruby als müsste sie sich ihre Bestätigung holen. Aber sie wich nicht von ihrer Meinung ab.
"Ähm, danke Sesi. Ich glaube dir, du würdest eine coole Jagdleitung abgeben. Ich glaube ihr Schneewölfe kommt besser hier voran, als ich", Ruby hob eine Pfote und funkelte Sesi vergnügt hinterher, die zufrieden und stolz davon trabte, wegen Ruby's Worte. Nukka warf ihr einen Blick zu. Ja, dachte Ruby. Das sollte sie sicher nicht sagen. Dennoch fand sie es richtig, Sesi ein gutes Gefühl zu geben. Sie war jung und geradlinig und Suka war eine unterdrückende Chefin. Das Lob würde sie zu keinem gefährlichen Überflieger machen. Es würde eher nutzen. Das würde Ruby bald merken.

Sie wurde weiter geführt und sie sah auch schon ohne Vorstellung das Nanuq der Nächste war. Bei ihm waren Fabs und Jay. Die beiden hingen auch aneinander wie Pech und Schwefel seit sie hier waren.
"Der Bärenjäger", stellte Ruby fest und Nukka schaute sie kurz überrascht an.
"Ja. Er ist dafür zuständig, uns bei großer Beute zu helfen. Er vertreibt und jagt auch Bären im Alleingang, ganz wie sein Titel das vermuten lässt", erklärte sie und senkte leicht den Kopf. Nanuq musterte die Zwei einen Moment, schaute besser gesagt auf sie herab, weil er doch ziemlich riesig war.
"Ist es sehr schwer einen Bären zu töten für ein Silberblut?" fragte Ruby, aber nicht herablassend, sondern ehrlich neugierig. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie der Unterschied zwischen normalem Wolf und Superwolf aus den Geschichten wohl war. Immer wieder ließ sie sich dazu hinreißen, zu denken, Silberblüter hätten es besonders einfach mit ihrer Beute.
Nanuq grinste und entblößte dabei die langen Zähne.
"Er legt sich nicht freiwillig hin. Aber ich betreibe das nicht als Hobby und es ist schon lange her, das ich einen Bären attackiert habe. Man hängt mir diesen Namen an, seit ich den ein oder anderen von der Beute fernhalte und ja, auch mal einen getötet habe. Aber ich betrachte das Töten nicht als Leidenschaft. Es gibt Beutetiere, die uns besser dienen, weil es mehr von ihnen gibt. Ich mag es nicht, Predatoren zu Gejagten zu mache, außer in Zeiten wo das Essen knapp wird", sagte Nanuq und war Ruby sofort ziemlich sympathisch. Auch wenn Suka die Beute aussuchte. Aber sie konnte sich bei ihr vorstellen, dass sie eben auch oft Beute auswählte, wo sie selbst ihre Stärken zeigen konnte. Was nutzte da ein bulliger Bär, gegen den sie nicht ankam?
"Ich habe das Gefühl ich werde hier etwas gedrängt", meinte Ruby. Sie hatte jetzt so schnell Worte mit dem Rudel gewechselt, dass es wie im Zeitraffer war. Dabei hatte sie kaum gemerkt, dass ihr das Ganze mit viel Selbstbewusstsein gelungen war. Iluq hatte es tatsächlich geschafft, sie zu pushen. Das würde sie allerdings auch brauchen. Sie roch die Niederlagen schon in der Luft.

"Suka ist nicht für ihre Geduld bekannt. Sag mir, mit was kannst du dich bisher am ehesten identifizieren, bei der Jagd?" fragte Nanuq und Ruby musste gründlich überlegen. Noch kam ihr das Ganze so unwirklich vor. Hetzen, da hatte Sesi wohl recht, war etwas für die schlanken Schneewölfe.
Töten? Nachher ließ sie aus falschem Mitleid los.
Vielleicht sollte sie auf Sesi hören.
"Irgendwo warten und Falle spielen klingt machbar denke ich...", antwortete Ruby nun abschätzend. Viel anderes blieb wohl leider nicht übrig.
"Gut. Vermutlich brauchst du eine Position, wo du provoziert wirst. Es fällt leichter mit Wut im Bauch zu töten", meldete sich eine Stimme, etwas sanfter, aber ebenso bestimmt wie die von Suka. Es konnte praktisch nur ihre Schwester sein. Sie musterte Ruby von oben bis unten, als sie da so neben ihr stand.
"Mach dich bereit. Suka sucht Kaninchen. Du kannst in der Position anfangen, der du dich gewachsen fühlst. Auch wir wollen keine Energie in hoffnungslose Experimente verschwenden", schloss sie und ging dann in Richtung Wald.
"Nukka kommt mit, der Rest kann hier bleiben", rief Siku und warf den Kopf herrisch in den Nacken. Die Anderen blieben brav im Lager. Auch wenn ihre Rudelmitglieder Ruby widerwillig nachschauten. Sie ließen sie nie gerne gehen. Beide nicht. Das wurde Ruby jetzt erst bewusst.
Sie selbst war völlig überrascht von der Wendung der Dinge, auch wenn Nanuq ihr nur zu nickte. Sie konnte nicht auf den letzten Drücker das Jagen lernen. Bis zur nächsten Jagd musste alles sitzen.

Sie folgte Siku unsicher und Nukka trabte bis auf ihre Höhe. Sie konnten von weitem schon Suka sehen, die hinter ein paar Büschen stand und Aufmerksam auf das Eisfeld beobachtete. Siku wurde langsamer und sie schlichen sich unter die Tannen langsam hinter ihre große Schwester. Diese wandte ihnen nicht einmal die Ohren zu.
"Wir müssen uns gut überlegt verteilen. Siku und ich gehen nach rechts. Siku geht weiter dort rüber. Seht ihr die Büsche? Dort wird sie den Kurs stabilisieren, damit die Kaninchen schräg links Richtung Schneewehe steuern. Nukka macht den passenden Punkt für dich, Ruby, aus und platziert sich als zweite Chance. Sobald du stehst, gibst du das Zeichen", wies Suka ernst an und es ging los. Ruby schlug das Herz bis zur Brust, während sie leicht benommen Nukka hinterher stolperte.
Suka senkte den Kopf, bis sie fast eins wurde mit dem hohen Schnee und Siku tat es ihr gleich. Beide ließen die drei Kaninchen nicht aus den Augen.
Nukka kam an der hohen Schneewehe an, die Ruby etwas überragte.
"Sei die Schneewehe.. sei die Schneewehe", scherzte Nukka und man hörte das Grinsen in ihren Gedanken.
"Ist ganz leichter Schnee. Grab dich so ein, dass du den Weg sehen kannst, wo die Kaninchen lang kommen. Ruhig ein bisschen weiter rein. Wenn sie kommen gehts um die Wurst. Du musst dir eines packen. Bei Kaninchen ist es egal welches. Eine halbe Sekunde vorher musst du vorstoßen. Sie haben zu viel Tempo um so schnell zu reagieren im Schnee. Ist wirklich reine Timingsache. Mach dich nicht verrückt", gab Nukka entspannt von sich. Ruby verzog die Schnauze und grub sich so leise und schnell sie konnte durch, dabei hörte sie Nukka sich entfernen. Sie verlor zwischendurch die Orientierung, legte das Fell eng an und stieß dann niesend nach oben. Sie sah nichts, nur weiß. Gerade ihre Augen und ihre Nasenspitze schaute raus. Hoffentlich war sie richtig. Wenn die Kaninchen nun zu weit vor ihr liefen, würde sie ein anderes Timing brauchen.

Siku's scharfe Augen sahen genau, wo sich der rote Wolf eingrub. Sie warf einen Blick zu Suka und diese wechselte einen Blick mit ihr. Sie trat noch etwas mehr Richtung links. Egal wie viel Sympathie im Rudel herrschte oder nicht. Es war die Aufgabe eines Jeden, den Erfolg der Jagd so hoch anzusetzen wie möglich. Hier gab es keine Tests, keine Experimente oder Mobbing. Das alles hatte keinen Platz. Sie wollten Ruby nicht auf die Probe stellen, sie wollten ein Erfolgserlebnis für jeden von sich garantieren und das musste jedesmal das Ziel sein. Strenge Disziplin erforderte dies und das wurde akribisch durchgesetzt. Suka verstieß jeden, der eine Jagd aus Banalitäten verdarb, fast Augenblicklich. Grobe Fehler wurden streng geahndet. Siku wusste das ihre Schwester gnadenlos war, aber hier sicherte es einem das Überleben. Die Kälte zehrte an den Kräften. Einmal aufgescheuchte Beutetiere konnte man für Stunden vergessen, in denen sie zu schreckhaft war und bis diese Zeit vorbei war, hatten sie viele Kilometer zwischen sich und das Rudel gebracht.
Ein leises Heulen erklang. Nur durch die scharfen Wolfaugen konnte Siku Nukka noch ausmachen. Besonders bei schnellen Kaninchen musste man den Radius ziemlich groß halten.
Diese hoben bereits suchend den Kopf, aufmerksam geworden durch das Wolfgeheul. Siku stieß langsam die Luft aus. Die Luft trug eine hohe Spannung. Sie brachte sich in Position. Hier würden die Kaninchen gleich langkommen. Sie wusste, wie ihre Schwester die Sekunden zählte. Dann sprang die schneeweiße Wölfin gezielt aus dem Schnee und begann, die Kaninchen aufzuscheuchen. Diese stoben auseinander und rannten. Suka drosselte ihr Tempo, damit sie auf Kurs blieben. Siku durfte jetzt nicht zu früh rauskommen, sonst würden sie einen Haken an Ruby vorbei schlagen. Deshalb begann sie an den Büschen entlang zu laufen, anstatt in die Szene zu springen und beschleunigte. Sie kam den Kaninchen seitwärts immer näher, blieb nur eine Nasenspitze hinter denen der Hüpfer, um sie langsam Richtung Schneewehe zu dirigieren.

Nun sah Ruby sie kommen. Mit einem Affenzahn rannten sie um ihr Leben, zwei hochkonzentrierte Wölfe im Nacken. Und Nukka hatte recht. Siku hatte den Schwierigsten Job und war richtig gut darin. Sie sorgte dafür, dass sie ihr praktisch ins Maul liefen. Fingerspitzengefühl auf Zeit.
Ruby begann selbst zu zählen. Sie konnte durch ihre scharfen Augen sehen, wie viele Schritte die Kaninchen brauchten, um eine gewisse Strecke hinter sich zu bringen. Sie hörte den Schnee, wie er zerstob. Sie spürte die Vibration des Bodens an ihren Pfoten und das Schlagen der kleinen Herzen.
Das war wichtig, denn in dem Moment, wo sie selbst hervorstob, würde sie vom Schnee geblendet werden.
Es fühlte sich einen Ticken früher als richtig an, als sie hervorstieß und aus Panik, sie könnte versagen, so fest zubiss wie es ging. Jetzt verstand sie, warum ein Wolf nur eine Chance hatte. Herum- und nachschnappen gab es hier nicht. Ein Biss, mehr hatte man nicht.
Sie spürte schon Zahn auf Zahn schlagen. Doch als sie im tiefen Schnee auf den Pfoten landete, hatte sie tatsächlich Fell auf der Zunge.
Nukka freute sich am meisten und sprang heulend und schwanzwedelnd zu Ruby, die Ohren leicht nach hinten gelegt, mit einem Leuchten in den Augen. Suka kam stolz zu ihnen getrabt, mit erhobenem Haupt.
"Sehr schön, so soll es laufen. Morgen Abend ist die Jagd. Nicht zu spät. Denn unsere Beute ist nicht nachtaktiv und es ist unbedingt wichtig, dass wir sie in Bewegung bekommen", wies Suka an.
"Das kannst du behalten", sie nickte zu dem Kaninchen und ging dann mit Siku in Richtung Lager, während Ruby da noch immer ganz benebelt vom Erfolg stand, mit dem leblosen Körper im Maul, aber stolz erhobenem Kopf. So schlimm war es gar nicht. Was aber wohl auch daran lag, dass das Kaninchen klein und schnell tot war und Ruby es gerade durch ihre Schnauze nicht gut sehen konnte.

"Ich wusste du machst dich. Das war richtig gut. Bevor es nochmal losgeht, suchen wir nochmal Kaninchen. Ich organisier nochmal ein paar Wölfe dafür", flötete Nukka, während sie neben Ruby herging, die das Kaninchen als Beweis ihres Erfolgs ins Lager trug.
"Ohne Siku hätte ich das niemals geschafft. Sie ist wirklich genial. Wie sie sie gelenkt hat, in dem Tempo, so was Wendiges. Ich musste nur im richtigen Moment zubeißen", gab Ruby noch immer etwas baff von sich.
Nukka zog mit einem skurillen Grinsen die Lefzen hoch.
"So ist das auf der Jagd. Die oberste Regel: Der Erfolg steht an erster Stelle. Jeder gibt sein Bestes, damit sie schnell und erfolgreich zu Ende geht. Ein Jeder von uns muss dafür Sorge tragen, dass der Nächste möglichst wenig Arbeit hat. Aber du hast Recht. Siku legt den Grundstein für genau das und das ist die Schwierigste Arbeit. Deshalb macht sie es. Aber ich musste sie ein paar Mal ersetzen. Sesi wird die Hetzerin. Und einer deiner Jungs macht die zweite Chance. Fabs ist wirklich begnadet", meinte Nukka und vergaß dabei die anfänglichen Differenzen in ihrer Begeisterung. Aber Ruby wollte nicht unfair sein. Man hörte, dass es reine 'geschäftliche' Freude an einem Talent, nicht ihm als Person war. Aber für hübsche Frauen hatten die Beiden immer besonders viel Zeit, deshalb wollte sich Ruby das nicht weiter zu Herzen nehmen. So schnell 'verguckte' sich Fabs in der Tat nicht.
"Und Jay teilweise etwas ungeschickt. Ja, das hab ich mir gedacht", schloss sie seufzend, aber nicht im Negativen. Sie wusste, dass er für alles etwas länger brauchte und sich daher gern drückte. Wenn er es aber konnte, dann sehr Gewissenhaft.
"Den kriegst du schon hin. Jetzt waren es nur Kaninchen auf Kurzstrecke. Aber Siku hat ihren Part nicht alleine. Eigentlich ist es wie beim Staffellauf. Bei Großwild geht das über viele Strecken und sie sind verdammt schnell. Schneller, als wir. Also lenken wir. Wir müssen wissen, ab wann sie uns entwischen würden und uns so platzieren, dass wir im Zick Zack übernehmen können, bis unsere Killer sich ihnen in den Weg stellen. Es ist ein ausgetüfteltes System, das wirklich interessant sein kann."
Ruby hörte bereits, dass Nukka in ihrem Element war. Aber sie hatte recht. So genau hatte Ruby nie darüber nachgedacht, was für ein Uhrwerk so eine richtige Jagd war. Da gab es keinen Platz für ein schwaches Glied in der Kette. Wenn einer nicht richtig timte, waren alle am falschen Platz und die Beute entkam. Und die Kälte zehrte an der Energie, auch von den Wölfen. Wie sich verhungern so auswirkte auf einen Unsterblichen wollte sie nicht wissen.

Als Ruby im Lager mit dem Kaninchen ankam, freuten sich alle mit ihr. Sesi war ganz aus dem Häuschen und auch Fabs und Jay freuten sich. Trotz, dass es im Grunde ihr Kaninchen war, schenkte sie es der begeisterten Sesi. Während solcher Reprisen merkte man erst wieder, dass in den jungen Leuten auch noch immer der junge Geist und die Begeisterungsfähigkeit steckte. Sie würde interessieren, wie sie aufgewachsen war, dass aus ihr ein unbeschwerter Wildfang geworden war, während Suka hart wie Eis und voll Disziplin und Konsequenz steckte. Sie strahlte absolute Unnachgiebigkeit aus. Als hätte sie es einst gebraucht. Woher Siku dasselbe hatte, musste man wohl nicht erst fragen.
Während Letztere zu mehr fähig war, auf der Emotionspalette, war Suka engstirnig. Aber sie hatte dadurch besonders hier keinen Abbruch. Es schien ihr zu gefallen wie sie war. Jedenfalls sah Ruby keinen leidenden Geist. Sie hatte aber auch keine Aufgabe, die man auf die leichte Schulter nehmen sollte.

Am nächsten Tag wurde Ruby früh aus dem Bett geworfen. Fabs sprang auf ihre Pritsche und hechelte sie an. Ruby fuhr mit einem Quieken aus dem Schlaf und starrte ihn geschockt an.
"Man Fabs! Was willst du denn schon so früh?" Ruby stöhnte und fuhr sich durchs Gesicht. Ihr tat alles weh. Wie konnten sie nur so erholt in dieser Einöde schlafen ohne richtige Betten? Warum tat man sich diesen Zustand an?, dachte Ruby und schob Fabs sanft von ihrer Pritsche.
"Jagd! Suka will schon heute Nachmittag los und wir sollten uns vorher vorbereiten. Sie studiert mit uns die Taktik. Vorher müssen wir dir noch einen Hasen fangen", feixte Fabs und trabte aus dem Zelt.
"Warte! Kommt Jay nicht mit?" rief Ruby ihm nach. Sie sah, dass Fabs kurz stehen blieb. Er schüttelte den Kopf, dann trabte er zu den Anderen. Ruby war darüber ziemlich geknickt. Hatte Nukka ihn nicht gefragt? Oder hatte er abgesagt? Gestern hatte er sich noch so mitgefreut und als Ruby heute morgen aus dem Zelt trat, sah sie ihn nirgendwo.
Langsam trat sie vom höher gelegenen Lager herunter in den tiefen Schnee und verwandelte sich. Sie war noch immer müde und hatte kaum Elan. Gut, dass diese Tage bald vorbei waren. Sie mochte die Leute, fand es interessant. Aber morgen war der letzte Tag und das war nicht schlecht. Danach ging es ins Hotel, wieder ein Mensch werden. Das Handy laden und für Jay Zigaretten kaufen. Sie hatten bis gestern gereicht und heute hatte er mit Entzug zu kämpfen. Das würde ihn auf der Jagd zu keiner großen Hilfe machen.
Ruby erfuhr von Sesi das er großen Stress mit Suka gehabt hatte, aufgrund von schlechter Laune und Unkonzentriertheit. Das konnte sie ihr fast nicht verübeln, denn sie hatte selbst wenig Verständnis für welche Art von Sucht auch immer.

Sie musste den Gedanken an Jay aber verschieben. Nukka hatte sich zur Jagdleiterin ernannt, da es ihre Idee gewesen war. Als Ersatz für Suka hatte sie Sesi ins Boot geholt. Ihr eigener Part wurde von Fabs ersetzt. Sie würden also zu Viert vorgehen, so wie gestern. Fabs sollte Kaninchen finden.
"Ich finde es wichtig, dass du mal eine Laienjagd mitbekommst. Wirst du beim Waldrudel ja auch", gab sie in fast schon herablassendem Ton von sich. Besonders das Letzte. Auf das Waldrudel war Ruby gespannt. Inwiefern sich die Beiden, die sich so hassten, wohl unterschieden, fragte sie sich.
"Fabs wird erst mal nur irgendwelche Hasen suchen, die dann auch etwas verzwickter sitzen und alles. Kann nur gut sein", sagte Nukka selbstbewusst. Ruby hatte so ihre Zweifel, aber äußerte sie nicht. Höflichkeit hin oder her. Solange sie selbst es nicht besser konnte, wollte sie sich nicht beschweren. Und Sesi wirkte nicht so, als wären sie das erste Mal auf eigene Faust im Jagdgebiet.
"Suka wird das schon verstehen. Geht ja um Übung", murmelte Sesi und bekam einen scharfen Blick von Ruby.
"Wird das schon verstehen?! Sie weiß nichts davon?" Oh, jetzt klang sie wie ein waschechtes Mitglied der Jägerriege. Nukka legte die Ohren nach hinten.
"Einen Tag vor der Jagd besteht immer die Gefahr, das Großwild aufzuscheuchen. Aber wir passen schon auf", Nukka verdrehte die Augen zum Himmel und trabte dann los.
"Komm, komm!" hetzte Sesi, sprang um sie herum und wetzte dann mit viel zu hohem Tempo durch die Büsche. Ruby schaute sich um und folgte zögerlich. Sie wollte den Groll ihrer führenden Jägerin nicht auf sich ziehen. So weit war sie schon.
Dennoch würden sie, wenn hier etwas schief lief.






Es dauerte nicht lange, da fanden sie Fabs. Er hatte sich platt auf den Boden gelegt und fixierte ein einzelnes Kaninchen. Ruby spürte die Nähe eines Fuchses, der ebenfalls einen Blick auf die leichte Beute geworfen haben musste.
Nukka knurrte leise.
"Komm Sesi, den verscheuchen wir. Ruby, nimm Position ein. Schön weit weg da hinten. Und Fabs du gehst in gerader Linie ein paar Meter von Ruby weg noch weiter dahinter. Und etwas vor. Sie wird das Kaninchen bei einem Fehlschlag nach vorn treiben. Bleib flexibel", wies Nukka ihn an und Fabs machte sich auf den Weg. Nukka und Sesi verschwanden auch. Ruby hörte schon jetzt deutlich den Unterschied. Nukka's Anweisungen klangen planlos, ähnlich einer billigen Kopie und schlecht durchdacht.
Dennoch folgte sie ihrem Wort. Hier war nur tiefer Schnee und keine Wehe. Dennoch machte sie sich ganz platt und wischte den Schnee links und rechts zur Seite. Sie durfte sich nur nicht bewegen, dann würde ihr Fell sie schon nicht verraten. Wie gern hätte sie jetzt Jay dabei. Mit ihm könnte sie über Nukka's Vorgehen noch lästern. Ruby hatte im Gefühl, dass es schief ging und dann stände er hinter ihr.
Doch er war nicht da und so musste sie sich mit den Möchtegern-Spezialisten zufrieden geben. Und vor allem versuchen, sich zu konzentrieren.
Diesesmal erkannte sie die Szenerie auch besser. Sesi nahm Position ein und war die Einzige, die in ihrer Sache endlos professionell wirkte. Sie fixierte das Kaninchen, aber Nukka war auf ihr timing nicht eingestellt. Ruby sah, wie sie zögerte und deshalb zwei Sekunden zu spät lossprintete.
Und das Kaninchen war schnell. Nukka hatte Probleme, es in ihre Richtung zu dirigieren und als es ihr gelang, schlug das Kaninchen einen Haken und kam auf einmal direkt in Ruby's Richtung. Es scherte von ihr aus nach rechts aus und als es bei ihr war, musste sie viel zu sehr zur Seite schnappen, rutschte leicht weg und schlug ihre Zähne hart aufeinander- direkt hinter dem Kaninchen. Sie riss zwei, drei Haare des knubbeligen Schwanzes ab, da war es auch schon fort. Nukka und Sesi kamen hechelnd an.
"Mist, tut mir Leid. War meine Schuld", sagte sie bedrückt. Ruby spuckte die Haare aus und suchte nach tröstenden Worten, als ein Heulen die Stille durchschnitt.
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