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 Silberblut

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BeitragThema: Re: Silberblut   Fr Aug 18, 2017 1:03 am


Alles auf Anfang







Da saßen sie nun in dem Hauptraum der Holzhütte von Gray, der  Braco skeptisch betrachtet hatte. Wenn er eine Bedrohung darstellen würde, sollte Fenrir ihn nicht hier her gelassen haben. Dennoch waren sie auf der Hut. Etwas Anderes konnten sie nicht tun.
"Wenn er das Verderben bringt, ist keiner von euch hier mehr willkommen", stellte Gray direkt zu Anfang klar und verzog sich. Er ließ die Behandlungsutensilien für die geschundenen Männer da, brauchte dann aber seine Ruhe vor dem Auflauf der in seinem Haus mittlerweile stattfand.
Auf Wunsch der Anderen war Braco von seiner Freiheit direkt wieder in Fesseln gelandet und in die Mitte platziert worden, was ihm sichtlich unangenehm war. Er wusste nicht, ob sitzen oder stehen und noch weniger war ihm klar, wem er den Rücken zudrehen konnte oder wollte, ohne nachher von jemandem überwältigt zu werden. Irgendwann senkte er den Kopf auf die Brust und beobachtete misstrauisch die Runde.
"Bereust du deine Rückkehr schon?" fragte Ruby bloß leise, als sie ihm die Hände hinter den Rücken gebunden hatte, bekam aber keine Antwort.

"Wir haben keine Opfer mehr. Ich schlage vor, wir benutzen ihn als Opferlamm. Immerhin ist er sein Bruder. Das sollte vier fehlende Opfer aufwiegen. Kenshin können wir noch irgendwie so auf unsere Seite ziehen, wenn es wirklich so schlimm ist, wie er meint", stellte Chena gleich mal klar. Aber Ruby hatte auch noch nie erlebt, dass sie für etwas war.
"Ja? Familie abschlachten stand dir sonst nie so zu Gesicht", erwiderte Drisana kritisch und hob beide Augenbrauen.
"Hallo? Ob sie dasselbe wohl auch mit uns versucht haben?! Für meine Familie töte ich!", gab die Schwarzhaarige fest von sich.
"Wir kennen dich. Du würdest für deine wahre Familie heute noch jeden umwalzen. Ich bezweifel manchmal, ob du wirklich objektiv genug bist", widersprach Malin kühl.
"Hier ist also auf einmal Objektivität gefragt, ja? Was sie mit Mahila gemacht haben oder mit uns ist auf einmal egal? Und die Kids, Blue, Sesi, Sila.. sie sind immer noch in ihren Fängen", zischte Chena und warf Braco einen tödlichen Blick zu.
"Er war aber an keiner der Sachen beteiligt. Du willst also einen Wahllosen, der mit den Verbrechen seiner Brüder im Geiste nichts zu tun hatte, als Denkmal abschlachten?" fragte Ruby leise.
"Sie hätten es genauso getan. Sie statuieren ein Exampel an irgendeinem von uns, weil sie wissen, dass es allen schmerzt!"
"Du willst dich also in keinster Weise von ihnen unterscheiden", sagte Vito. "Das wäre ja nichts Neues. Ich weiß nicht, wer dir erzählt hat, das Rache süß wäre. Rache macht verdammt nochmal blind und du bist das beste Beispiel dafür", schloss er.
"Wozu stimmen wir ab, wenn ihr scheinbar nur gegen mich wettert? Ich hab manchmal das Gefühl, euch bedeutet das alles nichts. Seit ihr so abgestumpft? Wenn es eine Möglichkeit gibt, diesen Arschlöchern weh zu tun, will ich sie ergreifen. Wer sagt dir, dass er solche Verbrechen nicht schon begangen hat, unter seiner Riege?" entgegnete Chena kalt.
"Und wer sagt dir, dass er das hat? Haben wir nicht alle schon Dinge getan, auf die wir nicht stolz sind? Ich würde ungern eine weitere Sünde dazu zählen", meinte Malin.
"Wie viele unschuldige Menschen hast du schon getötet, Malin? 20? 30? 100? Bevor ihr zu uns kamt?" fragte Chena provokant.
"Und ich würde es wieder tun. Außerdem war nie ein Silberblut dabei", erwiderte er und traf den Punkt, auf den Chena hinausgewollt hatte. Ruby hielt sich die Hand vor den Kopf.
"EBEN! Die scheiß Wandler, Silberblüter, Stahlwölfe. Wie immer ihr das nennen wollt, dieser FLUCH, der macht einen scheinbar zu etwas besserem und alles andere zu Freiwild! Hatten sie keine Kinder? Hast du niemanden zu Witwen und Waisen gemacht?" zischte sie. Malin stand halb auf und Braco beobachtete das Schauspiel. Er musste nicht meinen, dass es hier sonderlich friedlicher zuging.
"Bring mich doch um und nimm Rache an den unschuldigen Menschen, die dir ach so Leid tun!" rief Malin wütend und seine tiefe Stimme hallte in dem kleinen Vorraum wahrlich beeindruckend. Ruby würde sich mit ihm nicht anlegen, aber sie befürchtete, dass Chena das anders sah.





"Können wir mal wieder  back to the topic kommen? Darum geht es hier doch gar nicht", sagte Ruby genervt.
"Es geht nicht um die Verbrechen anderer?" fragte Chena zurück.
"Ihr habt Malin und Clay damals doch begnadigt oder nicht? Und das obwohl sie nicht einmal wirklich aufgehört haben, Leute umzubringen", entgegnete Ruby kühl. Ihr ging Chena's Gezicke gelinde gesagt auf den 'Sack'. Sie wollte doch einfach nur krampfhaft ihren Kopf durchsetzen.
"Wenn ich ihn dich jetzt abschlachten ließe, was würdest du dann fühlen? Wäre das ein gutes Gefühl? Ein erfüllendes Gefühl? Würde es die Anderen von ihren Verbrechen befreien und Avilox rehabilitieren? Oder würde es nur deiner blinden Mordlust ein Zuhause geben? Okay, Abstimmung: Wer will blind Avilox komplettes Rudel an die Wand stellen und abknallen, wie im zweiten Weltkrieg? Vielleicht auch noch Kenshin's, weil er zwar eventuell hilft, aber ja trotzdem am Angriff und der Gefangennahme beteiligt war? Wer will Braco die Kehle jetzt durchschneiden", Ruby erhob sich, langsam in Rage geredet.
"Nachdem er freiwillig das Risiko auf sich genommen hat, zurück zu kehren und uns eine Möglichkeit zu eröffnen? Ohne ihn wüssten wir davon nämlich nichts. Bitte, führ den Tötungsbefehl aus. Mach, was Cato nicht geschafft hat. Vielleicht steigst du dann in seiner Gunst", Ruby funkelte Chena so giftig an, dass sie bloß die Zähne zusammenbiss und schließlich rausstürmte.
Ruby zog ihren Dolch, den sie von Suka hatte, aus der Tasche und hielt Braco fest, ehe er ihr ausweichen konnte. Dann schnitt sie ihm die Kabelbinder von den Armen.
"Warum wollten sie dich töten?" fragte sie schließlich, den Dolch noch immer in der Hand. Braco drehte sich sofort zu ihr um.
"Was ist auf der Lichtung passiert?" fügte sie leiser hinzu.
"Eure kleine Freundin hat angefangen, Langeweile zu bekommen, schon kurz nachdem ihr weg wart", begann er und Ruby verzog das Gesicht. Ihr fiel erst jetzt auf, dass er ein wenig humpelte und sparte sich die Nachfrage lieber erst mal.
Das würde sie früh genug erfahren.

"Dann haben sie sie zu den Büschen gelockt. Dort hatten sie leichtes Spiel, sie zu sich zu zerren und ihr das Mittel zu verpassen. Leya hat die Gefangenen befreit und Cato den Bewusstlosen getötet. Sie wussten, wozu ihr sie gebrauchen wolltet. Und dafür, dass ich euch Informationen über die Gefangenen gegeben habe... geben musste, wollten sie mich auch töten. Das ist sicher auf Avilox' Mist gewachsen. Wenn die Gefangenen Infos rausgeben, statt sich töten oder foltern zu lassen, sind sie raus", sagte Braco.
"Selbst, wenn es sich um seinen Bruder handelt?" fragte Drisana leise und Braco warf ihr nur einen Blick zu.
"Es gibt Silberblüter, denen nichts heilig ist", sagte Ruby trocken, da sie befürchtete, dass die liebe Rothaarige sonst nicht aus dem ironischen Blick schlau wurde. Man musste solche Menschen, egal welche Kräfte sie hatten, auch nicht verstehen.
"Deshalb hast du so viel Blut verloren", stellte Ruby fest und Braco wurde rot.
"Ja, auch", meinte er kurz angebunden und Ruby verzog das Gesicht. Was hatte Mahila bloß angestellt? Sie sollte ihre Geiseln nicht ausbluten!
"Ich konnte mich aus den Fesseln gerade noch herausverwandeln, als sie auf mich los sind. Dann bin ich geflohen und sie haben ihre Botschaft da gelassen."
Ruby schaute in die Runde und ließ den Dolch verschwinden. Sie verstand jetzt, weshalb er darauf so nervös reagierte und wollte ihn nicht unnötig quälen. Wie Malin schon sagte: Sie wollte sich von den Knochenwölfen unterscheiden.
"Noch irgendwer, mit Mitspracherecht, dagegen das er zunächst verschont bleibt?" fragte Ruby schließlich.
"Zunächst?" hakte Braco unsicher nach.
"Ja, aber mir wäre es lieber er würde nicht sofort unbescholten hier rumlaufen. Bind ihn irgendwo oder irgendwie fest", sagte Ahalya und Ruby nickte. Das war das Mindeste, was sie tun konnten. Drisana schnappte sich die Kabelbinder.
"Ich mach das", meinte sie sofort und Ruby hob eine Augenbraue- kommentierte es aber nicht weiter.
"Lieber vorne oder hinten?" fragte sie mit verschmitztem Grinsen und Braco warf ihr einen bösen Blick zu.
"Vorne kann er zu viel machen", meinte Ahalya völlig unbedarft und Shashi und Drisana brachen in Gelächter aus. Ruby grinste bei dem Ausdruck des armen Jungen.
"Frauen foltern anders", neckte sie ihn. Die Frage, ob er ihrem Rudel beitreten konnte, hatte sie bisher bewusst offen gelassen. Er musste sich erst einmal beweisen und dann konnte man immer noch weitersehen.




"Was ist mit Chena?" fragte die Rothaarige schließlich leise, doch Ahalya winkte nur ab.
"Die beruhigt sich schon wieder."
Drisana bugsierte Braco schließlich auf einen freien Platz und setzte sich neben ihn. Man könnte meinen, sie hatte sich schon verschossen.
"Wollt ihr nicht loslegen?" fragte er etwas unsicher. Doch Suka schüttelte nur Gedankenverloren den Kopf.
"Nicht, bis sich alle etwas von dem Gift erholt haben. Wir brauchen weder Kämpfer auf Droge, noch auf Entzug. Oder gar Schwerverletzte", fügte sie hinzu, mit einem Blick auf Nanuq und Fabs, die besonders im Gesicht einiges abbekommen hatten. Wenigstens war bei Letzterem die Wunden wieder etwas abgeschwollen, aber Nanuq war noch immer sehr rot im Gesicht dank der Metallmaske. Was vermutlich vertuschte, dass er recht verlegen vor Shashi war und ihr kaum ins Gesicht sah. Er hatte sich unter Drogen doch extrem verschmust verhalten.
"Stell dich nicht so an", meinte die Dunkelhaarige dann immer wieder.
"Es ist ein Graus, was ihr aus uns Schamanen für Nonnen macht."
Ruby holte etwas zu Essen für sie- auch für Braco, dem Drisana großzügigerweise unter Aufsicht die Hände vor den Bauch gebunden hatte, damit er wenigstens Kleinigkeiten selbst machen konnte- und ging dann nach draußen zu Gray.
Der schaute nachdenklich in den Wald.
"Wie lange wollt ihr noch bleiben?" fragte er ruhig.
"Wir müssen sehen, wie es unseren Männern geht und dann wäre da noch das Treffen mit Kenshin...", sagte Ruby vorsichtig.
"Euch ist klar, dass es vermutlich eine Falle ist?"
"Davon müssen wir ausgehen", seufzte sie. So einfach war das gar nicht.
"Wir würden ja unser Lager wieder woanders machen, aber du hast ja gesehen, wie es um ungeschützte Orte bestellt ist. Wir können das nicht nochmal riskieren. Aber ich kann auch verstehen, wenn du uns des Platzes verweist", meinte Ruby und biss sich auf die Lippen. Ein Moment, den sie immer fürchtete.

"Wisst ihr, was mit den Anderen ist? Wer noch gefangen ist?" fragte Gray weiter, ohne auf Ruby's Worte einzugehen. Ihr dämmerte, dass es ihm um Desna ging. Und das er sie nicht sehen wollte, konnte sie gut nachvollziehen. Sie hatte gesehen, wie sie geflohen war. Ob ihm das reichte? Ob er sie damals gar persönlich dieses Ortes verwiesen hatte?
"Wo immer Desna ist. Sie wird diesen Ort nicht finden, nicht wahr?" fragte Ruby und eine Erkenntnis traf sie wie ein Faustschlag.
"So sollte es sein", bestätigte Gray ihr.
"Bist du wirklich über Jahrzehnte so nachtragend?" flüsterte Ruby ungläubig und fuhr sich durch die immer noch strubbeligen Haare. Ihr fiel erst jetzt ein, dass sie sich nach dem Aufstehen gleich verwandelt hatte.
"Sie hat mein Leben zerstört und das verzeihe ich ihr dieses Leben auch nicht mehr Ruby. Damit wirst du dich anfreunden müssen."
Die Rothaarige nickte langsam und ging wieder rein. Sie würde erst einmal das Treffen mit Kenshin organisieren müssen. Wenn im Lager Krieg war, hoffte sie, dass die anderen Wölfinnen nicht mit hineingezogen wurden. Eventuell sogar Vorteile daraus zogen, indem sie unbeachtet waren.
In der Runde in der Hütte merkte Ruby, dass Clay nicht unter den Anwesenden war. Jay und Fabs waren dafür beide da und Ruby musste lächeln, dass Ahalya ihr die Standpauke abnahm, dass die beiden furchtbare Patienten waren. Mittlerweile waren die Rudel so verschmolzen, dass es Ruby nicht mehr störte, wie anfangs. Es war nun einfach normal geworden, dass die erfahreneren Wölfe die anderen mitbetreuten. Die Ereignisse hatten sie im Crash-Kurs zu einer großen Familie werden lassen. Auch wenn jeder noch seine Macken an den Tag legte. Chena war noch immer nicht aufgetaucht und das verursachte Ruby Bauchschmerzen. Keine Sura da, welche die aufbrausende Druidin beruhigen konnte.

Sie ging nun langsam instinktiv in Richtung Gästezimmer wo Mahila sich noch auskurierte. Sie war am frühen Morgen erwacht, doch die Strapazen hatten sie kurz darauf wieder einschlafen lassen.
Clay saß auf dem anderen Bett ihr gegenüber auf der Kante und schaute auf seine Hände. Momentan trug er obenrum nichts. Zunächst hatte Ruby Verständnis, da er offene Wunden gehabt hatte. Jetzt nervte es sie etwas, weil sie Schwierigkeiten hatte, ihm in die Augen zu schauen.
"Clay?" fragte sie leise und setzte sich in etwas Abstand neben ihn. Er schaute nicht auf, aber sie wusste, dass er sie bemerkt hatte. Er betrachtete sie aus dem Augenwinkel.
"Wir sollten reden", sagte sie und schaute zu Mahila, die noch immer schlief. Er schüttelte leicht den Kopf.
"Da gibt es nicht mehr viel zu sagen", entgegnete er. Ruby spürte einen Stich bei diesen Worten.
"Doch! Clay, es tut mir Leid. Ich wollte das nicht sagen.."
"Waren das auch die Drogen?"
Er warf ihr einen kühlen Blick zu und Ruby's Augen wurden verärgert schmal.
"Nein! Ich war benebelt, ja, aber glaubst du wirklich, dass ich mich nur deshalb auf dich eingelassen hab? Ich hab dich selbstbewusster in Erinnerung", meinte sie grummelnd.
"Du hast noch die Chance mir das Gegenteil zu beweisen", meinte er mit einem Seitenblick und Ruby verzog den Mund.
"Du meinst jetzt, wo wir so viel Privatsphäre haben?" gab sie ironisch zurück.
"Ich würde wirklich gern den Kampf abwarten. Mit der Gefahr um uns herum und unserem Gefangenen...", Ruby schüttelte den Kopf und Clay lächelte, nach langer Zeit endlich wieder.
"Hat nicht gerade die Gefahr den besonderen Reiz? Du bist da bestimmt keine Ausnahme", meinte er leise und funkelte sie an. Wie schnell sie ihn wieder besänftigt hatte. Sie lächelte und neigte den Kopf, als er sich zu ihr beugte und seine Lippen auf ihre legte. Jetzt konnte er mal sehen, wie sie sich völlig ohne andere Einflüsse auf ihn einließ. Wenigstens aufs rummachen.

Sie ließ sich sanft von ihm auf den Rücken legen und bekam eine Gänsehaut, als er den Kuss vertiefte und seine Hände unter ihr Shirt gleiten ließ.
"Ich wusste gar nicht, dass du der Typ für Blümchensex bist", erklang eine neckende Stimme und die Zwei zuckten zusammen. Clay schreckte zurück und errötete ähnlich wie Ruby. Mahila war erwacht und das scheinbar schon länger. Sie lag auf der Seite, stützte ihren Kopf auf ihre Hand und beobachtete die Zwei amüsiert.
"Möchtest du Nachhilfe?" fragte sie Ruby frech und Clay warf Mahila ein Kissen entgegen.
"Dir gehts glaub ich wieder zu gut", grummelte er leise und Ruby lächelte unwillkürlich, lehnte sich vor und küsste ihn nochmal.
"Ich hol was fürs Abendessen. Versteck deine Sexfantasien lieber, Mahila, Nanuq nimmt gleich das andere Bett in Anspruch. Aber wenn ihr es euch teilen wollt, ist mehr Platz für wen Anderen", feixte Ruby und stand auf.
"Für euch zum Beispiel? Könnt noch was lernen", rief Mahila ihr nach und schnappte sich Clay. Da das Waldrudel untereinander wie Bruder und Schwester war, sorgte sie sich nicht sonderlich um die Beiden und fand dieses Gefühl ziemlich befreiend.
Sie mussten langsam anfangen, wieder einen Tagesrythmus zu bekommen.
Ein paar der Anderen hatten sich für Beschäftigungen zurückgezogen und Braco war einsam und klischeemäßig an die Heizung gekettet worden und langweilte sich vor sich hin.
Als er Ruby sah, schaute er sofort auf. Sie musste es nicht von ihm hören, um zu wissen, wie frustriert er war. Er hatte sich im Grunde richtig entschieden, wenn er es ernst meinte. Und geendet war er wieder als unbeachtete Geisel.
"Kannst du mich nicht woanders anbinden? Es ist langweilig hier und ich kann nicht schlafen. Lass mich Kenshin kontaktieren", sagte er leise und zog demonstrativ an den Kabelbindern, die leise über die Heizung schrammten und einen rauen Ton verursachten.

Ruby hielt kurz inne und seufzte. Im ersten Moment hätte sie es fast falsch interpretiert. Aber so dünn waren die Wände hier nun auch nicht.
"Weißt du was hier los ist, wenn du scheiße baust? Wir verlieren alles. Das hängt alles an einem Feind, der angeblich übergelaufen ist. Einmal Verräter, immer Verräter, weißt du?" sagte Ruby und kramte in der Brotekiste und schnappte sich ein paar Getränke.
"Komm schon, bind mich wenigstens ab", bettelte Braco weiter. Ruby grummelte leise.
"Ihr wisst gar nicht wie ihr anfangen sollt, aber morgen muss etwas passieren. Lass dich nicht weiter bitten!"
Ruby dachte einen Augenblick nach. Gut, er wollte mitkommen und mit Mahila im Zimmer hatte sie ohnehin keine Chance großartig was mit Clay anzufangen. Aber wenn Braco unbedingt zu seiner Freundin wollte...
"Du hast recht. Im Gästezimmer lässt es sich für dich besser auf ner Decke schlafen. Ich kann dich zu Not ja ans Bett binden. Da wirst du eh mehr beachtet als hier", entschied Ruby mit einem bittersüßen Lächeln. Braco, der nicht wusste, was auf ihn wartete, freute sich sogar über ihre Kooperationsbereitschaft.
"Das ging aber schnell", stellte er fest und sein Blick wurde argwöhnisch, als sie ihn losschnitt.
"Fast eine Spur zu schnell..."
Aber für mehr hatte er keine Zeit, da Ruby ihn schon auf die Beine zog und mit in das Zimmer nahm.
Braco folgte ihr bereitwillig, bis er die wieder relativ fitte Mahila erblickte. Sofort erstarrte er und lehnte sich rückwärts in die Fesseln.
"Äh, ich.. ich habs mir überlegt", murmelte er nervös und lief knallrot an. Mahila schaute überrascht auf.
"Wen haben wir denn da? Welcher Teufel hat den geritten, wieder hierher zu kommen?"
Ihr Ausdruck wurde abweisend und ihre Augen schmal. Dabei umspielte ein giftig-süßes Lächeln ihre Lippen.
"Da humpelt ja immer noch jemand", stellte sie fest und betrachtete ihn, als Ruby ihn sanft auf das Bett neben sie stieß.




"Komm, er hat dir nichts getan", meinte Ruby und zog Clay sanft neben sie.
"Na, wenigstens kam eines unserer Opfer zurück. Vielleicht haben die Schneewölfe ja recht und Fenrir sendet uns wirklich ein Zeichen", meinte Mahila spekulierend.
"Das wir nicht sinnlos verschwenden sollten. Wir haben eine bessere Chance als mit irgendeiner Opferung. Wir können die halbe, gegnerische Kampfkraft auf unsere Seite ziehen. Würdet ihr  bitte aufhören, dass alles zu ignorieren? Wir besorgen dir jemanden zum foltern der es verdient hat, wenn ihr alle so scharf auf Mittelalter seid. Zum Teufel, was habt ihr auf der Lichtung getrieben?" fragte Ruby, die sich zunehmend abgelenkt fühlte durch ihre beiden Gegenüber.
"Na schön, na schön. Klingt verlockend", meinte Mahila und verschränkte die Arme.
So bekam man sie also besänftigt. Eventuell klappte das mit Chena auch, dachte Ruby.
"Ich geb zu, er sollte ein bisschen bluten für die Taten der Anderen", meinte Mahila und lehnte ihren Kopf an die Wand hinter dem Bett.
"Du hast doch nicht...?", fragte Ruby fassungslos und Mahila grinste böse.
"Quatsch", erwiderte sie, aber hatte sich mit der Antwort reichlich Zeit gelassen.
"Nur ein kleiner Schnitt", sie fuhr sich leicht an der Innenseite ihres Oberschenkels entlang.
"Das kommt davon, wenn man selbst in so ner Situation nur mit dem kleinen Kopf denkt, dann blutet man auch wie ein Schwein", sie verdrehte die Augen und Braco bekam einen mitleidigen Blick von Clay, der das Gesicht verzog. Braco versank währenddessen im Boden.
"Oh man, Leute. Naja, wir sollten uns morgen ans Werk machen. Wir müssen den Rest holen und die Geflohenen und das Schattenrudel ausmachen. Dann hat alles ein schnelles Ende", sagte Ruby und verteilte das Essen schließlich. Braco legte sie es in den Schoß, der sich noch nicht traute aufzuschauen. Ob er sich nicht doch etwas verbunden fühlte zu den Männern, bei denen er aufgewachsen war?

"Je schneller es endet, desto besser. Und du glaubst wirklich, ihn akzeptieren sie als Strohmann? Wo doch sein Bruder seine eigenen Verbündeten alle abschlachten will?"
Mahila warf einen kritischen Blick auf ihren Sitznachbarn.
"Wir haben keine Wahl", entgegnete Ruby.
"Ja und wenn sie Unkooperativ sind, dann wird er zum Opfer und nicht wir", bestätigte Clay und zuckte mit den Schultern. Ruby war das mittlerweile aber nicht mehr so recht.

In später Nacht waren die meisten wieder eingeschlafen und bereiteten sich auf den großen Tag vor. Ruby lag wach und wusste, wer es noch tat. Sie würden Braco losschicken müssen. Da hatten die Beiden recht und sie wurde sich dem Gewahr. Sie hatten keine Absicherung, außer eine. Eine gewisse Verpflichtung, der sich Wölfe nicht gut entziehen konnten.
Sanft löste sie sich aus Clay's Umarmung und stand auf. Dann trat sie zu dem Jungen, der an das Bett gebunden war und resigniert versuchte, sich zu befreien, in dem er müde und lustlos an den Kabelbindern zog. Seine Handgelenke waren bereits wund gescheuert von seiner Verhaltensstörung.
Ruby nahm ihren Dolch und schnitt ihn vom Bett los.
"Ich nehme dich in mein Rudel auf", flüsterte sie leise.
"Du gehst in meinem Namen zu Kenshin und bringst ihm die Bitte um eine Audienz unter Blutmondwölfen im Wald vor. Aber bevor du morgen verschwindest, kümmern wir uns erst um deine Wunden. Es tut mir Leid, was Mahila getan hat. Dazu hatte sie kein recht."
Ruby bekam einen überraschten Blick von der Seite. Aber sie spürte seine Erleichterung.
"Danke", wisperte er leise und konnte sich endlich hinlegen. Dann hielt er inne.
"Aber der Rest ist schon okay, das wird wieder."
"Nichts da. Alle meine Rudelmitglieder müssen fit sein und ich weiß schon, wer sich gerne um dich kümmern wird", sie grinste und stand dann auf.
"Und jetzt schlaf", fügte sie bestimmt hinzu und unterband jede weitere Nachfrage, ehe sie sich zurück ins Bett verkroch und ihre Lippen an Clay's Haut drückte.


________


"Okay, Leute. Löst euch aus eurer Gemütlichkeit. Heute wird es wichtig. Wir befreien die Anderen. Wir versuchen, Kontakt mit den Geflohenen herzustellen und Braco wird losgeschickt, um Kenshin um eine Audienz zu bitten. Entscheidet euch schon mal, wer für die erste Mission mitkommt. Und macht euch fertig, versorgt eure Wunden. Das Übliche. Ich werde mich mal nach Chena umschauen", verkündete Ruby den Plan. Braco befreite sie endgültig von seinen Fesseln.
"Und wenn er nicht zurückkehrt?" fragte Suka kühl.
"Dann kann ich das gut nachvollziehen", entgegnete Ruby und erstickte jede weitere Kritik im Keim. Braco schaute überrascht zu ihr.
Die Gruppe löste sich auf und Ruby zog Drisana sanft aus der Menge.
"Dein Patient", meinte sie mit keckem Blick zu Drisana, die Braco schüchtern lächelnd an die Hand nahm und ihn mit sich zog.
Ruby trat währenddessen an die kühle Morgenluft und sog sie tief ein. Chena zu finden, könnte wie die Nadel im Heuhaufen sein. Aber sie hatte ein erstes Ziel und hoffte, damit richtig zu liegen.
So verwandelte sie sich und verschwand zwischen den dicht gewachsenen Bäumen.
Kurz vor der Lichtung, die immernoch einem Schlachtfeld glich, blieb Ruby stehen und ging dann langsam, schleichend weiter.
Chena stand wie hypnotisiert vor dem Baum, an dem Mahila gehängt worden war und bewegte sich nicht.
"Chena? Wir müssen weiter machen. Um der anderen Willen", sagte Ruby leise. Die Druidin bewegte sich keinen Millimeter.
"Ihr kommt gut ohne mich klar. Ihr entscheidet ja auch alles alleine beziehungsweise du. Wen interessiert schon die Sicherheit. Habt ihr den Mistkerl jetzt laufen lassen? Hat er euch schon beklaut? Wem die Kehle durchgeschnitten?" fragte sie kühl.
"Chena. Da warten auch Teile deiner Familie auf ihre Befreiung. Ich weiß nicht, was mit deiner alten Familie vorgefallen ist, aber deine Jetzige braucht dich, ganz gleich was du denkst. Jeder von ihnen hat und hätte sein Leben für dich riskiert. Sogar Suka und ich. Du kannst hier schmollen und ihre Leben riskieren. Oder dich zusammenreißen und sie retten", sagte Ruby fest. Chena drehte sich langsam um, auch wenn ihr Blick noch immer eisig war.

"Glaub nicht, du kannst mir vorschreiben was ich tun soll...", begann sie, doch Ruby unterbrach sie wütend. Sie hatte gehofft, diese Worte appellierten an ihren Verstand. Doch dieses Gefühl kam ihr gerade abhanden.
"Hör mir mal gut zu! Glaubst du etwa, nur du hättest da Scheiße erlebt? Glaubst du, nur dich hätten sie gequält und missbraucht? Nicht nur deine Belange und deine Gefühle wurden da missachtet und gebrochen! Du bist nicht mehr oder weniger Wert, als deine anderen Rudelmitglieder. Ich weiß, wie scharf du auf Rache bist, aber keiner hat etwas davon, wenn du sie blindlings am Nächstbesten auslebst und die Anderen währenddessen weiter leiden! Leiden, während du hier schmollst! Wer hat dich je glauben machen, dass es auf der Welt nur um dich geht", grollte Ruby böse und funkelte Chena unnachgiebig an. Diese erwiderte ihren Blick und biss die Zähne so fest zusammen, sodass Ruby genau sah, wie ihre Gesichtsmuskeln spielten.
Nach einer ewigen Schweigepause, in denen sich beide nur anstarrten, erhob Chena ihre Stimme.
"Kenshin?"
Sie ließ den Namen fallen wie einen heißen Stein.
"Braco ist in diesem Moment auf dem Weg", antwortete Ruby und Chena richtete sich etwas auf.
Ohne ein weiteres Wort ging sie an Ruby vorbei zurück zu Gray's Hütte. Ruby seufzte, verdrehte hinter Chena's Rücken die Augen, drehte sich dann um und folgte der grauen Wölfin. Sie hätte fast gedacht, dass es schwer werden würde. Aber der Groll brodelte immer noch in ihr. Jetzt mussten sie Chena in die Mission mit einbinden. Hoffentlich tat sie nichts Unüberlegtes, dachte Ruby.

Bei Gray's Hütte waren schon alle in Aufbruchstimmung.
"Ihr solltet euch doch entscheiden, wer auf die Rettungsmission mitgeht. Nanuq, Jay, Fabs ihr seid raus", meinte Ruby entschieden. Die Jungs meckerten und grummelten.
"Das ist nicht fair!" knurrte Fabs und verschränkte die Arme. Er war zwar seit zwei Tagen wieder wach, aber noch recht unkoordiniert und verlor zeitweise die Orientierung. Ebenso wie Mahila. Die sortierte Ruby auch direkt aus, ebenfalls unter lautem Gemecker.
"Hört mal zu, das hier ist kein Spaß. Wir brauchen unsere Verbündeten an einem Stück und bestenfalls auch noch ein paar Opfer. Los, zwei starke Männer und zwei Frauen, das muss reichen", seufzte Ruby. Nur welchen der starken Männer wählte sie aus? Wenn sie ehrlich sein wollte, hatte sie Angst um Clay und das ließ sie ihn derzeit recht oft spüren.
"Iluq, Vito? Und Chena und Ahalya", sagte sie schließlich und versuchte den Ausdruck in Clay's Gesicht zu ignorieren.
"Ich kann genauso gut kämpfen", meinte er beleidigt und verschränkte ebenfalls die Arme.
"Das weiß ich doch..", versuchte Ruby ihn zu besänftigen, als Chena schon dazwischenfuhr.
"Na dann dürfen wir wohl keine Zeit verlieren", entschied sie und ging schon vor. Ruby warf den Übriggebliebenen einen entschuldigenden Blick zu. Sie wusste, dass es nicht leicht war, nun nichts tun zu dürfen, als zu bangen. Sie nutzte ihre Autorität auch etwas aus, um immer dabei zu sein. Aber an Sam würden sie wohlmöglich nicht rankommen. Dennoch wollten sie es versuchen.


So machten sie sich nun auf zum Lager. Sie hatten sich selbstverständlich bewaffnet, sowohl mit Betäubungsmitteln, als auch mit richtigen Waffen. Bloß auf Pistolen hatten sie keinen Zugriff und sein Jagdgewehr gab Gray nicht heraus. Darüber war Ruby wiederrum sehr erleichtert gewesen.
Es dauerte auch nicht lange, bis sie sich Avilox' Lager genähert hatten. Und Braco hatte recht: Es herrschte Krieg. Wie es der unter Verbündeten sein konnte. Die Schwertwölfe hatten die Hände sehr locker an ihren Waffen und beide Rudel machten keinen Hehl daraus, dass sie sich nicht riechen konnten. Regelmäßig gerieten Wachen aneinander, anstatt aufmerksam zu patrouillieren.
Das konnten die Wölfinnen zu ihrem Vorteil nutzen. Die Männer blieben verwandelt, Ahalya, Chena und Ruby gingen so mit. Geduckt schlichen sie zum Gefangenenhaus. Doch es war leer.
Die Tür stand speerangelweit offen.
"Verdammt, das kann doch nicht sein!" zischte Chena und schaute sich nervös um. Die Wachen wurden auseinander gezerrt und gingen schnaubend und knurrend wieder ihre festen Wege, wenn auch recht unaufmerksam.
"Sam wird noch hier sein", flüsterte Ruby und nickte zu dem großen weißen Zelt. Avilox' Zelt.
Chena verwandelte sich nun ebenfalls und Ruby hielt ihre Waffe bereit. Der schöne geschwungene Dolch von Suka.
Langsam trat Ruby an das Zelt und lauschte. Stille. Bis auf schweres atmen. Ruby lugte in einen freien Schlitz des Jagdzeltes und erblickte Sam, gefesselt und geknebelt an einen Stuhl. Sein Kopf hing auf seine Brust und Blut lief ihm aus Nase und Mund. Er regte sich nicht. Als etwas an dem Fenster vorbeischlich, schreckte Ruby zurück.

Da erst merkte sie, dass sie alleine war.
"Ruby, pass auf!" rief Ahalya und Ruby duckte sich soeben, als ein Dolch in ihre Richtung fuhr. Erst, als er in das Zelt stieß, sah sie, das es ein angespitzter Knochen war.
Er stieß sich in Avilox' Zelt und riss es für einen Spalt auf. Ein wütender Mann stand ihr gegenüber, verwittert und eingefallen sah er aus. Und extrem wütend.
Aber es war nicht der Knochenwolf.






Ruby warf sich zur Seite, als sich ihr Angreifer verwandelte und sie anspringen wollte. Dabei sprang er stattdessen Vito in die Arme, der ihn in einen Kampf verwickelte. Nur das Mindestmaß an Schwertwölfe war vorhanden, etwas, was Ruby erst jetzt auffiel.
Also hatte Braco ersten Erfolg gehabt. Siedend heiß fiel ihr ein, dass jetzt kein Schwertwolf durch sie verletzt werden durfte. Andernfalls könnte Kenshin das hier als Falle für ihn werten. Und sie konnten nicht auf zwei Seiten Feinde bekämpfen.
Aber es wäre Kenshin's Tod, wenn sie diesen Hinweis jetzt über das Lager brüllte.
"Weg hier, weg!" zischte sie und packte nach Chena.
"Kein Schwertwolf! Sie sollen unsere Verbündeten werden!" fügte sie leise und scharf hinzu, bevor sie sie losließ und fast in weitere Wachen rannte.
Ein Knochenwolf stieß einen Mann vom gegnerischen Rudel zur Seite und packte seine Pistole. Der bestohlene Wolf sprang erschreckt zur Seite, verwandelte sich und rannte aus dem Lager. Der Dieb richtete die Waffe auf Ruby. Sie schaute wie schockiert in Richtung Lauf und konnte sich nicht regen.
Dann ging alles ganz schnell. Ruby wurde heruntergerissen, ein Schuss löste sich und der Knochenwolf fiel Tod zu Boden. Die Waffe fiel aus seinen Händen. Ein durchdringendes Heulen fuhr durchs Lager und die Schwertwölfe verwandelten sich und liefen fort. Übrig blieb der gemeine Rest.

Ruby drehte sich stöhnend auf den Rücken und legte ihre Hand auf ihren schmerzenden Arm. Blut lief über ihre Hand. Die Kugel hatte sie nur gestreift, aber eine große Wunde geschlagen.
Iluq beugte über ihr und hob sie sanft hoch.
"Nicht... Sam..", flüsterte Ruby leise und schaute sich um. Der Wolf! Der Schuss!
Der tote Mann am Boden war von einem Pfeil durchbohrt worden. Sesi kam angelaufen, den Bogen noch in der Hand, gefolgt von Sila, Sarama und Blue. Die restlichen Gefangenen!
"Ich kann schon... danke..", meinte Ruby leise und befreite sich sanft aus Iluq's Griff um Sesi zum umarmen. Sie und der schwarze Wolf hatten ihr das Leben gerettet.
"Wir müssen Sam holen!", sagte Ruby fest, doch Sesi schüttelte den Kopf.
"Nein, das geht nicht..", begann sie, als das Getose seinen Höhepunkt erreichte.

Avilox selbst sprang aus seinem Zelt. Die giftgelben Augen richteten sich auf Ruby und die Entflohenen. Ein lautes Grollen mit weit geöffnetem Maul seinerseits genügte und die Knochenwölfe stürmten auf sie los.
"Wo sind die Anderen?" rief Ruby und verwandelte sich in der Not. Es zerriss ihren Arm von Schmerz. Dann liefen sie los. Adrenalin rauschte durch ihren Körper.
"Sie haben Geiseln genommen. Schnell Ruby, wir müssen sie woanders langlenken", rief Sesi und warf ihr aus ihren blauen Augen einen Blick zu. Ruby legte die Ohren in den Nacken.
"Ich weiß schon wo lang!", gab sie zurück und fokussierte den steinigen Pfad Richtung Gray an. Leya und Cato hefteten sich an ihre Fersen. Sie hielten am Längsten durch, doch irgendwann brachen auch sie die Verfolgung ab. Die Aura hier war so schwarz und bedrohlich, dass Ruby versucht war, selbst die Flucht abzubrechen. Sie spürte die Angst der Wölfe um sie herum, doch folgten sie ihr zum Glück.




Erst in der Nähe von Gray Hütte machte Ruby eine Bremsung und fuhr herum. Alle mussten scharf bremsen und spielten unsicher mit den Ohren.
"Was ist los?" fragte Sesi aufgepusht und tänzelte ein wenig herum.
"Gut, für euch nochmal. Wir sind bei dem Einzelgänger Gray untergekommen. Er ist eigen, aber nett, okay? Ohne ihn, hätten wir keine Chance gehabt, euch in Sicherheit zu bringen. Alles weitere dort. Oh und wir beschaffen uns gerade weitere Verbündete. Also seid friedlich. Vertraut mir, das läuft alles mit rechten Dingen ab", sagte Ruby fest, aber zum Glück war sie an die Gehorsamsten der beiden Rudel geraten. Sie verwandelte sich zurück und schaute nach denen, die sich erneut Gefangene genommen hatte. Diese Mission hatte offensichtlich Chena angeführt, unter Mithilfe von Vito und Ahalya. Sie missbilligte das, aber wenigstens hatte sie keine 'falsche' Geisel. Das hätte sie ihr direkt zugetraut.
"Wir dürfen jetzt nicht mehr ewig warten mit dem Ritual", sagte Chena fest und Ruby verzog das Gesicht, ehe sie einen Blick auf die Geiseln warf. Ihr wurde etwas schlecht.
Vier Männer hatten sie sich gekrallt und Chena hatte ihr gutes Gedächtnis bewiesen. Mahila würde sich freuen.
"Ritual?" fragte Sesi neugierig und hielt inne, als sie die Männer sah.
"Ahalya, kannst du ihnen das erklären? Ich brauch mal kurz nen Moment", sagte Ruby entschuldigend. Obgleich Sesi schon älter war, als sie aussah. Dieser kindliche Ausdruck in ihren Augen ließ Ruby ihre Rachegedanken vergessen. Sie schien nicht in Mitleidenschaft gezogen worden zu sein.
"Wie lange seid ihr schon frei?" fragte Ruby schließlich, als sie an Sarama vorbeikam.
"Seit ein paar Stunden. Man hat uns losgeschnitten. Kurz drauf haben sie die Hütte gestürmt, mit Messern und Speeren. Das haben wir schon nur noch aus der Ferne betrachtet. Aber wir wussten nicht wohin, geschweige denn, wo ihr seid", meinte sie und warf Ruby einen fragenden Blick zu.
"Ich erzähl euch die Geschichte heute Abend", entschied sie. Zuerst musste sie Kontakt zu Braco aufnehmen. Zwar hatte er Kenshins und Avilox' Rudel getrennt, dennoch waren sie noch nicht auf der sicheren Seite.

Ruby lief raus aus dem Gebiet, dass Gray's Hütte umgab und schaute sich aufmerksam um. Braco hatte nur eine Audienz starten sollen.
Sie spürte noch nicht den Schmerz in der Schulter. Die Wunde wurde durch das silbrige Blut ein wenig in Schach gehalten.
Die Rote legte schließlich den Kopf in den Nacken und stieß ein leises, rufendes Heulen aus. Und Braco ließ nicht lange auf sich warten.
Gott sei dank.., schoss es ihr durch en Kopf. Er war ja nun Teil ihres Rudels. Da hatte sie das Recht und die Pflicht, sich um ihn sorgen zu machen.
"Und?" fragte sie leise und er neigte den Kopf. Ein charismatisches Lächeln funkelte in seinen Augen, als wäre er halb amüsiert und halb gekränkt, dass sie ihm nicht den klaren Sieg zugestand. Als Wolf wirkte er schon sehr viel reifer.
"Heute um Mitternacht hast du eine Audienz mit dem großen, schwarzen Wolf. Fahr aber bitte nicht all deine hysterischen Frauen auf. Nur ein paar Vertreter. Das wird eine angespannte Verhandlung, stell dich darauf ein", warnte er und wandte sich langsam und zögerlich wieder ab. Ruby spitzte die Ohren.
"Du gehst?" fragte sie und erntete ein wölfisches Lächeln.
"Bevor ich mich wieder in Ketten legen und denunzieren lasse. Das mag bei euch nicht angekommen sein, aber auch Täter haben gerne ihre Freiheit und ihren Stolz", entgegnete er und trabte von der Lichtung. Ruby senkte den Kopf und ließ ihn vorerst gehen. Sie musste erst das Treffen mit Kenshin hinter sich bringen.
Und Sam? Der war noch immer verloren. Wenn nicht bereits gänzlich.
Ruby verwandelte sich zurück und betrachtete die Anderen, die sich verwandelt hatten und gerade versorgt wurden. Sesi beobachtete mit vollendeter Faszination Gray, dem ihr Gestarre allmählich auf die Nerven zu gehen schien.
Er entfernte sich, als Ruby kam. Draußen waren auch Mahila und die Jungs, die sie zurücklassen hatte müssen.
"Ihr wart erfolgreich, ein Glück. Aber dein Lieblingsopfer ist nicht wieder aufgekreuzt", meinte Mahila überheblich und riss sich ein Stück Brot ab.
"Oh Ruby, trau denen doch nicht. Du müsstest das wirklich gelernt haben", meinte Sesi tadelnd.
"Ach ja? Ratet mal, woher ich komme. Ich habe heute um Mitternacht ein Treffen mit Kenshin und ihr könnt schon mal Strohhalme ziehen, welche Wölfe hier gute Verhandlungspartner abgeben. So viel zu meinem fehlgeleiteten Vertrauen", sie grinste bittersüß und genoss einen Moment die Blicke ihrer größten Kritiker triumphierend. Dann setzte sie sich und nahm sich ein Wurstbrot.

"Jetzt wird es also so richtig ernst, was? Glaubst du, er ist kooperativ?" fragte Fabs und musterte Ruby.
Diese seufzte bedauernd.
"Ich fürchte nicht. Laut Braco ist es eine sehr schwierige Situation. Ich denke es wird eher ein Drahtseilakt, als ein Treffen für ne Arbeitsvertrag-Unterschrift. Naja, ich brauche Leute, die gut argumentieren können. Am besten Diplomaten, die bisher nicht durch ihre engstirnige, aufbrausende Denkweise überzeugt haben, sondern durch Ruhe und Kritikfähigkeit. Da werden wohlmöglich Dinge kommen, die uns verletzen und wir müssen auch jetzt noch darüber stehen. Einen Kampf an zwei Fronten können wir nach wie vor nicht führen", offenbarte Ruby schließlich und schaute in die nachdenklichen Gesichter. Manche davon waren auch eingeschnappt, aber damit wusste Ruby schon, wen sie nicht mitnehmen brauchte.
Sie hatte unter den Rudeln wenige kühle Köpfe gesehen. Das war für Wölfe auch untypisch.
"Malin? Ehrlich gesagt hätte ich dich schon gerne dabei. Du hast bisher eine vernünftige, solide Art bewiesen", fügte sie schüchtern hinzu. Malin schaute überrascht auf. Und Clay erst...
"Ich werde dir überall hin folgen", sagte er schließlich und die Rothaarige nickte erleichtert. Sie wusste allerdings nicht, ob sie Clay wirklich gebrauchen konnte. Zu leicht sprang er für sie in die Bresche und Ruby wusste einfach nicht, wie Kenshin tickte.
"Und ich werd außen vor gelassen? Traust du mir gar nichts mehr zu? Du kannst mich nicht aus allem raushalten, weil du Angst um mich hast", warf Clay ein und schaute Ruby fest in die Augen. Sie wäre seinem Blick am liebsten ausgewichen.
"Stell dich hinten an", brummte Jay.
"Mein Rudel kommt mit", widersprach Ruby indirekt. Das lag für sie auf der Hand. Es war ja auch nicht groß. Aber diese Erfahrung mussten die Zwei machen. Sie erntete überraschte Blicke und Clay's Reaktion hätte missmutiger nicht ausfallen können.
"Es tut mir Leid, aber es kommen aus offensichtlichen Gründen die meisten nicht in Frage. Ich kann dich nur mitnehmen, wenn du mir fest versprichst, dass du deine Gefühle für mich hinten anstellst und nicht versuchst, mich zu beschützen, solange es nicht körperlich wird, okay? Verbal krieg ich ganz gut selbst hin", meinte Ruby und musterte eine Weile Clay, der das Gesicht verzog wie ein trotziges Kind. Aber sein Drang, mitzukommen und ihr zu beweisen, dass es kein Griff daneben war, war stärker.
"Gut! Das werde ich nicht", sagte er entschieden und Ruby hoffte, dass er sich daran hielt, wenn die Zeit gekommen war.


________


Die Nacht kam viel schneller als erwartet. Die auserkorenen Wölfe standen bereit. Außer Ruby's Rudel und den beiden Brüdern begleiteten sie noch Drisana, Sila, Suka und Blue. Damit waren sie mit 10 Wölfen ganz gut auf alles vorbereitet. Kenshin würde nicht mit viel weniger kommen, jetzt, da er seine Wölfe immer um sich versammeln musste.
Ruby wusste auch genau, wer mit debattieren würde dürfen und wer als Wache eingeteilt wurde. Die verhandelnden Positionen waren in Menschengestalt. Das stand fest. Für beide Seiten war ein Mischverhältnis von Wolf und Mensch gestattet und sollte alles fairer und einfacher gestalten. In Gedanken konnten sich die Wölfe nie so klar ausdrücken.
Braco stieß irgendwann auf dem Weg zu ihnen und komplettierte die Versammlung. Er führte sie zu einer einsamen Halle am Stadt- und Waldrand. Eine eher ungewöhnliche Lage, aber wenn Avilox nun auf Verteidigung ging, blieb ihnen tatsächlich nichts anderes mehr übrig.
Vor der Lagerhalle blieben sie stehen und Ruby verwandelte sich. Ebenso Suka, Malin, Sila, Drisana und Blue.
Nervös wartete Ruby vor der Halle, während Braco- ebenfalls als Mensch- hineinging und die Situation absicherte. Dann wurden sie hineingelassen.
Kenshin saß bereits als Mensch an einem langen Tisch. Neben ihm standen zwei Leibwachen, die restlichen dunklen Wölfe saßen im Schatten hinter ihm und starrten sie aus unheimlichen, leuchtenden Augen an. Als sich die Tür hinter ihnen schloss, erloschen sie wie kleine Kerzenflammen.
Es hätte nicht offensichtlicher sein können, dass Ruby mehr Argumente auffahren musste. Kenshin führte die Verhandlung alleine, doch sie wusste nicht, ob sie gegen ihn ankam.
Beim näherkommen betrachtete sie ihn, versuchte ihn zu analysieren. Er war ein Mitte 30iger mit Hellgrünen Augen, die aber dunkel betont waren. Er hatte dunkle, leicht wellige Haare, die etwas länger waren und einen schmalen Schnurrbart, sowie einen kleinen Ziegenbart. Ansonsten war er sehr schlank und hoch gebaut und völlig dunkel gekleidet. Wenigstens sah er besser aus als Avilox, dachte Ruby. Und damit passte er zum Rest seines Rudels ziemlich gut.




Sie nickte ihm zu und setzte sich dann.
"Ihr seid also unsere Gegenspieler", stellte er mit seiner dunklen, basslastigen Stimme fest, die in der Halle wiederhallte.
"Wir sind Avilox' Gegenspieler. Was uns in gewisser Weise auf dieselbe Seite stellt, nicht wahr?" erwiderte Ruby und erntete ein halbes Lächeln von ihrem Gegenüber. Es erreichte seine Augen nicht.
"Ja, mir ist etwas zu Ohren gekommen von einem Bündnis. Etwas, auf das wir nicht angewiesen sind, obgleich es die Sache erleichtert", stellte er fest und Ruby lächelte ihm ehrlich ins Gesicht. Selbstbewusstsein war nun das A und O.
"Wir gewiss auch nicht. Aber ja, es erleichtert die Sache und dezimiert den Zielkreis. Wir haben kein Interesse an sinnlosen Kämpfen", meinte sie. Noch blieb sie kurz angebunden und überließ ihm die Führung des Gesprächs. Es verunsicherte ihn in keinster Weise. Eher ließ er sich einige Pausen und musterte alles, was Ruby aufgefahren hatte in Ruhe.
Er wollte Unsicherheit unter ihnen streuen. Er stellte sie auf die Probe.
"Offenheit ist bekanntlich essenziell für solche Abkommen. Mein Name ist Kenshin und ich führe das Rudel der gekreuzten Schwerter. Einst aus einem Haufen Banditen bestehend, habe ich das Rudel übernommen und über die Jahrhunderte zivilisiert. Es sind kampferfahrene Taktiker. Keine verwaschenen Wilden, wie ihr bereits feststellen durftet. Mit wem haben wir es also bei euch zu tun?" fragte er mit einem kritischen Unterton. Ruby hob den Kopf.
"Ich führe das Rudel des grünen Tals", begann sie und Kenshin warf einen Seitenblick zu Braco, der etwas seitlich stand.
"Und du rekrutierst bereits fleißig die Verräter vom Feind. Was macht dich überlegen, wenn du dich mit Leuten eindeckst, die so bedenkenlos die Seiten wechseln?" unterbrach er sie. Er klang ganz sachlich, aber seine Unterbrechungen zeigten klar seine Dominanz.

"In diesen Zeiten sind solche Schritte unabdingbar. Ansonsten säßen wir nicht hier, oder?" entgegnete sie scharf. Wieder ein rätselhaftes Lächeln seinerseits. Braco war nicht der Einzige, der sich gegen Avilox ausgesprochen hatte.
"Ich habe außerdem Vertreter vom heimischen Waldrudel anwesend, ebenso wie vom Eisrudel aus dem hohen Norden. Taktik auf der einen Seite, Unnachgiebigkeit auf der anderen Seite. Und Diplomatie von meiner Seite", sagte sie schließlich und zeigte zu den entsprechenden Wölfen. Blue war ganz still geworden und betrachtete ihr Gegenüber verhalten.
"Aber nicht sonderlich kampferfahren. Die eine Hälfte fehlt, die andere Hälfte ist gebrochen. Zivilisten, die man ein zweites Mal aufs Schlachtfeld schickt, sind nicht sonderlich haltbar", stellte Kenshin fest und schaute zu Sila. Ruby folgte seinem Blick und ihre Fassade bröckelte einen Augenblick. Die sonst seit dem Vorfall sehr in sich gekehrte Sila, starrte mit einem hysterischen Ausdruck in den Augen einen der Wölfe aus Kenshin's Reihen an. Sie atmete hell und vergleichsweise schwer und ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Es war deutlich zu hören, wenn man nur genug lauschte. Sila stiegen Tränen in die Augen, aber sie schluckte einen deutlichen Kloß herunter. Als Ruby zurück zu Kenshin sah, wusste sie, dass er nicht überzeugt war. Ihre Augen verrieten ihre eigene Unsicherheit mit einem Mal. Was war mit Sila los? War es eine Falle? War einer der Wölfe hier für den Übergriff auf sie doch verantwortlich? Sesi, Blue, Sarama.. sie alle waren davongekommen. Sie war das einzige Kind, welches in Mitleidenschaft gezogen worden war.
"Wir haben das Schattenrudel hinter uns", warf Blue ein und lenkte Kenshin's Aufmerksamkeit von Sila weg. Blue klang ganz gefasst, als würde sie das Treiben um sich herum gar nicht merken.
Kenshin lächelte eine Spur breiter und seine Augen wurden überlegen schmal.
"Das Schattenrudel das geflohen ist? Ihr wisst nicht, wo sich ihre Höhle befindet oder?" entgegnete er.
"Ich habe immer Kontakt zu Fenrir. Und wir werden Castor in den Kampf mit einbeziehen. Wenn ihr euch nicht anschließt, lauft ihr Gefahr seinem Fluch zu verfallen", gab sie zurück. Ruby schaute warnend zu ihr, aber Blue schaute durch Kenshin hindurch.

Dem gefielen Blue's Worte sichtlich nicht.
"Ein bisschen früh für Drohungen", stellte er spitz fest.
"Blue hat recht. Es ist lediglich eine Warnung. Die Gewalt eines Gottes ist bekanntlich unberechenbar", sagte Malin.
"Und ihr wollt, dass ich meine Leute für einen blinden Glauben an einen körperlosen Gott riskiere? Wo war euer Gott beim ersten Mal?" fragte Kenshin. Ruby lauschte. Sila hatte sich ein wenig beruhigt. Blue und Malin hatten es geschafft, die Aufmerksamkeit des Mannes zu fesseln.
"Wir wussten nicht, wie. Jetzt sind wir diese Informationen reicher. Außerdem, warum glaubst du, sind wilde Einzelgänger für uns eingeschritten, bei unserer Rettungsaktion am Bunker?" fragte Ruby und Blue schaute sie an. Sie hatte es ihr noch gar nicht erzählt. Das ihre Gebete nicht auf taube Ohren gestoßen waren.
Kenshin beugte sich leicht vor.
"Aus demselben Grund, aus dem sich wilde Einzelgänger Avilox angeschlossen haben? Er hat keinerlei Götterqualitäten, aber seine Ansichten und Ziele sind mit ihren eigenen konform gegangen. Eine logische Schlussfolgerung, dass sich ein paar Individuen der anderen Seite verschreiben", entgegnete Kenshin.
Braco hatte recht gehabt. Einfach war es nicht. Kenshin setzte sich in eine Abwehrhaltung. Er war ein Kritiker, der überzeugt werden wollte. Und dadurch, dass sie eine klare Übermacht hatten, fiel es Ruby schwer, sich richtig einzusetzen. Obgleich es nötig war, denn ihre Übermacht war wertlos, wenn sie zwei Feinde hatten. Eine schwierige Lage.
"Zerafin würde sich niemals jemandem anschließen, aufgrund von irgendwelchen Ansichten und Zielen. Er riskiert seinen Hals nicht grundlos für eventuell schwierige Zukunftsaussichten", stellte Malin richtig. Kenshin musterte ihn nachdenklich und warf dann einen Blick zu Ruby. Er hätte sich vielleicht doch mehr Argumentatoren zur Seite ziehen sollen. Sie halfen Ruby gerade sehr.

"Nochmal", begann Kenshin. "Ich soll das Wohlergehen meines Rudels unterordnen, um jemandem zu folgen, der in eurer Fantasie existiert."
"Das du nicht an ihn glaubst, ist nicht unser Problem. Wenn du das Schattenreich sehen würdest, würdest du es revidieren. Aber na schön. Folgendes: Wir werden seinen Henker rufen. Ja, die große Legende, die es gar nicht wirklich gibt. Das erfordert Menschen- oder in unserem Falle Silberblutopfer. Dann wird er, wenn er uns seine Gunst gewährt- erscheinen und ihn uns im Kampf zur Verfügung stellen. Ich weiß, für dich wäre es einfacher den Rückzug anzutreten. Aber ich will einen klaren Sieg und den sollten wir alle anstreben. Avilox als Gott will wirklich keiner und er wäre leibhaftig", sagte Ruby leise und betrachtete das nachdenkliche Gesicht ihres Gegenübers.
"Silberblüter einem Gott opfern, der sie erschuf? Und dann das Beste hoffen?" fragte er.
Ruby schaute unsicher zu Blue, die verträumt lächelte.
"Sie müssen mit Inbrunst geopfert werden. Mit Leidenschaft. Wir müssen ihm zeigen, dass diese Wesen seinen Segen fatalerweise erhalten haben und davon bereinigt werden. Ich denke aber... nach den jüngsten Erfahrungen fällt das einigen Frauen nicht schwer", sagte sie leise und zog ihre Felljacke, auf die sie so stolz war, etwas enger um ihren Hals. Kenshin neigte leicht den Kopf zur Seite.
Dann schnippte er und seine Wölfe traten näher, die im Schatten gewartet hatten. Ruby und die Anderen standen Alarmbereit auf und traten zurück. Aber die Wölfe hinter dem Mann verwandelten sich zurück. Alle Vierzehn waren noch an seiner Seite, wenn auch nicht alle unversehrt waren.
"War einer von meinen dabei?" fragte er schließlich und Ruby tauschte einen Blick mit Suka. Sie hatte nur Knochenwölfe gesehen. Keiner der Gesichter kam ihr aus der Situation bekannt vor. Und sie standen alle stolz und unnahbar da, als hätten sie auch nichts zu befürchten. Ruby gruselte die Disziplin, mit der sie aufgereiht die Hände hinter dem Rücken verschränkt hatten etwas. Und sie dachte das Eisrudel wäre getrimmt.

Doch wie ihr Blick durch die Reihen ging, war einer der Kerle nicht ganz so sicher. Seine Fassade verrutschte und er schaute als einziger nicht sie an, sondern an ihr vorbei. Sie schaute zur Seite und sah, dass Sila wieder rot anlief und ihr die Tränen über das Gesicht liefen. Der Mann schüttelte unmerklich den Kopf.
Die Rothaarige erinnerte sich, dass sie erst nachdem Sila völlig verstört gewesen war, aufgewacht war. Sie war die Einzige, die sie nicht mitbekommen hatte.
Sie schaute zu Kenshin, dem der Blickkontakt nicht unbemerkt geblieben war. Es war eher unheimlich, was ihm alles nicht unbemerkt blieb. Er kannte seine Konsorten offenbar.
"Sila? Was ist los? Hat dir einer was getan, dann sag was", sagte Drisana leise und berührte das junge Mädchen am Arm. Die begann zu zittern und zu wimmern und hatte offenbar Angst, eine Antwort zu geben und schlug sich die Hände vor den Mund.
"Sila, so können wir nicht zusammenarbeiten", sagte Suka leise, aber konsequent. Ruby könnte es dem Mädchen auch nicht antun, an der Seite ihres Peinigers zu leben und zu nächtigen. Sie musste Kenshin's komplettem Rudel Zugang zu einem neuen Kriegslager geben.
"Kennst du ihn, Mädchen?" fragte Kenshin und Sila brach schließlich zusammen und nickte heulend. Drisana nahm sie sanft in den Arm und warf einen scharfen Blick auf den Mann. Kenshin zog seine Pistole so schnell, das Ruby das Blut in den Adern gefror und richtete sie auf den Wolf.
"NEIN! Nein, bitte...!" schrie Sila und vergrub sich bei Drisana. DIe Verzögerung nutzte der Mann, verwandelte sich und floh.
Kenshin stieß die Luft aus und steckte seine Waffe ein. Aber er nickte den beiden Wölfen, die neben dem Geflohenen gestanden hatten zu. Mehr brauchte es nicht, damit sie sich verwandelten und die Verfolgung aufnahmen.
Ruby schaute dem Treiben unsicher nach.
"Ich habe keine Kinderschänder großgezogen", sagte Kenshin lediglich und trat schließlich zu Ruby, unter den wachsamen Blicken der Wachen beider Seiten.

"Ich will gar nicht wissen, auf was ich mich hier einlasse. Ich hatte einen Deal mit Avilox und er hat sein Versprechen gebrochen. Dafür werden er und seine Sippschaft bluten, so oder so. Nie wieder werde ich jemandem blind aufgrund von Versprechungen folgen. Überzeuge mich", sagte er und reichte Ruby die Hand. Die Rothaarige straffte die Schultern und schlug schließlich ein.
"Das werde ich", sagte sie so fest und selbstbewusst, wie sie es unter dem Blick ihres ehemaligen Feindes konnte und trat dann zurück. Braco ging zurück zu Ruby. Ein letzter, argwöhnischer Blick ließ Kenshin über den Dunkelblonden schweifen. Die Sekunden gefroren.
Dann wandte er sich ab und verließ mit seinem Rudel die Halle. Drisana half Sila sanft auf und flüsterte ihr immer wieder ins Ohr, dass alles vorbei war und sie es überstanden hatte. Ruby hoffte, Kenshin hielt sein Wort in Bezug auf sein Rudelmitglied. Obwohl sie einerseits diesen brennenden Hass verspürte, gingen seine Worte ihr auch nicht aus dem Kopf. Großgezogen, war das Wort, dass ihr hängen blieb. Sie dachte daran, dass Chena noch immer verlangte, dass Ruby Braco umbrachte. Er hatte sicherlich schon ähnliche Verbrechen begangen, wenn auch nicht an ihnen. Die Rudelverbindung hatte ihn für sie noch etwas wertvoller gemacht. Sie wollte sich nicht vorstellen, wie es Kenshin und seinen Brüdern im Geiste gehen mochte, obgleich sie vor den Frauen die Botschaft von Sila kühl hingenommen hatten. Ihr erschloss sich nicht, wie man eine so geübte Fassade haben konnte und das machte die Verbindung zu einem Drahtseilakt. Sie durchschaute ihn nicht und zu ihrem Verdruss auch keiner der Anderen.

Müde und geschafft fuhr sich Ruby durch das Gesicht. Morgen würden sie Gray verlassen und ein zweites Lager mit Kenshin probieren. Das konnte lustig werden.
Zurück in ihrem vorläufigen Zuhause kam ihr Sesi entgegengelaufen. Sie war fleckig rot im Gesicht und hatte ganz verheulte Augen. Blue erstarrte und Suka lief geschockt rein, als sie ihren Gesichtsausdruck sah. Ruby wusste gar nicht was los war. Sie hatte Braco verabschiedet, der sich noch nicht zurück traute und Sesi steuerte nur sie an.
Vor ihr kam sie atemlos und hicksend zum stehen und nahm ihre Hände.
"Sesi? Was ist los?" fragte Ruby schockiert und wollte sie trösten, aber das Mädchen ließ sie nicht los und schüttelte den Kopf.
"Ruby...", sie stieß bebend die Luft aus.
"Ruby, Eska ist tot. Sie haben sie hingerichtet."
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BeitragThema: Re: Silberblut   Fr Aug 25, 2017 5:41 pm

Blutmeer







Ein harter Tag erwartete sie, als der frühe Morgen anbrach. Alle waren geschwächt. Das Eisrudel hatte so gut wie nicht geschlafen und auch Ruby war es schwer gefallen. Sie hatte mit Eska nicht viel zu tun gehabt, denn sie war bei ihr nie auf viel Gegenliebe gestoßen. Die Wölfin war die spirituelle Führerin des Eisrudels gewesen, obgleich ihr der Rang von Blue streitig gemacht wurde- ohne das sie das wollte. Nun war eine große Verantwortung mit einem Satz auf die junge Wölfin hereingebrochen. Die Schamaninnen hatten sich zurückgezogen und versuchten, in Visionen und Zwiesprache Frieden für Eska und sich zu finden.
Lediglich Shashi und Sedna kehrten irgendwann frustriert und geschlagen zurück. Blue blieb verschwunden.

"Es tut mir Leid. Wir können nicht auf Blue warten. Aber Gray wird auf sie Acht geben", sagte Ruby leise.
Es herrschte ein bedrückendes Schweigen, welches sie sich eigentlich nicht leisten konnten. Denn in dem Lager, dass sie aufsuchen und neu aufbauen wollten, würde Kenshin ebenfalls aufkreuzen.
Sie entfernten sich von der vertrauten Hütte und hielten nur auf einer kleinen Lichtung zwischen. Die Wölfe wollten, trotz bei Kräften, nicht weitergehen und Ruby gestattete eine Trauerpause. Druiden und Schamanen zündeten Kerzen an und gedachten zusammen in ihren eigenen Ritualen der verstorbenen Wölfin. Ruby bekam das Alles mit, als würde es durch eine dicke Decke passieren. Es war so unwirklich. Natürlich war es vorhersehbar gewesen, dass sie in Lebensgefahr schwebten. Dennoch war es nicht zu realisieren. Sie war tot. Sam war noch übrig und selbst in ihm hatte nicht mehr viel Leben gesteckt. Sie mussten es tun. Sie mussten ihre Opfer bringen. Sie mitzuschleppen kostete sie viel Kraft. Und auch das größte Mitleid war durch den jüngsten Schicksalsschlag bei allen gedämpft.
Ruby wusste nicht, ob Braco es spürte. Denn er erschien nicht. Sie befürchtete, dass seine Anwesenheit Aufruhr bringen würde, aber diese ließ sich bald nicht mehr vermeiden.
Noch waren sie gefangen in ihrer Trauer und gingen den Pfad schweigend weiter, nachdem sie ein kleines Gedenkgrab aus Kerzen und Wildblumen errichtet hatten. Sie wussten nicht einmal wo Eska war. Zwar war die Nachricht ihres Todes eingetroffen, jedoch war niemand an ihren Körper herangekommen. Avilox hatte sie höchst selbst opfern lassen, in einem schamanistischen Ritual. Jedes Eingreifen hätte für jeden Wolf womöglich dasselbe bedeutet und Ruby war froh, dass es keiner gewagt hatte. So Leid es ihr um Eska auch tat.

Das Lager war bereits halb errichtet. Ein paar Schwertwölfe waren anwesend, die sie misstrauisch beäugten. Kenshin war allerdings nicht dabei.
Ruby verwandelte sich und schaute sich um.
"Ähm... okay, alle mal zuhören bitte. Ich hoffe das Kenshin bald eintrifft. Wir werden das Opferungsritual durchführen, um Fenrir anzurufen und ihn um Hilfe anzuflehen. Laut...", ihre Stimme erstarb kurz, ehe sie sich räusperte und versuchte, wieder etwas lauter die Stimme zu erheben. Die Anderen hatten sich entweder still um sie versammelt oder blickten stumm in ihre Richtung.
"Laut Blue wird bei Erfolg ein Medium von Fenrir ausgesucht, der die Bitte vortragen darf und alles weitere erfährt. Oder abgelehnt wird. Jeder könnte getroffen werden und keiner weiß was passiert, wenn Fenrir die Bitte ablehnt, aus welchen Gründen auch immer. Wer immer getroffen wird, was immer ihr von ihm haltet. Das ist unsere einzige Chance. Egal, um welche Opfer es sich handelt. Für diese Aktion werde ich nicht mehr hinrichten lassen, als diese Vier. Die sind schon zu viel. Was auch immer passiert. Und wie gewohnt euch das Erscheinen mag. Verliert euch nicht. Hier wird Blut vergossen und Leben vergeudet. Keiner von uns hat das Recht dazu. Reißt euch zusammen. Das hier wird kein Fest. Es ist traurig okay? Egal, ob Silberblut oder Mensch", erklärte Ruby ruhig und fest. Sie erwartete wütende Widersprüche aus der Frauenmannschaft oder Hohn und Spott aus der ihr unbekannten Männerriege Kenshins. Doch stattdessen sagte keiner ein Wort. Selbst der Wald war absolut still.
"Danke. Ich habe von Gray zwei druidische Runen erhalten. Er hat sie aufgemalt. Der Boden wird getränkt von Blut. Wir werden die Runen: Die Opferrune und die Fenris-Rune in den Boden graben", sagte Ruby und zog einen sorgsam gefalteten Zettel aus der Tasche. Ein längs lang gezogenes Z und zwei gekreuzte Krallen waren die Runen, die sie benötigten. Auf dem Blatt mit den Opferrunen waren mehrere Runen. Leben, Tod, Tyr- der ehemalige Vertraute von Fenrir, dem jener eine Hand abbiss, als Tyr ihn verriet- sowie andere Götterrunen. Ruby wollte gar nicht wissen, was man in welchen Kombinationen nicht alles für Rituale durchführen konnte. Doch heute ging es nur um eines.




Sie mussten nicht einmal lange warten, da Kenshin auf der Lichtung auftauchte und die Versammlung neutral betrachtete. Er blieb verwandelt.
Aber Ruby erwartete auch kein blindes Vertrauen. Erst recht nicht bei dem, was ihnen bevorstand.
Noch immer war absolute Ruhe unter den Wölfen und langsam kam es Ruby trügerisch vor. Und sie wusste auch genau weshalb. Die Frauen bearbeiteten die Opfer. Alle waren völlig neben sich und in Menschengestalt. Die Frauen waren fokussiert.
Bis Braco auf die Lichtung kam. Voller Vertrauen zu Ruby's Rudel verwandelte er sich zurück in einen Menschen und da er von den Neuigkeiten nichts wusste, ahnte er nicht, was ihn als Nächstes erwartete. Ruby versuchte gerade mit einer Schaufel die Runen auf den Boden zu zeichnen, als Chena vorsprang.
"IHR! IHR MISTKERLE! Wie konntet ihr es wagen...", brauste sie. Drisana schaute verschreckt auf.
"Chena nein!" fauchte sie.
"Doch, es wird endlich Zeit diesen Hokuspokus zu beenden", knurrte Mahila und feuerte Chena indirekt an. Suka und alle anderen schauten überrascht auf, als Chena Braco in die Haare griff und seinen Kopf zur Seite und Richtung Boden zog. Er war auf diesen Angriff nicht gefasst und gab dem schmerzhaften Zug aufstöhnend nach.
Ruby ließ die Schaufel fallen und ging dazwischen. Da Chena nicht nachgeben wollte, knallte die Rothaarige ihr eine und stellte sich dann schützend vor ihr neues Rudelmitglied.
"Du wirst ihn opfern, ob es dir gefällt oder nicht!" zischte Chena, die sich die Wange hielt. Der Schlag hatte wohl gesessen.
"Und das werde ich nicht! Denn du hast mir nichts vorzuschreiben!" grollte Ruby und machte sich so groß und breit wie möglich. Aber ihre Autorität verdunkelte die Stimmung im Lager.
"Wenn du es nicht tust, nach allem...", begann Mahila und blieb ruckartig stehen, als Ruby's Blick sie traf. Sie hatte noch nie beide Frauen im Griff gehabt, aber heute war auch das erste Mal, dass sie ihre Alphastellung völlig rausließ.

"Er gehört in mein Rudel. Keiner von euch wird ihn anrühren", grollte Ruby.
"WAS?! Du hast ihn aufgenommen? Wie kannst du nur...", giftete Chena und funkelte sie an.
"Was sollte mich abhalten? Er hat uns nichts Schlechtes getan. Du willst nur alles, was geschieht, krampfhaft auf ihn umwälzen. Und das werde ich nicht länger zulassen!"
Ruby schnitt ihr mit einer Handbewegung jedes weitere Wort ab und warf ihr die Schippe in die Arme.
"Wenn du Rache üben willst. Fenrir wird begeistert sein von dir. Insofern du einen seiner Feinde umbringst und nicht einen seiner Kinder", fügte sie fest hinzu und trat ab. Braco schaute sie völlig überrascht an. Jay und Fabs wussten durch die Verbindung bereits, dass sie zueinander gehörten.
Ruby fasste sich an den Oberarm und verzog sich aus dem Weg, damit Chena sich an dem halb gefrorenen, unnachgiebigen Boden austoben konnte. Gray hatte ihren angeschossenen Arm notdürftig versorgt und verbunden. Dennoch schmerzte er, sobald sie sich selbst stresste und das war in den letzten Tagen noch viel zu oft der Fall. Es fiel ihr schwer, sich hin und her zu verwandeln. Auf vier Pfoten reizte es ihre Wunde nur mehr und hinderte die Heilung.
Sie trat nun vor den großen schwarzen Wolf, der von zwei seiner Leibwachen flankiert wurde.
"Okay, unsere Seite des Deals. Die Opferung wird gleich stattfinden. Die Runen müssen mit ihrem Blut getränkt sein und Blue wird als Sprecherin vortreten, um unseren Taten Kraft zu verleihen. Danach heißt es hoffen und beten und ich will hier keine Blasphemie", seufzte sie und musterte den Wolf, der leicht mit den Ohren spielte, ihr aber Aufmerksam lauschte.
"Wenn er uns von seiner Existenz überzeugt, dann ist jede Blasphemie erloschen. Und ich habe meinen Teil eingehalten. Eure Wölfin darf beruhigt sein. Mein Rudel besteht nur noch aus 13 anderen Wölfen", offenbarte ihr Kenshin schließlich und Ruby nickte leicht. Auch wenn er seine Gefühle gut unter Kontrolle hatte, sah sie den Schmerz in seinen Augen und sie machte ihm keinen Vorwurf. Würden Jay oder Fabs auf einmal so etwas tun, wüsste sie nicht, wie sie damit umgehen sollte.





Chena war derweil damit beschäftigt, die Runen auszuheben und Mahila begann ihr dabei zu helfen. Drisana lief nervös auf und ab. Sie hatte selbst mitopfern wollen und sollen. Allerdings war ihr das verflogen und Ruby ging langsam zu ihr und nahm sie in den Arm.
"Wir kriegen das hin... alles gut", flüsterte sie leise. Die meisten Wölfinnen wollten ihren Stolz vor den Männern bewahren. Und die Männer aller verschiedenen Rudel beobachteten sich abschätzend und argwöhnisch.
Aber Drisana war anders und das wusste Ruby. Sie war offen und unbedarft und verbarg ihre Gefühle nicht.
Shashi ging langsam zu den beiden und Ruby löste sich von Drisana, als die Dunkelhaarige ihr eine Hand auf die Schulter legte.
"Hey... ich übernehm das für dich okay? Wir haben schon genug Belastungen. Da ist das echt nicht nötig", flüsterte Shashi leise. Da rief Chena schon und stieß triumphierend die Schaufel in den Boden. Diese versank tatsächlich bis zur Hälfte, obwohl der Boden steinhart war. Eines musste man ihr lassen. Schwach war sie nicht. Jedenfalls nicht körperlich. Jedes andere Gefühl ersetzte sie stets mit so viel Wut, dass Ruby nicht wissen wollte, was in ihr abging.
"Okay.. los", flüsterte Ruby leise und trat möglichst weit weg vom Ritualkreis. Blue trat als Wölfin dazu, während sich jede Frau ihr persönliches Opfer schnappte. Suka, Mahila und Chena bekamen ihre erwartete Rache und keine der Drei zögerte auch nur einen Moment, als sie ihre Dolche und die Männer zur Brust nahmen. Shashi folgte mit leichtem Zögern und hielt die Luft an. Sie zitterte ebenfalls, während die anderen Drei verhärtet geradeaus schauten. Alle Wölfe versammelten sich und Kenshin setzte sich abwartend hin um dem Schauspiel zuzusehen. Ruby allerdings fiel das nicht sehr leicht. Sie wollte keinen Mord mit ansehen und verbarg sich in Clay's Armen, der ihr sanft über das Haar strich und versuchte, sie ein wenig zu beruhigen.

Ironischerweise schien die Sonne auf die stille Lichtung, als die Frauen in Position gingen und den außer Gefecht gesetzten Tätern die Dolche an die Kehlen hielten.
Die blauen Kristalle um Blue's Hals funkelten in dem hellen Licht.
"Hör uns an Fenrir, Wolf in Ketten. Breche die Eisen und erweise uns deine Gunst. Wir haben uns hier versammelt, um den Blutpreis zu zahlen, den deine Gefallen verlangen. In Inbrunst opfern wir dir diese Individuen, die dein Reich attackierten, deine Gaben gegen dich missbrauchten und einem falschen Gott dienten. Bereinige sie ihrer Unsterblichkeit und erhöre unsere Bitte", sagte Blue und ihre innere Stimme erfüllte die Lichtung. Sie neigte den Kopf und die Frauen handelten. Ein glatter Schnitt durchtrennte die Kehlen ihrer Opfer. Sie ließen sie fallen und das Blut lief in die Runen. Suka blieb absolut diszipliniert stehen, ihre Miene hart wie bei einer Statue. Die Muskeln zuckten vor Anspannung minimal. Mahila schaute so genugtuuerisch auf ihren Peiniger herab und wischte den Dolch sauber, als wäre das gerade ihre alltägliche Arbeit gewesen. Chena versuchte sich ähnlich wie Suka zusammen zu reißen, obgleich Tränen in ihren Augen standen und ihr die Überforderung anzusehen war. Shashi ließ den Dolch fallen und versuchte die Gänsehaut abzuschütteln. Sie wich vor dem mit Blut durchtränkten Boden zurück und umarmte sich selbst. Vito trat sofort zu ihr und zog sie an sich.
Ruby hielt den Atem an und wimmerte leise auf, als das Geräusch von zischenden Klingen erklang, welche durch die Haut schnitten. Sie krallte sich bei Clay fest, dass es ihm wehtun musste, aber er ließ sie nicht los und legte seine Lippen auf ihr Haar.
Alle Anderen verharrten in gespannter Abwartung. Ruby hatte nicht darüber nachgedacht, ob es nicht so eine Sache war, die Wochen in Anspruch nahm. Wer wusste schon wie die göttlichen Büromühlen mahlten?
Aber ihre Sorgen waren offenbar unbegründet. Die Wölfe hoben die Köpfe, als die Sonne mit einem Mal von der Lichtung verschwand.

Etwas dunkles breitete sich auf der Lichtung aus. Die bereits verwandelten knurrten düster und all jene Silberblüter, die noch nicht verwandelt waren, zerfielen zu Rauch und konnten sich gegen ihre Wolfgestalt nicht wehren.
Clay ließ Ruby also unwillkürlich los und auch sie landete auf ihren Pfoten. Die schmerzende Seite entlastete sie. Dann hob sie den Kopf. Alle Wölfe zeigten sich unterwürfig und sie trat zurück, als ein Schatten vor sie trat.
Im ersten Moment sah sie nur riesige Zähne aus einem Maul, dass zu einem tiefen Grollen geöffnet wurde. Was immer vor sie trat, es war riesig. Groß und gut gepanzert. Riesige speerartige Stacheln ragten wie gesträubtes Fell von seinem Rücken. Seine Augen waren wie flüssiges Magma und die Luft flimmerte um sein grollendes Maul. Anstelle schwerer Ketten hing ein dünner Faden unbekannten Metalls von seinem Hals herab, der hell leuchtete. Das musste er sein. Kein Imitat würde die Legende so wiedergeben, wie er.
Ruby spürte genau den Moment, als die riesige Pranke auf dem Waldboden aufsetzte, wie eine leichte Vibration. Sie sah wie Druiden und Schamanen sofort unterwürfig wurden und Kenshin in eine Verteidigungshaltung ging. Sah nicht nur sie das vor sich?
Offenbar jedoch nicht alle. Denn einige Wölfe waren nervös und schauten sich unsicher um. Die einzigen Blicke, die fest auf das schwarze Ungetüm gerichtet waren, waren die der Blutmondwölfe und der Schamanen.




Nur Blue stand da, mit geneigtem Kopf und geschlossenen Augen.
"Offenbare deine Bitte", flüsterte sie leise und Ruby war sich unangenehm sicher, dass sie sie meinte. Das Knurren des riesigen Ungeheuers ließ die Lichtung vibrieren.  Ruby konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme bebte, selbst als Gedanken nicht.
"Fenriswolf... Wir können den Kampf gegen Avilox nicht alleine gewinnen. Kaum einer vermag es ihm zu schaden. Wir schwören, wir werden nicht zulassen, dass er dem Schattenreich schadet", sagte Ruby, unsicher, welche Worte sie wählen sollte.
Die glühenden Augen vergruben sich in ihren. Sie sah vor ihrem inneren Auge die Schattenhöhle und den Eingang, vor dem sie und Don gestanden hatten.
Dort hinein lag ein großer, schwerer Wolf. Er öffnete die bernsteinfarbenen Augen.

Dann brach die Illusion mit einem Mal ab. Blue öffnete die Augen. Die dunkle Aura und der große Wolf waren weg. Ein seichter, kühler Wind fuhr über den Boden und vewehte ein wenig Laub.
Alle Zwangsverwandelten fielen als Menschen auf die Knie, als hätte man ihnen die Wolfgestalt entrissen, geschockt und außer Atem.
Lediglich Blue, Kenshin und Ruby blieben verwandelt. Die Rote tauschte einen Blick mit dem schwarzen Wolf und Blue trat zufrieden zwischen sie und schaute ebenfalls zu Kenshin.
"Da hast du deinen Beweis. Und wir unseren Sieg", sagte sie leise und sichtlich zufrieden und erfüllt und genoss den ungläubigen Blick des schwarzen Wolfes, der sie das erste Mal ohne seine geübte Contenance anstarrte.
Wenn das nicht auch die letzten Blasphemiker überzeugt hatte, wusste Ruby es auch nicht besser.
Sie verwandelte sich nun zurück und schaute sich um.
"Was.. was zum Teufel war das?" fragte Mahila sichtlich mitgenommen.
"Hatten wir Erfolg?" fügte Clay zu ihrer Frage hinzu und schaute zwischen Blue und Ruby hin und her.
"Ja... Castor ist erwacht. Ich weiß nicht, wie er sich zeigen wird.."
Ruby warf einen unsicheren Blick zu Blue, die sich gerade zurückverwandelte und zufrieden zum Himmel schaute, dessen kalte Sonne wieder die Lichtung bestrahlte.
"Wir werden Avilox nicht mehr vom Schattenreich abhalten. Er soll versuchen zu bekommen, wonach er verlangt. Dieser Showdown gehört nicht uns", sagte sie ganz entspannt und lächelte.
"Damals sind zwei Gegner in das Schattenreich gelaufen. Er hätte also Hilfe dadrin", gab Ruby zu Bedenken, aber Blue schüttelte nur den Kopf.
"Ich dachte du hättest mittlerweile Erfahrung mit dem Einfluss in seinem Reich", erwiderte sie leise und Ruby wurde unwillkürlich rot. Was wohl passierte, wenn man nicht halb so freundlich gesinnt war oder gar versuchte, es zu zerstören? Angeblich lebte es schließlich.

Ruby wurde schlecht, als sie versehentlich auf die Toten schaute und hielt sich die Hände vor den Mund.
"Können... das... muss das so bleiben?" fragte sie Blue und bekam schon eine Gänsehaut. Blue schaute sie überrascht an, dann folgte sie Ruby's Kopfnicken und schüttelte den Kopf.
"Nein, bitte nicht", meinte sie und schaute bittend zu den Männern, aller Rudel. Sie war die Einzige, die alle völlig unbedarft behandelte. Als würden Kenshin's Männer schon voll zu ihnen gehören. Aber vielleicht war es nicht schlecht, sich schnell damit abzufinden. Irgendwann würden sie es ohnehin müssen.
Kenshin verwandelte sich als Letzter zurück und richtete sich langsam auf.
"Helft ihnen", wies er seine Leibwachen an, als die Jungs sich langsam den Toten näherten. Zögerlich entfernten sich seine Leibwachen von Kenshin's Seite.
Braco hatte sich während des Rituals etwas entfernt und lief auch jetzt eher unruhig auf und ab. Ruby entschied, allen eine Pause zu geben, inklusive sich selbst.
"Braco?" fragte sie leise. Sie verbot sich jede Frage nach dem 'Alles okay' oder 'Wie gehts?' Man musste kein Kenner sein, um zu sehen, dass es ihm scheiße ging.
Als er sie ansah, meinte sie für einen Augenblick ein Funkeln in seinen Augen zu sehen, dass sie sehr oft bei Avilox gesehen hatte, während ihrer Gefangenschaft.
Hass und eine Spur von etwas Irrem.
"Das war ein notwendiges Übel. Das hat keinem.. von uns Spaß gemacht", sie zögerte kurz bei dem Gedanken an die zufriedene Mahila. Sie war die Einzige, die auf ihr Opfer herabgelächelt hatte. Allerdings war das nicht das erste menschliche Wesen, dass sie umbrachte.
Braco knirschte mit den Zähnen.
"Das waren keine schlechten Menschen", entgegnete er.
"Aber... Braco sie haben.."
"ICH WEIß WAS SIE HABEN!" unterbrach er sie so laut, dass er einige Blicke auf sie zog und stieß bebend die Luft aus.
"Ein Fehler macht Menschen nicht zu Ungeheuern. Und wenn, dann seid ihr auch welche! Das haben sie nicht verdient.. das..", seine Stimme erstarb und er schüttelte den Kopf. Ruby griff nach seinem Arm.
"Braco.. bitte.." sagte sie leise, doch er riss sich los und verwandelte sich. Dann verschwand er im Dickicht des Waldes. Ruby schluckte leise und senkte den Blick. Tränen füllten langsam ihre Augen. Sie durfte die Situation nicht so nahe an sich heranlassen, aber sie konnte die Szenen aus ihrem Kopf nicht  verbannen. Braco's Reaktion ließ sie zu empathisch werden. Sie war zerissen zwischen den Parteien.

Es kam niemand zu der Rothaarigen und sie war ganz dankbar dafür. Sie konnte jetzt niemanden ertragen, der sie trösten wollte. Sie verschwand in ihrem Zelt, dass sie zum Glück für sich hatte und vergrub sich dort in ihren Schlafsachen. Dies war ein trauriger, dunkler Tag.


________


Die nächsten Tage verbrachte Blue fast nur in ihrer Zwiesprache. Sie versuchte nicht mehr, die Höhle in die Unterwelt auszumachen, sondern zu erfahren, wann sie zurückkehrte. Es wäre besser, den Kampf nicht komplett zu verlegen. Avilox musste nur über den aktuellen Standort im Dunkeln bleiben.
Braco tauchte ebenfalls nicht mehr auf. Keiner sprach Ruby direkt darauf an, aber leises Getuschel über 'ihren' Verräter ging dennoch durch die Reihen. Ihre Laune wurde zunehmend gegen den Nullpunkt gezogen und das, obwohl sie es geschafft hatten, Castor zu rufen. Das war schließlich ihr Ziel gewesen.
"Ruby?" erklang eine leise Stimme und sie hob den Kopf. Drisana kam zu ihr und sie zwang sich zu einem Lächeln. Die Rothaarige konnte nichts dafür. Sie hatte stets zu ihr gehalten.
"Was gibs denn?" fragte sie und ging ein paar Schritte mit ihr aus dem Lager.
"Wir haben was von den Anderen gehört. Sie wurden nur ein paar Kilometer weit weg von Chace gesichtet. Es kann sein, dass sie bald Kontakt aufnehmen und wir sollten uns vorbereiten. Avilox hat zwar nicht mehr viele Wölfe, aber sie streifen trotzdem viel in der Gegend herum. Ebenso Cato und Leya", sagte sie leise und schaute in die Richtung, die am Nächsten an der Zivilisation grenzte. Das dort viele von Avilox' Wölfen waren, war kein gutes Zeichen.
"Das klingt toll. Wir müssen wen zum vermitteln ausschicken.  Und, ähm.. ihr versteht euch schon recht gut mit dem anderen Rudel, was?" fragte sie. Sie hatte den Namen  noch nicht gehört. Im Gegenteil. Ruby hatte sich zwischenzeitlich so sehr zurückgezogen, dass sie mit niemandem mehr großartig Kontakt aufgebaut hatte.
Drisana lächelte.
"Komm heute Abend dazu. Alle... hm.. fast alle sitzen zusammen. Es gibt immer weniger Grüppchenbildung. Wir sollten uns alle kennenlernen, wenn wir zusammen kämpfen wollen", meinte Drisana und Ruby nickte langsam.
"Gib mir noch etwas Zeit, ja? Ich mach einen Spaziergang", sagte Ruby und verwandelte sich draußen. Drisana lief ihr nach.
"Aber Ruby... Pass auf dich auf", resignierte sie seufzend, als die rote Wölfin zwischen den Bäumen verschwand.






Sie wusste nicht, wohin sie gehen sollte oder wollte es sich nicht eingestehen. Aber sie hatte keine Geduld mehr auf Blue zu warten und seit sie einmal im Schattenreich gewesen war, zog es sie irgendwie an. Sie wünschte sich fast schon eine Rückkehr.
Sie verlangsamte ihr Tempo und schlich über den gefrorenen Waldboden.
"Hör auf dich anzuschleichen", brummte sie. Es war klar, dass Clay ihr folgte und sich schließlich an ihre Flanken heftete.
Er zwickte ihr sanft in die Seite und drückte seinen Kopf in ihr Fell.
"Sei nicht so zickig. Wenn alle weglaufen, wie sollen wir da je eine Einheit bilden?", seufzte er und warf ihr einen Seitenblick zu. Sie verzog die Lefzen.
"Ohne Schattenreich auch kein Krieg", erwiderte sie leise.
"Das hängt dir immer noch nach oder? Glaub nicht, dass es einen von uns kalt gelassen hat", merkte Clay an und beobachtete sie.
"Ich weiß, ich sollte mich davon nicht so sehr mitnehmen lassen. Aber Braco's Reaktion hat mir schon zu denken gegeben. Ich meine, ich weiß, man kann es nicht rückgängig machen. Aber...", Ruby schüttelte den Kopf. Sie wusste nicht, wie sie sich ausdrücken sollte.
"Ich weiß ja, dass du sehr empathisch bist. Aber sind das die Anderen auch bei dir? Ruby, diese Männer haben euch gefoltert und missbraucht. Sie haben Eska getötet. Sila wird vielleicht nie wieder sie selbst und sie war so ein lebensfrohes, junges Mädchen. Und wir wissen nicht, was mit Sam ist. Ehrlich gesagt, hat es das Eisrudel sogar noch härter getroffen als uns. Und ich weiß, dass es Kenshin geschmerzt hat, mit seinem Rudelmitglied kurzen Prozess zu machen. Aber auch der hat sein Schicksal selbst besiegelt", sagte Clay fest und verschnellerte das Tempo, um mit Ruby schritt zu halten. Sie wollte ihn nicht anschauen, auch wenn sie natürlich irgendwo wusste, dass er recht hatte.
"Ich bin immer noch der Meinung das wir nicht über Leben und Tod entscheiden sollten.."
"Ruby, bitte nicht wieder das Thema!"
"Hast du dir die Szene mal durch den Kopf gehen lassen? Ich meine, wir sind hier nicht in 'nem Spielfilm!"
, entgegnete Ruby knurrend.
Clay seufzte nur, aber gab ihr keinen weiteren Stoff, um sich aufzuregen. Stattdessen schwieg er und sie setzten den Weg gemeinsam fort, bis der Wald sich lichtete.

Vor ihnen lag ein Feld. Jedoch war es nicht unendlich. Man sah von hier aus die Acker in weiter Ferne. Eine weiße Schicht hatte sich bereits über den Boden gelegt und es begann zu schneien.
Scheinbar bemerkte Clay Ruby's Blick.
"Du hast nicht ehrlich geglaubt, dass es wieder da ist oder?" fragte er und die Rote senkte das Haupt. Sie wusste selbst nicht, was sie geglaubt oder gedacht hatte. Aber irgendwo war sie ein wenig enttäuscht. Natürlich war Ungeduld nun fehl am Platz, das wusste sie. Andererseits war es ziemlich sicher, dass ihr eigenes Lager nicht lange unbehelligt bleiben würde. Sicherlich würde Avilox versuchen, es zu attackieren, bevor sie sich versammelt hatten und es zu einem Kampf kam.
"Ich möchte trotzdem näher schauen", meinte Ruby leise und lief vor über das Feld. Clay folgte ihr nach kurzem Zögern.
"Wir sollten zurück. Ich hab kein gutes Gefühl", meinte Clay unsicher, als sie das halbe Feld hinter sich gelassen hatten.
Ruby schnaubte und schüttelte den Kopf, ehe sie plötzlich bremste. Der Schokobraune lief fast in sie hinein.
Sie hatte seine Sorge eigentlich überhören wollen, aber sie erinnerte sich, was die letzten Male geschehen war, wenn sie die schlechten Gefühle hinten angestellt hatten. Jedes Mal war die Hölle über sie hereingebrochen.
"Ist schon okay...", begann er, aber Ruby schüttelte den Kopf. Nichts war okay.
"Nein, zurück! Schnell!", rief sie alarmiert und gab dann Vollgas. Es war nicht einmal ihr eigenes Gefühl, aber jetzt überkam es sie. Jedesmal hatten sie gewartet, dass Ruby aus dem Lager verschwand, ganz gleich, wer dann angriff. Und es lag doch auf der Hand, dass sie beobachtet wurden. Cato und Leya standen so eifrig hinter Avilox, dass sie jede dieser Aufgaben freiwillig übernahmen und sie kannten den Wald beinahe mit am Besten.
Auch wenn Fenrir den Boden berührt hatte, auf dem ihr Lager stand. Wer sagte, dass es schon reichte, um Feinde abzuhalten? Gray hatte damals sein Grundstück schützen wollen, sie 'nur' das Schattenreich. Also würde sich der Gefallen womöglich nur darauf beschränken. Blue hatte schon einmal gesagt, dass man Ansichten und Verhalten von Göttern nicht mit menschlichem Denken gleichsetzen konnte. Fenrir würde es nicht einsehen, diejenigen die für ihn kämpften, mit zu beschützen, wenn sie nicht explizit darum baten.
Und lieber ging Ruby einem falschen Verdacht nach, als wieder auf ein Schlachtfeld zu stoßen. Sie würde nicht nochmal alle einsammeln können.

Als sie auf die Lichtung kamen, schauten die Zurückgebliebenen überrascht auf, ob ihrer panischen Ankunft.
"Was ist passiert?" fragte Suka sofort und griff nach ihrem Messer. Ruby schaute sich um. Ihr Nackenfell stellte sich auf.
Alle saßen ruhig da, aber das schlechte Gefühl wollte nicht gehen.
"Es wird etwas passieren, ich hab es im Gefühl. Bitte, macht euch gefasst. Wir werden hier nicht noch länger in Frieden bleiben. Das sie uns überhaupt solange unangetastet gelassen haben...", Ruby schüttelte den schweren Kopf. Etwas war hier seltsam. Der Wald war nicht nur still- er war totenstill. Wie die Ruhe vor dem Sturm. Dieselbe Ruhe hatte damals das Schlachtfeld erfüllt, bevor Avilox das Kommando zum Angriff gegeben hatte.
"Ich werde nachsehen", meinte Kenshin und stand auf.
"Nein!", fuhr Ruby dazwischen und im ersten Moment schauten sich beide überrascht an. Er, weil sie ihm etwas befahl und sie, weil er innehielt.
"Nicht nachdem, was Mahila passiert ist. Verwandelt euch", sagte sie fest. Sie waren schließlich immer gut bewaffnet. Und eine Knarre von ihnen war auch noch dort, sowie einige K.O-Macher.
Es dauerte einen Moment, dann folgte jeder, selbst Chena, Ruby's Anweisung.
Ein paar andere Wölfe begannen das Fell zu sträuben und die Zähne zu fletschen. Die Sinne waren nun geschärfter und jeder spürte, dass dort etwas im Busch war.
Und dieses Unbekannte ließ nicht lange auf sich warten.
Alle zuckten zusammen, als ein Rehbock aus dem Dickicht schoss. Ein paar Wölfe richteten sich auf, aber die meisten senkten Angriffsbereit die Köpfe. Es war eine Sache, ob ein Reh aus dem Nichts auftauchte. Eine Andere war es, wenn die Gefahr, die es durch das Lager trieb, groß genug war, um es an den Silberwölfen vorbei zu führen.
Jeder Instinkt hätte ihm davon abgeraten.

Doch nach dieser Überraschung kehrte wieder Stille ein. Dennoch blieben alle Wölfe im Lager angespannt. Minuten vergingen.
Bis dann zwischen den Büschen große Wölfe hervortraten. Kenshin trat vor, doch Ruby drehte ihre Ohren zurück. Sie kamen nicht nur von vorn. Sie kamen von allen Seiten. Links, rechts, hinter ihnen. Überall traten Wölfe aus den Büschen, unter ihnen Cato und Leya.
Angeführt wurde das Rudel von keinem geringeren als Avilox selbst. Ihr Lager musste unbewacht sein, aber das nutzte dummerweise nichts. Sie waren umzingelt. Ruby sah es in seinen Augen. Er wollte seine Überlegenheit beweisen und seine Feinde ein für alle Male zerschlagen.
Ruby trat vor und fletschte die Zähne furchtlos. Jetzt war die Feuerprobe.
Avilox stellte sich ihr genau gegenüber. Sein Blick zuckte immer wieder rüber zu Kenshin.
"Verräter-Pack!" erklang die knirschende Stimme des weißen Wolfes in ihren Köpfen, mit einem Blick auf die Schwertwölfe.
Kenshin grollte so dunkel, dass es war, als würde der Waldboden unter ihnen vibrieren. Einen Augenblick baute sich eine wahnsinnige Spannung auf. Dann sprang Avilox schnappend nach vorn und sein Gefolge griff an.




Die Totenstille zerbrach, als die Stahlwölfe aufeinanderprallten und ein erneuter Krieg entbrannte. Durch all die Opfer die bereits gebracht worden waren, war Avilox schon jetzt in der Unterzahl. Auch wenn sie in ihren eigenen Rudeln wenige kampfunfähige Individuen hatten. Allerdings wurde es dadurch nicht einfacher. Kenshin und Ruby stellten sich Avilox, während je zwei Wölfe mit Cato und Leya zu kämpfen hatten.
Es kristallisierte sich schnell heraus, dass Kenshin der stärkere Gegner war und Avilox begann, sich auf ihn zu konzentrieren. Das gab Ruby die Möglichkeit, ihn immer wieder von gefährlichen Angriffen abzuhalten, in dem sie ihm an den Flanken und den Pfoten riss.
Als die beiden sich aufbäumten nahm sie all ihren Mut zusammen und nutzte die Gunst der Stunde. Sie sprang vor, biss sich in Avilox' Hinterbein fest und riss ihn zu Boden.
Kenshin nutzte es, um den großen Wolf an den Boden zu nageln und besser in Schach zu halten.

In diesem Moment wurden zwei kämpfende Wölfe von Leya überwältigt und Iluq musste Nanuq mit Cato alleine lassen, um die tobende Wölfin abzufangen, bevor sie eine Schneise in die anderen Kämpfenden schlug.
Das machte es dem anderen großen Wolf nicht leicht. Die Duelle waren größtenteils ausgeglichen und so wurde kaum ein Wolf zur Unterstützung frei. Iluq und Leya unterbrachen drei andere Kampfgruppen und die halbwegs vorhandene Ordnung stürzte sich in das Chaos.
Ruby kam Drisana zu Hilfe, die von einem der Wölfe überwältigt wurde. Kenshin biss sich in Avilox' Hals fest und war kurz davor, ihn K.O zu setzen, als Cato Nanuq ins Gesicht biss und ihn rücklings zu Boden warf. Leya setzte Iluq Schachmatt indem sie ihm ihren Kopf gegen die Kehle stieß und der Schwarze keuchend zu Boden fiel. Dann rannte sie kopflos in Richtung Kenshin, der sich in Avilox verbissen hatte. Trotz das sich ihr Suka und Malin an den Hals hängten, ließ sie sich nicht bremsen und wuchtete sich gegen Kenshin. Ein grelles Aufjaulen zeriss das Kampfgetöse, als sich die schneeweißen Zähne des Schwertwolfes von Avilox losrissen. Leya fiel mit den anderen Dreien zu Boden und wälzte sich Malin vom Leib. Nur Suka blieb an ihr und stellte sich ihr im Kampf. Gegen Kenshin hatte die Einzelgängerin allerdings recht wenig Chancen. Sie konnte ihn lediglich davon abhalten, wieder auf Avilox loszugehen und beschäftigte ihn etwas.
Als der silbern blutende Weiße sich aufrichtete, sah sich Ruby allerdings völlig alleine mit ihm konfrontiert.
Als die giftgelben Augen sie fixierten, schluckte sie, blieb aber standhaft und grollte Herausfordernd. Sie konnte ihn den Anderen nicht antun. Solange Kenshin beschäftigt war, würde Avilox ansonsten für seinen eigenen Sieg sorgen.
Sie trat auf den großen Knochenwolf zu, der sie sichtlich nicht für voll nahm, aber mit den Augen analysierte. Plötzlich erklang ein Heulen.
Alle wandten den Kopf, als die Hilfe, die ihr Gefolge dringend brauchte, endlich eintraf.

Avilox nutzte Ruby's Unaufmerksamkeit und stürzte sich auf sie, als wollte er wenigstens irgendjemanden noch mit sich reißen.
Die Rote erhaschte nur einen kurzen Blick auf die ehemals Geflohenen, die ihnen nun zu Hilfe kamen. Desna lief allen voran und wendeten das Blatt.
Doch Ruby bekam davon nicht viel mit, als Avilox ihr zwischen Schulter und Hals biss und sie rücklings zu Boden riss. Sie versuchte sich noch auszubalancieren und wieder auf die Pfoten zu kommen, doch wurde von der bärengleichen Stärke des Weißen überwältigt.
Sie hatte keine Chance auf Hilfe zu hoffen, als die Knochenwölfe versuchten, die Neuankömmlinge aufzuhalten.
Also versuchte Ruby wenigstens, den Biss zu erwidern. Sie heulte unter Schmerzen, als der Kiefer des Weißen sich wie ein Schraubstock zuzog und sie ein Knacken hörte. Sie betete, dass es nicht von ihren Knochen stammte.
"Ich werde dich töten", zischte die irre Stimme in ihrem Kopf, als sie versuchte, etwas von ihm zu erwischen. Selbst sein Ohr reichte ihr und sie versuchte so fest wie möglich zuzubeißen. Doch Avilox ließ einfach nicht los und hob sie langsam hoch. Sie spürte, wie das Blut aus ihren Wunden lief und ihr schwindelig wurde.
Sie ließ völlig neben sich stehend ihren Kopf in den Nacken fallen. Rauschen belegte ihre Ohren. Sie hörte nicht mehr, was um sie herum geschah und durch ihren verpixelten Blick sah sie, wie die Knochenwölfe sich zurückziehen mussten.
Sie schloss die Augen, als sie auf einmal losgelassen wurde. Mit einem dumpfen Aufprall kam sie zurück auf dem Boden auf und ihre zerissene Wunde schloss sich durch das dickere, silbrige Blut augenblicklich.
Ruby blieb entkräftet liegen und versuchte, sich zu orientieren. Sie sah, wie ein großer, rotbrauner Wolf Avilox in einen Kampf verwickelte und sich sogar sehr gut machte, im Kampf gegen den Weißen.
Ruby's Atem wurde flacher. Sie erkannte noch, den großen, weißen Fleck über dem blauen Auge des Wolfes, der gegen Avilox antrat.
"Braco...", flüsterte sie leise. Sie hörte kaum das Heulen und das Aufjaulen der Wölfe. Triumphierendes und das der Niederlage von den fliehenden Knochenwölfen. Dumpf hörte sie, wie das Rudel das Lager verließ und auch Avilox sich losriss, um zu verschwinden.

Die Wolfgestalt fiel rauchig von ihr ab. Ruby zitterte am ganzen Leib und hatte keine Kraft mehr, sie aufrecht zu erhalten. Ihre Wunde begann fast sofort wieder zu bluten, unter der nun weicheren Haut. Sie hielt fest eine Hand auf ihren Hals. Braco kam als Erstes, um sie sanft zu sich zu ziehen. Dann wurde ihr schwarz vor Augen.


________


Ein furchtbar drückender Schmerz am Hinterkopf weckte Ruby. Es fühlte sich an, als versuche jemand, ihren Schädel einzudrücken.
Stöhnend öffnete sie ihre Augen und wurde vom grellen Licht geblendet. Langsam drehte sie sich auf die Seite und tastete neben sich.
"Immer langsam, Prinzessin", erklang leise eine Stimme neben ihr. Ruby konnte sie nicht richtig zuordnen.
"Clay?" fragte sie und ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen.
Schweigen.
"Fast", entgegnete die Stimme und als sie den beinahe spitzen Unterton hörte, wollte Ruby wieder in Ohnmacht fallen.
Sie legte ihre Hände auf ihr Gesicht, halb aus Scham, halb aufgrund des blendenen Lichtes im Zimmer.
"Tschuldigung", nuschelte sie und schielte Jay zwischen zwei Fingern an. Er schüttelte nur den Kopf.
"Schon gut, war der Naheliegendste gewesen. Ich hab mir Sorgen gemacht. Ich meine, du bist meine Rudelchefin. Nachher stehen wir ohne Führung da", meinte Jay und zuckte mit den Schultern. Ruby seufzte und setzte sich unter Schmerzen auf. Sie merkte erst jetzt, wie unbeweglich sie war. Sie hatte ihre Arme so fixiert, dass sie sie nicht näher an den Körper ziehen konnte.
"Was... was ist passiert? Wir haben gewonnen oder? Und Desna... Desna kam", stellte Ruby fest und schaute Jay mit großen Augen an.
"Avilox hat dein Schlüsselbein angebrochen. Wir mussten es erst behelfsmäßig versorgen.Wir hätten dich ja ins Krankenhaus gebracht, aber die Gefahr, dass dich dort jemand unangenehm überrascht ist einfach zu groß. Wir müssen zusammenbleiben. Aber wenn du darauf bestehst...", begann er und Ruby schüttelte den Kopf und merkte im nächsten Moment, was für ein großer Fehler das war.
"Auf gar nichts bestehe ich. Ihr habt recht und ihr habt das Richtige getan. Hätte ich mich mal nicht so blöde angestellt, was?" Ruby lächelte schwach und rückte mit zusammengebissenen Zähnen näher an Jay, um sich an ihn zu lehnen.

"Danke, dass du da bist. Wir hatten kaum was miteinander zu tun, all die Zeit und...", Ruby brach unbeholfen ab. Nicht einmal mit den Schultern zucken konnte sie.
"Ist ja auch kein Wunder. Ist schon okay, mach dir keinen Kopf. Du hast was du willst. Es ist besser so. Anderes Thema, ja?" fragte er und Ruby nickte etwas bedrückt, aber sie nahm es hin.
"Du hast Recht, die Anderen sind gekommen. Normalerweise sollte nicht ich, sondern eine lange Schlange von Leuten mit ner dicken Entschuldigung hier stehen. Braco hat sie gefunden und ins Lager geführt. Gerade rechtzeitig, bevor Avilox dich abgeschlachtet hat. Kein Anderer war für dich da in dem Moment. Dabei hat jeder an ihm gezweifelt, ausnahmslos", meinte Jay und schaute auf seine Hände.
"Du bist echt gut in diesem Leben, weißt du das?"
Ruby verzog das Gesicht und schaute an sich herunter.
"Naja, ich seh ja auch blendend aus, wie man sieht. Das Meiste ist nur Gefühl und Intuition", winkte sie ab und betrachtete Jay, der seine Sache wirklich ernst zu meinen schien.
"Du hast Kenshin ziemlich auf deiner Seite. Ihr habt richtig im Team gekämpft. Hast du mal registriert, wo wir da drin stecken? Ich meine, von ein bisschen Geplänkel auf der Firma und einer ziemlich coolen übernatürlichen Kraft sind wir jetzt gerade vermutlich unseren Job los, was aber egal ist, da wir eh am Limit leben. Wir könnten jedesmal fast getötet werden.. wir haben getötet und es wurde uns sogar jemand genommen. Und wir nennen Eis- und Waldrudel mittlerweile schon 'uns'", stellte er ungläubig fest. So genau hatte Ruby sich das tatsächlich nie vor Augen geführt. Es war einfach passiert und sie hatte reagiert. Und es war ihr auch lieber, dass sie nicht realisierte, was passiert war. Es würde sie vermutlich um den Verstand bringen, bei allem, was auf sie eingestürzt war, inklusive ihres Erzfeindes selbst. Vorher hatte sie Leute ihre Feinde genannt, die hinter ihrem Rücken über sie lästerten und falsche Freundlichkeit heuchelten oder ihr Dinge unterstellten. Wie es war, einen Todfeind zu haben, konnte sie gar nicht realisieren. Sie bekam eine Gänsehaut und schüttelte den Kopf.

"Ich bin froh, dass ihr Allem zum Trotz immer an meiner Seite geblieben seid. Ich könnte echt verstehen, wenn ihr das Alltagsleben vorzieht. Bei allem was passiert... auch jetzt noch", meinte Ruby leise und betrachtete Jay von der Seite.
Dieser lächelte bitter.
"Nichts lieber als das. Aber nach allem was passiert ist und was wir wissen... ist das gar nicht mehr möglich. Plus, dass wir dich gar nicht alleine lassen könnten in diesem Chaos", erwiderte er und musterte sie kurz, ehe er aufstand.
"Lass mich nicht alleine", sagte Ruby sofort und richtete sich stöhnend auf. Es war schwer für sie, mit dem Verband irgendetwas zu tun.
"Ich bring dich zu den Anderen", versprach Jay und half ihr auf, ehe er sie mit in den Vorraum nahm, wo ein paar Vertreter der Anderen warteten, inklusive Gray.
"So schnell gehen wir dir wieder auf die Nerven, was?" fragte Ruby mit schwachem Lächeln. Desna war nicht da, verständlicherweise. Allerdings war Nukka da und Sedna. Und Sam war bei ihnen. Ruby blieb wörtlich der Mund offen stehen.
"Sam... du lebst", flüsterte sie leise und sank auf der Couch zusammen. Sam lächelte schwach. Er sah furchtbar zugerichtet aus.
"Ja... knapp", erwiderte er mit rauer Stimme. Es klang als hätte er seit Wochen nicht geredet.
"Avilox wollte es beenden, direkt nach dem Angriff auf euch. Wäre Vineeta nicht auf Braco getroffen, hätten wir euch nie gefunden", sagte Sedna, die führsorglich eine Hand auf Sam's Rücken gelegt hatte. Respektvoll, auch wenn es ihr sichtlich schwer fiel, ihn nicht in den Arm zu nehmen. Sie war blasser als sonst und sah kränklich aus. Es hatte alle Schamanen sichtlich hart getroffen, dass Eska nicht mehr da war. Nur Blue sah man es wenigstens nicht an.
"Ja, es war ganz komisch. Er hat gespürt, was los war und hat uns zum Lager geführt", bestätigte Nukka und betrachtete Ruby.
"Und ihr... ihr wisst, wer er ist? Und nehmt es so hin?" fragte die Rothaarige skeptisch. Nach dem sie mit den ganzen Kritikern gestrandet war, fiel es ihr schwer, dass zu glauben. Desna war schließlich auch dort.

"Vineeta war die Erste, die ihn getroffen hat. Das hat ihm den Einstieg erleichtert", winkte Nukka ab und Ruby musste unwillkürlich lächeln. Sie vermisste die alte Wölfin. Sie war wie ein Bindeglied mit ihrer verständnisvollen Art. Es gab in beiden Rudeln kaum jemanden, der eine bessere Zuhörerin war.
"Vermutlich liegt es am Rudel oder seiner familiären Beziehung... aber umso besser, dass er gekommen ist. Wir wären ziemlich aufgeschmissen gewesen", stellte Ruby fest. Sie erinnerte sich, wie Iluq von Leya ausgeknockt worden war.
"Geht.. geht es den Anderen gut?" fragte Ruby leise. Fabs war schließlich auch nicht da, obgleich er sich sehr gut geschlagen hatte.
"Ja, es geht ihnen soweit gut. Wir haben versucht, einen der Einzelgänger zu fangen. Aber Leya ist wie eine Dampfwalze. Mehr eine Bärin, als eine Wölfin. Und es gibt ein paar.... Spannungen", meinte Nukka unsicher und schaute zu Jay. Ruby folgte ihrem Blick besorgt.
"Spannungen?" fragte Ruby.
"Nun ja, nun bist du nicht mehr die einzige Blutmondwölfin neben Kenshin. Er hat dich akzeptiert, aber er hat ein Problem mit Desna und Sam. Es sieht aus, als wäre es kurz davor, dass das Bündnis bricht", sagte Jay vorsichtig und Ruby fuhr so schnell hoch, dass sie fast umkippte.
"WAS? Das kann er nicht.. nein.. ich muss dahin und die Wogen glätten", meinte Ruby sofort, obwohl sie sich immer noch vorkam, wie gefesselt. So konnte sie sich nicht einmal gefahrlos verwandeln. Jay hielt die wankende Rothaarige gerade noch fest.
"Nein, nichts da! Du musst dich ausruhen, um für den Kampf bereit zu sein!" sagte Jay fest und wich ihrem bohrenden Alpha-Blick aus.
"Ohne Kenshin sind wir nichts im Kampf. Wir stehen auf verdammt dünnem Eis. Ich kann mich auch noch in unserem Lager auskurieren. Ich kann nicht zulassen, dass unser Bündnis zerbricht. Das hat beiden Seiten viel Schmerz beschert", sagte sie leise und biss sich auf die Lippen. Wenn sie nur an Sila dachte. Und an den Schmerz in den Augen des schwarzen Wolfes, als er sein Rudelmitglied ausgeschaltet hatte.

"Bringt mich zurück", befahl Ruby und bekam einen überraschten Blick von Sam, der sie noch immer als eher unsicher und bittend in Erinnerung hatte.
Jay tauschte einen Blick mit Nukka und Sedna.
"Ihr müsst euch keine Sorgen machen. Aber wir haben den Bund geschlossen. Kein anderer im Lager", fügte sie leise hinzu und Jay ergab sich. Sie wurde von den Wölfen den langen Weg in ihr eigenes Kriegslager eskortiert. Schon vor dem Betreten der Lichtung schlug ihr die Anspannung entgegen wie eine Abrissbirne. Fast alle waren verwandelt und Ruby wurde wütend, als sie spürte, wie Desna versuchte, ihre Position neben Kenshin zu behaupten. Sie wusste nicht, woher es kam. Aber sie war eifersüchtig, dass Desna ihren Platz einnehmen wollte und in ihr kam der Instinkt auf, ihr das ganz schnell auszutreiben, um ihren Platz in der Herrschaft neben Kenshin wieder aufzunehmen. Er akzeptierte sie, niemanden sonst. Und sollte auch nicht dazu genötigt werden, jemand anderen zu tolerieren.
Sie betrat entschlossen die Lichtung und zog die Aufmerksamkeit der Meisten auf sich. Dabei strahlte sie schon als Mensch so viel autoritäre Alpha-Macht aus, dass man förmlich spürte, wie es sich zwischen das gestörte Machtverhältnis der anderen beiden Rudel schob.
Desna hob unwillkürlich die Lefzen. Aber jetzt war Ruby kein Gast in ihrem Rudel. Sie war die Anführerin ihrer eigenen Sippe.
"Was ist hier los?" fragte sie schneidend in Richtung Desna, welche die Ohren anlegte.
"Du darfst ruhig etwas mehr Respekt haben. Wir sind wieder da und du musst dich nicht mehr mit dem Erwachsenenkram rumschlagen. Das hier ist etwas für erfahrene Wölfe", meinte Desna und Ruby platzte fast der Kragen. Es war das Schlimmste was sie tun konnte, ob ihres lädierten Schlüsselbeins, doch Rauch fiel von ihr ab und sie kam als Wolf auf drei Pfoten auf und fletschte die Zähne.
"Wie kannst du es wagen, den Rückzug anzutreten und uns zurück zu lassen?! Wir haben uns selbst befreien und helfen müssen. Wir haben mehrere Kämpfe mit unseren Peinigern ausgefochten und uns wurde von fremden Einzelgängern geholfen, nicht von euch! Und jetzt kommst du hierher und spielst dich auf, als wärst du die Chefin hier? Egal, was passiert, meinen Posten hier bekommst du nur über meine Leiche!" grollte Ruby dunkel. Sie kannte sich gar nicht so aggressiv, konnte sich aber jetzt nicht mehr zügeln. Die Wölfe um sie herum senkten die Köpfe und knurrten, gestresst durch ihre Machtspielchen.

Desna öffnete das Maul und grollte dunkel.
"Wir sind nicht der Feind! Aber du hast hier keine Entscheidungskraft. Du bist nur ein Kind", entgegnete Desna in abfälligem Ton. Sie trat auf Ruby zu und diese wusste, dass sie keine Chance in einem Kampf hatte. Das wusste Desna auch. Und wenn Worte und Drohungen nicht ausreichten, entschieden auch bei Gestaltwandlern physische Auseinandersetzung den letztlichen Ausgang über dem Verstand.
Dennoch gab Ruby ihren Posten nicht auf, wider der Vernunft um ihre Sicherheit. Sam, der ähnlich wie Kenshin die Situation beobachtete, hielt sich erst einmal aus dem Streit heraus. Bisher stand er über der Situation und ließ sich durch den ungeklärten Rang der vier Alpha nicht sonderlich verunsichern. Die Schneewölfe beobachteten beunruhigt den Verlauf.
"Das, was ich hier bewegt habe, hättest du nie geschafft", sagte Ruby bitter.
"Du hättest dir eher selbst im Weg gestanden. Wir hatten eine Unterstützung, die dir nicht geholfen hätte. Und ohne ihn, ständen wir woanders und uns ganz sicher nicht gegenüber. Mit dir würden wir diesen Kampf nie gewinnen! Also hör auf dich so aufzuspielen!"
Ruby machte zähnefletschend einen Schritt vor, um Desna zu zeigen, dass sie eine Konfrontation nicht scheute, obgleich sie immer noch eine Vorderpfote angewinkelt hielt.




Desna wirkte verletzt, bei ihren Worten. Sie beide wussten, dass es um Gray ging bei der Sache und das er Desna durch ihre Art zu sein, wie sie war, vermutlich abgelehnt hätte. Egal, mit wie vielen Verletzten sie gekommen wäre.
Doch ihre Verletztheit trieb Desna auch dazu, Ruby unüberlegt angreifen zu wollen. Ruby machte sich bereit, ihrem Angriff standzuhalten, als ein Wolf neben sie trat und Desna's Angriff abfing, um sie dann laut knurrend zurück zu treiben. Und Desna ließ es zu, schnaubte eingeschnappt und schaute zwischen Ruby und ihrem 'Retter' hin und her. Es war Kenshin, der sich mit gesträubtem, glänzenden Fell zwischen sie stellte und die Lefzen bis zum Anschlag hoch zog.

"Er war unser Feind. Er verteidigt dich bloß, weil er neben dir mehr Macht hat", gab Desna mit bebender, innerer Stimme von sich und suchte mit spielenden Ohren nach Verbündeten, die sich an ihre Seite stellten und ihre Position stärkten. Ruby starrte sie an, bis nichts mehr geschah und begann ebenfalls die anderen Wölfe zu beobachten. Unschlüssig standen die Waldwölfe um die Konfrontation herum, den Kopf gesenkt. Keiner von ihnen positionierte sich klar. Doch nun wurde es von ihnen erwartet. Je länger Desna warten musste, umso mehr Druck übte ihre Körpersprache aus. Ruby rechnete mit Sturköpfen wie Chena oder guten Freunden Desna's wie Sura, die sich auf ihre Seite stellten. Doch das geschah nicht. Desna hob den Kopf und trat zurück. Es bedurfte keiner Worte, um zu signalisieren, dass die Wölfe Ruby erwählten. Zusammen mit Suka hatte sie alles angeführt. Jede Befreiung, jede Geiselnahme und letztlich die Verhandlungen mit Kenshin. Sie hatte den Kontakt mit Gray aufgebaut und gefestigt und war der einzige Grund, aus dem der alte Wolf ihnen half.
Und jeder von ihnen wusste das und selbst Chena konnte es eingestehen. Mit Kenshin an ihrer Seite würde keiner mehr ihren Rang in Frage stellen. Braco trat auf ihre andere Seite und zeigte Desna die Zähne.
"Manchmal können Feinde auch Verbündete werden. Das sollte dir am geläufigsten sein", meinte er kühl und stupste Ruby sanft in die Seite. Diese ließ die Anspannung von sich abfallen und verwandelte sich zurück. Mittlerweile hatten sie Anfang Dezember und es wurde Zeit, dass sie sich auskurierte, noch bevor Avilox erneut angriff.
Und dieses Mal mussten sie die Schlacht zu ihm tragen.
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BeitragThema: Re: Silberblut   So Sep 03, 2017 11:49 pm


Avilox' Fluch und Fenrir's Segen









Im Lager war langsam wieder Frieden eingekehrt. Ruby's Schlüsselbein schmerzte nicht mehr so sehr, allerdings war das Zwischenmenschliche auf der Strecke geblieben.
Da die Machtverhältnisse geklärt waren, waren nur ein paar wenige Wachen verwandelt. Ruby saß auf einem Baumstumpf am Lagerfeuer, dass sie warm halten sollte. Überall lag mittlerweile Schnee und es war eisige Kälte aufgezogen. Während das Eisrudel bestens geschützt war, waren alle Anderen reichlich unzufrieden mit den sinkenden Temperaturen.
Ruby schaute auf ihre Hände und ließ sich von der wabernden Hitze des Feuers benebeln. Braco trat schließlich zu ihr und setzte sich neben sie.
Sie hatten nicht mehr geredet, seit er sie zurückgelassen hatte. Nun kam er freiwillig zu ihr und das war mehr, als sonst jemand je getan hatte, mit dem sie Stress hatte. Obwohl es nicht einmal direkt das war. Er war wütend über die Opferung gewesen und das konnte sie ein Stückweit nachvollziehen.
"Wie gehts dir?" fragte Ruby leise, vorher unschlüssig, welche Worte sie wählen sollte. Alles okay? Nichts war okay. Gehts wieder? Als wäre es eine Nichtigkeit gewesen.
Sie seufzte über ihre eigenen Gedankengänge. Vermutlich nahm sie es zu eng, aber sie wollte ihn auf keinen Fall verärgern.
Braco starrte derweil ins Feuer, ohne zu blinzeln. Der Flammenschein betonte seine verschiedenfarbigen Augen.
"Nicht gut", erwiderte er kurz angebunden. Seine dunkle Stimme erinnerte so gar nicht an die aufdringliche seines Bruders.
Ruby nickte leicht und ließ eine Weile des Schweigens entstehen. Zu ihrer Überraschung war es Braco, der wieder die Stimme erhob.
"Sie haben mich großgezogen. Avilox hat seine Gabe mit 23 entdeckt und früh ein Rudel aufgebaut. Anfangs war es eine halbwegs harmonische Familie. Bis mein Bruder der Machthunger ergriff und er seine Schreckensherrschaft aufgebaut hat. Die Loyalität und die Erinnerung an die alten Zeiten, haben sie unter dieser Herrschaft bleiben lassen. Die Abstinenz hat sie verrückt gemacht. Sie waren wie große Brüder für mich. Bis ihr sie betäubt habt, wie wilde Tiere, um ihnen dann die Kehle aufzuschlitzen, für einen unwürdigen Massenmord."
Seine Stimme wurde zuletzt nur noch zu einem Flüstern. Die Szene der weggetretenen Männer kam Ruby unwillkürlich zurück in ihren Kopf. Hilflos in den Händen ihrer Henker. Ein letztes furchtsames Aufflackern, ehe das Licht in ihren Augen erlosch.

Ruby schluckte leise, während ihr die Tränen in die Augen stiegen. Sie versuchte sie wegzublinzeln, was nicht einfach war, durch die trockene Luft am Feuer.
Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals, der es ihr schwer machte, zu antworten. Und sie wusste in diesem Moment auch nicht, was sie sagen sollte.
Sie bekam nicht über die Lippen, dass es richtig gewesen war.
Alles was sie tun konnte, war zu wiederholen, was seine Brüder den Frauen angetan hatten. Es war ihr ein Konflikt, denn genau diese Bilder hatte sie ebenso stetig im Kopf.
Aber sie kam ihm dieses Mal nicht zuvor.
"Ich weiß, sie verdienen dafür Schlimmes und ganz sicher kein Lob. Glaub nicht, dass ich sie verteidigen wollte. Aber es gibt andere Lösungen, als eine öffentliche Hinrichtung..."
Braco biss die Zähne zusammen und sie wusste, dass es ihm gerade mit seinen Gefühlen ähnlich erging wie ihr.
"Es tut mir so Leid", flüsterte sie leise. Er wandte den Blick ab.
"Ich hoffe Fenrir holt seine Kinder zu sich", entgegnete er lediglich und Ruby senkte den Blick.
"Kenshin ist genauso gnadenlos wie du. Fast gnadenloser als die Wilden", fügte er hinzu. Die Rothaarige sog leise die Luft ein.
"Weißt du. Früher habe ich solchen Menschen immer den schlimmsten Tod gewünscht. Sie verderben Andere für ihr ganzes Leben und verwirken damit das Recht auf ihr Eigenes. Ich meine, ich war selbst Opfer. Aber das mit anzusehen... das war keine Genugtuung", flüsterte sie leise und fuhr sich mit ihrem gesunden Arm durchs Haar. Rache war nicht süß. Das mochte Mahila anders sehen, aber Ruby war nicht für so etwas gemacht. Sie wollte nur Avilox aus dem Weg räumen, damit wieder Frieden einkehren konnte. Mehr wünschte sie sich gar nicht. Und auch das würde ein harter Weg werden. Sie war ganz froh über ihre Machtposition, denn sie wusste über den Groll der Anderen wegen Eska. Und sie verstand es. Selbst, wenn sie es kaum richtig realisierte. Doch wollte sie für keine weiteren Hinrichtungen geradestehen. Auch nicht für den Schwertwolf, mit dem Kenshin Wunder was angestellt hatte. Ruby war er bekannt vorgekommen, doch wusste sie nicht, woher.

"Ruby?" fragte Drisana schüchtern und warf einen kurzen Blick auf Braco, ehe sie nervös ihre Hände knetete.
"Ähm, Blue hat Neuigkeiten. Suka sagt, wir müssen Fletscher finden, bevor er Infos über das Schattenrudel an Avilox verkauft", sagte sie und versuchte angestrengt, nur Ruby anzusehen.
"Ist okay, Drisana, ich komme", meinte Ruby und musste sich doch ein sanftes Lächeln verbeißen. Sie stand auf, bevor die junge Verliebte noch ins Schwitzen geriet, vor lauter Augenkontakt vermeiden mit dem jungen Knochenwolf.
"Ich komme mit", meinte Braco so gleich und Ruby drehte sich überrascht um. Ihr lag instinktiv ein Widerspruch auf den Lippen, doch sie schloss den Mund wieder, als sie seinen Blick sah. Ein Blick, so fest und durchdringend, dass er jedes Widerwort im Keim erstickte.
"In Ordnung", sagte Ruby deshalb schließlich, um ihn milde zu stimmen und ging hinter Drisana her. Theoretisch müsste sie sich noch schonen, obwohl sie keinen Verband mehr trug. Aber sie war schon immer eine eher schlechte Patientin gewesen.
Deshalb verwandelte sie sich, ebenso wie die anderen Beiden.
"Müssen wir ihn suchen oder hat er eine Art Lager im Wald?" fragte Ruby und wunderte sich schon darüber, dass es im Wald so viele unentdeckte Lager gab.
"Naja, nicht ganz. Er wohnt in einer Senke. Ist halt eher ein verwilderter Kerl, etwas verrückt, aber nicht gefährlich. Naja, es sei denn, er verkauft wichtige Infos an die Falschen", grummelte Drisana leise, während sie die Beiden durch den Wald führte. Suka musste schon vor Ort sein. Und es dauerte auch nicht allzu lang, bis sie sie hörte, laut knurrend und das gesträubte, spitze Fell der weißen Wölfin sah.
"Zerfleisch ihn nicht, wir brauchen ihn noch", meinte Drisana.
"Die Anderen auch. Vielleicht wäre zerfleischen die beste Methode", erwiderte Suka, aber Ruby wusste mittlerweile, dass sie ihren Worten nicht ohne Vernunft Taten folgen lassen würde.

Fletscher hockte derweil als Mensch ängstlich zwischen zwei Wurzeln eines Baumes. Ruby sah ihn das erste Mal. Er hatte einen Bart, strubbelige, kurze Haare und sah wirklich aus, als käme er nie aus dem Wald heraus. Teilweise zeichneten Narben sein Gesicht.
"Komm schon, Suka.. sei nicht so hart zu mir... ich muss auch leben", säuselte er und duckte sich hinter seinen Händen, als die Weiße aufgrollte.
"Ich weiß nicht viel, sonst würde ich es dir selbstverständlich sagen", fügte er hinzu. Ruby konnte der hellen, säuselnden Stimme gut entnehmen, dass man Fletscher nur solange trauen konnte, wie man ihn sah.
Er ließ seinen Blick kurz zu ihnen schweifen und stockte, als er Braco an ihrer Seite sah.
"Du weißt wahrlich nicht alles", stellte Ruby fest und trat vor ihn. Suka machte ihr ungerne Platz und Fletscher richtete sich wieder ein wenig mehr auf.
"Aber du weißt, wo das Schattenrudel gerade ist."
Sie sah in seinen Augen, dass die Verwirrung zu spät kam.
"Was willst du für diese Info?"
"Eine Verpflegung über den Winter und einen sehr hohen Baum, denn Avilox zerreißt mich, wenn ich es euch sage", meinte er und schüttelte den Kopf.
"Nicht, wenn ich dich vorher zerreiße", knurrte Suka, unzufrieden das er sie nicht ebenso sehr fürchtete.
"Das könntest du gar nicht", winkte er ab und schenkte ihr ein verschmitztes Lächeln. Ruby warf einen Blick zu der Weißen und fragte sich langsam, woher sie sich alle kannten. Nach so vielen Jahren in der Wildnis.
"Sie vielleicht nicht, aber ich", meldete sich Braco kühl zu Wort.
"Davon abgesehen, hat es meinen Bruder nicht interessiert, oder? Er wollte diese Info nie von dir."
Ruby warf dem Braunen einen überraschten Blick zu. Weshalb sollte Avilox nicht ihre Schwäche so schnell wie möglich ausnutzen und sich auf den Weg machen wollen? So schnell wechselte die Höhle ihren Standort nicht. Und Castor wäre auch noch nicht erwacht.






"Warum nicht?" fragte Ruby. Braco schüttelte den Kopf.
"Er läuft dem Schattenreich nicht hinterher.. das sind Tagesreisen. Woher soll er das nehmen? Außerdem ist sein Rudel stark geschwächt, fast die Hälfte ist Tod. Jedesmal könnte er die Schattenhöhle knapp verpassen, bis er herausgefunden hat, wo sie als Nächstes ist. Er muss warten, bis sie zurückkommt", entgegnete Braco und senkte den Kopf, fixierte sein menschliches Gegenüber.
"Aber hier hat jemand nicht so lange überlebt, um es nicht zu wissen. Ein Wilder muss noch keine schlechten Kontakte haben..."
Fletscher's Augen wurden schmal.
"Wie Euer Bruder ja eindrucksvoll bewiesen hat. Na schön... nur so viel: Die Schattenhöhle hat ihren letzten Standort erreicht, bevor sie zurückkehrt. Irgendwo um diesen Wald herum, wird es also bald eine große Fläche geben, die vorher nicht da war. Bevor ich hier meine Zeit vertrödel, würde ich sie suchen. Ohne Gegner hat es euer geliebter Avilox am leichtesten, sie zu betreten", er lächelte kühl. Ruby und Braco tauschten einen Blick. Die Rote knurrte dunkel, aber in der Tat hatten sie dann keine Zeit, sich mit ihm weiter auseinander zu setzen.
Sie liefen los.
"Hey.. wo ist meine Belohnung?!" rief Fletscher entrüstet und griff Suka ins harte Fell. Sie hielt inne und warf ihm einen mörderischen Blick zu, den Fletscher nur süffisant lächelnd erwiderte. Nach gefühlten Minuten ließ er sie los und sie schloss auf. Es ging Ruby vielleicht nichts an, aber wenn das hier vorbei war, wollte sie Klartext. Dafür, dass sie und ein ausländischer Wolf die Führung für die Organisation hatten, wusste sie verdammt wenig von dem, was hier so abging.
Blue stieß zu ihnen, noch bevor sie das Lager erreichten und die Drei hielten inne.
"Es ist soweit oder?" fragte Ruby und Blue senkte das Haupt. Sie mussten sich vereinen und dieses Mal würde Ruby jeden zurücklassen, der sich dem Kampf nicht wirklich anschließen konnte. Sie mussten jetzt nichts mehr riskieren.

Sie warf den Kopf in den Nacken und heulte, damit sich alle im Lager versammelten.
"Hört zu! Die Schattenhöhle kehrt zurück. Es ist soweit. Wir müssen uns rüsten und vor allem müssen wir unsere Kämpfer von den Nichtkämpfern trennen", verkündete sie und rechnete mit Entrüstung. Die ließ auch nicht lange auf sich warten.
"Ich bitte euch. Wir brauchen keine unnötig Verletzten mehr, mit traumatischen Erfahrungen. Sura, bitte bleib hier und wähl dir zwei Druiden. Wir brauchen sicherlich ein paar Krankenpfleger, wenn das hier vorbei ist. Sila und Blue, ihr bleibt definitiv auch im Lager. Ihr seid nicht in der Verfassung... und wir brauchen wenigstens Zwei, die das Lager hier bewachen", fügte Ruby hinzu und durfte sich so viel anhören, dass sie weder Worte noch Stimmen voneinander separieren konnte.
"Wollt ihr wieder unnötig Opfer? Es wurden genug Kinder geschändet", sagte sie fest und damit erstarb der Großteil der Beschwerden.
"Ihr könnt euch selbst überlegen, wer hier bleibt. Aber bitte, seid vernünftig. Wir können uns nie sicher sein. Wisst ihr noch, was das letzte Mal geschehen ist, mit unserem verlassenen Lager? Ja, es kann sein, dass ihr hier umsonst auf Gegner wartet. Aber wünscht euch das nicht zu früh. Denn, wenn es kommt, dann meistens Dicke", sie schüttelte den Kopf. Manchmal fühlte es sich für sie an, als würde sie unvernünftige Kinder in die Schlacht führen. Langsam sollte bei allen angekommen sein, dass dieser Krieg kein Spaß war. Und es würde auch trotz der Unterzahl von ihren Gegnern, kein simples Spiel werden. Sie mussten Avilox mehr oder weniger den Weg ebnen, aber ihm auch nicht gerade den roten Teppich ausrollen. Und wenn ihm nur ein Funke an seinem Rudel lag und er mitkämpfte, würde es nicht lange dauern, ehe ihre Kampfkräfte ausgeglichen waren.

Ruby setzte sich seufzend und etwas entkräftet. All der Stress und die Vorsicht waren ermüdend. Nun wartete sie, während Kenshin an ihre Seite trat und sich ebenfalls setzte. Sie warf ihm mit ihrem Blick ein Lächeln zu. Manchmal war es beinahe zu einfach gewesen, ihn auf ihre Seite zu ziehen. Avilox hatte ihm ein Versprechen geben müssen und bis heute wusste sie nicht, was dieses Versprechen beinhaltete. Noch etwas, wo es Zeit wurde, es aufzuklären. Bestenfalls ehe es losging. Zwar war das Versprechen gebrochen, aber irgendwie war es nie richtig vom Tisch gewesen. Es kränkte ihren Verbündeten tief und das war meistens nie sicher.
Sie warf einen Blick auf die diskutierenden Wölfe und entschied sich, ihre Ruhe zu nutzen.
"Was war euer Deal? Für den du hierher gekommen bist, gekämpft hast und Seite an Seite mit Männern in einem Lager warst, die du verabscheust?" fragte Ruby schließlich und wandte sich dem schwarzen Wolf zu. Dieser ließ den Blick schweifen und brummte leise.
"Bei uns läuft es ein wenig anders, in Sachen Wolftraditionen. Wie du unschwer gemerkt hast, sind wir weit weniger 'Frauenbelastet', als eure Rudel. Eine Gefährtin war der Deal. Ich bin kein Räuber und Nuttenkäufer wie Avilox", antwortete Kenshin und neigte den Kopf. Das er sie nicht ansah, zeigte Ruby schon, dass er nicht unbedingt stolz darauf war.
"Dann hättest du dir also eine Gefährtin räubern lassen?", fragte Ruby skeptisch zurück. Das befreite einen nicht gerade von dem Verbrechen.
"Das muss nicht immer schlecht für die Wölfin ausgehen. Oder für die werdende Wölfin", gab er fast schon eine Spur beleidigt zurück. Ruby stieß leise die Luft aus. Sie wollte jetzt keinen Streit losbrechen. Das Gespräch verlief ruhig und der Deal war geplatzt.
"Wie konntest du Avilox vertrauen? Ich meine... er sieht nicht so aus, als könnte man ihm alles blind abnehmen", stellte die Rothaarige schließlich fest und warf noch einen Blick zu den Rudeln. Ein paar diskutierten noch. Nachdem sie sich sicher war, dass dieses Gespräch an keine falschen Ohren dringen würde, schaute sie wieder zu dem Schwarzen. Sein Blick schweifte ebenfalls an anderen Orten herum, als bei ihr.
"Er hat sie töten lassen, wegen der Niederlage. Er kam nicht ins Schattenreich. Dass seine Unfähigkeit, in diese Höhle zu gehen ein Ausschlusskriterium ist, war nicht Teil des Handels. Aber er war wütend und hatte gleichzeitig Angst, dass er nicht gefürchtet genug wäre, wenn er dem Ganzen ohne solch harschen Konsequenzen noch eine Chance geben würde."
Er machte eine kurze Pause.
"Und nun sitzen wir hier.".

Ruby verstand den Wink und nickte langsam. Das war also das Geheimnis, weshalb es schon kurz danach Spannungen gegeben hatte. Und so wie es klang, war die Dame in der Heimat geblieben. Offenbar waren nicht alle, die Avilox folgten, auch bis hierher, auf das Schlachtfeld vorgedrungen. Das ließ ja hoffen...
Sie wandte sich wieder den Rudeln zu. Es herrschte derweil Stille.
"Chena und Malin bleiben hier", verkündete Desna mit einem Seitenblick auf Kenshin, der mit einem undefinierbaren Blick auf sie herabsah.
Ruby tat es etwas weh, dass es Malin war, der da blieb. Er war ein guter, souveräner Kämpfer. Aber sie hoffte, dass Clay sich dann besser konzentrieren konnte.
"Na schön", willigte Ruby ein, als zu ihrem Rudeltreffen Wölfe stießen. Sofort standen die meisten auf und knurrten. Ruby stand ebenfalls auf. Kenshin wartete auf ihre Reaktion, doch Ruby hielt inne. Ein schneeweißer Wolf führte die kleine Exkursion an und blieb stehen, als die Verteidigungshaltung der Anderen ihn traf.
Er schaute zu ihr hoch und sie würde den Blick dieser Augen überall wiedererkennen.
"Die Einzelgänger sind gekommen, um sich dem Kampf anzuschließen. Weitestgehend", erklang die charmante Stimme Zerafins und sie sah das Lächeln in seinen Augen. Hinter ihm waren einige ihr unbekannte Einzelgänger.
"Es sind nicht alles die wilden Waldbewohner, die ihr kennt. Sie leben als Mensch und sind Fenrir's Ruf gefolgt. Sie mögen nicht die besten Kämpfer sein, aber manchmal reichen auch Zahlen aus, um zu überzeugen", fügte er hinzu und trat zur Seite. Ein grauweißer Wolf trat vor, spitzte die Ohren und schaute sie selbstbewusst an.
"Mein Name ist Cain. Ich stehe im Gegensatz zu Jax, ich helfe vielen Wölfen in ihrem neuen Leben. Da ich im Kampfsport bewandert bin, hoffe ich doch, gut helfen zu können", meinte der Wolf. Er sah freundlich und ehrlich aus. Ruby nickte langsam und drehte ein Ohr. Sie spürte Kenshin's Blick unablässig auf sich und sah Zerafin ihn beobachten.
Eine Graue war die Nächste.
"Mein Name ist Adya. Ich helfe, weil Avilox mehr als nur Wald und Flur bedroht. Er bedroht die Menschen. Ich werde nicht zulassen, dass er meine oder andere Kinder und Familien abschlachtet", sagte diese fest.

Zerafin betrachtete zufrieden die Vorstellung und auch die Rudel entspannten sich, noch immer von Überraschung gezeichnet. Als Nächstes kam eine dunkle Wölfin, hochgewachsen und elegant. Das erste Mal wandte sich Kenshin's Blick ab und blieb an ihr haften. Das entging weder dem Weißen, noch Ruby. Nach Adya's sehr weiblicher Stimme, war ihre gar rau, wie von einer hartgesottenen Kriegerin.
"Ein überheblicher Mensch, der sich als Gott aufspielen will? Da verkrieche ich mich nicht. Ich stelle mich, so früh, wie möglich. Der wird vom Thron gestoßen, ehe er den Finger hebt und sagt 'Meiner'. Bin übrigens Ivory oder Ivy", sagte sie und schaute dabei Ruby fest in die Augen. Sie fühlte sich aufeinmal etwas deplatziert. Sie saß ja gerade mehr oder weniger auf dem Alpha-Vorsprung. Das realisierte sie erst jetzt.
Übrig blieb nur noch eine verschüchterte graue Wölfin, die scheinbar selbst nicht ganz wusste, was sie hier sollte. Sie trat unschlüssig vor, aber sie musste nicht einmal etwas sagen.
Ahalya stieß aus dem Kreis der Wölfe hervor und starrte sie an.
"Lys?!" fragte sie und bekam ein paar irritierte Blicke. Die eingeschüchtert wirkende Wölfin schaute mit großen Augen auf.
"Ahalya...", flüsterte sie leise und brach fast zusammen. Ahalya lief sofort zu ihr und verwandelte sich. Dann umarmte sie die alte Freundin lang und fest, die sich in ihrer Umarmung zurück verwandelte und begann zu weinen.
Ruby seufzte und wandte taktvoll den Blick ab. Wenigstens gab es noch schöne Sachen. Es wurde noch früh genug sehr ernst.

Zerafin ergriff nun wieder das Wort, nach einer taktvollen Pause.
"Nun, wenn ihr erlaubt. Ich würde vorschlagen, wir rollen das Ganze ein wenig anders auf. Wir stellen Jax, bevor wir uns zur letzten Schlacht aufmachen. Er ist Avilox Augen und seine Ohren. Ohne ihn wird er blind und taub für unser Kommen, denn er verlässt sich auf ihn", sagte Zerafin und Ruby nickte. Sie war dieses Mal nicht abgeneigt. Zerafin besaß selbst viel Wissen. Obwohl es genauso gut eine Falle sein konnte, immerhin hatten sie ihn auch als Informanten haben wollen. Doch vielleicht war ein starker Verbündeter nun auch auf ihrer Seite und verlangte nicht die Versklavung der Menschheit.
"Na gut. Dafür brauchen wir nicht viele. Aber du kommst mit Zerafin. Wer sich anschließen will... das ist mir heute egal", meinte Ruby, müde vom Einteilen. Ihr Rudel und Clay schlossen sich ihr sofort an.
"Das könnte eine Falle sein", gab Vineeta zu bedenken, als Ruby an ihr vorbeitrat. Die Rote hielt kurz inne und schaute dann zu Zerafin.
"Ja. Das wäre sogar wahrscheinlich."


Ruby flankierte Zerafin und ihr Rudel folgte ihr. Der Weiße lief vor. Er schien offenbar zu wissen, wo sie den Mann finden konnten.
Sein Pech wäre es wirklich, wenn Avilox ihn einquartiert hatte, denn in der Stadt oder einem seiner Unternehmen war er definitiv sicherer vor ihnen. Doch das war heute nicht der Fall.
Stattdessen schien er sie schon mehr oder minder zu erwarten. Es war keine Wache da, als er aus einem Zelt, weit abseits des Lagers trat. Vermutlich eine Art 'Raum', wo sie ihre Pläne ausheckten.
Ruby sah ihn das zweite Mal. Er hatte mittlerweile einen Drei-Tage-Bart, der aber ordentlich gepflegt war, wie der Rest von ihm. Sein Gesicht war ernst und seine Augen hart. Langsam trat er an dem großen Zelt vorbei und zurück. Die Rote hielt an und mit ihr das Rudel, während Zerafin den Wolfkopf senkte und auf den Mann zutrat. Alles lief in völliger Stille ab.
"Ihr begeht einen großen Fehler", meinte Jax kühl und verwandelte sich, ehe er dem Weißen entgegentrat. Keinen Kampf- oder Drohlaut gaben sie ab. Alles verlief in fast schon beunruhigender Stille ab. Zerafin wollte keine unangenehme Aufmerksamkeit auf sich ziehen, was Ruby gut nachvollziehen konnte.
Doch auch ihm war es aufgefallen, dass Jax ungewohnt unbewacht war.




"Keine Leibwachen, die sich um dich Sorgen?" fragte er in beinahe spöttischem Ton. Jax zog minimal die Lefzen hoch, aber blieb ansonsten weiterhin in seiner defensiven Haltung.
"Die besten Wachen sind die, die man nicht sofort sieht", entgegnete der Bunte und seine samtene Stimme klang in ihren Köpfen wieder.
Ruby spielte kurz mit den Ohren, doch etwas in der Überzeugung von Jax' Worten ging verloren.
Zerafin knurrte.
"Spar dir deine Drohungen und Irrungen. Du bist ganz alleine hier. Avilox braucht alle seine Männer- im Gegensatz zu dir, nicht wahr? Dich hat er zurück gelassen. Hat er dir nicht absolute Sicherheit versprochen?" Zerafin trat um Jax herum, der die Zähne fletschte und ihm mit den Augen folgte. Er trat zur Seite, aber ließ auch das kleine Rudel von Ruby nicht aus den Augen.

"Aber erst wenn er am Ziel ist", fiel Ruby ein, ehe Jackson reagieren konnte.
"Und das wird er nicht erreichen. Wir werden ihn heute zerschlagen, ein für alle Mal."
Jax lachte bellend auf.
"Ihr habt keine Ahnung, was ihr da sagt. Ihr könnt ihn nicht vernichten. Keiner kann das", erwiderte er in einem abfälligen Ton, aber so Selbstbewusst, dass Ruby einen Blick mit Zerafin tauschte.
"Kenshin hat ihn bereits gut im Griff gehabt", gab sie zurück und fixierte den Bunten.
"Er will dich nur verunsichern", warf Clay kühl ein.
"Kenshin hat ihn bloß aufgehalten, nicht besiegt. Avilox ist nicht wie jeder Andere. Er ist anders. Egal, wie viele seiner Anhänger ihr dezimiert. Er wird bestehen bleiben. Anhänger finden sich dann immer wieder."
Wie um seine Worte zu unterstreichen zog Jax die Lefzen hoch.
"Ja, ihr seid alle Austauschbar. Genauso wie du. Also wende dich lieber wieder dem Richtigen zu", knurrte Zerafin.
"Dem Richtigen?" rief Jax abfällig. "Dem Fenriswolf, der durch eine schlechte List im Götterreich angebunden wurde, wie ein Kettenhund? Pah! Er ist ein Dämon der schwachen Sorte. Schon jetzt, ist er auf seine kleinen, unreifen Kinder angewiesen. Avilox wird stärker", schloss er.
"Wie soll er stärker werden, wenn er seinen Platz einnimmt? Er wird ihn, gemäß dem Fall er kommt an allen von Fenrirs Wachen vorbei, im planaren Reich stellen müssen. Es wird nicht ein Dämon akzeptiert und der Andere nicht. Menschen haben Angst vor Wölfen. Götter sind nicht anders", erwiderte Zerafin eisig und blieb wieder vor ihm stehen. Jax starrte ihn aus dunklen Augen an.
"Keiner hat gesagt, dass er dem Kettenwolf nur eine neue Gestalt geben wird. Es gibt mehr da draußen, als euren beschränkten Horizont", Jax hob den Kopf, als Zerafin knurrte und nach ihm schnappte.
Dann ging alles ganz schnell.

Sie wollten Jax eigentlich aus dem Kampf herausziehen. Doch das gestaltete sich nicht als sonderlich leicht.
"Es geschieht bereits."
Mit diesen Worten sprang der Bunte zur Seite. Zerafin sprang ihm sofort nach und alle Anderen, inklusive Ruby, wurden von einer großen Wölfin niedergerannt.
Ruby rappelte sich auf und heulte, ehe sie mit Zerafin die Verfolgung aufnehmen wollte. Sie sah noch, wie der Schneewolf geschickt zwei weitere, Ruby unbekannte Wölfe, die dazugestoßen waren umging, ehe er Jax nachsetzte. Der Roten selbst stellte sich ein großer Schneewolf in den Weg, der die Zähne fletschte und nach ihr biss.
"Schnell Ruby, du hast doch gehört! Es läuft bereits!" fauchte Clay und riss sie vom Kampf weg.
"Nein... Nein!", schrie Ruby zurück.
"Zerafin ist noch..."
"Dafür haben wir jetzt keine Zeit!"
, grollte Clay und sie musste ihm leider recht geben. Leya hatte ein ordentliches Chaos angerichtet und hielt sich an ihnen gar nicht mehr auf. Stattdessen rannte sie weg, während die beiden anderen Wölfe einen Kampf provozieren wollten.
"Los, wir müssen ihr hinterher!"
Dieses Mal ließ sich Ruby den Befehl geben und heulte, um die Anderen zu alamieren. Dann setzten sie der großen grauen Wölfin nach, die ungeahnt geschickt und schnell durch den Wald fegte. Und sie hatte mit Sicherheit ein Ziel: Das Schattenreich.




Nun war es also gekommen. Der finale Kampf.
Blue hatte die Rudel am Schattenreich versammelt, nachdem sie Ruby's Heulen vernommen hatte. Die Knochenwölfe fanden kampfbereite Gegner vor, noch einen Moment bevor sie eine freie Bahn zum Schattenreich gehabt hätten.
Und man sah das Kräfteungleichgewicht dieses Mal sofort.
Der Schnee lag dick über dem unendlichen Feld. Selbst auf der Schattenhöhle lag etwas. Ein scharfer, eisiger Wind wehte und umspielte das klimpernde Fell der anwesenden Wölfe. Avilox' Kampfkraft übertraf nicht mehr die 20 Wölfe, auch nicht mit den beiden Einzelgängern. Dafür war ihre eigene Seite nun vier Rudel stark und wurde noch von den Einzelwölfen unterstützt. Auch wenn Zerafin selbst nicht mehr aufgetaucht war, nachdem er Jax nachgesetzt hatte.
Ruby stellte sich nun zu ihrem Rudel, während Kenshin am Kopf der anderen Rudel stand und unter anderem von Desna, diese von Fabs und einigen anderen flankiert wurde. Sie bildeten eine Mauer, durch die in das Schattenreich kein Durchkommen sein sollte. Kein weiterer unnötiger Tod mehr. Nur noch einer.
Ruby zog die Lefzen hoch. Dieses Mal würden sie den Start machen.
Sie warf einen Blick zu Kenshin. Er schnaubte, dann öffnete er das Maul zum Grollen und schoss los. Ruby und der Rest schlossen sich ihm an.
Schnee stob um sie herum auf, als sie den Kampf eröffneten. Dieses Mal zeigte sich kein Schattenwolf, doch wäre das auch nicht nötig gewesen. Avilox war zu ihrer Privatsache geworden.
Dieser knurrte laut und pikiert darüber, dass man offensichtlich den Angriff auf ihn freigegeben hatte, anstatt umgekehrt. Er tänzelte ungeduldig und blökte seine Rudelmitglieder an, den Angriff zu erwidern, was diese etwas zögerlich taten. Cato und Leya tauschten einen Blick. Die Übermacht war nicht zu leugnen. Und keiner kannte ihre Intentionen oder wozu sie jetzt noch fähig waren. Ruby wusste nicht einmal, ob sie selbst sie kannte.





Und doch merkte man, dass Avilox mehr eine überfällige Chance ergriff, anstatt wirklich bereitwillig zu sein. Statt sich, wie das letzte Mal, einen Pfad zu schlagen und jeden Wolf, der ihm zu Nahe kam, fort zu reißen oder angreifen zu lassen, versuchte er nun jedem auszuweichen und einen möglichst sicheren Weg nach vorn zu ergattern. Keinen seiner Rudelmitglieder unterstützte er mehr. Er schien seit dem letzten Mal doch deutlich angeschlagen. Das gab Ruby mehr Mut, nach den mysteriösen Worten von Jax einen Sieg zu wittern. Und sie wollte es ihm nicht zu einfach machen. Sie schnappte sich Kenshin vom Kampfgetümmel weg und schnitt Avilox immer wieder den Weg ab. Er wich teils unbeholfen aus, als wäre er eine agile Kampfweise nicht gewohnt.
Bis sich ihm der große schwarze Schwertwolf in den Weg stellte. Avilox Blick wechselte hektisch zwischen den beiden Gegnern hin und her, ehe er dunkel und furchteinflößend grollte. Sie sah die Ungeduld in seinen Augen. Eine weitere Chance hatte er nicht. Vielleicht würden sie ihn in diesem Moment sogar selbst richten können.
Aber etwas sagte ihr, dass zu viel Selbstüberschätzung nun fehl am Platze war und der Schuss auch nach hinten gehen konnte.
Die Sekunden schienen für einen Augenblick zu gefrieren, doch Avilox' Anhänger waren ihm noch immer treu. Einer von ihnen griff Kenshin an, woraufhin Ruby den Weißen attackierte. Sie wusste, dass sie nicht in er Lage war, ihn aufzuhalten. Und das war auch nicht der Plan.
Sie bäumte sich gegen Avilox auf und parierte immer wieder sein Schnappen. Sie konnte es sich nicht leisten, dass er ihr mit  seinem schraubstockartigen Griff noch etwas brach, denn der war gewiss noch intakt. Rudelinterne Differenzen mussten ihn zusätzlich geschwächt haben. Der Ungehorsam einiger seiner Kämpfer sprach bände. Einige traten recht schnell und schon bei geringen Verletzungen den Rückzug an.
Avilox stieß Ruby zurück und biss ihr Richtung Schnauze. Diesen Biss wollte sie so ungeschickt parieren, dass ihre Zähne aufeinander schlugen und ihre Zungen sich berührten. Übelkeit stieg in Ruby auf, als sie sich losriss, ehe Avilox ihre Ablenkung nutzte, um ihr eine Kopfnuss zu geben, welche sie beinahe von den Beinen riss.

Dann stürzte der Weiße los und Kenshin und Ruby setzten ihm nach. Doch er verschwand in einem reißerischen Tempo im Schattenreich. Kenshin bremste ehrfürchtig vor dem Übergang, doch Ruby sprang hinein. Sofort umfing sie tödliche Stille. Leicht nebeliges Wabern glitt über den Boden, als Ruby ihre Pfote auf den kargen Stein setzte. Sie blieb verwandelt. Etwas, dass ihr hier noch nie passiert war.
Einen Moment war ihr Kopf wie leer gefegt und sie fragte sich, ob es ihr jedes Mal so ergangen war. Ob es jedem hier so erging....
Da fiel ihr Avilox wieder ein. Und zwei seiner Wölfe, die damals dort eingedrungen und nicht mehr aufgetaucht waren.
Sofort senkte Ruby den Kopf und versuchte die schwache Fährte zu verfolgen. Sie erreichte bald schon den Felsen, der in das Reich hineinragte und schaute schüchtern hinab in die Tiefe.
Mehr als kleine Vorsprünge dienten nicht als Abstieg. Doch sie musste sich beeilen. Sie hatte keine Wahl.
Also begann sie den holprigen Abstieg, der ihr bis zur dritten Ebene auch ganz gut gelang. Ab da ging es nicht weiter. Sie schaute weiter in die kleine Enge hinab und schnaubte, ehe sie sachte weiter in das Reich eindrang. Hier war es dunkel und ein paar leuchtende Flechten wuchsen an der Decke entlang. Ansonsten war es dunkel.
Auf einmal drangen Geräusche an ihr Ohr. Jaulen, Knurren und ein Grollen, dass das ganze Reich zu erschüttern schien.
Ruby hob den Kopf und lief los. Irgendwo hier musste es weiter hinab gehen. Es war ihr, als kämpften sie ganz in der Nähe.
Das letzte Mal war ein Erdloch hinter einem der Felsen gewesen. Also steckte sie ihre Nase hinter jedes, dass sie fand.
Bis sie an einen bemoosten Auswuchs kam, dahinter huschte- und zurückschreckte. Sie hatte nur ein Wolfgesicht mit gespreiztem Maul gesehen und ging sofort mit gesträubtem Fell knurrend in Kampfhaltung.

Ihre Anspannung wuchs und wuchs, doch nichts geschah. Sie senkte die Lefzen und schlich langsam vor. Sicher wartete er schon, zum Absprung bereit.
Doch als Ruby um die Ecke trat, erkannte sie ihren Fehler. Zwar war es ein Wolf, doch war er nicht mehr lebendig. Sie wusste nicht einmal, was es genau war. Ihr wurde kalt, bei seinem Anblick und ihr Fell stellte sich auf.
Es war einer der Knochenwölfe, die in das Schattenreich eingedrungen waren. Doch er war gar missgestaltet. Das restliche Stahlfell war wie verrottet, überzogen und an seinen Kopf festgeklebt. Es ließ ihn plastisch wirken. Ansonsten war nur noch sein Skelett übrig.
Es war, als hätte die skurrile Pflanzenwelt ihn übernommen und ausgehöhlt. Das war also aus den Feinden des Schattenreiches geworden, die es unbefugt betreten hatten und ihm nicht gewachsen gewesen waren. Nicht die Schattenwölfe hatten sie erlegt.. jedenfalls nicht diesen. Das Reich selbst und seine Flora und Fauna hatten den Rest getan. Dieselbe Fauna, die schon Ruby benebelt und ihr Gedächtnis auf eine Reise geschickt hatte.
Ruby schluckte und trat langsam zurück, ehe sie fast schon die Flucht ergriff. Sie wollte nichts Anderes mehr als weg. Was hatte sie sich bloß gedacht, dass sie hierher zurückkehrte?!
Es schien ihr, als würden die atmenden Wände näher kommen und sie erdrücken wollen. Wenn sie sie nun auch als Feind markierten? Sie war ganz alleine hier und man hatte einst dasselbe Schicksal für sie vorgesehen, als sie Gefangene der Schattenwölfe gewesen war.




Nun rannte sie schneller. Der Boden wurde moosig und glänzte. Sie verlor die Orientierung schleichend, wie beim letzten Mal und langsam fürchtete sie um ihren Verstand. Wenn sie ihn nun verlor, war alles vorbei und umsonst. Dann würde sie hier ebenso sterben, wie ihre Feinde.
Sie fiepste auf, als der Untergrund unter ihr rutschig wurde und auf einmal einbrach. Sie sah die Dunkelheit an sich vorüberziehen, ehe sie auf dem Steinboden aufkam und ihr alle Luft aus den Lungen gepresst wurde.
Ruby keuchte erschrocken auf und blieb wie erstarrt liegen, als ihr einen Moment schwarz vor Augen wurde.
Es dauerte einige Sekunden, ehe wieder Geräusche wie in Watte gepackt an ihr Ohr drangen und Bewegungen vor ihren Augen die Dunkelheit verwischten.
Wie Yin und Yang waren der Pferdsgroße Castor und der Eisbärgleiche Avilox ineinander verbissen und lieferten sich einen ewigwährenden Kampf.
Dafür, dass er angeschlagen wirkte, schlug Avilox sich gut. Er schaffte es immer wieder, fatale Bisse von Castor zu parieren, setzte selbst aber auch keinen entscheidenden Treffer. Jedoch konnte es jederzeit soweit sein.
Sie bäumten sich so gegeneinander auf, dass sie sich zurückschoben, um die Oberhand zu gewinnen.

Ruby versuchte sich aufzurappeln. Ihr ganzer Körper schmerzte, aber das war ihr jetzt nicht wichtig. Sie war in den letzten Wochen schon ziemlich zerstört worden, aber dennoch hatte sie gekämpft. Für jeden, den es schlechter getroffen hatte. Für jeden, der gestorben war, egal ob Freund oder Feind. Das hier musste ein Ende haben, ein für allemal.
Sie sprang auf und wollte eingreifen, ihm irgendwie helfen. Doch sie wusste auch, dass sie dem schwarzen Riesen dabei nicht in die Quere kommen durfte, denn er würde keine Rücksicht darauf nehmen, ob sie Freund oder Feind war.
Als Avilox ihr den Rücken zudrehte, ergriff sie die Chance. Sie schoss nach vorn und biss ihm in sein Sprunggelenk am Hinterbein, ehe sie ihn daran mit aller Kraft zurückriss. Die minimale Positionsänderung war genug Ablenkung, damit Castor einen besseren Treffer setzen konnte. Er verbiss sich seitlich im Hals des Weißen und riss ihn von den Pfoten. Ruby wich sofort zurück, als er sich den Weißen zur Brust nahm und drehte sich weg. Sie würde diesen Anblick niemals vergessen. Castor hatte die Oberhand gewonnen und Ruby damit das Gleichgewicht gestört. Avilox bekam keinen Halt mehr bei ihm und wurde mit einem gezielten Biss und einem Knacken, welches Ruby das Blut in den Adern gefrieren ließ, außer Gefecht gesetzt. Sie musste einen Blick über die Schulter werfen und bereute ihn sofort.
Sogleich drehte sie sich weg und ergriff die Flucht nach oben. Dieses Mal war es ihr egal, wie holprig und eng der Aufstieg war. Adrenalin schoss in ihre Adern und gab ihr die letzte Kraft, die sie brauchte, um oben anzukommen.
Röchelnd und völlig außer Atem, am ganzen Leib zitternd, verwandelte sie sich zurück und zog sich auf den Felsvorsprung. Nun war es nicht mehr weit bis zum Ausgang.
Dennoch konnte sie sich nicht erheben und schluchzte so laut auf, dass es in der ganzen Höhle wiederhallte. Schockiert schlug sie sich die Hände vor den Mund und brach zusammen. Tränen liefen ihr über die Wangen.
"Oh Gott... oh Gott...", flüsterte sie immer wieder und versuchte den Schmerz, der sie durchzuckte, zu ignorieren. Sie hätte es kommen sehen müssen, doch sie würde sich niemals daran gewöhnen. Egal, wie sehr sie auch versuchte, sich alles Schlechte und Verwerfliche, das geschehen war und gerächt war, ins Gedächtnis zu rufen. Sie wünschte sich, es hätte eine andere Lösung für all die Opfer dieses Krieges gegeben.

Sie konnte das Schattenreich nicht verlassen. Nicht jetzt und nicht so. Draußen fand kein Kampf mehr statt, doch etwas war nicht in Ordnung. Das war alles, dass durch das Portal zu ihr durchdrang.
Sie erhob sich und ging zittrig auf den Weltenübergang zu. Sie hob eine Hand, um sie sanft an den Übergang zu legen und drückte ihre Faust vor ihren Mund, um weiteres Schluchzen zu unterdrücken, mit mäßigem Erfolg.
Langsam, bebend stieß sie die Luft aus. Der Nebel unter ihr löste sich langsam auf und Ruhe umfasste sie. Das Schattenreich, welches so eine tödliche Stille gehalten hatte, schien seinen Frieden zu machen. Die Gefahr, die gegen es stand, war gebannt.
Doch vorbei sollte es für Ruby noch lange nicht sein.


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BeitragThema: Re: Silberblut   Fr Sep 08, 2017 5:59 pm


All good things come to an end







Die Tränen waren getrocknet, auch wenn Ruby's Gesicht noch immer gerötet war. Sie fühlte sich seltsam leer in diesem Augenblick. Als hätte sie in diesem Moment alles rausgelassen und nichts wäre übrig. Einerseits fehlte ihr nun eine tröstende Umarmung, andererseits wollte sie niemanden um sich. Aber sie konnte nicht ewig im Schattenreich bleiben. Sie war schon zu lange hier.
Sie schloss die Augen und trat nun aus dem Portal heraus. Als sie spürte, dass sie in die irdische Welt einkehrte, ließ sie ihre Gestalt von sich abfallen.
Draußen war Stille. Nur wenige Wölfe waren noch da. Ein paar Schwertrudelwölfe, sowie Braco und Clay hielten noch die Stellung. In ihren Fängen waren drei eingeschüchterte Knochenwölfe, welche alles aufgegeben hatten, um Avilox noch zu verteidigen, sowie Leya, welche sie alle in Masse und Größe überragte.
Ruby trat zu der kleinen, unruhigen Versammlung. Sie fühlte sich, als würde sie über allem stehen. Irgendwie weit entfernt von dieser Situation.
Es war ihr egal, ob Kenshin's Wölfe anerkannten, dass sie eine gewisse Stellung hatte. Sie trat so selbstbewusst und unbedacht dazu und ihre Aura schien gerade keine Widerworte zu dulden.
Also traten die Geiselnehmer zur Seite und alle Blicke der verängstigten Gefangenen blieben auf Ruby haften.
"Lasst sie gehen. Es ist vorbei", sagte Ruby. Protest kam von allen, außer Clay und Braco. Letzterer warf ihr einen bittenden Blick zu. Aber das brauchte Ruby gar nicht. Es waren genug Opfer gebracht worden. Sie waren ihrem Anführer loyal gewesen, aber hatten keinem Leid zugefügt. All jene waren bereits beseitigt. Und nachdem sie Braco's Geschichte kannte, wusste sie, dass es keine schlechten Männer waren, die nun als Wölfe vor ihr standen. Lediglich welche, die noch an die besseren Zeiten in ihrem Rudel geglaubt und dafür gekämpft hatten. Nichts, wofür irgendjemandem Leid zugefügt werden müsste.

"Keine Widerworte", grollte Ruby und ließ die Protestler zurückweichen.
"Geht in Frieden, woher ihr gekommen seid. Und macht einen großen Bogen um diesen Wald. Ich will niemandem hier raten, meine Anweisung zu missachten. Ihnen wird kein Leid mehr zugefügt", schloss sie fest und nickte die Drei fort. Lediglich Leya blieb stehen, ihre Rutenspitze zuckte von links nach rechts. Cato war bereits fort. Sie hatten für Avilox' Ideale gekämpft, aber die Einzelgänger würden immer ein mehr oder weniger gefährliches Problem darstellen. Sie war müde vom richten über fremde Leben.





"Es ist vorbei, Leya", sagte sie leise und betrachtete die zähnefletschende, missmutige Wölfin. Sie hatte die Ohren tief im Nacken- selten hatte Ruby sie anders gesehen- und wandte den Kopf nach einer Weile zur Seite, um ihrem Blick auszuweichen. Da sie in der Wildnis lebte, nahm Ruby ihre Körpersprache ernster, als alle Worte, die sie hätte sagen können.
Ruby trat schließlich zurück und giftete die Wölfe neben ihr mit gebleckten Zähnen an, ihr Platz zu machen. Dann ließ sie auch Leya gehen.
"Was soll das? Sie haben uns viele Probleme bereitet. Wir hätten sie ein für alle Male gehabt", knurrte Chace, den sie noch aus Drisana's Erzählung kannte. Ruby warf ihm einen kühlen Blick zu.
"Deine Sorge muss sie nicht sein. Es ist unfassbarer, dass ihr noch immer geil aufs Blutvergießen seid. Jetzt ist es genug, okay? Es ist genug."
Ruby's Stimme wurde zuletzt immer leiser, aber verlor nichts an Konsequenz. Sie fühlte sich ausgebrannt.
Clay stupste sie sanft an.
"Wir sollten zurück. Sie sind am Versammlungsplatz", sagte er leise und Ruby nickte nur. Der schokobraune Wolf und Braco flankierten sie, während sie sich von den anderen Schwertwölfen durch den Wald führen ließ. Sie kannte diesen Pfad und es war wie ein irrer Flashback. Hier war sie entlang gegangen, als sie das erste Mal das Waldrudel getroffen hatte.
Eine Zeit, wo sie zwar schon einen ersten Erfahrungsschlag durch das Eisrudel bekommen hatte, aber sie war damals noch ziemlich naiv und unsicher gewesen. Das merkte sie aber erst jetzt.

Ein wenig Frieden nach dem großen Krieg würde ihr nun gut tun. Die Anderen hatten davon gesprochen, dass sie ihren Sieg begießen wollten und das war definitiv etwas, wo sie mitmachen würde. Wenn sie das nicht zusammen geschweißt hatte, um einen gemütlichen Abend zu verbringen, wusste sie auch nicht. In ein normales Leben einzusteigen, würde nicht mehr einfach werden. Und obwohl sie es mittlerweile gewöhnt war, draußen zu leben, sehnte sie sich nach allem, was sie erlebt hatte, endlich wieder nach Normalität. Und nach Kontakt zu ihren anderen Rudelmitgliedern. Zu Fabs war der Kontakt bis auf ein minimum gesunken, ebenso zu Jay. Clay hatte sich vor alle geschoben und der Einzige, gegen den er sich nicht durchsetzen hatte können, war Braco, wenn er ihre Aufmerksamkeit verlangte. Ihm trauten die meisten immer noch nicht voll, aber das war ihr egal. Sie würde ihn rehabilitieren. Obwohl es spannend werden würde, einen Wilden in ein zivilisiertes Leben einzugewöhnen.
Sie wurde aus Gedanken gerissen, als sie auf den Versammlungsplatz kamen. Im ersten Moment bemerkte sie nicht, was los war. Dann traf es sie wie ein Schlag.
Die Wölfe waren nicht im entspannten beieinander. Die Rudel waren wieder fein getrennt von den Schwertwölfen. Diese standen um den großen Haufen Holzscheite herum, den Desna stets als Alphasitz nahm. Diese stand dort auch, allerdings in Menschengestalt. Hinter ihr stand ein kräftiger Vertreter von Kenshin's Rudel, hatte ihre Arme um sie gelegt und drückte ihr ein Messer an die Kehle.





Ruby's Augen wurden groß und sie war auf einmal wieder da, wieder in Alarmbereitschaft. Der plötzliche Wechsel aus der Leere in das Gefühlschaos ließ ihren Kopf dröhnen. Im ersten Moment fand sie keinen Anfang. Sie verstand die ganze Situation nicht.
Kenshin tauchte in Wolfgestalt auf dem Alphaplatz auf und bleckte die Zähne. Sofort stieß Ruby nach vorn und trat zwischen Jay und Fabs. Sie verstand nicht, was hier los war.
"Kenshin!", fauchte sie.
"Was soll das werden?!"
Sie wusste, er hatte Desna nie gemocht und sie regelrecht auf dem Kieker gehabt. Hatte er das etwa geplant? War das ein abgekartetes Spiel?
Ruby fletschte die Zähne, als Kenshin langsam herunter kam.
"Ich bin immer noch aufgrund eines Handels hier", entgegnete er dunkel und die Rote hatte befürchtet, dass etwas in diese Richtung kommen würde. Bei ihrem Gespräch hatte sie bemerkt, dass er nie ganz davon gelassen hatte.
"Was erwartest du? Das ich wie Avilox werde und dir jemand Wahlloses vor die Pfoten werfe? Ich habe dir gesagt, dass ich diesen Frauenraub nicht gutheiße", entgegnete Ruby und hob mit gesträubtem Fell den Kopf. Sie erinnerte diese drohende Gegenüberstellung an die Übung, die sie damals mit Iluq gehabt hatte. Die Anderen wollten ihr helfen, doch das scharfe Luft einziehen von Desna, als die Klinge in ihre Haut einschnitt, ließ sie innehalten. Ruby traute kaum, ihren Blick aus Kenshins harten Augen zu nehmen.
In Desna's Augen funkelte die Angst. Doch das war nicht das Einzige, was Ruby wahrnahm. Ein grauer Wolf glitt über den vertrauten Holzhaufen, hinter den Rücken der Wölfe. Lediglich ihre eigenen Verbündeten mussten ihn bemerken.




"Ich habe für einen Deal gekämpft und gesiegt. Ihr habt beide bekommen, unter meinen Verlusten, was ihr wolltet. Das bleibt nicht unbelohnt", entgegnete der glänzende Schwarze düster.
"Ich bin nicht Avilox, wir hatten keinen Deal. Und wenn, hättest du nicht DAS von mir erwarten können. Wir wären nie zu einer Einigung gelangt", gab Ruby knurrend zurück.
"Dein Pech. Dann gelangen wir besser jetzt zu einer Einigung. Unter etwas anderen Bedingungen."
Kenshin bleckte die vampirartigen Schneidezähne und legte die Ohren tief in den Nacken.
"Wie wäre es, wenn wir die Bedingungen noch einmal etwas variieren?", erklang eine dunkle Stimme und Ruby war kurz davor aufzuatmen.
Kenshin drehte ein Ohr und als Ruby einen Schritt zurücktrat, wandte er den Kopf und sah dasselbe wie sie.
Gray war hinter dem Geiselnehmer von Desna aufgetaucht und drückte die Spitze seiner Axt in seinen Rücken. Der Mann verspannte sich und warf einen verunsicherten Blick zu Kenshin, in Erwartung seiner Befehle. Desna schloss die Augen, als sie die Stimme vernahm. Ruby wusste, sie hätte sie aus Tausenden wiedererkannt. Auch wenn Desna verkraften musste, dass Gray das womöglich nicht für sie tat. Für Ruby war das Wichtigste, dass er ihr das Leben rettete. Denn sie konnte gerade nicht einschätzen, wie weit Kenshin gehen würde, um an seinen Willen zu kommen. Zu weit war er in dieser Situation bereits gegangen.
Doch auch mit Gray war nicht zu Spaßen. Das machte ihn wieder zu einem der gefürchteten Einzelgänger.
"Okay, wenn du es nicht anders willst", meinte er kühl und hob die Axt. Ruby selbst befürchtete, dass er jetzt ohne zu zögern zuschlug. Sie war langsam umgeben von unberechenbaren Kerlen.
Kenshins Rudelmitglied wich jede Farbe aus dem Gesicht, aber er blieb in seiner unerschütterlichen Treue fast bewundernswert soweit in Position, als das er Desna nicht losließ. Auch wenn er Gray anschaute, als wäre er ein gesuchter Serienkiller.
Kenshin wandte sich um.
"Stopp!" rief er dazwischen, offenbar selbst nicht sicher, was er von Gray halten sollte. Dieser hatte wirklich mehr als ausgeholt, hielt aber kurz vor dem Zuschlagen inne. Ruby war sich sicher, dass der Mann dort oben gleich in Ohnmacht fiel. Kaum das Kenshin seinen Befehl aufhob, ließ er Desna los, als hätte sie die Pest und ergriff die Flucht als Wolf von den Scheiten. Die Alpha sank in sich zusammen und legte ihre Hand auf die blutende Wunde an ihrem Hals.

Kenshin wandte den Kopf zurück zu Ruby, die sich mittlerweile wieder vor dem Schwarzen aufgebaut hatte und mit gesträubtem Fell und gefletschten Zähnen begann, ihre Macht wieder auszubauen. Das hatte der Schwarze nicht ungestraft getan.
Kenshin legte die Ohren tief in den Nacken, senkte allerdings das Haupt. Jetzt war sein Druckmittel weg und er hatte nichts gegen Ruby in der Hand. Zudem waren sie in der Unterzahl.
"Ich habe mir heute gesagt, dass es keine weiteren Opfer mehr geben wird. Du hast mir fast einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dafür sollte ich meine Einstellung revidieren", grollte Ruby. Sie hätte alleine vielleicht keine Chance gegen Kenshin, aber mit ihrem Rudel und ihrem Freund an ihrer Seite, würde sich das relativ schnell entscheiden.





"Auch für dich, Kenshin. Es ist vorbei. Bitte, seht es doch endlich ein. Der Krieg ist zu Ende. Fang keinen Neuen an", bat Ruby leise und nickte ihn Richtung Wald. In seinen Augen sah sie den Widerstand, aber nach einem Moment leistete er dem Wink Folge und sein Rudel schloss sich ihm an.
Als er an Ivory vorbeitrat, hielt er für Bruchteile weniger Sekunden inne, ehe er an dem knurrenden schwarzen Bündel vorbeitrat.
Die Situation blieb noch etwas angespannt und Ruby folgte Kenshin und einem seiner Leibwachen, bis er am Waldrand war.
"War ne tolle Zusammenarbeit. Hätte ich von deinen Hintergedanken nur eher gewusst. Dann hätten wir deine Hilfe nicht in Anspruch genommen."
Ruby betrachtete den Schwarzen kühl. Er schaute ihr erst jetzt in die Augen und bleckte die Vorderzähne, ehe er schnaubte und sich abwandte.

Ein Blinder sah, auf wen er ein Auge geworfen hatte. Aber Ruby würde ihm niemanden aushändigen. Traditionen hin oder her. Hier lief der Hase ein wenig anders und da musste er schon Eigeninitiative ergreifen.
Ruby verwandelte sich schließlich zurück und ließ seufzend die Schultern hängen. Ob es endlich ein Ende hatte?
Sie ging zurück und schaute zu Desna. Sah das Leuchten in ihren Augen, als sie Gray anschaute. Sie redeten leise miteinander, aber in seinem Gesicht las Ruby bereits, dass alles in ihm nach Abschied schrie. Er hatte mit seiner großen Liebe abgeschlossen. Und sie hoffte inständig, dass dies die letzte, schlechte Nachricht war für diesen Tag.






Am späteren Abend hatten sich alle in das Lager des Waldrudels verzogen. Ihr altes, vertrautes Zuhause, welches so unschuldig und unversehrt da lag, als wäre das alles ein furchtbarer Albtraum gewesen.
Die Einzelgänger und das Eisrudel hatte sich für eine kleine Feier bereiterklärt. Das hatten sich auch alle redlich verdient.
Ruby ließ sich auf einen Baumstamm am Feuer sinken und sog leise die trockene, warme Luft ein. Es war vorbei. Kaum zu realisieren.
"Machts dir was aus, wenn ich meine Feier etwas verlagere?" fragte eine kühle Stimme und als Ruby aufschaute, sah sie der schwarzhaarigen Ivy ins Gesicht, die ein paar Bier in der Hand hatte. Ob ihrer kühlen Stimme, lächelte sie. Glänzend, glattes, schwarzes Haar umspielte ihr schlankes, markantes Gesicht.
Ruby hatte so eine Vermutung, wo es sie hinverschlagen würde.
"Klar, kein Problem. Danke für deine Unterstützung", sagte sie lächelnd und ließ die junge Frau gehen. Wenn Kenshin nicht dumm war, bekäme er seinen Willen vielleicht noch.
Jay setzte sich schließlich zu ihr und Ruby war dankbar darum.
"Dann gehts bald zurück, was? Freust du dich schon?" fragte er lächelnd. Sie war mehr als froh, dass sie wieder auf einer freundschaftlichen Basis angelangt waren, nach allem, was geschehen war.
"Du glaubst gar nicht wie sehr. Ein normales Leben, seltsam oder? Dem man immer entkommen wollte. Na gut. Ein neuer Job muss drin sein", Ruby grinste und fuhr sich durch ihr feuerrotes Haar. Jay gluckste auf und nickte.
"Es wird nie wieder normal werden oder?" fragte er und Ruby lehnte sich sanft an ihn.
"Nein, vermutlich nicht. Ob es andere Menschen nun wissen oder nicht. Wir waren im Krieg.. wir haben Dinge gesehen... und Leute kennengelernt, die man nirgends sonst so trifft. Naja und ich hab bald ne WG mit einem Wildling, der keine Ahnung vom Leben hat", stellte Ruby fest und bekam einen überraschten Blick.
"Er zieht zu dir?" fragte Jay und sie wusste nicht, wie sie seinen Blick definieren sollte. Dabei sollte Clay der Pikierte sein von beiden. Obgleich er das wohl sowieso war.

"Naja, wo soll er denn bleiben? Und er ist jetzt Teil unseres Rudels. Irgendjemand muss sich ja um ihn kümmern", sie musste über ihre eigenen Worte lächeln.
"Da kommen die Mutterinstinkte durch, was?" foppte Jay sie und sie war froh, dass er jetzt nicht sauer wurde.
"Sehr witzig", grummelte sie und schubste ihn sacht zur Seite.
"Ihr habt wieder zueinander gefunden, mh?" erklang eine Stimme und Fabs hatte sich wohl entschlossen der peinlichen Situation mit Nukka und Janna zu entgehen, indem er sich zu ihnen gesellte.
"Der Neustart gilt, wenn, für alles. Also klaro. Und, bei dir alles in Ordnung? Du solltest aufpassen mit den Frauen. Sonst wünscht du dir bald das Schlachtfeld zurück", neckte Ruby den Brunetten. Im Hintergrund redeten die beiden Mädchen eindeutig über ihn und dass sie sich einig waren, konnte für ihn nichts Gutes bedeuten.
"Sagte diejenige, die sich in ihrem Rudel mit lauter Männern eindeckt. Du wirst noch das erste Rudel, dass nur Kerle anführt", gab er grinsend zurück, warf aber lieber keinen Blick über die Schulter. Sie war ihm nicht mehr so böse. Die Strafe saß ihm bereits im Nacken, das besänftigte Ruby etwas.
"Na, ich weiß wie Frauen ticken. Und wie du tickst. Nachher geht bei uns eine wilde Soap ab. Lieber nicht. Da entschärf ich die Bombe von vorneherein und lad nur Männer ein", Ruby lachte bei seinem Gesichtsausdruck.
"Pass auf, dass er in seiner Not nicht schwul wird", scherzte Jay mit einem süffisanten Lächeln.
"Beruhigend zu wissen, für wie Notgeil ihr mich haltet. Bisschen leben würde dir auch gut tun", gab er brummelig zurück.
"Hast dich ja jetzt ausgelebt. Immerhin mit Frauen die meilenweit weg wohnen. Du hast es noch geschickt gemacht", stellte Ruby fest und zuckte zusammen, als Clay seine Hände von hinten auf ihre Schulter legte.

"Bei kontroversen Themen erwischt? Ich bin ganz froh, dass du gern Nägel mit Köpfen machst. Selbst, wenn die Typen dich alle so anlächeln", seufzte er und küsste ihr sanft unter ihr Ohr.
"Hmm... aber nur dein Lächeln erwidere ich. Obwohl es nicht so leicht wird mit uns, mh?"
Ruby lehnte sich sanft nach hinten.
"Ich weiß. Darüber wollte ich mit dir reden", sagte Clay leise.
"Oh, oh. Dann gehen wir besser", stellte Jay fest.
"Ja, reden. Jetzt wirds gefährlich", bestätigte Fabs und bekam einen Klaps von Ruby, ehe er Jay grinsend mitzog.
Clay setzte sich auf den Platz neben Ruby und zog sie sanft in seine Arme.
"Die wissen, was gut ist, mh?" fragte er lächelnd, während Ruby sanft an seinem Ärmel zupfte.
"Klar, Erziehung ist alles", neckte sie ihn, auch wenn sie fast etwas Sorge hatte, was jetzt gleich kam. In einem hatten ihre Jungs ja recht, reden war nie gut. Klang immer ernst und war negativ behaftet.
"Was möchtest du denn bereden?" fragte sie schließlich leise, beinahe wieder so schüchtern, wie sie einst gewesen war. Ob sie etwas falsch gemacht hatte?
Er schien ihre Sorge zu bemerken und lächelte sanft.
"Mach dir doch keine Sorgen", er setzte sich neben sie und nahm ihre Hände in seine.
"Ich dachte mir nur... da wir als Rudel so weit auseinander wohnen... Das sollte nicht sein. Weißt du, ich weiß, du hängst an deinem alten Leben und ich hatte ja nie wirklich eines. Ich würde das Waldrudel verlassen und deinem Rudel beitreten. Dann wären wir näher beieinander. Ich kann mich noch an die Zivilisation gewöhnen", meinte Clay unsicher und zuckte die Schultern. Ihm schienen seine Worte selbst schwer zu fallen und Ruby war mehr als überrascht.
"Und was ist mit Malin?" fragte sie irritiert. Die Zwei waren wie Pech und Schwefel.
"Ich will dich nicht zwingen, deinen Bruder zu verlassen. Oder das Rudel, indem du solange gelebt hast. Versteh mich nicht falsch, ich freu mich wirklich. Aber ich will nicht, dass du was überstürzt und nachher unglücklich bist", schloss Ruby und zuckte die Schultern. Sie würde ihn postwendend aufnehmen. Das war für sie gar keine Frage.

"Ich weiß. Ich hab lange drüber nachgedacht, aber ich denke, dass es so am Besten ist. Ich hab es Malin schon mal so durch die Blume gesagt. Er kann ja mitkommen, wenn er möchte. Das würde mich sogar freuen. Aber du bist meine Liebe, meine Freundin. Es ist nötig, dass man da mal ungewohnte Wege geht. Natürlich nur, insofern du mich aufnimmst", sagte er lächelnd. Ruby freute sich, aber ihr wurde gleichzeitig auch mulmig. Das war zwar keine natürliche Bindung, wie man sie in der Liebe sonst so einging. Aber es war eben doch eine Art Bindung.
"Natürlich... was für eine Frage", sagte sie lächelnd, aber ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals. Als müsste sie gleich 'Ja, ich will' sagen und als hätte es auch nur eine halb so große Bedeutung.
"Super.. ähm.. naja. Das war ja einfach", er grinste und legte seine Lippen sanft auf ihre. Ruby schloss die Augen und seufzte, den Kuss erwidernd.
Sie sollte vielleicht wirklich nicht so feige sein. Immerhin gab er viel mehr auf, als sie. Was konnte man sich mehr wünschen? Wenn sie ohnehin schon einen Wilden in die Zivilisation einführte, würde einer mehr oder weniger den Kohl auch nicht mehr fett machen. Der Gedanke, ihm ihr Leben zu zeigen, gefiel ihr eigentlich sogar ganz gut.
"Na schön. Da ich dich ja ohnehin mitnehme, gehe ich jetzt mal anderen auf den Zwirn", meinte Ruby schließlich und zog ihn noch einmal zu sich, um ihm einen Kuss zu geben, ehe sie sich erhob und umschaute. Es gab noch genug, mit denen sie reden wollte. Sam, Desna... aber sie entschied sich vorerst für Sila.
Sie fand die Blonde auch bald schon. Gerade saß sie alleine da, wirkte aber nicht unansprechbar. Bevor sie zu ihr trat, fiel ihr ein, wie Clay und Malin sie aufgebaut hatten. Und nun nahm sie ihr eine der beiden Chancen weg. Wenn Malin das Rudel auch verließ, wer kümmerte sich dann um sie?
Ruby stieß leise die Luft aus. War sie so egoistisch?

"Hey, Sila. Wie geht es dir?" fragte sie leise und setzte sich neben das junge Mädchen. Diese lächelte schwach.
"Schon okay. Und selbst? Schau mich nicht so an. Wir haben alle dasselbe durchgemacht, nicht wahr?"
Ruby betrachtete ihr Gesicht und fuhr sich schließlich nachdenklich durchs Haar.
"Ja, sicher. Aber jeder geht anders damit um. Ich will das Thema auch nicht vertiefen, wenn du nicht willst. Darauf wollte ich gar nicht hinaus. Wir müssen alle wieder werden. Wir dürfen uns davon nicht zerstören lassen", flüsterte die Rothaarige leise. Sila senkte den Blick und nickte.
"Sie sind nicht mehr da. Keiner von ihnen. Wir sollten nach vorne schauen, du hast recht", bestätigte sie, obwohl es nicht ganz ehrlich klang.
"Das heißt nicht, dass du es dir nicht von der Seele reden darfst", gab Ruby zurück und beobachtete Sila. Sie hatte etwas auf der Seele. Die junge Frau war so unbedarft, dass sie schlecht war darin, zu lügen oder etwas zu verbergen. Ruby wusste nicht, wie sie so jemanden am besten anhörte und hatte sicher kein solches Talent, jemanden aufzuheitern, wie die beiden Zwillinge. Aber sie wollte sich bemühen.
Sila brauchte eine Weile, bevor sie sich ein Herz fasste.
"Weißt du... als ich hierherkam war ich auch sehr fertig wegen meinem Freund. Ich hab die Welt nicht mehr verstanden. Die beiden haben mir beigebracht, zu verzeihen. Selbst, wenn ich es nie vergessen werde, dennoch meinen Frieden zu machen. Jemanden wegen dem eigenen Schmerz Leid zuzufügen war nie eine Option. Ich weiß, sie haben sich selbst nie dran gehalten, aber für mich hatte es immer eine große Bedeutung. Ich verwehre den Anderen nicht die Rache. Ich hatte mit ihren Peinigern auch nichts zu tun. Aber ich habe meinem nicht den Tod gewünscht. Ich weiß, dass Kenshin da eine andere Ansicht hat. Doch er hat keine Bestie hingerichtet. Das war allein Castor", sagte sie leise. Ruby warf ihr einen überraschten Blick zu. So eine weise Einstellung hätte sie ihr nicht zugemutet. Obwohl Sila durchaus reif und offen für Überraschungen war.

"Du weißt, dass er andere Ansichten hat?" hakte Ruby dennoch nach und warf ihr einen Blick zu.
"Ich habe mit ihm geredet, einen Abend, sehr lange. Er ist kein schlechter Kerl", antwortete Sila.
"Er hat uns verraten und dein Alpha bedroht", erinnerte Ruby sie.
"Sie haben da andere Ansichten und Traditionen. Er war verzweifelt. Sein Rudel besteht fast nur aus Ziehkindern und Waisen. Ich kann mich ein Stückweit in seine Lage hineinversetzen, weißt du? Das Ganze hier war für keinen von uns leicht."
Ruby lauschte ihr still. Das der schwarze Wolf sich mit Sila auseinandergesetzt hatte, sprach durchaus für ihn.
Für die Rothaarige hatte die Aktion das Fass zum Überlaufen gebracht. Allerdings war sie sich ziemlich sicher, dass Ivory es gerade wieder glatt bügelte. Sie verwettete alles darauf, dass die Schwarzhaarige sein Zwischenlager aufgesucht hatte.
"Ich denke du hast recht. Auch wenn es schwer fällt. Er zieht wieder ab und Avilox ist hinüber. Wir können wieder zur Normalität zurückkehren. Ich ähm... ich hab es dir nie gesagt. Damals im Lager, als wir euch befreit haben, da...", Ruby brach ab und fuhr sich unwohl über den Arm. Sila runzelte die Stirn und lehnte sich schließlich zurück.
"Er hat uns laufen lassen, damals. Mein... Peiniger. Er war die einzige Wache, die uns bemerkt hat und er hat uns gehen lassen. Avilox wollte ihn dafür hinrichten lassen", kam Sila ihr zuvor. Ruby schaute sie überrascht an.
"Das hat er dir auch erzählt?" fragte sie. Langsam fragte sie sich, was Kenshin mit seinem Rudelmitglied tatsächlich getan hatte. Nachdem er mit der Waffe auf ihn gezielt hatte, waren sie letztlich vom Schlimmsten ausgegangen.
"Du bist unglaublich stark, weißt du das? Ich hab mir so Sorgen um dich gemacht. Aber die Jungs haben viel Vorarbeit geleistet. Vermutlich weißt du dann schon... das Clay in mein Rudel möchte", mutmaßte Ruby schließlich und wandte sich der Blonden zu.
"Ja. Und ich gönne es ihm von Herzen. Werdet glücklich miteinander, das hat er sich wirklich verdient."
Sie umarmten sich und Ruby genoss den Moment eine Weile, ehe sie sich löste und langsam erhob.
"Ich danke dir. Du bist die Beste", flüsterte sie. Zwar hatte sie mit Sila nie viel zu tun gehabt und dennoch fühlte sie sich wohl in ihrer Nähe. Sie hatte einfach etwas, dass jeder mögen musste.

Ruby ging schließlich weiter durch die Runde. Mit den Meisten wechselte sie nur kurz Wörter. Vermutlich würde sie nie die beste Freundin von Chena oder Mahila werden. Aber mit Sesi konnte sie ein wenig Spaßen und die bedrückte Stimmung lockern und Siku war überraschend aufgeschlossen. Das war wohl auch Suka's friedlicher Art ihr Gegenüber geschuldet.
Sam, der als einziger Alpha von allen bisher der Ruhigste war und die Situationen an sich vorbei hatte laufen lassen, wandte sich ihr auch nur relativ knapp zu.
"Ist er Tod?" fragte er und Ruby war klar, dass Avilox gemeint war.
"Sah ganz so aus", antwortete Ruby leise und versuchte das Bild der leblosen Augen und des blutdurchtränkten Fells zu vergessen. Vergebens.
"Gut."
Ruby schaute ihn ein wenig hilflos an.
"Wir werden ihr Gedenken", sagte sie mit dünner Stimme. Sam hatte Eska's Hinrichtung den Rest gegeben und sie machte sich Sorgen, was sie alles mit ihm angestellt hatten. Hoffentlich hatte er keine Folgeschäden davongetragen.
Sie wagte es aber auch nicht, das Gespräch mit ihm zu suchen. Etwas an der Art, wie er sprach und dabei vor sich hin in Richtung Feuer schaute, hielt sie davon ab.
Stattdessen gesellte sie sich zu Desna. Sie hatte rot unterlaufene Augen. Nicht nur die Übermüdung, sicherlich auch Gray hatte damit zu tun.
"Oh Desna", sagte Ruby leise und mitfühlend, als die Frau aufschaute. Eigentlich hatten sie nicht viel miteinander zu tun, doch das war eine Sache, die mit Wölfen und Rangordnung nichts zu tun hatte.
Die Brunette fing fast wieder an zu weinen.
"Ihn wieder zu sehen... das war... ich hätte nicht gedacht, dass er auftaucht. Er hat mich gerettet", flüsterte sie leise und wischte sich über die Augen.
Ruby ließ sich neben ihr nieder und umarmte sie sanft. Das konnte die Alpha auch sichtlich gut gebrauchen.
"Und er wollte dennoch nicht bleiben, was? Habt ihr euch wenigstens ausgesprochen?" fragte Ruby leise und ahnte das Schlimmste. Gray erfand die Sturheit neu. Sie hatte sich mit ihm damals keinen einfachen Mann gesucht. Und es war traurig, dass auch wahre Liebe so zerstört werden konnte.
"Für ihn ist das Thema durch. Ich... ich hatte mir, so dumm ich war, all die Jahre die Hoffnung gemacht, er käme zur Vernunft. Aber ich hätte es besser wissen sollen. So war er nie gewesen. Der einsame Wolf", sie schniefte leise und löste sich von Ruby.
"Aber lass dich von mir nicht volljammern. Vielleicht komme ich jetzt endlich über ihn hinweg", fügte sie leiser hinzu. Vielleicht sollten sie die Tradition einführen, sich Gefährten zu vermachen, dachte Ruby und warf einen Blick zu Iluq, der sorgsam Abstand zu Desna hielt.
"Du hast es schon mal versucht oder?" fragte Ruby und schaute in die Augen der ertappten Wölfin. Sie war ihrem Blick zu dem schwarzhaarigen Charmeur gefolgt, der auch jetzt keine Gelegenheit ausließ, den Damen vom Waldrudel, die er so lange nicht gesehen hatte, schöne Aiugen zu machen.

"Ich glaube, ich hab kein Händchen für Männer. Es war schmeichelhaft, solange es gedauert hat. Dir rennen sie dagegen ja beinahe schon die Bude ein", meinte Desna und es war an Ruby zu erröten.
"Blödsinn. Ich hatte ewig kein Glück in der Liebe. Bis Clay Nägel mit Köpfen gemacht hat", stellte sie fest und warf einen liebevollen Blick zu dem Dunkelblonden, der gerade wieder bei seinem Bruder war. Aber das Gespräch wirkte ernst.
"Was mit denen ist, die es nicht tun? Die sind an Bäume gelehnt und beobachten dich. Hoffentlich nicht so hoffnungslos wie ich, die ewig nicht von einer Person lassen kann", stellte Desna fest und Ruby nutzte es aus, dass sie wieder ihre eigenen Probleme fokussierte.
"Mach dich nicht schlechter als du bist. Wenn du mit Gray abgeschlossen hast, bekommst du eine ganz andere Wirkung auf Männer"; versprach sie der Alpha, tätschelte ihr die Schulter und ergriff die Flucht. Nicht ohne einen unauffälligen Blick zu ihren angeblichen Verehren zu werfen.
Jay unterhielt sich mit Vito und schaute weg, als er ihren Blick bemerkte. Braco lächelte sie offen an, als sie zu ihm schaute. Das versprach ja kompliziert zu werden, dachte sie. Hoffentlich hatte Desna unrecht.
Der Einzige, bei dem sie es versucht hatte, der zeigte ihr in der Hinsicht die kalte Schulter und Ruby war nicht dazu in der Lage, es so richtig bei den Anderen zu tun. Das weckte ein schlechtes Gewissen in ihr.
Sie war so in Gedanken, dass sie fast in Suka hineinlief.
"Oh.. hey. Sorry", murmelte Ruby und musterte die blauen Augen der Blonden. Sie war dieses Mal nicht so abweisend. Im Gegenteil, es war eher eine ungewohnte, unangenehme Situation.
"Macht nichts", meinte Suka und schaute schließlich zu den Anderen. Die meisten kümmerten sich wieder um ihre Belange, redeten, spielten und ein paar brachten es auch fertig, zu feiern.
Ruby wünschte, es erginge ihr genauso. In jedem Film gewannen Krieger die Schlacht und tranken und feierten darauf, ihre Feinde erschlagen zu haben.
Sie dagegen aber verfolgten die grausamen Bilder jedes Mal, wenn sie die Augen schloss.

"Wir waren ein gutes Team", meinte Suka nach einer Weile des Schweigens, wo sie sich immer noch unentschlossen gegenüberstanden.
Ruby hob den Blick und lächelte unwillkürlich.
"Ja, das stimmt wohl. Ich will nicht wissen, wo wir ständen, wenn du dich nicht befreit hättest", stellte sie fest und betrachtete ihr Gegenüber dann eine Weile. Es hatte einige Tage gedauert, Ruby hatte das Zählen aufgegeben  gehabt, bis es auf einmal passiert war. Kurz vor ihrer kritischen 'Umlagerung'. Doch es wäre Suka nicht gelungen, wenn sie nicht ein Messer dagehabt hätte.
"Woher... hattest du noch gleich deine Waffe?" fragte sie schließlich zögerlich. Sie war erleichtert, geschockt und durcheinander gewesen. Suka hatte ihr nie eine richtige Antwort gegeben und damals war es unwichtig gewesen, darüber zu diskutieren. Da hatten sie fliehen müssen.
"Das beschäftigt dich bis heute?" fragte sie zurück.
"In schlaflosen Nächten ja. Ich meine, ich danke der Situation und fragte mich immer, wie dieses Wunder zu Stande gekommen ist", antwortete sie leise. Sie hoffte, dass Suka sich jetzt nicht angegriffen fühlte. Einen Moment schwieg die Blonde, als wollte sie das nicht wirklich beantworten. Aber es legte sich nicht diese übliche Tödlichkeit in ihren Blick, wenn sie die Feindschaft wieder einberief. Das würde sie früh genug. Damit lag Ruby gar nicht so falsch.
Suka holte tief Luft.
"Frag deinen neuen Kumpel", antwortete sie knapp und Ruby schaute sie irritiert an, ehe sie sich umschaute. Ihr neuer Kumpel? Wer konnte damals...?
"Braco?" fragte sie, ausversehen so laut, dass sie seinen Blick auf sich zog. Er lehnte immer noch still und alleine an einem Baum, aber er kam nicht dazu. Als Suka seinen Blick erwiderte, schaute er sofort wieder weg.
"Rufs doch noch lauter. Als ihr geschlafen habt, kam er in unser Zelt und hat mich mit dem Dolch ausgestattet. Das hätte er sich im nachhinein vermutlich anders überlegt, was?"






Die Blonde schüttelte den Kopf.
"Ich.. ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Warum hast du nichts gesagt? Warum wurde er gekidnapped? Ich meine..?" Ruby schaute sie irritiert an, aber Suka lächelte nur kühl.
"Du kannst nicht jedem blind vertrauen. Es hätte genauso gut eine Falle sein können. Ihm ist ja nichts passiert", entgegnete sie.
"Ihr wolltet, dass wir ihn opfern", knurrte Ruby zurück.
"Das hättest du eh nicht zugelassen. Wir haben ihn befreit. Wäre er ein Feind, hätte er sich so verhalten und du hättest ihn nicht beschützt. Stattdessen ist es so gekommen, wie es gekommen ist."
"Ihr gebt vor, mich ziemlich gut zu kennen. Das hätte schief gehen können." Ruby schüttelte den Kopf, aber sie sah an Suka's Blick, dass es ihr vermutlich egal gewesen wäre.
Die Rothaarige seufzte.
"Wir werden nie beste Freunde. Aber... du bist eine gute Kämpferin und eine sehr gute Teamkollegin. Danke dafür, dass du das Blatt gewendet hast", sagte Ruby, legte Suka kurz eine Hand auf die Schulter und trat dann an ihr vorbei, um sich zu den Anderen zu setzen und sich doch etwas zu trinken zu gönnen.
Morgen würden sie wieder in ihre alten Leben zurückkehren. Jeder von ihnen. Obwohl es für Ruby vermutlich nicht halb so normal werden würde, mit Clay und Braco.


________


Ein wenig verkatert erwachte die Rothaarige am nächsten Morgen. Ihr Kopf schmerzte und sie konnte sich nicht erinnern, sich schlafen gelegt zu haben. Auch nicht unbedingt, dass sie überhaupt den Standort gewechselt hatte. Aber sie lag an ihrem angestammten Schlafplatz im Lager, zugedeckt. Nebenan stand eine Schale Quellwasser. Als sie einen Blick hinein riskierte, fuhr sie sich schockiert durchs krause Haar. Sie wirkte wie eine Alkoholleiche. Ob sie nun wirklich so viel getrunken hatte? Vermutlich spielte ihre Übermüdung einiges mit hinein.
Und jemand hatte sie auf ihr Zimmer gebracht. So vorbereitet wie alles war. Bei einem Blick auf die Uhr hatte sie allerdings schon Sorge, dass sie die Letzte war.
Sie machte sich halbwegs frisch und verwandelte sich dann sicherheitshalber. Das Stahlfell blieb automatisch glatt und gerade.
Draußen hatte sich bereits das Eisrudel versammelt, ebenfalls in verwandelter Gestalt und verabschiedete sich vom Waldrudel. Jeder hatte irgendjemanden gefunden, mit dem er oder sie sich gut verstanden hatte und Ruby setzte sich mit leichtem Wedeln der Rute, erfreut über den Anblick. Selbst Chena hatte einen faible für Suka und ihre Schwester gewonnen.
Dafür, dass sie sich vorher Feinde gewesen waren, hatte der Krieg sie immerhin sehr zusammengeschweißt. Das würde sie stärken, unwillkürlich.
Sie nickte Suka zu, umarmte Sesi wölfisch und stupste die Anderen alle einmal an.
Braco, Jay und Fabs setzten sich nun an ihre Seite, als das Eisrudel ging und das Waldrudel, mit Desna an der Spitze, setzte sich ihnen gegenüber.
Dann trat Clay nach vorn und Ruby spitzte die Ohren. Desna senkte den Kopf. Sie spürte, wie sie ihn freigab und hieß ihn Herzlich Willkommen.
"Willkommen im Rudel des Grünen Tals. Ich hoffe du wirst die Bäume nicht vermissen", neckte sie ihn etwas und stieß ihn sanft an seine Schnauze, als er schmusig an ihr vorbeitrat und sich zu dem Rest der Truppe gesellte. Lauter braune Wölfe, von sehr dunkel, bis rot. Immerhin waren sie im Herbst getarnt.

"Dann heißt es wohl Abschied nehmen", sagte sie leise.
Desna nickte langsam.
"Ja, aber wir werden dieses Mal Kontakt halten. Es ist sicherer so. Ich wünsche euch allen eine gute Heimreise. Wenn euch die Zivilisation ankotzt, dann wisst ihr ja, wohin ihr kommen müsst", verabschiedete Desna sie schließlich und Malin fiepste leise.
"Clay's bessere Hälfte ist stets willkommen, Malin. Wenn es dich zur Zivilisation zieht", meinte Ruby mit einem gedanklichen Lächeln.
Ruby erhob sich schließlich und führte ihr Rudel zurück ins wirkliche Leben. Kurz bevor sie den Wald verließen, trat sie an einen Abhang und blieb dort stehen.
"Geht ruhig schon vor, ich brauche einen Moment", flüsterte sie und blieb unter den besorgten Blicken ihres Rudels alleine.
Sie schaute in die Ferne und genoss den Augenblick der absoluten Stille um sie herum. Dann schloss sie die Augen.
Sie dachte ein letztes Mal an Avilox und verbannte das Bild. Sie dachte an Jax, der weiter sein Unwesen trieb und an Zerafin, der noch immer verschwunden war.
Dann, einmal nur die Schwärze vor dem inneren Auge. Einmal jeden Gedanken ausblenden und den Kopf befreien.
Sie versank in der Tiefe ihrer inneren Ruhe, ließ die Dunkelheit auf sich wirken.
Bis giftgelbe Augen vor ihr aufblitzten.

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