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 Silberblut

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BeitragThema: Re: Silberblut   Mo Jul 03, 2017 5:03 am




Alle hoben den Kopf und Nukka und Sesi antworteten.
Fabs und Ruby auch mit einem Zögern. Sie mussten ja alle preisgeben wo sie waren.
"Verflucht. Egal, hast ihn trotzdem fast gehabt. Das war klasse", meinte Sesi und schon liefen sie zurück zum Lager. Ruby knurrte und grummelte vor sich hin und folgte ihnen. Zu ihrer Überraschung hatte Fabs mit dem Loslaufen auf sie gewartet. Vielleicht bekam sie in die Jungs doch noch Disziplin. Oder eher immer nur in einen von ihnen gleichzeitig. Es war furchtbar. Einer war immer weg.
Als sie im Lager waren, standen Suka und ihre Schwester in der Mitte. Nanuq und Iluq saßen schon vor ihr und Jay kam aus der entgegengesetzten Richtung angelaufen.
Suka warf ihnen einen scharfen Blick zu, kommentierte aber nicht, sondern gab sich mit dem betretenden Köpfe senken der Vier zufrieden.
"Tagesplan: Wir proben die Aufstellung. Um alle satt zu bekommen wird uns heute eine Horde Moschusochsen dienen. Kein Kalb, ein Halbwüchsiger. Das bedeutet hohes Geschick. Nach dem Üben gibt es Kampftraining für Ruby. Du hängst damit eh schon zu weit zurück. Und dieses Mal richtig. Einzelgänger liegt in der Luft und auch Moschusochsen geben nicht kampflos auf, wenn Kälber mit von der Partie sind. Wenn sie einen auf die Hörner nehmen, ist das kein Spaß", sagte Suka fest. Jay, Fabs und Ruby tauschten einen Blick. Dort waren wenig der Stahlhaare. Ruby stellte sich einen rasenden Bullen vor wie eine Abrissbirne und lag damit nicht gerade falsch.
"Nanuq macht uns heute den Büffel, da er sich gut auskennt und das Training nicht so nötig hat wie der Rest, was große Beute betrifft. Zerfleischt ihn mir nicht. Ziel ist es, ihn zu Boden zu bringen, denn ab da ist die Jagd gewonnen. Hau ab, Nanuq. Ich ruf dich, wenn dein Einsatz kommt", befahl Suka und Nanuq folgte ihrem Befehl, mit einem kleinen Lefzen hochziehen.

"Denkt dran, es geht um alles. Die Beute hat immer nur so gerade ausgereicht und jetzt müssen wir mehr Mäuler stopfen. Wir sind nur ein kleines Rudel, wir müssen sie beeindrucken. Haltet sie nicht für langsam. Sie sind wie flotte Dampfwalzen. Iluq und Nanuq werden die Letzten in der Straße sein, die versuchen werden, diesen Koloss auszubremsen. Sie müssen also ihre Schlinge schnell eng ziehen. Helft ihnen, dass sie sich nicht alles brechen dabei. Und schnell muss es dann gehen. Die Schlanksten und Schnellsten Wölfe werden die Schlusslichter bilden. Jay und Sesi. Ich in der Mitte, Jay links, Sesi rechts in Laufrichtung. Mit Glück gelingt es euch, den Moschusochsen zu flankieren. Ihr müsst alles geben, bis wir das nächste Pärchen erreichen. Das werden Siku und Fabs sein. Siku rechts, Fabs links. Ihr müsst einen großen Abstand einplanen, also seid flexibel. Wir wissen nicht, wie gerade wir die Beute zu euch dirigieren können. Je nachdem, wie er euch ins Netz geht, müsst ihr euch näher ranpirschen. Es ist wichtig, dass ihr euch dabei nicht sehen lasst. Wir können es uns nicht leisten, dass er ausbricht, den hält dann keiner. Ruby und Nukka, ihr seid die Nächsten. Nukka rechts, Ruby links. Siku und Fabs müssen dafür sorgen, dass er gerade zwischen sie läuft. Ihr dürft nur einen engen Durchgang bilden und müsst euch irgendwo im Schulterbereich verbeißen. Das wird ihn etwas langsamer machen. Dann kommen Nanuq und Iluq. Iluq links, Nanuq rechts. Bremst ihn aus. Nanuq bleibt vorn, Iluq, du hilfst hinten mit, wenn es ernst wird. Aber bleib beim Training vorn. Okay, dann kanns losgehen!"
Ruby war jetzt schon ganz weich auf den Beinen, als Suka ihre Anweisungen gab. Da war es wieder, die strenge Profession. Sie konnte ihr Handwerk und hatte sich alles genau ausgedacht und ausgemalt. Ab da war es dem Können, dem Zufall und dem Glück überlassen. Die Theorie klang aber leicht. Als würde das Tier reagieren, wie man das plante. Würde es etwas abweichen, würde es schon Probleme geben. Ab da war Talent gefragt und ein Kaninchen in der Luft fangen, war nun wirklich kein Vergleich zu einem Moschusochsen.

Sie bekam noch mit, wie Suka Nanuq zuheulte und ihn anwies, um jeden Preis entkommen zu wollen. Dann mussten sich alle auf Suka's Anweisung hin verteilen.
Suka selbst platzierte sich in großem Abstand. Für sie wurde es am Gefährlichsten, bei der Wahl der Beute. Wenn sie in eine intakte Herde geriet und ein Tier sie angriff, sah es schlecht für sie aus.
Schon bei Nanuq übte sie deshalb den Ernstfall. Sie gab Tempo, sträubte das Fell bis sie wie ein weißer Igel wirkte und senkte den Kopf, um möglichst viel Schnee aufzuwirbeln.
Dann biss sie ihm ins Hinterbein und scheinbar übte sie auch da für den Ernstfall. Nanuq gab einen Schmerzlaut von sich, riss sich los und rannte. Versuchsobjekt für die Ältere zu sein war sicher kein Spaß.
Sesi und Jay waren sofort die Nächsten, nach Suka, die ins Spiel kamen. Sie wetzten in vollem Tempo los und bissen ihm in die Seite, um sicher zu stellen, dass er einen gewissen Kurs bekam. Jetzt wurde von Fabs und Siku viel abverlangt. Nanuq machte seine Sache gut, denn sie mussten vom worst case ausgehen. Er verließ sich ganz auf sein Gefühl und die Bedrängung der Anderen. Die Zwei, die jetzt kamen, waren entscheidend für Erfolg oder Misserfolg der Jagd.
Ruby beobachtete wie sie ihre Position nachbessern mussten und das mussten in Folge dessen alle. Iluq am Extremsten. Die ganze Spur verschob sich, bewusst von Nanuq gelenkt, nach rechts.
Dann sprangen Siku und Fabs dazu und festigten den Kurs. Das machten beide wirklich gut, fand Ruby, denn sie mussten sich nicht mehr viel verschieben. Auch hielten die Zwei Nanuq sein Tempo und bissen ihm immer mal wieder korrigierend in die Seite, wenn er abwich. So früh, dass er sich nicht durchsetzen konnte.
Ruby warf Nukka einen Blick zu. Die Schneewölfin lauerte ihr genau gegenüber. Dann nickte sie ihr zu und beide sprangen eine viertel Sekunde vorher ab und hingen sich bestmöglich an Nanuq fest. Aus dem Sprung war das die größte Kunst. Nukka kletterte halb auf ihn und Ruby hatte Mühe, im richtigen Moment nachzugreifen und nicht runter zu fallen. Nanuq wurde ein gutes Stück langsamer und begann zu Bocken und den Kopf hin und her zu werfen.
Laufend, aber deutlich langsamer schob er sich vor, bis Iluq ihm an die Kehle sprang und die drei Hetzenden ihm im vollen Sprint auf den Rücken gingen.

Iluq ließ sofort los und Nukka leckte Nanuq frech über die Schnauze, bevor alle von ihm abließen.
"Gut, sehr gut. Wenn das heute Abend so klappt, ist alles im Lot. Und wir hatten einen bockigen Büffel", Suka stieß ihm freundschaftlich in die Seite und zog sich dann zurück.
Ruby war noch immer völlig geflasht und hechelte begeistert. Es machte richtig Spaß in dieser Truppe und Suka's Lob tat wirklich gut. Sie hätte früher schon einem Verein beitreten sollen. Dieses Gefühl etwas großes in der Gemeinschaft zu schaffen war Großartig.
Sie leckte sich fröhlich über die Schnautze, als sie auch schon von Iluq eingesammelt wurde.
"Drohen hat ja schon gut geklappt. Das war aber auch ein Kampf auf Ehren. Einzelgänger kämpfen nicht mit Ehre. Wenn es blöd läuft, dann wird einer versuchen, uns die Beute streitig zu machen. Und dafür ziehen die alle Register", erklärte Iluq. Ruby musterte ihn von der Seite und nickte eifrig.
"Und wenn man was abgibt? Würde uns das echt fehlen bei so einer Beute?" fragte sie vorsichtig. Irgendwo war sie erleichtert, dass Iluq nur bellend auflachte und nicht gleich anfing, sie für ihre Dummheit zu strafen.
"Selbst wenn- ja, es würde uns fehlen. Wir jagen an der Grenze, mit tagelangen Pausen. Einzelgänger hungern manchmal Wochen. Das bringt einen noch lange nicht um, wenn man immer nur in Wolfgestalt ist. Aber es macht aggressiv und unberechenbar. Und sie schlagen sich dann einmal alle paar Wochen so dermaßen den Bauch voll, dass sie die nächste Zeit wieder ohne überstehen. Deshalb ist es für manche lukrativ einfach anderen die Beute zu stehlen", schloss Iluq. Ruby nickte langsam und stellte sich ihm dann Gegenüber.
Iluq war ein guter Lehrer und sie spielten den Fall, das nun, nach der anstrengenden Jagd, ein Einzelgänger ins Spiel kam. Dadurch, dass Ruby noch so viel Adrenalin in den Adern hatte, machte es ihr großen Spaß. Selbst, wenn es schwer war, jede Regel im Kampf fallen zu lassen, hatte es auch den Reiz unbegrenzter Möglichkeiten.

Den Rest des frühen Nachmittages verbrachte Ruby damit, sich auszuruhen. Nicht mehr lange, dann wurde es ernst.
Jay hatte wirklich schlecht ausgesehen beim Training, das sah sie sogar durch die Wolfgestalt. Der kalte Entzug zerrte an ihm, machte ihn unkonzentriert. Es würde nicht mehr lange dauern, da es seine Spuren hinterließ. Obwohl er wusste, dass es morgen weiter ging und er dann wieder seiner Sucht fröhnen konnte. Vermutlich würde er einen solchen Vorrat kaufen, dass nachher der Zoll vorbei kam.
Ruby lächelte bei dem Gedanken, aber ihr Lächeln hatte auch etwas trauriges. Fabs dagegen schien sich relativ gut mit allem abgefunden zu haben. Nach dem Kampf mit Iluq war er präsenter als jeder Andere.
Auch er ruhte sich aus, bis ein Heulen sie aus dem Bett warf.
Sofort sprang Ruby als Wolf aus dem Zelt, bereit auf die Jagd zu gehen. Fabs trabte zu ihr und rieb seinen Kopf freundschaftlich an ihrer Flanke. Sie stupste ihn sanft an der Nase an.
Jay stolperte ebenfalls zu der Jagdbereiten Truppe. Suka beobachtete scharf die ihr zur Verfügung stehenden Wölfe und wies noch einmal ausdrücklich darauf hin, dass sie heute jeden Einzelnen brauchte.
Und so war es. Die Planung von Suka schöpfte jeden Einzelnen voll aus. Fiel einer aus, riss das eine große Lücke. So einen Moschusochsen ging man nicht unter fünf Wölfen an und selbst dann war es ein Himmelfahrtskommando.
Sie führte die Jagdtruppe nun zuverlässig auf einem abwegigen Pfad zu einer Moschusochsenherde.
Alle teilten sich auf, jeder kannte seinen Platz. Ruby wurde von Nukka Hilfestellung gegeben, Fabs hatte Siku und Jay Sesi und Suka. Alle, auch die Anfänger, waren also mit einer guten Anleitung aufgeteilt. Jeder hatte einen Spezialisten seiner Sache an der Seite. Und es wurde schnell brenzlig. Wenn Suka die Herde nicht gut genug überraschte, würden sie zur Verteidigung übergehen. Und sie waren weit gereist. Entweder musste das Rudel den Weg zurücklegen oder sie mit der Beute. Aber Ruby tippte auf Ersteres. Alles andere war ohnehin zu gefährlich. Hier war der Schnee schon etwas geschmolzen. Sie waren ziemlich weit in den Süden Norwegens gereist. Gut, dass hier alles aus Natur bestand. Menschen konnten sie nun gar nicht gebrauchen.

Aber so gab es keinen Schnee zum verstecken. Andererseits war Ruby in dem nassen Gras schon besser getarnt, als die weißen Wölfe.
Auch Fabs und Iluq hatten es einfacher.
Durch den geschmolzenen Schnee hatten sich viele kleine Teiche und riesige Pfützen gebildet.
Ruby legte sich flach auf den Boden. Wie im Training war sie nur einige Meter von Nukka entfernt. Die Anderen trennten hoffentlich erfolgreich einen Büffel von der Herde, denn sonst würden hier viel zu viele durchschmettern. Wenn man nur mit Nanuq übte, der alleine war, war das kein Problem. Aber Suka war selbstbewusst. Sie wusste, was sie tat.
Sie pirschte flach am Boden. Jetzt musste sie ohne Schnee auskommen. Also nahm sie sich die beiden Jagdgefährten zur Hilfe und sie rannten zu Dritt rein. Sesi scheuchte einige Büffel in die andere Richtung fort, Jay reihte sich in Laufrichtung links ein und pickte sich zusammen mit Suka einen Moschusochsen raus. Sie gingen ihn ziemlich an, bis er richtig Tempo gab und Sesi wieder dazu stieß. Sie ging zur rechten Seite. Jay sah immer verschwommener, versuchte aber mit aller Macht sich zu konzentrieren.
Um den Kurs zu setzen, biss Sesi dem Bullen in die Flanke. Jay hob den Kopf und wollte sehen, wohin es wirklich ging. Er hatte die letzten zwei Nächte nicht geschlafen und war wie benommen. Ein Kribbeln lag ihm unter der Haut. Am Liebsten würde er alles hinschmeißen, aber zum Nikotinentzug kam der Hunger. Und eines von Beiden musste Augenblicklich gestillt werden.
Er reagierte zu spät.
Von Sesi getrieben wich der Bulle in seine Richtung zur Seite aus und trat ihm auf die Pfote. Er fiepste auf und stürzte. Nach ein paar Purzelbäumen, kam er mit einem Platsch auf der nassen Wiese auf. Alles drehte sich um ihn.


Suka grollte wütend auf und gab ihre Position hinter dem Moschusochsen auf. Nun gab sie richtig Stoff und bewies, warum sie die Schnellste des Rudels war. Sie schaffte es gerade noch dem Büffel ins Sprunggelenk zu beißen, bevor er völlig abdriftete. Da waren schon Fabs und Siku da, die sich mehrmals besorgt anders platzieren mussten. Ein vorstoßen und ablegen, immer wieder. Dann wurde es ernst. Das riesige Tier kam auf sie zu geprescht. Als Jay stürzte und Suka zubiss begann es viel zu früh zu bocken und erst als die Zwei dazu stießen ging es wieder los. Für den Moment war die Situation gerettet.
Siku fletschte aggressiv die Zähne und schnappte nach dem Bullen, während Fabs ihm etwas Platz machte und kläffend nach ihm schnappte. Er kam ihm auf einmal gefährlich nahe und das Adrenalin machte den Bullen blind für den Schmerz. Fabs biss sich fest, doch dennoch fiel er hinter ihn und das Tier brach Richtung Ruby aus.
Diese wusste sich nicht zu helfen. Er kam genau auf sie zu und so sprang sie früher aus ihrer Deckung und war auf die Wendigkeit des Rindes nicht gefasst.
Sofort sprintete sie los. Nukka wich aus und Siku raste vor, um die Situation zu retten. Sie gerieten in einen der überfluteten Senken und der Bulle rannte die Schneewölfin einfach über den Haufen und brach aus der geplanten Strecke komplett aus. Alle hielten an, aber Siku sprang schon wieder auf die Beine. Suka war noch in vollem Tempo und sprang grollend Ruby entgegen. Diese wich mit gesenktem Kopf demütig zurück, aber retten taten sie nur Sesi und Nukka die sofort mutig an ihrer Seite standen und Suka mit gefletschten Zähnen die Stirn boten.
"Sie hat alles verdorben!" fauchte die Weiße völlig außer sich und tobte mit gesträubtem Fell. Sesi hörte nicht auf zu knurren, senkte allerdings unter dem Druck der Ranghöheren den Kopf. Nur Nukka blieb standhaft, spitzte die Ohren und zog die Lefzen kampfbereit bis zum Anschlag hoch.

"Suka, es tut mir Leid, ich wollte nicht...", begann Ruby leise und wandte den Blick ab, wandt sich unter ihrem Blick, während die Jagdführerin den Kopf hob.
"Ernährst du die Anderen von deiner Entschuldigung?!" grollte sie.
"Suka beruhig dich! Das war nicht alleine Ruby's verschulden, alles ging daneben. Wir hätten abbrechen sollen, es war Aussichtslos!" knurrte Nukka fest.
"Bitte, dann hungert! Mein Belang soll es nicht mehr sein!"
Suka drehte sich um und trabte schnaubend und kopfschüttelnd davon. Siku folgte ihr  mit gesenktem Kopf und angelegten Ohren.
Fabs trat zu Ruby, die sich langsam wieder erhob und rieb tröstend seinen Kopf an ihrem Fell.
"Es war nicht deine Schuld. Siku überredet sie nach Karibus im Norden zu suchen. Einmal schaffen wir noch. Naja, fast alle..", er schaute strafend zu Jay, der mit gesenktem Kopf zu ihnen schlich. Ihn hätte Suka's Hass eigentlich treffen sollen, dachte er bitter.
Er fiepte nur leise, sagte aber nichts. Er sah scheiße aus, dachte Fabs. Als Mensch hatte er Augenringe, war schlecht gelaunt und ruhelos. Als Wolf war das nicht viel anders. Die Augenringe sah man nicht, aber der Blick war glasig. Es war immer schlimmer geworden, seit sie losgezogen waren. Er konnte kaum aufrecht stehen. Immer wieder wankte Jay leicht, bis er sich zu ihnen setzte und auch nicht so wirkte, als wolle er so schnell wieder aufstehen.
"Es wäre besser, du wärst im Lager geblieben! Deine Sucht ist eine Schande, sieh nur was du angerichtet hast. Wegen dir wäre Ruby fast in ernste Schwierigkeiten geraten! Die nächste Jagd machst du mit, das schwöre ich dir und du versaust es nicht wieder!" grollte Fabs, öffnete das Maul und zeigte Jay andächtig die Zähne. Dieser senkte wieder den Kopf, knurrte dieses Mal aber dunkel und sträubte das Fell. Er sah gar nicht ein, weshalb er sich Fabs unterwerfen sollte.

Ruby stand auf und schüttelte den Kopf.
"Fabs, lass gut sein. Das wirst du aus ihm sowieso nicht rauskriegen", seufzte Ruby. Sie merkte durch die Beschäftigung im Eisrudel gar nicht, dass sie zeitweise durchaus mehr hinter dem Schwarzen stand, als hinter dem blonden Jay. Für Gefühle war allerdings gerade wenig Platz.
Nanuq und Iluq waren bald ebenfalls wieder dazu gestoßen und wenigstens konnten sie frohe Kunde bringen.
"Wir jagen weiter nördlich. Komm", sagte Nanuq knapp. Beide ließen sich nicht anmerken, was sie von der ganzen Geschichte hielten und das machte es für Ruby nicht besser. Alle waren angeschlagen. Jay versuchte den Schmerz in seiner Pfote zu unterdrücken, Fabs war unangenehm auf der Hüfte gelandet und Siku musste üble Schmerzen am ganzen Körper haben, als der Bulle sie umgerannt hatte. Doch diese ließ sich am wenigsten anmerken.
Ruby vermutete, dass sie Suka auch nicht zur Jagd hätte überreden können, wenn sie ihre Prellungen offenbart hätte. Aber manchmal sah man es, wenn sie kürzer atmete, als sie sollte.
Sie reisten Stunden und der Abend brach an. Durch den Vollmond hatte man zwar eine gute Sicht, aber so war das nicht geplant gewesen. Als sie einige Kilometer in der Nähe des Lagers vorbeikamen, hörten sie das Heulen der Schamanen und des Alpha's Sam und Suka antwortete. Siku versuchte es, aber ihre Atmung verschnellerte sich ungesund, als sie ein leises Heulen ausstieß.
Sie bekam von allen einen besorgten Blick, quittierte das aber mit Zähne fletschen. Ihr Blick sagte: Ich nehme es noch mit jedem von euch auf, auch wenn alle meilenweit davon entfernt waren, sie herauszufordern. Der Jagdtrupp war deutlich geschwächt. Und das blieb nicht lange unbemerkt.

Im Wald regte sich etwas. Ein riesiger grauer Schatten beobachtete die ungeübte Truppe des Eisrudels seit sie den Schnee betreten hatten.
Ihre Augen leuchteten in der Dunkelheit und nahmen die Schwächen jedes einzelnen Wolfes auf. Doch sie hatte kein Interesse daran sie anzugreifen. Nichts hätte sie davon. Jagen wollten sie ein weiteres Mal und dann kam ihre Stunde. Die einzige Gefahr die sie sah, waren die beiden gesunden Rüden, welche die Expedition flankierten und aufmerksam die Ohren auf ihre Umgebung richteten. Aber das war kein Grund aufzugeben. Gegen Zwei kam sie an.

Es verstrich noch eine halbe Stunde, bevor Suka witternd nach vorn trabte. Die Anderen folgten ihr zögerlich zu einer Klippe. Unten war ein gefrorener See, umringt von Waldgebiet. Und eine riesige Herde Karibus, wie angekündigt. Suka war ihrer Spur nun Stunden gefolgt. Sie waren auf der Reise und es dauerte nicht mehr lange, bis sie aus dem Umkreis und aus Norwegen verschwanden und weiter Richtung Finnland zogen. Sie mussten sich beeilen. Keine lange Übung.
"Ganz subtil jetzt. Ich hole mir einen raus. Du kommst mit Sesi. Das ist eine riesige Herde und ein Erwachsenes wegzutreiben wird schwer genug. Lass ihn nicht lange laufen. Wir versuchen ihn einfach fest zu halten, bis die Herde sich weit genug aufgelöst hat, dass die Anderen dazu stoßen können und drauf da. Iluq kommt mit dazu und sorgt für einen schnellen Tod. An denen ist nicht viel dran. Also Nukka, Ruby und Fabs, ihr holt euch nach Möglichkeit ein Zweites. Nanuq, du passt auf die Verbliebenen auf!" kommandierte Suka und suchte sich schon einen schnellen Weg nach unten.
Sie ließen Suka die Herde aufscheuchen und sie war wirklich gut. Sie lief mit gespitzten Ohren auf die Herde zu und verbiss sich in dem Nächstbesten, an das sie rankam. Dann hängte sie ihr ganzes Gewicht in den Biss, während Sesi und Iluq sofort dazu stießen und jede weitere Flucht und Gegenwehr unmöglich machten.
Ruby, Nukka und Fabs liefen dagegen in die durcheinander gebrachte Masse der Karibus und Ruby biss sich gnadenlos in einem der grazilen Beine fest und warf sich mit aller Kraft zurück, sodass der bockende Zweite nicht viel entgegensetzen konnte. Als Fabs und Nukka dazu stießen, war es kurzer Prozess. Doch der Erfolg hatte einen bitteren Beigeschmack. Dieses Mal war die Freude weniger groß, trotz gleich zweier Beutetiere. Der Misserfolg bei den Moschusochsen lag allen noch in den Knochen.
Nanuq zog Suka's Karibu zu dem, dass Rubys Truppe gerissen hatte und stellte sich auf einmal knurrend davor, den Blick gen Wald.


Ruby hatte nicht gemerkt, wie sich ein großer, kräftiger Wolf zwischen den Bäumen durchgeschoben hatte. An Ohrhaltung und den gefletschten Zähnen sah man deutlich, dass sich hier niemand in Freundschaft anschließen wollte.
"Leya", spuckte Iluq abfällig aus und zog die Lefzen hoch, stellte sich neben Iluq, während die Anderen sich um die beiden Beutetiere aufreihten.
Ruby musterte den Eindrinling überrascht. Sie hatte sich Einzelgänger immer klein und abgemagert vorgestellt. Irgendwie bemitleidenswerte, einsame Wölfe, die sich so durchschlagen mussten und dann schon mal aufmuckten.
Aber hier schlich sich eine Löwin in Wolfsgestalt an. Sie hätte von der Statur super zu dem bärenhaften Nanuq gepasst. Sie war kräftig, breit und aggressiv bis an die dolchartigen Zähne.
Ruby nahm sofort auch eine Verteidigungshaltung ein. Zwei Jagden und drei Wölfe die ordentlich etwas abbekommen hatten. Machte noch sechs kampffähige Wölfe. Davon war sie selbst aber eher unerfahren und Suka und Sesi hätten sich zusammen hinter der eindringenden Leya verstecken können. Außerdem war sie zwei Köpfe größer als Nukka.
Blieben Iluq, Nanuq und Ruby die sich an der Statur mehr oder weniger mit ihr messen konnten.
Und Leya nahm jeden Einzelnen ihrer Gegner genauestens wahr und schätzte sie ab. Immer wieder glitt ihr fixierender Blick hungrig zu den beiden Karibus. Ihre einzige Schwäche. Der Hunger.

Leya begann für Ruby wie aus dem Lehrbuch, richtete sich auf, drohte, grollte und die anderen Wölfe taten es ihr alle gleich. Nur hatte jeder seine Art und Weise. Die Verletzten gingen automatisch in die Defensive, während Ruby und die Jungs kampfbereit vortraten, die Ohren gespitzt, die Zähne gefletscht.
Drohen verscheuchte hier keinen. Aber das war auch nicht im Sinne der Einzelgängerin. Sie sah genau die Schwachstellen, die sich auftaten. Sie fixierte Siku, die vor einem der saftigen Schenkel stand, die Zähne bis zum Anschlag entblößt, das Fell gesträubt, aber defensiv den Kopf gesenkt. Außerdem knurrte sie in kurzen Reprisen.
Leya begann, Scheinangriffe zu starten und die Wolfmeute in Aufruhr zu versetzen. Immer wieder, bis sie den großen Schwarzen aus der Reserve lockte. Er nahm die Verfolgung auf und hätte sie die Rute nicht eingezogen, hätte er sie fast erwischt. Sie lockte ihn etwas auf Abstand. Jetzt durfte sie sich nicht umdrehen, auch wenn es ihr in den Pfoten juckte.
Stattdessen stürmte sie auf die beiden angeschlagenen Wölfe zu und schnappte nach ihnen ohne anzuhalten. Lief an ihnen vorbei, nahm wahr, wie sie ihr auswichen und ließ ein paar der stahlharten Haare, als Suka nach ihr schnappte und sie ihr ausriss.
Iluq stellte sich wieder vor die Beute und Leya hielt an. Dieser Tanz dauerte zermürbend lange und an allen zehrte der Hunger.
Und genau das war Leya's Ziel. Sie zermürben und unkonzentriert machen. Dann musste sie es riskieren. Sie sprang wie ein Rammbock in die Meute und hatte direkt Suka und Sesi an Ohr und Hals hängen. Jedoch schaffte sie es, ihre langen Zähne in einen Schenkel der toten Tiere zu rammen und wandte ihre ganze Kraft auf, mit dem Stück zu entkommen. Die Beute war allerdings trotz ihres kräftigen Nackens schwer und sie riss sich unter einem Aufschrei los von den Wölfen. Blut klebte an ihren Zähnen und ihren Lefzen. Sie leckte darüber und war wie elektrisiert.

Nun verstand Ruby was es bedeutete, einen Einzelgänger nicht mehr los zu werden. Was immer sie tat hatte zum Zweck, sie von der Beute weg zu locken. Sie ließ sie aber auch nicht alleine genug, damit sie in Ruhe fressen konnten. Nichtsdesto weniger fing Suka an, an der Beute zu reißen und Leya immer wieder zu attackieren wenn sie kam. Sie führte sie vor, aber das war ein riskantes Unterfangen.
Nach zwei Stunden und einer mehrfach angerissenen Beute, gelang es Leya den großen Hinterschenkel des größeren Karibus auszureißen und damit zum Waldrand zu entkommen. Sie zog Sesi durch den Schnee, als würde sie nur ein paar Gramm wiegen und rettete sich zu den Bäumen.
Erschöpft und am Rande des Wahnsinns vor Hunger und Stress musste das Eisrudel sich geschlagen geben und den Rest der Beute sichern. Die beiden Rüden trugen sie zum Lager. Und es war ein langer Weg.
Heulen war im Wald zu hören und es war nicht Leya.
Glühende Augen verfolgten den Jagdtrupp. Jedoch blieben die Eiswölfe nicht still und Sedna, Eska und Sam stießen zu ihnen und ab diesem Moment waren sie sicher vor weiteren Übergriffen. Die Autorität des alten Alpha's vertrieb, wer immer es wagen wollte, noch einmal anzugreifen.
DIe Schamanen fragten, ebenso wenig wie Sam, was vorgefallen war. Denn es war keine Euphorie unter den Jägern. Bloß Erschöpfung. Sie fraßen still und zogen sich dann in ihre Zelte zurück.

Ruby hatte es nicht vor, aber sie träumte unruhig in dieser Nacht. Und sie schlief nur kurz.
Als es knackte, sah sie die Einzelgängerin vor sich und schreckte aus ihrem Traum hoch. Das Letzte was sie zwischen Traum und Aufwachen sah, waren die glühenden Augen und die spitzen Zähne. Dieser Blick, der sie alle als Begrüßung in Stücke riss.
Ruby fiel von ihrer Pritsche und taumelte nach draußen. Etwas ungelenk steuerte sie Siku's Zelt an und ging rein, als sie nichts hörte. Sie war sich nur sicher, weil sie Suka auf einem Hügel sitzen sah. In Menschengestalt saß sie da und der weiße Wolfspelz um ihre Schultern glänzte im Mondlicht, ebenso wie ihr leerer Blick. Sie hatte markante Gesichtszüge und Ruby entschied, dass ihr Wolf sie exakt wiederspiegelte.
Siku schlief nicht. Sie saß auf dem Bett und kühlte ihre Seite. Auch sie sah Ruby das erste Mal in Menschengestalt. Ihr Haar schimmerte rötlich vor einem kleinen Feuer und sie sah mit Augen auf, in denen sich die Flammen spiegelten.
Ihre ganze Seite war blau und lila. Es zog sich bis über den Rücken. Sie war mit Schnee verbunden und atmete flach.
"Was machst du hier?" fragte sie und im ersten Moment klang sie wie Suka.
"Ich wollte nach dir sehen. Es war mutig von dir zu versuchen, den Bullen aufzuhalten", sagte Ruby leise. Sie hoffte das Suka nicht reinkam, aber glaubte das Siku sich auch selbst gut verteidigen könnte.
"Es war töricht. Wenn es mir zur nächsten Jagd nicht besser geht, fehlt eine gute Jagdkraft. Und wir wären heute mit ganzer Beute heimgekehrt", erwiderte sie hart.
Ruby hockte sich hin und senkte den Blick.
"Es tut mir Leid. Aber ihr seid uns ja morgen los."
Als keine Antwort darauf kam fuhr Ruby fort.
"Wir waren jetzt fast eine Woche hier und haben eine Menge gelernt. Nur nicht wirklich voneinander. Dieses Leben ist hart und ihr habt unseren Respekt das ihr das so einfach mitmacht. Darf ich fragen wie ihr hier hin gekommen seid?" Sie schaute Siku fragend an, die den Blick Richtung Feuer gehalten hatte und ihn auch nicht hob.
Ruby seufzte leise und war kurz davor aufzustehen, als sie doch antwortete.

"Wir sind aus einem Heim ausgebrochen. Unsere Mutter ist nach meiner Geburt gestorben und unser Vater wurde daraufhin zum Trinker. Er hat mir die Schuld gegeben. Ich wäre nicht von ihm, schrie er und warf seine leeren Flaschen nach mir. Suka hat mich immer beschützt und mir nie Vorwürfe gemacht. Wir kamen in ein Kinderheim und viele Pflegefamilien. Gute und Schlechte. Keiner hielt Suka lange und sie wollten uns trennen. Deshalb ist schon mit Zwölf das Silberblut in ihr erwacht. Sie wollte für mich sorgen und wir sind in die Wildnis gegangen. Sie konnte die Wolfgestalt nie lange halten und alterte etwas verzögert. Ich hab irgendwann gebettelt das ich wieder unter Menschen wollte und sie hat den Wolf unterdrückt. Sie hat alles für mich getan. Bis ich mich mit 21 auch verwandelt hab. Sie ist jetzt sechs Jahre älter als ich. Wir hatten Stress mit dem Vermieter, der uns in einem alten Schuppen untergebracht hatte und Schulden wie verrückt. Also sind wir wieder in die Wildnis entkommen und wurden von Eska und Sam aufgegabelt."
Ruby war überrascht, dass Siku ihr das anvertraute.
"Und sie hat euch neue Namen gegeben?" fragte sie. Ihr brannte auf den Lippen zu fragen, wie sie vorher geheißen haben.
"Es ist verboten, den alten Namen zu nennen, bevor du fragst. Und ja, hat sie. Suka bedeutet im Inuit schnell und Siku Eis. Ein Wolfname hat immer eine Bedeutung", erwiderte Siku. Ruby verzog leicht den Mund. Rubin war dann wohl ihrer. Wenigstens passte das ein wenig auf ihre Haare.
Jay und Fabs hatten dann wohl dezent Pech gehabt, dachte sie lächelnd.
"Danke dafür. Mag es auch nicht auf Gegenseitigkeit beruhen, ich werde euch trotzdem vermissen", sagte sie leise und erhob sich.
Sie war schon halb aus dem Zelt, als Siku nochmals die Stimme erhob.
"Das heute war nicht deine Schuld. Du bist eine gute Jägerin. Lass dich nicht runterziehen."
Ruby hielt einen Moment inne und schenke Siku ein halbes Lächeln. Dann trat sie nach draußen.

Sie schaute nach, ob Suka noch da saß und ihre Blicke trafen sich. Als ob sie es genau gewusst hatte. Ruby's Blut gefror zu Eis unter diesen Augen.


Doch sie saß nur da und so zog die Rothaarige es vor, lieber schnell zu gehen und huschte in ein belibiges Zelt. Da stieß sie mit Sesi zusammen.
Beide quiekten auf und sprangen gleichzeitig zur Seite.
"Ruby! Hey, was machst du denn hier?" fragte sie erschrocken.
"Sesi! Ich flüchte vor Suka. Warum, erwartest du Männerbesuch?" fragte sie feixend und lachte leise, als Sesi rot anlief. Nicht, dass sie das wirklich tat und Ruby stand wie ein trampeliger Elefant dazwischen.
"Soll ich..?" setzte sie an, aber Sesi winkte ab.
"Nein! Setz dich. Du hast mit Siku geredet", stellte sie fest und ihre Augen wurden schmal. Ruby ließ sich langsam auf Sesi's Pritsche nieder und zuckte die Schultern.
"Ja.. ich hab sie gefragt, wie sie zum Rudel gekommen ist. Wir haben doch morgen unsere Abreise. Ich dachte, man tauscht noch ein paar persönliche Worte", sagte sie und schaute auch Sesi neugierig an.
"Okay", sagte Sesi aufgeschlossen und freute sich offenbar über das dargebrachte Interesse. Dann setzte sie sich neben Ruby.
"Du bist auch gut mit Pfeil und Bogen? Woher kannst du das?" setzte Ruby an.
"Mein Vater. Mein Bruder sagte ich bin ein Papakind gewesen. Er hat meiner Mutter geholfen und mein Vater hat mich immer mitgenommen. Er hat mir jagen beigebracht und angeln. Wie man alles dafür selbst herstellt und findet. Wir waren viel campen und in der Natur. Was man an Beeren und Pilzen essen darf und wo man es findet. Ich glaube er wollte mich vorbereiten. Eines Tages sagte mein Bruder, wir müssten weg. Ich hatte gerade meine Kräfte entdeckt, aber ich habe es niemandem erzählt. Trotzdem wusste er es. Wir haben uns dem Eisrudel angeschlossen. Nie hat er mir erzählt, was das alles sollte. Er hat wohl davon erfahren, so wie du. Wir wurden umbenannt und eingeteilt. Aber er war irgendwie immer rastlos. Irgendwann hat er sich verabschiedet, er würde Vaters Pfad einschlagen und wart nicht mehr gesehen. Und trotzdem klebt der Name noch immer an mir. Macht wenig Sinn oder?" fragte Sesi und zuckte die Schultern. Dabei stocherte sie ein wenig in den Ritzen der Pritsche herum.


"Kleine Schwester?" riet Ruby und lächelte, als Sesi ihr nur einen Blick zuwarf.
"Du nimmst es gefasst auf. Hast du jemandem mit dem du darüber reden kannst?" fragte Ruby und Sesi schüttelte erst den Kopf, hielt dann aber inne.
"Nanuq weiß davon", korrigierte sie sich dann.
"Ah okay. Sei froh, dass du so jemanden hast", sagte Ruby lächelnd.
"Du hast gleich Zwei", entgegnete Sesi und verschränkte die Arme. Ruby seufzte bei dem Gedanken an Fabs und Jay.
"Die Zwei sind recht schwer unter einen Hut zu bekommen, weißt du? Was ist denn mit Iluq?" fragte sie und Sesi verzog das Gesicht.
"Der will doch eh bloß das Eine. Er bekommt es hier aber von Niemandem. Frag mich was er dagegen macht", grübelte Sesi und Ruby sprang auf.
"Okay, genug Infos für heute", sagte sie schnell. "Die meisten schlafen schon und ich denke ich schließ mich an. Ich werd dich vermissen. Hab euch ne Menge zu verdanken." Ruby umarmte Sesi zum Abschied und ging dann wieder in ihr Zelt. Suka war verschwunden und Nukka schlief. Die beiden Jungs ließ sie in Ruhe.  Sie hatte das seltsame Gefühl, dass sie das Eisrudel nicht ganz hinter sich ließ und behielt das Gefühl als Trost.
Sie legte sich hin und in der Ferne erklang ein trauriges, langes Heulen. Dann fiel sie in einen traumlosen Schlaf.


Zuletzt von Autor am Di Jul 11, 2017 3:40 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Silberblut   Di Jul 11, 2017 3:32 pm


Zurück ins Leben





Es war der letzte Tag im Eisrudel. Ruby war ungewohnt früh wach. Auch die Schneewölfe wussten, dass sie nun gehen würden. Die beiden Schwestern waren nicht zu sehen. Die gestrige Begegnung würde also die Letzte für Ruby sein und sie erfüllte sie ein wenig mit Wehmut.
Sie lächelte Sam entgegen, als alle den Dreien zu Liebe den Abschied in Menschengestalt wahrnahmen. Jay hatte sich zusammengerissen heute, auch wenn man seine Müdigkeit ansah.
"Ich danke euch, dass wir bei euch lernen durften. Vielleicht kreuzen sich unsere Wege ja doch noch mal. Ich würde mich freuen", sagte Ruby lächelnd und gab Sam die Hand, der als Erster vortrat.
"Ihr seid absofort jederzeit Willkommen. Pass gut auf dich und dein kleines Rudel auf", verabschiedete er sich und trat zurück, um den Schamanen den Platz zu lassen. Blue verschränkte die Finger und neigte lächelnd den Kopf, bestens erzogen. Sedna tat es ihr gleich. Shashi, Sesi und Nukka umarmten die Drei zum Abschied. Eska blieb stolz stehen und nickte nur kurz.
"Lasst euch von den komischen Druiden nicht den Kopf verdrehen. Du weißt ja jetzt, wie es wirklich ist", meinte Shashi grinsend und fuhr sich durch die strubbeligen Haare.
"Noch ehe du deine letzte Etappe erreichst, solltest du dich dessen erinnern", sagte Eska und wieder einmal war sie Ruby unheimlich, wie sie bei diesen Worten fast schon durch sie hindurchschaute. Auf einmal wurde ihr Blick klar und traf stechend ihre Augen.

Nanuq legte ihr eine Hand auf die Schulter und Iluq nahm ihre Hand, funkelte sie an und deutete wie ein Gentleman einen Handkuss an. Ruby war ganz hin und weg und grinste ihn etwas dümmlich an, ehe sie ihren Blick losriss. Sie merkte gar nicht, wie sehr ihren Gefährten das missfiel.
"Machts gut. Ich werde euch vermissen. Kaum zu glauben, aber... euch alle", sagte sie lächelnd und drehte sich schweren Herzens um, ehe die Drei als Wölfe ihren Weg zurück zum Auto suchten.
Das stand zuverlässig eingeschneit dort, wo Ruby es abgestellt hatte. Sie stöhnten und räumten den Wagen frei. Mit vereinten Kräften bekamen sie ihn dann auch wieder ans Laufen.
"Den solltest du nicht nochmal in dieser eisigen Kälte stehen lassen. Hoffentlich kommen wir damit noch weit", gab Fabs zweifelnd von sich. Ruby schniefte, so wollte sie ihren Wagen ganz sicher nicht irgendwo in einem fremden Land zurücklassen.
Sie fuhr als Erste und machte sich langsam auf den Weg. Durch die beschlagenen Scheiben meinte sie zwei weiße Wölfe zwischen den Bäumen zu erkennen, aber sie hielt nicht mehr an.

Es war ein unglaublich ungewohntes Gefühl in die Menschenwelt zurück zu kehren. Sie fühlte sich unsicher und deplatziert, als sie etwas einkauften, um die Fahrt und dann ihren nächsten Aufenthalt zu überstehen. Fabs buchte sie in einem Landgasthotel in der Pfalz ein. Der riesige Wald sollte das Waldrudel beherbergen. Aber sie wollten sich alle ein paar Tage geben, wieder 'Mensch' zu werden.
Im Supermarkt unter der gewohnten Zivilisation fühlte sie sich wirklich wie ein wildes Tier, das sich verlaufen hatte. Gedankenverloren schob sie den Wagen, während Fabs ihr immer mal wieder einen Blick zuwarf. Aber jede Frage nach ihrem Befinden beantwortete sie damit, dass alles gut war.
Jay kaufte sich wirklich einen Jahresvorrat an Zigaretten und die Verkäuferin schaute sie sehr seltsam an. Fabs und Ruby warfen ihm einen Blick zu, alleine schon deshalb, um zu verdeutlichen, dass sie sich davon nichts annehmen wollten. Aber er zahlte den restlichen Einkauf dafür mit, also war das gebongt.

Während Jay sich wieder normal rauchte, räumten Fabs und Ruby ein.
"Bin ich die Einzige, die den Trupp vermissen wird?" seufzte sie.
"Nein, ganz bestimmt nicht. Kaum zu glauben wer da so in der Einöde lebt. Manche da mögen sein wie sie wollen. Aber sie sind in Ordnung", meinte Fabs und betrachtete Ruby. Die Gedanken an seine Freundin gerieten immer mehr in Vergessenheit. Beim Auto durfte jeder abwechselnd sein Handy laden und Fabs hatte sich freiwillig entschieden, es als Letzter zu tun. Er wollte gar nicht wissen, was da losgebrochen war wegen Sarah und seiner Unerreichbarkeit. Er hatte es herausgezögert ihr zu antworten, bis sein Akku auf einmal den Geist aufgegeben hatte. Seine Sehnsucht zu ihr war aber nur in den ersten Tagen groß gewesen. Nach und nach hatte sich dieses Interesse verlagert. Beim Eisrudel hatte er einmal resetten und mit Sorgen und Problemen bei Null anfangen können. Ein unglaublich befreiendes Gefühl. Nukka und Ruby waren eine so viel unkompliziertere Gesellschaft. Hartgesotten, unverwöhnt. Ohne jammern hielten sie ihre Zeit im Eisrudel aus. Ruby hatte wirklich das Beste draus gemacht.
Sie verfolgte auch jetzt ihr Ziel ohne aufzugeben. Und sie alle waren wohl gespannt, was sich hinter dem Waldrudel verbarg.
Er hoffte insgeheim, dass sie nicht so eine disziplinierte Gruppe waren, denn er wusste, Ruby würde sich dann nur mehr unter Druck setzen, dem nachzueifern. Dabei sollte sie einfach am Liebsten so bleiben, wie sie war und alles handhaben, wie sie es für richtig hielt.

Jay beruhigte sich nach einer Weile wieder und sie konnten schweigend weiterfahren. Als Ruby müde wurde, begannen sie wieder abzuwechseln.
"Und? Hast du schon mal einen Blick riskiert?" fragte Jay und nickte zu Fabs Handy, der dieses immer noch in der Hand hielt. Es war voll geladen, aber er hatte nicht mehr gemacht, als es fest zu halten.
Und Jay wusste um seine Misere. Nicht nur für Fabs kehrten Sorgen und Chaos vorerst zurück ins Bewusstsein.
"Nein. Am liebsten würde ich das Ding aus dem Fenster schmeißen und neu anfangen. Aber die andere Möglichkeit ist dann ewig in der Einöde zu leben. Auch nicht sehr attraktiv", stellte er mit schwachem Lächeln fest.
Jay grinste bloß.
"Dort findest du wenigstens Frauen, die keine Prinzesschen sind. Ehrlich gesagt hab ich damit gerechnet, dass dort fast nur Männer sind, du nicht?" Jay schüttelte vor Unverständnis den Kopf und betrachtete die Straße. Es begann zu regnen. Sie fuhren schon ein paar Stunden.
Sie hatten die Fähre lange hinter sich gelassen und waren kurz vor Hamburg. Nun war die Zeit auf übersichtliche 6 Stunden geschrumpft.
"Ja, mit den Frauen hast du wohl recht.."
"Nun schau schon! Das Schlimmste ist doch, wenn sie Schluss gemacht hat und das scheinst du dir ja fast schon zu wünschen. Also gibts doch kein Problem oder?" fragte Jay und musterte Fabs von der Seite. Dieser verzog das Gesicht.
"Leicht gesagt", erwiderte er, machte aber sein Handy an und lachte direkt auf.
"Anrufe in Abwesenheit.. 38! Ich wusste gar nicht, das jemand in einer Woche so oft anrufen kann. Und 16 Nachrichten", er seufzte, hätte am Liebsten das Handy wieder ausgestellt.
Jay lachte.
"Wirfs nicht aus dem Fenster. Dann gibs lieber mir, ich regel das schon!"
Fabs zeigte ihm den Vogel und begann die Nachrichten zu lesen. Die durchmischten sich mit Wut, Trauer, Verzweiflung, Verzweiflung, Verzweiflung. Da er sich nicht meldete, hatte sie die Szenarien, die sie sich im Kopf durchspielte und deren Lösungen gleich mitgeschrieben. Öfter schwang die Frage mit, ob er sie betrog. Doch Nein, das hatte er nicht.  Vielleicht gedanklich.

Er hatte eine ganz andere Sorte Frauen kennengelernt und war in der Stimmung sein ganzes Leben wie es war, erst mal abzustoßen und sich neu zu finden. So in etwa würden das Frauen wohl ausdrücken, dachte er und löschte alle Nachrichten von der Mailbox, ohne sie sich anzuhören. Stattdessen schrieb er das und warf das Handy dann ins Handschuhfach. Er hatte kein Bedürfnis Sarah's Stimme zu hören und keine Lust auf Krieg. Vielleicht war er unfair und sie sollte erfahren, was er war. Aber wenn sie schon so durchdrehte, wenn er sich eine Woche nicht meldete? Was war dann, wenn er noch eine weitere Woche verstreichen ließ? Gab sie ihm dann überhaupt noch eine Chance? Und wenn.. wollte er diese Chance? Fragen über fragen.
"Soll ich anhalten, damit du sie anrufen kannst?" fragte Jay und Fabs wägte ab.
"Ich warte, bis wir am Hotel sind", entschied er schließlich.
Sie wechselten noch eine Weile die Plätze, aber Fabs war derjenige, der am Längsten fuhr. Er hatte den Kopf zu voll um ehrlich zu schlafen und sie waren bald schon angekommen. Es war ein idyllisches Landhotel. Der perfekte Zwischenplatz für sie, die sie in der Wildnis gelebt hatten.
Wahrscheinlich gaben sie auch ein abenteuerliches Bild ab, als sie ins Hotel reinplatzten, nach Wald rochen und zum Teil aussahen, wie durch den Fleischwolf gedreht. Ruby hatte noch am Wenigsten abbekommen und grinste die Rezeptionistin fröhlich an.

"Da sag noch einer, Frauen könnten sich nicht durchsetzen", feixte sie, bevor sie um ihren Schlüssel bat. Sie hatte darauf bestanden, das jeder sein Zimmer bekam. Momentan waren die Zwei wie eifersüchtige Gockel um sie herum und das ertrug sie in einem Zimmer nicht. Fabs hatte so außerdem die Ruhe, um seine Freundin zu kontaktieren.
Im Zimmer angekommen schloss sich Ruby mit frischen Sachen im Badezimmer ein und ließ heißes Wasser in die Badewanne. Sie war viel zu abgelenkt gewesen im Rudel und gelähmt durch die Kälte. Jetzt spürte sie, was ihr alles wehtat und sie hatte wieder Zeit zum Denken.
Sie lehnte sich im Wasser zurück und starrte an die Decke.
Was hatte das nur alles zu bedeuten? Schamanen machten ihr seltsame vorhersagen, sie selbst sah seltsame Dinge. Warum? Sie wollte doch nur etwas lernen und dann wieder in dieses Leben zurückkehren. Sie würde die Badewanne definitiv zu sehr vermissen, um in der Wildnis zu leben.
Nun hatte sie wenigstens ihre Jungs wieder. Manchmal, da wusste Ruby nicht, ob ihre Wahl wohl überlegt gewesen war. Sie hatte sich bei der Entscheidung für die Verwandlung von ihren Gefühlen lenken lassen. Da war ihr liebster Kollege Jay. Er stand zu ihr, aber sie hatten nur auf der Arbeit zu tun. Bis zum Wolfsein. Er genoss ihre Nähe wohl.
Dagegen musste sie sich eingestehen, dass sie auf Fabs durchaus schon ein Auge geworfen hatte. Wenn beide ihr Interesse hätten, würde sie ihn vorziehen. Ob das so klug wäre?
Ruby grummelte auf und rieb sich mit dem warmen Badewasser durchs Gesicht.
Raus mit diesen Gedanken!, dachte sie. Wie konnte sie die Jungs nur anschauen, wenn sie über solche Sachen nachdachte? Fabs musste erst mal das mit seiner Freundin wieder in Ordnung bringen. Sie gönnte ihm wirklich, dass es wieder richtig lief. Nachher war sie selbst nicht die Richtige und er versaute sich da was. Das würde sich Ruby nicht verzeihen. Vielleicht sollte sie von beiden Abstand nehmen. Gab doch mehr Fische in dem Teich, als die Zwei, dachte sie.

Sie warf sich nun mehrere Handtücher über und warf sich auf das Sofa in dem kleinen Wohnraum.
Dann schnappte sie sich ihr Handy. Jay hatte eine Whatsapp Gruppe erstellt, die ihr Rudel betraf und Ruby musste lachen.
"Jay, verflucht, wenn jemand dein Handy stalkt", murmelte sie und tippte ein paar lachende Smileys ein.
Er fragte, ob jemand noch Lust auf ein anständiges Abendessen hatte und Ruby konnte da nur zustimmen. Sogar Fabs schrieb ein '+' als Bestätigung, was zwar kurz angebunden war, aber immerhin eine Antwort.
Ruby machte sich fertig und fühlte sich endlich wieder fraulich. Sie machte sich schick, weil es ihr gefiel und sie sich gern etwas präsentierte und ging dann runter zum Buffet des Landgasthauses.
Fabs schien noch einen Moment zu brauchen, aber Jay winkte sie an den Tisch, an dem er saß und nachdem sie sich reichlich von Obst und Brot bedient hatte und sich viel Schokocreme dazu gönnte, setzte sie sich zu ihm.
"Nach dem ganzen Fleisch tut das echt gut", seufzte Ruby seelig und grinste Jay frech an.
"Das geht nicht nur dir so. Ich weiß, ihr habt dafür kein Verständnis. Aber ich bin froh wieder zu rauchen und auch darüber, mein Handy wieder geladen zu wissen. Ob unser Urlaub erholsam ist, fragen sie. Wenn die wüssten", grummelte er und Ruby musste leise lachen. So schlimm empfand sie es gar nicht. Jetzt, wo sie wieder im Hotel waren, blickte sie entspannt auf die letzte Woche und seine Ereignisse zurück. Es war so unwirklich für sie, dass in diesem Moment, in dem alles wie ein kleines Abenteuer wirkte, die Silberblüter dort ihr Leben weiterhin so fristeten. Es seit Jahren taten und auch noch die nächsten Jahre tun würden.
"Wenn sie uns im Wald nicht gerade zerfleischen, ziehe ich den glaube ich vor. Weniger eisig. Könnte sogar recht romantisch sein", feixte Jay, schaute sie aber mit einem intensiven Blick an und stützte seinen Kopf auf seine Hand. Ruby musterte ihn misstrauisch.
"Werd mal nicht komisch", gab sie zurück und schaute sich um. Die Rettung nahte in Form von Fabs und Jay zog sich etwas pikiert zurück.




"Du auch endlich da", kommentierte er dessen Erscheinen etwas trocken.
"Na, gut erholt? Ich hoffe es war nicht zu schlimm", sagte Ruby stattdessen besorgt und warf Jay einen abstrafenden Seitenblick zu.
"Naja, ich bin wohl ein freier Mann. Ihr hat nicht sonderlich gefallen, was ich geschrieben hatte", Fabs lächelte schwach.
"Ich hoffe, sie ist erwachsen genug meine Sachen in Ruhe zu lassen."
Ruby schaute ihn schockiert an.
"Was? Ihr habt Schluss gemacht?"
Das schien auch Jay etwas in Alarmbereitschaft zu versetzen. Ruby merkte das nicht wirklich. Ihr tat Fabs leid, andererseits machte das ihre Gefühlswelt nicht besser. Seine Freundin war die perfekte Ausrede, es nicht mit ihm zu versuchen und damit war sie klar gekommen. Aber nun? Eine Fügung des Schicksals?
"Starrt mich doch nicht so an. Ich komm schon klar", knurrte Fabs leise und Ruby wandte den Blick ab.
Wie unverschämt, dachte sie von sich. Sie nahm sich vor, ihm mehr Freiraum zu lassen. Er hatte gerade seine Freundin verloren und sie dachte darüber nach, ob sie ihn anbaggern wollte. Was war bloß mit ihr los?
Natürlich, sie war bisher glücklich single gewesen. Zwischen dem letzten Mann und jetzt war einige Zeit vergangen. Langsam begann sich Sehnsucht in ihr zu regen. Aber sie hatte so lange gewartet. Die paar Wochen konnte sie nun auch noch aushalten. Sie musste diese Reise abwarten. Solange kam ihr ohnehin niemand in die Quere.

Sie merkte gar nicht recht, dass sie sich bei der Unterhaltung automatisch mehr Fabian zuwandte und Jason vergeblich versuchte, ihre Aufmerksamkeit völlig auf sich zu lenken. Wo er sich doch gar nicht mehr wünschte, als dass sie ihm so durchgehend zuhörte, wie Fabs.
Sie konnte doch nicht so blind sein?, dachte er.
Er aß schweigend zu Ende und verabschiedete sich dann geknickt als Erstes.
Ruby schenkte ihm überrascht das erste Mal richtig Aufmerksamkeit, aber es war zu spät. Jay murmelte nur etwas und verschwand nach oben.
Dabei saß Ruby noch eine ganze Weile mit Fabs zusammen unten, obwohl sie sich vorgenommen hatte, auch alsbald zu gehen.
Sie genoss seine Nähe, während sie redeten und auch die Schweigeminuten, in denen sie einfach nur nebeneinander saßen.
Es passierte auch nichts Verfängliches, obwohl das mehr daran lag, das Ruby sich alles in diese Richtung fürerst verbot. Sie verabschiedete ihn mit einer tröstenden Umarmung für die Nacht. Im Grunde war es ihr wirklich nicht recht, dass sein Leben daheim den Bach runterging. Er schien das noch gar nicht zu realisieren, dachte sie betrübt.




Am nächsten Morgen war es allerdings Zeit sich noch ein letztes, kräftiges Frühstück zu gönnen und dann in den großen Wald zu reisen, welcher unweit des Landgasthotels begann.
Fabs war distanzierter als den Tag zuvor und auch Jay eher kurz angebunden. Und darin war er wirklich nicht gut.
Nach dem schweigenden Frühstück lichteten sich die Tische und Ruby war es genug.
"Okay Jungs, gleich geht es wieder in die Wildnis. Euer komisches Mischverhalten hat da keinen Platz. Ihr wisst ja wie gefährlich es das letzte Mal war und ich muss mich einfach auf euch verlassen! Dieses Rumgedruckse nervt. Ich hab euch auf eine geschäftliche Reise mitgebeten und mehr ist das hier auch nicht!", sagte sie scharf und schaute dabei beide genaustens an. Sie hatte das Gespräch auf dem Weg zum Eisrudel damals belauscht. Fabs hatte sicher etwas überspitzt versucht, Jay zu treffen mit seinen Worten, aber Ruby glaubte durchaus, das ein Kern Wahrheit darin steckte. Das er es als romantische Gelegenheit betrachtete.
Sie war sich auch bewusst, wie unfair sie jetzt war, da sie mit ihren Gefühlen nicht ganz unschuldig war, aber sie war auch sauer darüber, dass Fabs, der ihr gestern so nahe gewesen war, jetzt wieder den Unnahbaren spielte.
"Das sagt genau die Richtige", giftete Jay. Ruby biss die Zähne aufeinander und gab einen grollenden Laut von sich und erhob sich leicht.
"Wenn du nicht hier sein willst, geh, keiner hält dich auf!" zischte sie mühsam beherrscht. SIe zogen schon die Blicke von einem Nachbartisch auf sich.
"Hey, wenn wir zerfleischt werden wollen, machen wir uns am besten auf den Weg, statt es selbst zu tun, okay?" fuhr Fabs dazwischen und stand auf. Er ließ den Anderen durch seine ruckartige Handlung keine große Wahl, als dem geplanten Pfad missmutig zu folgen.
Wie distanzierte man sich bloß von seinen Gefühlen? Vermutlich hatte Sam recht. Sie sollte alle beide verstoßen und von vorn anfangen. Sie waren ihr gut gefolgt, aber in irgendeiner Form musste sie sich wieder zu mädchenhaft gegeben haben, dachte sie, doch sie kam nicht darauf.
Immer nur die Unnahbare spielen war ganz sicher nicht so einfach.

Die Drei verschwanden auf ihre Zimmer, packten und verstauten dann alles draußen in Ruby's Auto. Diese war wenigstens glücklich, dass es hier sicher und in der Zivilisation stand. Hier würde ihrem Auto weniger passieren. Nicht ausversehen von Elchen umgelaufen werden zum Beispiel.
Allerdings konnten sie sich nicht sofort verwandeln. Im ersten Teil des Waldes waren viel zu viele Menschen und Wanderwege und in aller Kürze hatten sie sich fast schon verlaufen.
"Ich würde vorschlagen wir halten uns mal nicht an die Wege. Die führen doch alle im Kreis. Hier, wenn wir hier sind... einfach geradeaus nach oben. Da enden die Wanderwege", sagte Jay und deutete auf eine Karte, die all diese Wege markierte. Sie war nur begrenzt groß und dahinter schien der Wald  noch wild. Er hatte nicht einmal ganz Unrecht. Als sie an der Stelle waren, waren da viele Schilder die es als Naturschutzgebiet kennzeichneten und Warnung vor Bussarden und anderen Raubvögeln aussprachen, die eventuell gereizt auf menschliches Eindringen reagieren könnten. Zudem ein Schild das die Rückkehr der Wölfe in positives Licht tauchte.
Etwas unschlüssig standen sie da und warteten darauf, dass die Wanderer einmal weit genug weg waren um nicht zu sehen, wo sie da eindrangen.
Das erste Mal seit langem waren sie sich wieder einig: Sie nickten sich in einer freien Minute zu und sprangen in die Büsche.
Wolfspfoten landeten auf Laub und sie rannten los. Der Wald war dicht und er schien einfach kein Ende nehmen zu wollen. Dieses Mal wollte Ruby nicht als Eindringling in das Gebiet eingreifen. Sie machte einen Stop. Es war ihre Aufgabe.
Also warf sie den Kopf in den Nacken und heulte. Irritiert hielten Fabs und Jay an und tauschten einen Blick, ehe sie es nachahmten.
Und es dauerte auch gar nicht lange, da meldeten sich die ersten Wölfe zu einer Antwort. Das war also das Erste, dass sie vom Waldrudel hörten. Sie nahmen ersten Kontakt auf.




Ruby rannte wieder los und ihre Gefährten folgten ihr, bis auf eine weite Lichtung. Früher schien hier Holz gelagert und verarbeitet worden zu sein. Heute wurde klar, dass dieses Gebiet lange nicht mehr betreten worden war, um diese Arbeit fort zu setzen.
Das Rudel schien genau zu wissen, wohin es sie verschlug, denn dort tauchten auch sie auf. Schnell kamen fremde Wölfe auf den Platz, dieses mal bunte, braune und graue gemischt. Sie fletschten die Zähne und knurrten drohend, begannen sie zu umkreisen und einzukesseln. Ruby, Fabs und Jay fletschten ebenfalls die Zähne. Während die Jungs dabei den Kopf senkten, hielt Ruby ihn stolz erhoben und behielt alle genaustens im Auge. Solange, bis ihre Aufmerksamkeit auf die gestapelten Holzstämme gelenkt wurde, über denen ebenfalls Wölfe auftauchten. Alle Blicke wanderten hoch, als eine rotweiße Wölfin auftauchte und sich herrsch auf ihrer Anhöhe breit machte, die Zähne auseinandernahm und die Eindringlinge in beeindruckend lautem Ton angrollte. Sie strahlte den Dreien eine Autorität entgegen, die nur von einem Alpha kommen konnte. Und zu der Überraschung der Drei, war dieses Alpha kein bulliger alter Rüde, sondern eine mittelalte, agile Wölfin, die aber sehr viel Reife ausstrahlte. Und vor allem auch eines: Selbstständigkeit.
Während man gemerkt hatte, wie bei Sam ein Netz aus Kommunikation zwischen ihm und den Schamanen gebildet wurde, stand diese Wölfin ganz alleine und all die Wölfe um sie herum richteten sich nach ihr, in dieser unbekannten Situation.
Auf den Holzscheiten tauchten mehr Wölfe auf. Eine braungraue, gefolgt von einer rötlich-braunen, einer Schneewölfin, die sehr deplatziert hier im Wald wirkte, einer grauen Wölfin mit stahlgrauen Augen und zuletzt tauchte eine graue Wölfin auf, deren Gesicht von braunem Fell eingerahmt wurde.
Sie erinnerten Ruby an die Schamanen und doch hatten sie wenig mit ihnen gemeinsam. Eska hatte auf ihrem Vorsprung gestanden, wie eine Königin die über das Leben vom gemeinen Pöbel entschied. Neben ihr abweisende, misstrauische Wölfe, die ihre ganz eigene Meinung zu haben schienen, sich aber von der Situation distanzieren wollten, solange Eska sich genug durchsetzte.

Dieser Kreis war anders aufgebaut. Diese Wölfe hatten keine Färbungen wie die Schamanen. Sie wirkten normal und die scheinbare Führerin hatte die Ohren gespitzt. Ihr Blick war der einer unbedarften, verwunderten Wölfin und jede ihrer Gefolgswölfe hatte ein Ohr auf sie gerichtet, musterten die Neuankömmlinge mit scheinbar gemischten Gefühlen, aber nicht so, als würden sie ihnen einen schnellen Tod im kalten Eis wünschen. Einfach nur unschlüssig.
Auch unter den Jägern gab es Unterschiede. Ruby suchte vergeblich nach einem bulligen Rüden, der die größte Gefahr ausmachte, so wie Nanuq und Iluq vom Eisrudel. Hier gab es drei Rüden, allesamt mit einer Figur, die der windschnittigen Form von Fabs und Jay ähnelte und auch wenn sie sie ebenfalls einkreisten wie Haie und die Lefzen hochzogen, sie knurrend betrachteten, wirkten sie nicht als ernstzunehmend tödliche Gefahr. Wenn sie mussten vielleicht. Gerade jetzt allerdings weniger.




Einer der Rüden, der am entspanntesten in dieser Situation wirkte, war bunt. Die Anderen dunkelbraun-beige gefärbt. Eine graue Wölfin wirkte hin und hergerissen und etwas nervös. Zwei Jägerinnen schienen Ruby noch als größte Bedrohung, denn sie wirkten nicht, als wäre gut mit ihnen Kirschen essen. Der Blick einer schokobraunen Wölfin erinnerte sie sehr an Suka's Blick.
Aber sie schien nicht die Chefin hier unten. Es lief unter den Jägern eine Wölfin, die alt war, erfahren und unendlich mehr Reife ausstrahlte, als das Alpha. Man sah ihr das Alter an und sie ging von allen am Nächsten an ihnen vorbei, als wollte sie im Notfall einen Angriff als Erste abbekommen. Wie eine Mutter, die auf ihre Welpen aufpassen musste.
Nein, so sehr Ruby die Situation in den wenigen Sekunden die ihr noch blieben analysieren wollte, suchte sie viel zu viele Paralleln. Dieses Rudel agierte unter ganz anderen Regeln. Tatsächlich war jede Bewegung hier abgestimmt auf einen einzigen Kontrollpunkt und der war die Alphawölfin, von der folglich die größte Gefahr ausging.
Sie betrachtete die Drei herrisch und senkte langsam den Kopf, mit gefletschten Zähnen.
"Wagst du es, mich herauszufordern?" fragte sie spitz und schaute Ruby mit stechendem Blick an.
Diese behielt Haltung und wandte sich ihr ganz zu.
"Nein! Ich habe eine weite Reise hinter mir. Ich wurde von einer Schattenwölfin zum Eisrudel geschickt, um das Leben als Wolf zu lernen. In einer Vision deutete mir Fenrir das ein Rudel nicht genug sei. Ich sollte euch ebenfalls besuchen. Ich erbitte nur, uns zu gewähren, von euch und euren Gebräuchen zu lernen", beteuerte Ruby und machte sich schon darauf gefasst, dafür zerissen zu werden.

Die rotweiße Wölfin hob stattdessen den Kopf und warf einen Blick zu der Braungrauen.
Im Rudel wurde gemurmel breit.
"Schattenwölfe.."..."Was hat die mit dem Schattenreich zu schaffen?".."Was wollen sie von uns?"..."..sollen uns in Frieden lassen!"..."..bloß Ärger..."
Ruby verstand die Abneigung nicht. Im Eisrudel hätten diese Aussagen als Blasphemie gegolten, die dort hart geahndet wurde. Diese Wölfe schienen anders zu ticken. Sie erinnerte sich an die Worte der Schamanen. Die leuchtenden Zeichen auf dem Fell symbolisierten Fenrir's Gunst. Wenn Fenrir sich vom Waldrudel abgewandt hatte, warum wollte er dann, dass sie es besuchte? Und warum hatte er sich abgewandt?
"Das ist höchst ungewöhnlich, dass ein kleines Rudel von einem anderen Rudel lernen will. Auch, dass eine Schattenwölfin so jemanden schickt", meldete sich die Braungraue zu Wort.
"Wie bist du mit der Schattenwölfin in Kontakt gekommen?" fragte sie direkt an Ruby gewandt. Ungewohnterweise klang ihre Stimme nicht überheblich oder spöttisch, sondern einfach nur ehrlich.
"Sie stand in meinem Zimmer, als ich mich verwandelt habe. Ich habe mich im Traum verwandelt. Die Schamanen sagten, dass sei höchst ungewöhnlich...", meinte Ruby zögerlich und langsam wurde sie über dieses Blicke tauschen nervös. Die Jäger machten sich ihre eigenen Gedanken, aber alle erhöhten Wölfe tauschten Blicke, Gedanken, stimmten sich ab. Da war eine richtende Wölfin auf die man sich konzentrieren konnte Ruby fast lieber. Sie konnte diese Silberblüter nicht einschätzen. Sie spannen ein unsichtbares Netz aus Kommunikation über ihren Kopf, aber dennoch blieb die Alpha die mit dem letzten Wort. Das spürte Ruby irgendwie. Der Gedanke, dass es noch einen anderen Weg gab, seine Autorität zu halten, beruhigte sie.
"Das ist es. Du könntest uns gefährlich werden oder aber wirklich nur lernen wollen", sagte die Braungraue. Ruby seufzte, aber die Jäger, die sie umkreist hatten, waren stehen geblieben und musterten sie ruhig und unschlüssig. Nur zwei fletschten noch immer die Zähne.

"Das Eisrudel hat es scheinbar überlebt. Wir stimmen ab", entschied die harsche Stimme der Alphawölfin und Ruby war überrascht. Demokratie in einem Wolfrudel?
Die Wölfe, die zuletzt auf den Holzscheiten gewartet hatten, wanderten langsam hinab und mischten sich unter die Jäger. Bloß die Rotweiße Alphawölfin war es, zu der man nun aufblicken musste.
Vielleicht erfuhren sie dann mal Namen, dachte Ruby. Sie könnte sie so wenigstens personifizieren.
Das Rudel zeigte gegen diese Entscheidungsform keine Einwände, also nickte die Alpha.
"In Ordnung. Die Druiden haben mit ihrem Feingefühl den Vortritt. Sura", forderte die Leitwölfin die Braungraue auf und schon hatte sie für Ruby eine Identität.
"Druiden entscheiden nie alleine. Ich gebe das Wort an Sila", sagte Sura. Druiden... das änderte die Sache. Und sie entschieden Gemeinsam.
Ruby sog alles auf wie ein kleiner Schwamm. Je mehr sie wusste, desto besser. Ganz gleich, wie sie sich entschieden.
"Gebt ihr eine Chance", sagte die Schneewölfin und schaute zur Grauen.
"Ahalya?"
Was diese Namen wohl alle bedeuteten?, dachte Ruby.
Ahalya brauchte tatsächlich etwas länger, ehe sie ihre Antwort gab.
"Unter Vorbehalt... ja", entschied sie zögerlich und schaute zu einer schlank gebauten rotbraunen Wölfin, mit ebenso rotbraunen Augen.
"Drisana?"
"Ja", sagte diese sofort und gab an eine Wölfin namens Chena weiter. Es war die Druidin, deren Gesicht grau war, von bräunlichem Fell eingerahmt. Sie hatte einen durchdringenden Blick, der schwer zu definieren war.
"Nein", sagte sie glatt, mit einer dunklen, fraulichen Stimme und setzte sich hin. Keiner stellte die Entscheidung des Anderen in Frage.





"Die Entscheidung der Druiden lautet Ja", verkündete Sura, die ihr Schlusswort damit im Stillen gegeben hatte. Wenn sie in einem Kreis alleine entschieden, war Chena's Wort noch zu wenig, selbst, wenn Sura ebenfalls Nein gesagt hätte. Ruby rechnete sich gute Chancen aus.
"Vineeta, als Jagdleiterin bist du die Nächste in der Reihe", sagte die Alpha und betonte wohl den Namen.
Diese überlegte eine Weile, ließ ihren Blick besorgt über das Rudel und über die gespitzten Ohren der Druiden schweifen.
"Es fällt mir nicht leicht, aber ich denke hinter dieser Stimme steckt ein liebes Mädchen, mit den richtigen Ansätzen. Ich sage ja und gebe weiter an Malin und Clay", sagte Vineeta und Ruby spitzte die Ohren. Ihre Stimme klang älter und reifer noch als die der Leitwölfin und unglaublich herzlich und warm. Trotz des Misstrauens in ihrer ehrlichen Sorge. Hätte Eska sich in dieser Form Sorgen gemacht oder sie geäußert, hätte Ruby eher ein Auge zudrücken können.
Lange schon war ihr aufgefallen, dass die Rudel sehr 'Frauenbelastet' waren und es kaum Männer gab. Das Waldrudel hatte exakt so viele wie das Eisrudel, aber in niedrigeren Positionen.
Als Malin und Clay identifizierte Ruby die beiden erdfarbenen Wölfe, die Seite an Seite standen und die Drei fixierten. Wie bei unheimlichen Zwillingen, waren jede ihrer Bewegungen aufeinander abgestimmt.
"Es geschieht hier ja nie was Spannendes sonst. Also warum nicht? Drei Wölfe werden uns schon keine Probleme machen", meinte Malin, der kurz einen Blick mit seinem Bruder getauscht hatte. Dieser nickte zufrieden.
"Wir geben weiter an Vito und überspringen die Zicken Mahila und Sarama", fügte Clay spöttisch hinzu und erntete die tödlichen Blicke der zwei zähnefletschenden Wölfinnen. Vor allem Mahila, die Braune, erinnerte sie sehr an Suka. Nur wirkte sie stärker.

Der bunte Wolf meldete sich trotzdem zuerst.
"Ich sage Ja und Mahila und Sarama Nein", meinte er locker und warf der tobenden Mahila einen entspannten Blick zu, sträubte aber das Nackenfell. Sarama, die Graubraune, die durch die Andere in Mitleidenschaft gezogen wurde, zog nur frustriert die Lefzen hoch.




"Ganz genau! Nein! Da könnte ja jeder kommen und behaupten er hätte eine Audienz und auf einmal wird das geglaubt? Was ist wenn es nur ein Grüppchen herrenloser Wölfe sind?" fragte sie in giftigem Ton.




"Wenn das Rudel das Risiko eingeht, ist es entschieden. Es hängt jetzt an Janna", entgegnete die Alpha konsequent unter dem Knurren der Wölfin, ehe ihr Blick zu einer Grauen, mit weißer Maske hinüberglitt. Sie wirkte extrem unschlüssig unter dem scharfen Blick von Mahila und murmelte ein leises 'Nein', zog dann verteidigend die Lefzen hoch.





"Die Jäger stimmen für Ja", Vineeta ließ die Worte fallen wie schwere Gewichte. Es war ein knappes Ja, aber ein Ja.
"Desna?" forderte Sura auf und letztlich hatte auch die Alpha einen Namen, die ihren Kopf hob, auf die Drei hinunterblickte und erst einmal gar nichts sagte.
"Nein", antwortete sie schließlich und Fabs spitzte die Ohren und knurrte kampfbereit.
Das konnte sie doch nicht machen!, dachte Ruby schockiert. Ihr Wort war Gesetz, da war sie sich absolut sicher.





"Aber dennoch ist es eine Abstimmung und die anderen beiden Parteien haben mit Ja gestimmt. Knapp, aber sie haben. Willkommen. Ich hoffe, ihr seid wirklich hier, um zu lernen und kein Hinterhalt der Eisigen oder Schattigen."
Desna musterte sie ein letztes Mal von oben herab und wandte sich dann geschlagen ab. Ruby konnte es gar nicht glauben. Einen Moment lang hatte sie sich auf einen Kampf eingestellt, doch der blieb tatsächlich aus.
Desna verschwand und ein paar unzufriedene Wölfe gaben ein missbilligendes Schnauben von sich. Einige Andere musterten die Drei mit gespitzten Ohren.
"Anders", meinte Jay in verwundertem Ton und trat vor zu den Anderen.
"Anders..", bestätigte Ruby trocken und knurrte leise als Jay einfach an ihr vorbeitrat und zu den Anderen ging. So viel zu ihrer geschätzten Disziplin. Langsam hatte sie das Gefühl, man nahm sie nicht ernst.
Sie folgte aber und Sura erwies ihr die Ehre, sich zunächst an sie zu wenden. Fabs folgte Ruby schweigend und bleckte die Zähne in Richtung der umstehenden Wölfe.
"Folgt mir. Wenn ihr lernen wollt, werdet ihr Fragen haben", sagte sie in neutralem Ton.
"Ruby. Und das sind Jay und Fabs", Ruby nickte in die jeweiligen Richtungen und meinte in Sura's Augen ein Lächeln zu erkennen.
Hier wurden sie nicht auseinander gerissen und eingeteilt. Jay und Fabs blieben bei ihr. Auch kümmerte sich nicht nur Sura um sie. Sie wurden sozusagen eskortiert. Die anderen Druiden folgten schweigend und reihten sich so um sie herum auf, dass sie fast schon mitgehen mussten. Der einzige Fluchtweg war, sich umzudrehen oder stehen zu bleiben, denn niemand machte wirklich das Schlusslicht.





Sura führte sie durch Dickicht und Unterholz und langsam wurde Ruby klar, was sie für eine Strecke hinter sich gebracht hatten, um zu diesem Treffpunkt zu kommen. Der aber sehr offiziell gewirkt hatte.
Sie kamen auf eine schöne, sehr kleine Lichtung. Dort, wo normalerweise das Licht durch das Blätterdach der Laubbäume fiel, war es heute dunkel. Regen zog auf.
Ruby betrachtete fasziniert den Wald, der ihr sehr viel sympathischer war als die kalten Nadeltannen in der Eiswüste.
Hier war es auch nicht so tödlich still. Vögel zwitscherten, Raubvögel schrien und Spechte hackten auf die Bäume. Sie drehte die Ohren und hörte Geraschel. Kleine Mäuse, Kaninchen, Füchse. Alles kreuchte und fleuchte über den Waldboden und in Erdhöhlen unter Baumstämmen.
Auf eben jener Lichtung blieb Sura stehen und wandte sich ihnen zu, während sich die Druiden in einen ordentlichen Kreis um sie herum setzten. Ruby, Fabs und Jay in ihrer Mitte. Fabs war der Misstrauischste, der jeden Einzelnen der Wölfe musterte und im Auge behielt. Jay schien derweil damit beschäftigt, sich vorzustellen wie die Gestalten hinter den Wölfen wohl wirkten. Ruby wandte sich seufzend Sura zu.
Einer musste ja Reife zeigen.
"Wir kommen vom Eisrudel. Dort durfte ich bereits lernen. Aber.. wenn mir die Frage erlaubt ist... sie klangen nicht begeistert von euch. Warum? Besteht Zwist zwischen euch? Woher kennt ihr euch?" fragte Ruby schließlich und spitzte die Ohren. Bald merkte sie aber, dass hier nicht nur einer Antworten gab. Als wären die Druiden sich gleichgestellt.
"Ja, es musste jedem von uns bewusst sein, dass ihr von eben dort kommt, wenn dich Fenrir tatsächlich auf diese Mission geschickt hat. Es hat geschichtliche Hintergründe. Wir sind die ältesten Rudel von Europa. Folglich hat man durch Wechsel, Einzelgänger und Gerüchte schon voneinander gehört. Sila hat einst dem Eisrudel angehört", gab Sura als Beispiel.
"Und es waren auch Andere vor ihr die gekommen waren, unsere Wege zu gehen. So sind auch Wölfe hier gewesen, die sich dem Eisrudel zugewandt haben."

Sila neigte den Kopf zur Bestätigung, als ihr Name fiel.
"Iluq", schoss es Ruby durch den Kopf und erst im zweiten Moment wusste sie, dass sie diesen Namen laut gedacht hatte. Alle Druiden spitzten die Ohren, auch Chena, die sie zuvor abgelehnt hatte.
"Er lebt noch?" fragte ihre weibliche, rauchige Stimme.
"Natürlich tut er das. Aber... er hat es erzählt?" mischte sich Drisana ein und Ruby schaute zu der rötlichen Wölfin.
"Nein.. ich.. hab ihn in einer von Fenrir's Visionen gesehen. Eine Schamanin hat ihre Visionskraft mit mir geteilt und da war auch er. Gefangen in der Verwandlung und ein dunkler, riesiger Laubwald. Ähnlich diesem. Fenrir scheint ihn vielleicht noch mit diesem Wald in Verbindung zu bringen", sagte Ruby und legte die Ohren an, als die Graue Ahalya ein Knurren vorbrachte.
"Ihr redet von ihm, als wäre er ein alter Freund! Er ist ein Teufel, ein Verflucher der Menschen", giftete sie frustriert.
"Fenrir", erklärte Sura der verwunderten Ruby.
"Ihr folgt ihm nicht?" fragte sie irritiert. Immerhin waren sie Wölfe und ein Rudel. Hatte eine der Schamanen nicht etwas dahingehend erwähnt? Sie dachte angestrengt nach.
"Nicht ganz. Ahalya, er ist eine Gottheit, die wir akzeptieren. Vergiss das nicht. Nein, Fenrir hat sich von den Meisten von uns abgewandt. Nur Wenige erfüllen hier seine Vorstellungen. Wir huldigen als Druiden größtenteils Tapio, dem Gott der Jagd. Er segnet die Jagd und die natürliche Selektion. Und er bietet uns einen Ausweg. Etwas, das für Fenrir verachtenswert ist", sagte Sura und Ruby nickte langsam.
"So wie für Tapio die Unsterblichkeit. Das hat man mir erzählt. Beide Götter stehen im Krieg. Die Schattenwölfe sind aber fleischgewordene Anhänger, eigens von Fenrir ausgewählt. Deshalb seid ihr hier keine Freunde von ihnen?"
"So könnte man das sagen. Tapio hat eine Abneigung gegen Wandler. Doch manche laufen in seinen Glauben ein und erlösen sich von ihrer Gabe", fügte sie leise hinzu.
Ruby zog die Stirn zu einem Runzeln zusammen.
"Vor kurzem..? Öfter?" fragte sie unsicher nach, doch zu ihrer Erleichterung schüttelten Sura und Sila gleichzeitig verneinend den Kopf. Nicht, dass sich das Rudel dauernd ausdünnte und man niemanden lieb gewinnen durfte.

"Kenai war der Letzte. Er kam vom Eisrudel zu uns und wurde einer der wenigen, männlichen Druiden. Er war sehr zielstrebig. Er hat mit aller Hingabe daran gearbeitet, seine Gestalt ein letztes Mal zu wandeln."
"Vielleicht hassen sie uns auch wegen ihm", meldete sich Sila leise und bekam einen scharfen Blick von Chena und Ahalya.
"Nicht jetzt. Sie könnte mit ihnen im Kontakt stehen!" zischte Chena und Ruby stand knurrend auf. Sie alarmierte damit Fabs und schon erhoben sich Ahalya, Drisana und Chena ebenfalls.
Sura stand auf und grollte, doch sie wandte ihr Grollen nicht gegen Ruby und Fabs, die sich erhoben, sondern in Bezug auf ihre Druiden, die sich- zum Teil Zähne fletschend- wieder setzten.
"Ich habe es schon gesagt und ich sage es wieder. Das Waldrudel sollte keine Geheimnisse haben, die einen Krieg anzetteln könnten. Es war seine Entscheidung. Kenai war ein Bruder einer jungen Wölfin dort", gab Sila fest, fast schon mit zuen Augen von sich, um ja nicht unterbrochen zu werden. Chena knurrte laut auf und fixierte Ruby, doch diese schaute die Schneewölfin nur sprachlos an.
Sesi.., dachte sie.
"Sie weiß nichts davon", flüsterte Ruby und erntete überraschte Blicke der Jungs. Diese hatten sich mit dem jungen, stillen Mädchen nie groß auseinander gesetzt. Er wollte den Weg ihres Vaters gehen, hatte sie gesagt. Nun wusste sie, was das bedeutete.
Ruby wusste nicht, ob es an Sura's Willen lag, aber alle Wölfe schwiegen eine taktvolle Zeit lang.
"Viel Informationsaustausch für einen Tag", sagte Ahalya trocken.
"Nur eine Frage", erbat Ruby. "Wandler?", hakte sie einsilbig nach. Sie wunderte sich über diesen Begriff, waren die Eiswölfe doch recht eigen mit ihrer Bezeichnung gewesen.
"Unsere Bezeichnung für das, was wir sind. Ich weiß, dass die Eiswölfe und das Schattenrudel den hochgestochenen Begriff Silberblut verwenden. Du musst hier aber nicht auf deine Wortwahl achten, dafür reißt dir keiner den Kopf ab", meinte Sura sanft und stand auf. Sie entließ ihre Wölfe, aber Jay kam etwas zu ihr hingeschlichen.
"Warum gibt es kaum Männer... oder Rüden.. im Rudel?" fragte er sachte und Sura zog wölfisch lächelnd die Lefzen zurück.
"Weil der tierische Instinkt als Wolf oft überwiegt. Frauen in Führungspositionen und viele Männer auf einem Haufen bedeuten da oft Stress, Eifersucht und Kampf. Es sei denn, es sind reine Männergruppen. Auch diese Rudel gibt es, sie sind aber nicht umsonst oft klein. Wenn du in eine große Hierarchie von männlichen Wölfen wolltest, müsstest du nach Kanada reisen und dich Avilox anschließen. Er leitet das größte, bekannte Rudel. Alles Männer", sagte sie, aber ihre Stimme klang wenig enthusiastisch.
"Wer sagt denn, dass ich dich gehen lasse?" feixte Ruby.
"Solltest du auch nicht. Es muss sich nicht noch jemand diesem Menschenfresser-Pack anschließen", spukte Chena abfällig aus und zog sich ins Dickicht zurück. Ruby blieb etwas verwundert stehen, aber Jay blieb reaktionslos auf ihre Worte und folgte den Druiden zwischen die Bäume. Ob er wirklich das Rudel verlassen wollte? Ob er deshalb gefragt hatte?
Sie warf einen bedrückten Blick zu Fabs, der sie nur anschaute und dann den Blick gen Wald abwandte.
"Lernt eure vorübergehende Familie kennen. Scheut euch nicht. Wir sind nicht das Eisrudel", meldete sich eine aufmunternde Stimme zu Wort und als sie den Kopf umwandte trat die rötliche Wölfin Drisana neben sie.

Ruby neigte den Kopf und tat wie ihr geheißen. Langsam betrat sie das Unterholz und begrüßte die neue Atmosphäre des Waldrudels und den Regen.



Zuletzt von Autor am Mo Aug 14, 2017 2:42 pm bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Silberblut   Di Jul 11, 2017 3:37 pm



Differenzen








Ruby merkte nicht, dass sie hier nicht auf weiter Flur alleine gelassen wurde. Um dummen Sprüchen und Gedanken anderer zu entgehen- sei es noch so unsinnig- wollte sie es als Rudelführerin besser machen. Die anderen Silberblüter erkannten sie als Blutmondwolf und so bürdete sie sich mehr und mehr Druck auf, dass ihre beiden Rudelmitglieder auch so agierten, wie es sich gehörte.
Sie durften sie nicht überholen, sie durften sich fremden Wölfen, die sie selbst nicht einschätzen konnte nicht nähern und wenn sie es doch taten, reagierte sie mit Knurren und Bestrafung in Form von Druck und Zähne fletschen. Jay schien ihre Geduld und ihre Regeln liebend gerne auszureitzen. Er wurde ihr Gegenüber regelrecht ignorant und störrisch. Sehr zum Leidwesen von Fabs, der zunächst irritiert war und auf den der Druck großen Stress ausübte.
Das schaute sich Drisana eine Weile an.
Als Ruby auf einer leichten Anhöhe saß und das Treiben beobachtete, zuckte ihre Schwanzspitze aufgeregt, wachsam. Innerlich fühlte Ruby sich unruhig und wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Wusste, dass sie falsch agierte. Denn es war nicht nur der Selbstzwang, Kontrolle in ihr Rudel zu bekommen. Es mischte sich auch Eifersucht hinein. Fabs war single und sie hatte nicht genug Zeit gehabt, ihn irgendwie an sich zu binden, wie sie es gern getan hätte.
Aber so konnte sie unmöglich die ganze Woche durchziehen. Das jedenfalls befand Drisana. Sie kam von hinten und setzte sich neben Ruby.
"Was ist los?" fragte sie leise und in einem so vertrauten Ton, dass Ruby nicht aggressiv reagieren wollte. Eher besorgt, wie eine gute Freundin.
Ruby schaute zu Drisana und merkte selbst, wie hektisch ihre Bewegung dabei war. Sie neigte den Kopf, um diese Atmosphäre zu entschärfen, aber es gelang ihr nur mäßig. Sie musste reden und sie wusste nicht, wem sie sich anvertrauen sollte. Drisana bot sich gerade passend an.

"Ich glaube ich tauge nicht als Rudelführerin", seufzte sie. Wenn sie sah, wie das Eisrudel agierte oder wie die Wölfe sich nach Desna gerichtet hatten. Mit was für einem Vertrauen und einer Hingabe.
Drisana gluckste auf.
"Du setzt die Armen viel zu sehr unter Druck. Entspann dich. Eine gute Führerin ist souverän und entspannt", gab sie sanft von sich.
"Dann machen sie aber was sie wollen!"
"Ist das denn so schlimm?" fragte Drisana zurück.
"Ich hab manchmal das Gefühl, ich werde nicht ernst genommen. Wenn ich es bei den anderen Rudeln gesehen habe... da lief vieles ganz anders..", Ruby bremste sich, als sie merkte, dass sie ins Jammern verfiel. Sie wusste selbst nicht, warum sie dem so viel Wichtigkeit beimaß. Sie sollte zufrieden sein, wie es war.
Drisana setzte sich vor sie und als Ruby merkte, wie sehr es sie verstörte, dass sie den Überblick auf ihre beiden Wölfe verlor, stieß sie die Luft aus und resignierte. Das taten sich andere Alpha auch nicht an. Sie machte sich lächerlich.
"Ruby.. schau mal. Die Disziplin im Eisrudel ist sicher faszinierend im ersten Augenblick. Aber führ dir doch vor Augen, wie dieser Alpha an das gekommen ist, was er wollte. Du hast dich mit deinen nächsten Vertrauten umgeben. Sam leitet eine kleine Kampfeinheit von Wölfen, die alle denselben Ehrgeiz teilen. Denselben Drang zur Perfektion und sie alle jagt derselbe Drang nach Anerkennung. Sie streben Perfektion an, jeden Tag. Ein unerreichbares Ziel, dass sie zu gefährlichen Gegnern und einem gefürchteten Rudel gemacht hat. Ein Ruf, den sie genießen und den sie konsequent durchsetzen, auch wenn das bedeutet, über Leichen zu gehen. Im Gegenzug hat Sam keine Freunde, sondern kalte Kampfmaschinen. Er darf nie Schwäche zeigen, ohne Meuterei zu fürchten. Das würden deine Freunde hier dir nie antun", sagte Drisana leise, doch Ruby verstand sie durch ihre Nähe klar und deutlich. Sie hatte nicht das Gefühl, belauscht zu werden und das entspannte sie. Ließ sie zuhören.

"Und unser Haufen ist ganz sicher keine Ausgeburt der Disziplin. Im Gegenteil. Desna verzweifelt regelmäßig an den vielen unbändigen Mitgliedern hier. Aber wir sind eine Familie, die sich vertraut. In der Not halten wir zusammen und das ist uns wichtig. Möchtest du es nicht einmal damit probieren?" bot Drisana ihr an und senkte den Kopf, klappte die Ohren leicht zurück und schaute Ruby von unten nach oben an.
Diese ließ sich Drisana's Worte durch den Kopf gehen. Der Gedanke, wie das Waldrudel als Gegensatz funktionieren sollte, faszinierte sie. Und trotz dieser Normalität waren sie für die Drei ein großes Geheimnis gewesen. Vielleicht sollte sie hier beginnen zu vertrauen. Das war doch etwas, was sie insgeheim wollte. Eine unbeschwere Familie, die füreinander einstand. Sie war Teil einer kleinen Elite gewesen und hatte sich gut eingefügt. Hatte sie lieb gewonnen. Jetzt war da die Chance auf eine kleine, bunte Familie.
"Sie sind keine Kampfmaschinen. Nicht alle... es soll noch so viele mehr Rudel geben. Das Eisrudel hat es oft vermieden mehr zu sagen. Über das Schattenrudel und all die Anderen", sagte Ruby wissbegierig und Drisana lachte auf.
"Das kommt noch, aber wir sind da nicht so verspießt. Wir sagen dir schon, was unser Wissen und unsere subjektive Meinung hergibt", feixte sie, aber Ruby spürte den Kern Wahrheit in ihrer Aussage. Sie stupste sie sanft an und ging dann langsam zu den Anderen herunter, legte sich bäuchlings auf das Herbstlaub.
Ruby folgte ihr zögerlich und kümmerte sich erst einmal nur noch mit halbem Ohr und Auge um die Anderen.
"Verwandelt ihr euch je? Oder... betretet die Menschenwelt?" flüsterte sie schüchtern und legte sich beinahe gesittet neben Drisana auf den Bauch, winkelte die Hinterbeine an und legte ihren Kopf auf die Vorderpfoten.

Diese hob leicht den Kopf und schnaubte auf.
"Ja, es gibt manche, die den Regeln der Wildnis widersprechen und sich davon schleichen. Das sollte man, auch wenn es sicher nicht geheim bleibt, nicht so betreiben, als wäre das Selbstverständlich. Wir haben dem entsagt", erinnerte sie die Rote.
Ruby seufzte und beobachtete ihre Jungs. Fabs war ohne den Druck freier, doch so ganz konnte sie nicht loslassen. Dabei ging es aber nicht um irgendwelche Rudelautoritäten, sondern um ihn.

Am nächsten Tag wollte Ruby mit Sura sprechen. Sie musste sich ablenken und langsam wirklich eine Art To Do Liste abarbeiten. Ihr platzte der Kopf, wenn sie an die unbeantworteten Fragen dachte und sie wollte diese nun ein für alle Male klären.
Doch unangenehmer Weise lief sie Chena über den Weg, die ihre Zähne bleckte.
"Wo willst du denn hin?" fragte sie schroff.
"Ich möchte zu Sura. Sie sagte mir, dass mir hier Fragen beantwortet werden und naja..", begann Ruby, versuchte Chena's grobe Art zu übersehen, wurde aber von dieser unterbrochen.
"Da dachtest du, du platzt mal kurz her, als Fremde und belästigst sie mit deinen Fragen. Als ob du ein Anrecht darauf hättest, dass hier überhaupt jemand mit dir redet. Wir sind eine Familie, mittlerweile und du kommst hierher, erzählst abenteuerliche Geschichten und erwartest, dass wir dich mir nichts, dir nichts aufnehmen, dir erzählen was du willst, immer mit einem offenen Ohr dich und deine.. Problemchen hier haben. Und stellst Forderung um Forderung. Als müssten wir uns um dich kümmern, wie um einen verdammten Welpen! Wenn du Antworten suchst, warum suchst du sie nicht bei denen, die dich hergeschickt haben und lässt uns in Frieden?" fragte Chena eisig. Bis auf das Zähne blecken, welches von einem Knurren begleitet wurde, am Ende, klang sie gefasst, aber böse und kalt. Sie spitzte die offensiv die Ohren und hob die Rute. Eine aufgeregte Haltung. Ruby war von ihren Worten wie vor den Kopf gestoßen. Damit hatte sie nicht gerechnet. Als ob sie das alles wollte!
"Glaubst du nicht, ich wäre jetzt nicht lieber zu Hause, als hier in der Wildnis?" fragte sie zurück, aber ihre Stimme hatte nicht die Schärfe, die sie sich wünschte. Chena dagegen baute sich jetzt erst recht auf und drohte Ruby alleine mit dem Klang ihrer Stimme an, sie in Scheiben zu schneiden.
"Dann verschwinde doch in dein kleines Zuhause oder zeig mir leiblich welche Ketten dich hier halten! Diese Wildnis ist nichts für dich und wenn es einen Fenrir gibt, der das glaubt, dann sollte er rasch jemanden schicken, der dein Pfötchen hält, damit wir es nicht länger tun müssen!" fauchte sie und sträubte mit einem klingenartigen Geräusch das Fell.

Ruby sträubte ihres ebenfalls, senkte Zähne fletschend den Kopf und fixierte Chena warnend, aber nicht drohend. Vielleicht war es wirklich unklug jetzt ihren Willen bei ihr durchsetzen zu wollen.
Ihr gefiel es hier nicht. Sie wurde niemandem zugewiesen, lief allem hinterher und wurde von den Meisten abgewiesen. Selbst jenen, die sich bereit erklärt hatten, ihr eine Chance zu geben.
Chena stieß auf einmal vor und nur aufgrund von Ruby's schneller, erschrockener Reaktion, verfehlte sie knapp ihre Nase.
Ruby ergriff die Flucht. Dieses Mal stellte sie sich keinem Kampf. Chena tobte nicht lange, beruhigte sich, sobald sie außer Reichweite war. Aber Ruby spürte, dass sie diesen Teil des Waldes besetzte und niemanden duldete, der ihn zu durchqueren versuchte.
Etwas missmutig schob sie sich durch den Blätterwald. Seit sie hier war hatte sie sich nicht verwandelt. Auch zu Jay hatte sie kaum Kontakt. Fabs hatte allerdings angefangen, ihre Nähe wieder zu suchen und teilweise schon aus Verzweiflung ging sie darauf ein.
Er ermutigte sie an diesem Tage, sich das erste Mal im Wald zurück zu verwandeln. Ruby wuchs alles über den Kopf und Fabs war da um sie zu trösten.
Um sie herum bewegten sich ab und zu die Wölfe, beachteten sie aber nur mit halbem Blick. Ließen sie ansonsten alleine wo sie waren.
"Vielleicht hätten wir eine längere Pause einlegen sollen. Es hält uns ja nichts. Das zwischen den Rudeln hin und her wechseln.. da hat man ja kaum noch Zeit für sich. Wir waren eine Woche lang in einer Hierarchie und hier werden wir irgendwo in die Mitte geworfen und finden keinen Anschluss", sagte Fabs entschieden und Ruby fuhr sich durchs Gesicht, ehe sie ihn überrascht anschaute.
"Ja, das ist wohl wahr. Ganz kalt lässt dich das nicht, mh?" fragte Ruby und damit spielte sie auf sein zerberstendes Leben an. Wie konnte jemandem so etwas auch egal sein?
"Nein, natürlich nicht. Aber ich hab jetzt die Zeit mich zu finden. Eigentlich ist es gar nicht schlecht, aber ehrlich Ruby... nach diesem Urlaub, bin ich Urlaubsreif. Kein Alk, keine Partys, nichts was man im Sommer- oder mittlerweile eher Herbsturlaub so machen sollte", meinte Fabs kritisch und Ruby lächelte entschuldigend.

"Bist ja auch nicht mehr normal. Aber... wir könnten was trinken gehen. Hier muss es auch irgendwo was Nettes geben und Drisana meinte.. wenn man etwas unbemerkt bleibt und kein großes Aufsehen drum macht, dann reißen hier auch schon mal welche aus. Wie wohl in jedem Rudel.. oder fast jedem", korrigierte sich Ruby und sie dachte darüber nach, wie es wohl den amerikanischen und kanadischen Rudeln erging, von denen manchmal die Rede war. Wie lief es dort wohl ab? Sollte sie auch da noch auflaufen? Irgendwann war die Erklärung ihres Kommens ausgekaut, aber ja dennoch wahr. Nur wurde es nie sicherer und wer wusste schon um wie viele gefährliche Wölfe es sich bei den größten Rudeln handelte. Und vor allem: alles männliche Wölfe.
Fabs wägte ab und stimmte Ruby schließlich zu.
"Es ist unser Urlaub, also ja. Warum nicht. Es wird Zeit das wir mal was unternehmen, nur zu Zweit", sagte er leise und half ihr auf. Sein Lächeln löste ein Kribbeln in ihrer Bauchgegend aus und sie hoffte, dass das jetzt nicht nur so kam, weil sie länger keinen Freund gehabt hatte. Aber sie kannte Fabs jetzt schon eine Weile. Vielleicht war es einfach Schicksal, dass es so kam.

Das helle Licht des Mondes fiel durch das Blätterdach als die Beiden in Wolfgestalt einem Pfad aus dem Wald heraussuchten. Es dürfte noch nicht zu spät dafür sein, damit eine Bar oder eine Kneipe sie empfing und Ruby wäre es auch egal gewesen. Einmal mit Fabs alleine zu sein genoss sie schon und ging dicht neben ihm her, sodass ab und zu sein schimmerndes, dunkles Fell das Ihre berührte.
Es erfüllte sie das erste Mal richtig mit Glück. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihr aus, als sie sich mit ihm aus dem Wald verzog und verwandelte. Allerdings bestand Ruby darauf, dass sie sich etwas schick machen konnte und so wollten sie sich diese Nacht in ein Hotel einmieten.
Rasch verzog sie sich ins Badezimmer, zog die Tür hinter sich zu und merkte ihm Spiegel erst, wie sie durchgehend am Grinsen war. Sie konnte sich nicht helfen.
Leise räusperte Ruby sich und fuhr sich durchs Haar, kämmte sie sich, schminkte sich mit den Sachen aus ihrem Auto. Das stand glücklicherweise noch auf dem Parkplatz. Sie brachte ihre Sachen unter, da sie wusste, dass sie heute hier übernachteten und wandte sich dann ganz sich selbst zu.
Sie wollte schick sein und ihm gefallen. Heute Abend wollte sie einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie war nicht nur eine tüchtige Kollegin mit Ahnung, sondern auch eine begehrenswerte Frau und das musste er ebenso erkennen.
Zu Ruby's ganzer Zufriedenheit bemerkte sie den Glanz in seinen Augen, als er sie um die Ecke kommen sah und grinste wieder von sich hin, als er einen Arm um sie legte und sie zusammen zu einer Bar gingen. Sie war zwar ohnehin als Wolf unantastbar für Menschen, fühlte sich aber gerade unglaublich sicher in seinem Arm.





In der Bar angekommen setzten sie sich an einen, in dezenten Farben leuchtenden, Thresen und bestellten ihre ersten Getränke. Fabian einen Cognac, Ruby bevorzugte einen süßen Cocktail und überlegte sich ein paar Favoriten die sie ausprobieren wollte, auch wenn das Angebot recht begrenzt war.
"Das wollte ich schon immer mal wieder machen und hatte nie die Zeit. Vielleicht sollten wir unseren Urlaub lieber auf so was verlegen", sinnierte Ruby. In diesem Augenblick hätte sie ihre Gabe und diese Art von Bestimmung am Liebsten vergessen. Warum tat sie das überhaupt?, fragte sie sich. Doch die Antwort saß neben ihr. Ohne diese Aktion hätte sich Sarah vielleicht niemals getrennt und ihr eine Chance gegeben.
"Wir können Jay ja nachher abholen. Aber die sind da keine schlechten Gesellen. Die ticken ganz anders, aber es ist wirklich herzlich. Du solltest es ausprobieren", meinte Fabs lächelnd und stieß mit ihr zusammen an.
Ruby hing förmlich an seinen Lippen und kam sich schon richtig dämlich dabei vor. Aber sie wollte einmal nach so langer Zeit einfach nur wieder dümmlich verliebt sein und das Gefühl genießen solange es hielt.
"Wenn wir wieder zurück sind werd ich. Hatte schon eine nette Unterhaltung mit Chena. Kann nur besser werden", meinte Ruby in ironischem Ton, worauf Fabs sie nur süffisant anlächelte.
"Du wählst deine Gesellschaft nicht gerade klug aus. Ich glaube du hast die einzige Wölfin erwischt, mit der man nicht gut umgehen kann", erwiderte er locker. Es dauerte eine Weile und ein paar Getränke, bis sie so richtig locker waren und begannen zu flirten. Ruby traute mehr ihm schöne Augen und Komplimente zu machen, was irgendwann in ziemlich eindeutige Anspielungen überging.
Sie strich sanft seinen Kragen entlang und Fabs ließ sich ihre Berührungen und ihre bedingungslose Hingabe gerne gefallen.

Irgendwann beugte sie sich vor und küsste ihn sanft aufs Kinn. Sie merkte gewitzt, wie diese Hinhalterei ihn ihr gefügig machte. Jetzt spielte sie einmal das Bad Girl.
"Ich glaube wir können langsam gehen, meinst du nicht?" flüsterte sie leise und grinste auf seine Reaktion. Sie war so aufgepusht, dass er gerade vermutlich alles mit ihr machen durfte.
Sie stand auf und spürte sofort ein Kribbeln im Kopf und wankte leicht. Fabs schien es da nicht viel besser zu gehen.
Sie hatten auch ordentlich auf seine Kosten reingehauen und der Wolftradition nach, ganz auf leeren Magen. Denn gejagt wurde erst übermorgen. Das würden sie nicht so überleben, aber Hotel-sei-Dank würde es morgen ein erfahrungsgemäß gutes Frühstück geben, dass sie rettete. Hoffentlich zogen sie nicht wirklich Desna's Groll auf sich.
Ruby hakte sich aber derzeit erst einmal sorglos bei Fabs ein und wurde von ihm nach draußen geführt. Er vertrug schlichtweg mehr als sie. Hatte mehr Übung.
Sie gluckste leise auf und stolperte von ihm weg, wollte etwas verspielt sein, als sie in einen anderen Typen reinlief. Vor Schock flog sie fast hinten über, aber sie wurde festgehalten.
"Tut.. tut mir Leid", nuschelte sie leise und versuchte sanft, seine Hände abzustreifen, aber er hielt sie nur fester. Das verunsicherte sie tierisch. Sie fühlte sich auf einmal hilflos, wusste nicht mehr, dass sie ihm eigentlich überlegen war.
"Hey, hey.. alles gut. Ich hab dich ja jetzt", sülzte er ihr ins Ohr und sie versuchte sich angewidert loszureißen, aber seine Hände waren wie Eisen.
Auf einmal ging alles ganz schnell. Fabs kam dazu und trennte die Zwei. Sie fühlte diesen anwidernden Griff noch immer um ihre Handgelenke und sah verschwommen das Fabian den anderen Mann zurück stieß und sich vor ihm aufbaute, schützend vor Ruby stand. Sie war ihm unglaublich Dankbar dafür, aber in diesem Moment fühlte sie sich nur noch elend. Sie spürte Übelkeit in sich aufsteigen.
Doch als aus Fabs auf einmal das Silberblut rausbrach, war sie wieder hellwach. Schock und Adrenalin verdrängten ein wenig den Alkohol solange sie stand.
Der braunschwarze Wolf stellte sich auf, beeindruckend wirkte er nun, nicht mehr schmächtig und schlank. Laut grollend fletschte er die Zähne und trat mit gespitzten Ohren auf den Angreifer zu. Durch dessen Erschrecken merkte er nicht, was geübte Blicke gesehen hätten. Durch den Alkohol benebelt schwankte Fabian leicht, doch durch sein breitbeiniges Auftreten fing er es weitestgehend ab. Das silberne Blut verlangsamte seinen Blutkreislauf und seine Aggressivität erhöhte sich ins Unermessliche.

In wenigen Sekunden hatte er den Mann, der in seiner Panik ein Messer gezogen hatte, über den Haufen gesprungen. Fabs spürte einen Griff im Nacken und kurz vor dem Gesicht des Fremden klappte der schraubstockartige Griff seiner Zähne zusammen. Während dem Mann jede Farbe aus dem Gesicht wich und er nahe der Bewusstlosigkeit wirkte, hob Fabs den Kopf. Ruby hatte nicht etwa als Wolf zugegriffen, sondern mit bloßen Händen. Sie blutete und nun wurde ihr erst recht schwindelig.
Fabs verwandelte sich, packte Ruby und nahm sie mit zum Hotel. Die Konzentration die ihn das Gehen nun abverlangte glich der größten Herausforderung seines Lebens und Ruby stand immer noch etwas unter Schock.
"Mach so was doch nicht... nicht vor anderen Menschen...", wisperte sie durcheinander und Fabs Züge verhärteten sich pikiert.
"Ein Danke hätte es auch getan", erwiderte er verbissen. Ruby schwieg bedrückt. So hatte sie das gar nicht gemeint.
Im Hotel begann das Zögern und Wanken wieder. Sie wollte ihn so gern auf ihr Zimmer einladen und alles wieder gut machen, aber jede Berührung war auf ihrer Haut so unangenehm wie die des Fremden. Sie spürte, dass sie das einfach nur abschütteln wollte. Das Kribbeln um ihre Handgelenke, den feuchten Atem an ihrem Ohr und ihrem Hals, die sie noch immer so präsent spürte.
Es waren keine großen Worte nötig und er verschwand in Richtung seines Zimmers.
"Es tut mir Leid..", war alles, was sie schwach rausbrachte, ehe sie in ihr Zimmer schlich. Über alles legte sich das mulmige Gefühl des schlechten Gewissens, nicht richtig zu reagieren und sich dessen irgendwo bewusst zu sein. Sie wollte danke sagen und schalt ihn stattdessen. Sie wollte sagen, er solle bei ihr bleiben und sie trösten, stattdessen waren ihre letzten Worte eine Entschuldigung. Sie legte sich ins Bett und überlegte noch, ob sie nicht doch alleine in den Wald gehen sollte. Da war sie auch schon eingeschlafen.

Am nächsten Morgen verschwanden die schlechten Gefühle nicht etwa. Stattdessen kam ein heftiger Kater dazu. Dennoch zwang Ruby sich, sich aus dem Bett zu rollen und das furchtbare Gefühl, welches die begleitete, herunter zu waschen. Jedenfalls versuchte sie es, jedoch recht vergebens.
Nachdem sie festgestellt hatte, wie schrecklich sie aussah, band sie ihre Haare zusammen und ging runter zum Frühstück. Dort war sie beinahe alleine. Fabs war nicht zu sehen.
Bedrückt nahm sie sich etwas Obst und Brot und suchte sich einen Tisch in der Ecke. Ein Blick aufs Handy brachte ihr nichts Neues. Nichts relevantes. Jay hatte sich nicht gemeldet. Konnte jemand so sauer sein? Wäre der Abend mit ihm schöner gewesen? schoss es Ruby durch den Kopf und sie schämte sich fast schon für den Gedanken. Er war ihr immer treu gewesen anfänglich. Fabs dafür hinterher, als Jay sich von ihr abwandte. Musste sie sich etwa für einen von beiden entscheiden?
In diesem Augenblick tauchte Fabs auf. Auch wenn er gerade wenig umgänglich wirkte, wollte sie ihm alles sagen, was ihr gestern so vergebens auf der Zunge gelegen hatte.
Sie spürte, es hatte keinen Zweck. Doch es war für ihr eigenes Seelenheil.
Das er sich überhaupt zu ihr setzte, wunderte sie fast, bei seinem Gesichtsausdruck.
"Fabs, ich danke dir für gestern. Ich hab blöd reagiert und ich hatte mir den Abend ganz anders vorgestellt. Es tut mir so Leid. Ich war so doof. Du hast mich beschützt, wie ein richtiger Mann und ich hab es gar nicht richtig gecheckt. Ich wollte doch.. das es ganz anders läuft", seufzte Ruby unbeholfen und schaute ihn besorgt um seine Reaktion an. Aber diese Reaktion blieb aus.
"Fabs?" hakte sie nach und er schaute sie einen Moment an. Für Ruby brach unter diesem bloßen Blick eine Welt zusammen. Konnte eine Chance etwa auf so dünnem Eis stehen?
"Alles gut, Ruby. Können wir?", war alles was er sagte. Ruby senkte geknickt den Kopf, nickte und stand auf. Sie bezahlte alles, verstaute ihre Sachen im Auto und wartete nicht mehr auf Fabs, als sie zum Wald lief. Ihr Kopf explodierte nicht mehr ganz so, nach ein paar Tabletten, die er ihr abgegeben hatte. Aber dafür schmerzte ihr Herz umso mehr und daran konnte keine Tablette der Welt etwas ändern.

Ruby schaute sich nicht mehr um und Fabs rief sie nicht. Es war alles kaputt. Da war doch etwas gewesen, zwischen ihr und ihm. Es hatte doch gefunkt, dachte sie verzweifelt. Konnte dieser Funke einfach erlöschen, wegen einem Fehler oder war es nie real gewesen? Nicht für ihn?




Diese und jene Gedanken strömten durch ihren Kopf, während sie sich wie eine Wilde durchs Unterholz kämpfte und einem unsichtbaren Schatten hinterher jagte.
Irgendwann sprang sie durch ein Gestrüpp, dass sie nicht einsehen konnte und stand beinahe beim Rudellager. Ein paar Jäger schauten auf, erkannten sie und entspannten sich wieder. Nur Drisana kam besorgt angetrabt, ihr folgte Ahalya. Ruby war noch nie gut gewesen etwas runter zu schlucken. Jay warf ihr einen Blick zu, das erste Mal seit Tagen. Ruby bedeutete den beiden Wölfinnen ihr zu folgen. An einem Rückzugspunkt an dem sie keinen mehr erahnte, verwandelte sie sich und brach in Tränen aus. Es dauerte eine ganze Weile, bis Drisana sie beruhigen konnte. Ruby sah das erste Mal beide unverwandelt. In ihren Augen zwei makellose Schönheiten. Beide hatten helle, reine Haut und lange, schöne, glatte Haare. Drisana ähnlich wie sie in orangerot und Ahalya in Pechschwarz. Ruby fühlte sich gleich ein Stück schäbiger mit ihren chaotischen Locken und dem unausgeschlafenen Look einer durchzechten Nacht.
Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen und ohne jemanden ansehen zu müssen, berichtete sie verdrossen von den gestrigen Erlebnissen. Sie vertraute es völlig Fremden an und kam sich sowohl dumm, als auch erleichtert dabei vor. Jetzt gab es keine beste Freundin, also mussten die Beiden herhalten. Jedoch hatte sie beide endgültig verständnisvoll auf ihrer Seite, als sie von dem menschlichen Angreifer berichtete.
"Ach und wenn er ihm auch das Gesicht weggerissen hätte. Solche Typen haben es verdient", meinte Drisana eisig und nahm Ruby sanft in den Arm. Ahalya, die normalerweise kühl und distanziert war, nahm sanft Ruby's Hand und ihre Stimme hatte etwas beruhigendes, befand sie.
Sie fühlte sich wirklich das erste Mal gut aufgehoben. Wenigstens bei den beiden Druidinnen. Die Jäger waren ihr wie immer nicht so Geheuer. Besonders die beiden Brüder fand Ruby unheimlich.

Die Frage, die ihr die ganze Zeit im Kopf herum geisterte, sprach sie nun auch persönlich aus. Und als ob ihre Stimmung nicht genug wäre, begann es auch noch, zu nieseln. Dieser Tag war dunkel. Eindeutig.
"Ich dachte wirklich.. da wäre etwas. Wisst ihr? Kann es sein, dass es alles gut geworden wäre, hätte ich nicht diesen Fehler gemacht? Steht das alles immer auf so dünnem Eis?" fragte sie weinerlich und rieb sich durchs Gesicht. Sie wollte nicht weiter weinen, aber es war auch schwer, hart zu bleiben.
"Quatsch. Nein, mach dir doch keine Vorwürfe. Toller Freund ist das. Das wäre eine fixe Nacht gewesen", meinte Drisana abfällig.
"Du tickst nicht so wie er, egal in welchem Weg und die flotte Nacht war auch dahin. Egal auf wen er deshalb sauer ist, Liebe ist was Anderes. Du kannst ja nicht dein ganzes Leben und eine Beziehung so führen, wenn du wegen jeder Kleinigkeit auf der Hut sein musst, die ihn verärgert", fügte Ahalya hinzu und Ruby nickte zweifelnd, obwohl es völlig logisch war, auch für sie. Aber irgendetwas tat sie offenbar falsch.
"Ist immer diese blöde Sache mit dem Verlieben. Mach dir nichts draus. Manchmal trifft es einfach die Falschen. Das klingt jetzt schwer vorstellbar, aber es wird toll, wenn das Gefühl vergeht und dann bist du offen für einen Besseren. Als Freund hätte ich da ehrlich gesagt mehr Sensibilität erwartet", kritiserte Drisana und Ruby verzog das Gesicht.
"Er macht gerad eine schwere Zeit durch. Ich bin das Ganze wohl einfach zu früh angegangen", entgegnete sie und seufzte leise. Das passierte auch immer nur ihr, dachte sie bedrückt.

"Ich will euch nicht weiter nötigen. Ich danke euch, ihr seid so lieb", sagte Ruby leise und lächelte die Zwei an, die ihr sofort ihren Freiraum ließen.
Während die Zwei sich verwandelten, ging Ruby noch etwas zu Fuß. Der Niesel war zu einem ausgewachsenen Regen angeschwollen und wirkte nicht so, als wollte er so schnell aufhören.
Die Jäger hatte man schon am Rande von schlechten Jagdbedingungen reden hören. Sie nahm sich vor, gleich einmal Vineeta aufzusuchen und zu fragen, ob sie jemanden mit mäßiger Erfahrung gebrauchen konnten. Aber gerade bog sie ab, da Jay, der hellblonde Wolf, bei den beiden dunkelbraunen Brüdern saß und sie damit die Lichtung beeindruckend dominant annahmen. Hätte er ihre Farbe, hätten es Drillinge sein können, obwohl Clay noch etwas kräftiger war als Malin und Jay. Ruby kannte sie nicht als Menschen und hoffte, sie waren da leichter zu unterscheiden.
Sie schlich ungeplant in eine andere Richtung, um diesem unangenehmen Treffen auszuweichen, als sie Stimmen hörte, die so leise waren, als wollten sie ungehört bleiben. Sie duckte sich instinktiv und schlich neugierig näher. Vielleicht bekam sie ja etwas interessantes mit. Sah auch mal jemand Anderen als Mensch. Nichts war schöner, als sich Fragen beim spionieren beantworten zu lassen.
Doch diesen Anblick hatte sie nicht erwartet. Ganz offensichtlich ließ sich Fabian auch trösten. Doch tat er das etwas anders.
Bei ihm saß ein junges Mädchen, ebenso makellos wie die anderen beiden, mit goldenem Haar, dass ihr glatt über ihre Schultern fiel. Und sie hing gerade beeindruckend geschickt und lang an Fabs Lippen, fuhr mit ihren Händen umgarnend über seinen Rücken.
Ruby blieb der Mund offen stehen. Sie konnte es nicht fassen. Das war sein Trost. Er holte nach, was sie ihm gestern Abend verwehrt hatte. Die beiden Frauen hatten so recht gehabt und sie hatte es noch damit entschuldigt, dass er eine schwere Zeit durchmachte. Wie töricht sie doch gewesen war.




Ihr Liebeskummer verwandelte sich in unbremsbare Wut. Sie wandte sich schockiert und mehr als nur verletzt ab. Sie verwandelte sich ohne große Vorbereitung.  Laut knurrend stürmte sie davon und rannte dabei dicht an den drei Jungs vorbei.
Sie begann mehr als Wütend zu sein. Sie verspürte Hass auf Fabs und dachte in ihrer ungebremsten Rage nur eines: Dich Fabs, verstoße ich aus meinem Rudel!
Sie wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben und sie erinnerte sich noch an Sams Worte. Das man als jemand, den der Rudelführer verwandelt hatte, nur die Möglichkeit hatte, verstoßen zu werden. Und das hatte sie damit getan. Sie wusste nicht, dass es schon in Kraft trat und auch nicht, das Fabs das spürte. Es begann zu donnern und das unterstrich wunderbar Ruby's Stimmung. Fabs hatte schon bei Nukka bleiben wollen, jetzt hatte er eine Ersatzblondine gefunden.
Sollte er eben hier bleiben.
Sie merkte in ihrem Gedankensturm nicht, das Jay  ihr folgte. Er konnte kaum Schritt mit ihr halten, aber er gab sein Bestes.
Ruby wusste nicht, wie lange sie rannte, bis sich auch jemand Drittes an ihre Fersen heftete. Ein grauer Wolf. Sie wandte die Ohren nach hinten und ein Gefühl sagte ihr, dass dieser Geselle nicht freundlich gesinnt war. Viel mehr jagte er sie, obwohl sie nicht vor ihm weglief.
Sie brach aus dem Wald raus und fand in diesem Angreifer ein Ventil. Ohne darüber nachzudenken wandte sie sich um und sprang ihn an. Sie befanden sich auf einem unendlich wirkenden, riesigen Feld. Nur ein Baum war in der Ferne zu sehen.
Ruby setzte alles ein, was sie über das Kämpfen gelernt hatte und schlug sich sogar überraschend gut. Das schien auch ihr Gegner, den sie als Rüden identifizierte, zu merken. Grau war er, doch die Spitzen der Haare an seinem Rücken waren schwarz.
Sie hingen teils zusammen und waren wie zu Dornen aufgestellt.
Ruby biss ihm in den Hals und er ihr in die Schulter, ehe er sie fortriss und von der unerwarteten, unerbitterlichen Brutalität fiepte sie überrascht auf.




Er hatte ihr eine Wunde an der Schulter gerissen. Zwischen dem metallenen Fell lief silbernes Blut aus. Da entsinnte sie sich, dass es ja auch hier noch so etwas wie Einzelgänger gab. Dummerweise hatte sie das verdrängt und bekam mehr Respekt vor ihrem Gegenüber eingeflößt. Sie wusste von Zwei besonders gefürchteten Exemplaren und er wirkte wie einer davon. Leya war die Andere und die war schon ausdauernd gewesen.
Gleich darauf sah sich Ruby mit der unlösbaren Aufgabe konfrontiert, diesen angriffslustigen Rüden abzuschütteln. Er schien regelrecht >Blut geleckt< zu haben. Gerade, als sie auf der nassen Wiese ausrutschte, statt auszuweichen, hatte er leichtes Spiel. Allerdings wurde er kurz, bevor er sich in ihrer Flanke verbeißen konnte, umgerissen. Jay!
Sie rappelte sich auf und Jay war auch so schnell, wie er furchtlos eingesprungen war, wieder ängstlich von dem Grauen herunter gehüpft. Es hätte lustig ausgesehen, wenn die Unterbrechung nicht die einzige Chance gewesen wäre, überhaupt zu fliehen. Bloß wohin? Sie wusste nicht genau, wo das Waldrudel jetzt war, halb blind durch den Regen in einem ihr unbekannten Wald. In der Not wusste sie ihre Sinne nicht richtig zu ordnen.
"Weg!, rief Jay und riss sie aus den Gedanken. Ja, das war gut. Aber sie folgte ihm. Beide rannten erst einmal über das Feld. Vielleicht war das unklug. Es war ein Stoppelfeld, welches praktisch unendlich wirkte. Und ihr Verfolger war unerbitterlich. Schnell, ausdauernd und anscheinend nur darauf bedacht, sie zu zerreißen. Und Ruby wollte nicht herausfinden, ob das ging. Ihre Schulter schmerzte unglaublich und getrocknetes silbriges Blut fiel in Plättchen von ihrem Fell ab.

"Da, eine Höhle! Rein da!" kommandierte Jay und Ruby ließ es sich gefallen. Sie war ihm wirklich dankbar. Und das würde sie ihm sagen. Er hatte mit einem Mal in dieser Not jeden Groll fallen lassen und war einfach nur hilfreich. Er behielt den kühlen Kopf, den sie gerne gehabt hätte.
Sie ahnte zwar, dass das im Nachhinein noch ein Donnerwetter geben würde, aber jetzt sprangen sie erst einmal gestreckt in die Höhle hinein.
Draußen tobte ihr Angreifer. Ruby stand auf und schaute überrascht auf ihre Hände. Sie hatten sich bei dem Sprung in die dunkle Höhle zurück verwandelt. Jay schaute ebenfalls verwirrt an sich herunter und dann nach draußen. Es war ein irres Bild. Wie ein Fernseher. Als wäre da eine unsichtbare Barriere, die man jederzeit durchschreiten konnte, die sie in eine andere, fremde Welt führte.
Dort sahen sie den Grauen, erwarteten, dass er gekommen wäre. Stattdessen hatte ihn ein riesiger Schatten niedergerissen und die Kampflaute wandelten sich in Richtung furchtbar. Es klang, als zerfleischten sie sich wahrlich. Metall barst und Wölfe schrien ohrenbetäubend. Der Graue am Lautesten. Als er flüchtete, zog Jay Ruby zu sich und tiefer in die Höhle.
"Psst, was immer das war ist schlimmer als der von gerade. Ich hab keine Lust, dass er uns hier sieht", flüsterte er und sie folgte ihm unsicher. Natürlich hatte Jay recht. Aber was nun?
Er legte beschützend den Arm um sie und sie drückte sich an seine Brust und hätte direkt wieder heulen könnnen.
"Danke, danke, danke", flüsterte sie benommen, doch Jay schüttelte nur den Kopf und legte ihr sanft einen Finger auf die Lippen.
Diese Höhle war seltsam. Es war nicht etwa eine Bärenhöhle. Als sie nach einer gefühlen Ewigkeit an das Ende des Weges kam, stellte es sich als Klippe heraus, die wie ein Schiffbug in diese Welt hinein ragte. Überall am Rand waren kleinere Höhlen und Vorsprünge und vor sich?
Vor sich sahen Jay und Ruby einfach nur Weite. Diese Höhle war nicht groß, sie war gigantisch. Es war, als bildete sie eine eigene Welt. Man kam sich vor, wie in einer anderen Natur, die steiniger und kühler war, aber sie fühlte sich wie Freiheit an. Wären da nicht die riesigen Felswände, die diese Welt nach gefühlten Kilometern begrenzten und sich mit Boden und Decke zu einer Höhle verbanden. Lediglich sie erinnerten daran, dass sie sich im Untergrund befanden. Außen befand sich etwas, dass wie schwarze Suppe aussah und Ruby war sich nicht sicher, ob es Wasser war. Nur zwei einzelne Stege führten in den Schatten. Eventuell befanden sich da Durchgänge bis hinter diese Wände. Aber die Entfernung betrug sicherlich einen ganzen Tagesmarsch, vielleicht mehr.

Ruby blieb der Mund wieder offen stehen, aber Jay ging es nicht besser. Sie standen eine ganze Weile da, in unheimlicher Faszination vor dem, was sich da vor ihnen aufgetan hatte.
Durchzogen war diese Landschaft von vielen Hügeln, Bergen, Vorsprüngen und Abhängen. Ruby krallte sich an Jason fest, als sie ängstlich näher trat, um einen Blick in die Tiefe zu riskieren und ihr wurde einmal mehr schlecht.
Es ging im weit auslaufendem Zickzack herunter. Sicher brach man sich beim runterspringen auf die Ebenen alle Knochen oder starb direkt, wenn man bis unten durchsprang. Sie wusste nicht, wie tief es ging. Aber das, was da dieses riesige Bild einer lebendigen Untergrundlandschaft bildete, schien bloß eine Ebene zu sein, die es unter ihnen wer weiß wie oft gab. Sicher immer in unterschiedlicher Erscheinung.
In Ruby tat sich ein Zwiespalt auf, zwischen erkunden und der Angst, sich zu verlaufen.
Auf einmal zog Jay sie in einen Seitengang, leicht erhöht und hielt ihr den Mund zu. Ruby riss die Augen auf und hielt die Luft an. Der Wolf, der ihnen zur Hilfe gekommen war, trat gerade durch den Gang und an ihnen vorbei. Er versetzte sie beide in Furcht. Kälte schlug ihnen entgegen und eine Gänsehaut breitete sich an Rubys ganzem Körper aus. Sie hatte das offensichtliche Gefühl, dass dieser Wolf hier keine Dankbarkeit oder Streicheleinheiten erwartete. Er war größer als alles, was Ruby jemals gesehen hatte. Fast ein kleines Pferd, ebenso breit und kräftig gebaut. Seine Augen hatten die Farbe von leuchtenden Bernsteinen in der Dunkelheit und silbriges Blut tropfte von seinem Maul. Wie ein Geist oder ein Dämon ging er schleppenden Schrittes zur Klippe. Sie hörten es, als der träge Schritt abbrach. Leise wurde die Luft eingesogen und scharf wieder ausgestoßen. Scheinbar wusste dieser Wolf einen Weg nach unten und wenn er ihn ging, dann klang es unerwartet leise und leichtfüßig für dieses Monster.

Jay war in dieser Geschichte wirklich der Held. Ruby war wie eingefroren, doch er zog sie Geistesgegenwärtig Richtung Ausgang. Ruby schaute nach oben und sah dort eine Wölfin stehen. Kaya.., dachte sie benommen. Erst, als sie schon lange an diesem stechenden Blick vorbei war, wandte sie sich Jay zu. Dieser hatte sein vibrierendes Handy aus der Tasche gezogen und schaute Ruby bemüht gefasst an. Sie verstand die Reaktion nicht. War da eine schlimme Nachricht?
Doch als sie auf das Handy schaute, wurde es ihr klar und auch ihres spielte verrückt. Der Akku lud und entlud sich in rasendem Tempo. Man konnte den Prozenten praktisch zuschauen. Jay sein Handy vibrierte dazu immer wieder und die Bildschirme leuchteten einmal auf und wurden wieder dunkel, hin und her.
Ruby schluckte, doch als sie ein Knurren hörten, stürzten sie aus der Höhle. Vor Adrenalin musste Ruby lachen, als sie draußen waren und auch Jay schüttelte ungläubig Lächelnd den Kopf. So schnell konnten sie sich vor Aufregung fast nicht verwandeln, wie sie zurückstürmten. Sie rannten, als wäre der Teufel hinter ihnen und genauso fühlte sich Ruby auch. Sie hatte die ganze Zeit pure Angst, dass der Schwarze hinter ihnen herkam und diese Angst zerfraß sie, machte sie hysterisch.
Erst im Rudel angekommen bremsten sie, Ruby drehte sich springend um und beide waren so aufgeregt, dass sie das Fell sträubten und die Zähne fletschten. Mit einem ähnlichen Ritual begrüßten sie die aufgescheuchten Jäger. Sie fragten Fragen und wurden durch die Elektrisierung der Beiden in immer mehr in Aufregung versetzt. Fabs und das Mädchen, dass sich als Janna herausstellte, beachtete Ruby gar nicht, als sie dazu stießen, natürlich als Wölfe. Sie orientierte sich an Jay, fand es unfair so im nachhinein anzukommen, aber er hatte sich auch ihre ungeteilte Aufmerksamkeit verdient.
Jay setzte sich hin, um sich dringlich wieder runter zu holen und Ruby tat es ihm gleich. Sie wollte nicht, dass Desna und Sura auf den Plan traten.
"Und jetzt erzählt ihr uns endlich alles, was ihr über das Schattenrudel wisst!" meinte Ruby fest und bekam einen überraschten Blick von Jay. Er war rationaler, er musste das jetzt regeln und den Wölfen alles erzählen. Ruby hatte das Fell wie Nadeln abgesträubt und wedelte aufgeregt mit ihrer Rute.
"Beruhigt euch, ihr seht ja aus, als hättet ihr ein Gespenst gesehen", meinte Mahila herablassend, aber selbst bei ihr war die Ruhe ein wenig gewichen und jetzt brauchte es eine klare Erklärung, damit sie nicht der Nächste gefürchtete Angreifer wurde, weil sie denken könnte, dass dieser Zustand keine wirkliche Berechtigung hätte.

"Haben wir auch sozusagen", verteidigte sich Jay. Mittlerweile waren alle Wölfe um sie versammelt, bis auf die hohen Druiden und die Alpha.
"Wir sind in den Wald gelaufen. Und dort hat Cato angegriffen, ihr habt also recht, er ist hier", sagte Jay fest zu Clay und Malin und Ruby ging dabei ein Licht auf. Cato also.
"Als ein Kampf aussichtslos war, sind wir geflohen. Geradewegs über dieses unendliche Feld", fuhr er fort und bekam einige verständnislose Blicke, manche Druiden wurden unsicher.
"Ein weites Feld sagst du? In die Richtung, hinter dem Wald?" bohrte Chena nach und warf einen Blick zu Drisana, die ihn ebenso besorgt erwiderte.
"Ihr lebt doch hier", untebrach Ruby Jays aufgeregte Erzählung. "Ihr müsstet es kennen."
"Nein", meldete sich eine bestimmte, dennoch sanfte Stimme zu Wort und die kleine Versammlung zuckte zusammen, als Sura durch die Bäume trat. Sila war an ihrer Seite.
"Dieses unendliche Feld, dass braun und tot ist, wie eine weite Steppe, das ist nicht der Ausgang dieses Waldes. Sie beherbergt die Schattenhöhle, ist ein klares Zeichen für sie. Doch sie wandert, rund um den Erdball. Man weiß nie, wo diese Höhle auftaucht", erklärte Sila sanft an Sura's Stelle, welche bestäigend nickte. Ruby wurde etwas flau und auch Jay sah mehr als geschockt aus.
Ob sie mit diesem Feld verschwunden wären, wenn es gewandert wäre? Zumindest wirkten die Wölfe über die Erscheinung besorgt. Das hier wurde wohl doch eine ganz andere Woche als erwartet.
"Nun", begann Sura. "Es gibt Wölfe hier, denen ist das Schattenrudel noch nicht so geläufig. Wenn diese Erscheinung aber so nahe ist, dass man ausversehen darüber stolpern könnte bei Jagd oder beim Kampf, dann sollten wir euch auch alle aufklären. Denn man sollte dieser Höhle nicht leichtfertig zu Nahe kommen."
Sura trat in die Mitte und setzte sich. Die anderen Wölfe verteilten sich neugierig um sie, nur Mahila fletschte die Zähne und entfernte sich desinteressiert. Blieb aber dennoch in Hörweite.
"Ja, da war ein riesiger schwarzer Wolf. Groß wie ein Pony. Er hat Cato vertrieben", bestätigte Jay leise und neigte den Kopf.
"Und jeder hier weiß, wem ihr da wohl begegnet seid", sagte Vineeta leise und die meisten der Wölfe legten scheu die Ohren zurück, ehrfürchtig vor diesem Gedanken. Nur Mahila knurrte.
"Das ist doch nur ein dummes Märchen, vom bösen, schwarzen Wolf. Ich fass es nicht, dass ihr das glaubt", meinte sie abfällig.
Ruby warf ihr einen Blick zu. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte, allerdings wussten sie beide, was sie gesehen hatten. Und eigentlich wünschte sie das hier niemandem, bis auf Mahila vielleicht.

"So etwas denken wir uns sicher nicht aus!" verteidigte sich Jay. "Sura, das war, als wären wir in eine andere Welt gegangen", fügte er leiser hinzu.
"Ja, das denke ich. Nun, manche von euch wissen mehr oder weniger, deshalb will ich von vorn anfangen. Fenrir und die Götter sind jedem ein Begriff nehme ich an? Gut. Nun sagt man, dass es nicht Fenrirs ganzer Plan war, uns zu erschaffen. Er wollte sich von seinem planaren Reich lösen und zu seinen wahren Kindern auf eine irdische Ebene kommen. Hier sollte ein Reich, eine Unterwelt praktisch, errichtet werden und direkte Handlanger sollten sie bewohnen, vorbereiten und ihre Präsenz sollte dieses lebende Reich, diese atmenden Wände dazu anhalten, weiter zu existieren und mehr noch, weiter zu wachsen. Die sogenannten Schattenwölfe sind ihre Bewohner. Eine Sprecherin erwählte er und einen Henker. Der Rest ist eine eigene Zivilisation, die das Schattenreich bewohnt und nie komplett verlassen darf. Ein Reich das pulsiert, das lebt, mit göttlicher Macht durchströmt und wandert. Immer mal wieder verlässt es seinen Standort und taucht woanders auf. Doch sein innerstes verändert sich dadurch nicht. Würde man graben, käme man nicht in einer dieser Ebenen hinaus, denn der Eingang in die Höhle ist gleichsam auch ein Portal. Die Schattenwölfe wurden von Fenrir persönlich zu solchen gemacht, so sagt man. Dunkle Kreaturen, die dies auch im Leben schon waren und sich zur Unterwelt hingezogen gefühlt haben. Trotz das wir ihre Entstehung und einiges um Geschichte und Religion wissen, sollten wir Vorsicht walten lassen. Nun, da ihr mehr wisst.. betretet bitte nicht das Schattenreich und sucht es auch nicht bewusst auf. Wir wissen nichts von ihren Absichten und können diese Gefahr nicht einschätzen", schloss Sura und stand langsam auf. Die Wölfe hatten bisher nur still zugehört.
"Ein Henker?" fragte sie leise nach und Sura nickte. Mahila schnaubte abfällig, als sie fortfuhr.
"Er wird euch erschienen sein. Man sagt, Fenrir habe ihn nach seinem Abbild erschaffen. Er sei ein Wolf der Ketten, der auf der unersten Ebene des Schattenreiches wohnt. Wann immer er es verlässt, würde er Angst und Schrecken verbreiten und keiner hat eine Chance gegen ihn. Castor, so nennen sie ihn", sagte Sura. Ruby spielte mit den Ohren und senkte dann seufzend den Kopf. Manchmal war ihr das alles zu viel und tatsächlich sehnte sie sich nach ihrem vergleichsweise unbeschwerten Leben zurück, dass doch nur einen Urlaub entfernt war.

Sie würde dieses metallische Knacken und Krachen nie vergessen, dass sie da draußen gehört hatte. Nicht diese leuchtenden Augen und das tropfende, silberne Blut von den Lefzen dieses Ungeheuers.




Zuletzt von Autor am Mo Aug 14, 2017 2:43 pm bearbeitet; insgesamt 3-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Silberblut   Mo Jul 17, 2017 11:06 pm

Familiengeschichten





Heute war einer der Tage, an denen es Ruby nicht sonderlich schwer fallen sollte, in die Rudelmitte zu kommen. Es war sozusagen eine kleine Versammlung, die aber mehr das Feeling einer Taverne hatte. Alle kamen zusammen und lebten heute nicht nur aneinander vorbei. Das stieß nicht überall auf Gegenliebe und Ruby erfuhr, dass solche speziellen Abende von Vineeta ins Leben gerufen worden waren.
Abende in Menschengestalt, zu Ruby's großer Erleichterung, denn ihr fiel es immer noch leichter Menschen, als Wölfe, einzuschätzen.
Auf einer Lichtung mit einigen Steinen und Baumstämmen zum sitzen hatten es sich schon einige gemütlich gemacht. Drücken durfte sich keiner und alle folgten der älteren, warmherzigen Dame. Und ebenso sah sie aus.
Als Ruby zur Lichtung kam, empfing Vineeta sie persönlich und nahm ihre Hand zur Begrüßung. Sie war gealtert, hatte kurze, blonde Haare und ein liebes, mütterliches Gesicht, dass sie warm anlächelte.
"Ruby, wie schön das du auch gekommen bist. Setz dich doch zu den Anderen und lass dir von den Miesepetern nicht die Stimmung verderben", sagte sie sanft und Ruby musste unwillkürlich das Lächeln erwidern. Sie war fast etwas größer als die kleine Vineeta, aber das war für die Meisten des Rudels keine große Kunst, wie sie sah.
Die Einzige, die kleiner war, war Sila, die sie fröhlich zu sich winkte. Kindlich unschuldig wirkte sie, mit ihren blassblauen Augen, den hellblonden Haaren, die ihr bis zum Hintern gingen und der schmalen Gestalt. Zu ihrer anderen Seite saßen mit etwas Abstand Ahalya, die mit dem pechschwarzen Haar und dem orientalischen Touch.
Einige der Damen hatten es sich herausgenommen, sich zu schmücken oder im menschlichen schöner anzukleiden. So ganz anders, als die Einheimischen des Eisrudels, mit ihren Fellen und teils sehr mitgenommenen Stoffen.

Hier herrschte Geschmack und Modernität vor. Wer wohl einkaufen gegangen war? Ob sie es geklaut hatten?
Drisana machte sie besonders neidisch, die gerade mit Vito flirtete. Der bunte Wolf war nun ein dunkelblonder Mann, in den Mitte/Ende 30ern und vier Tage Bart. Seine meerblauen Augen hingen förmlich an Drisana, der die Aufmerksamkeit sehr zu gefallen schien.




Ruby ließ sich langsam neben Sila sinken, den Blick weiter durch die Runde schweifen lassend. Recht desinteressiert saß eine Frau auf einem Stamm, den Kopf auf die Hände gestützt und schaute vor sich in die Leere. Drei unbekannte Frauen gab es für Ruby noch. Doch als ihre Blicke sich trafen, erkannte Ruby diesen unwillkürlich wieder. Sie hatte den exakt gleichen Blick wie ihr Wolf- Chena.
Zu Ruby's persönlichen Verdruss war sie eine schöne Inderin, die Ahalya sehr ähnlich sah mit ihren glatten, pechschwarzen Haaren. Nur ihre Hautfarbe war dunkler. Außerdem hatte sie sich sehr traditionell geschmückt mit einer dezenten indischen Tiara mit kleinen türkisfarbenen Steinchen, welche die farbliche Betonung ihrer Augen noch unterstrich und trug goldenen Handschmuck zu elegant wirkenden Klamotten. Viele hier wollten wohl, wenn sie sich präsentierten, wirklich das Beste draus machen. Sie war wunderschön, wäre da nicht ihr misstrauischer, abweisender Charakter.
In gebührendem Abstand daneben erkannte Ruby die beiden Brüder. Sie sahen sich wirklich ähnlich. Beide hatten kurze Haare, ein etwas dunkleres blond und einen Stoppelbart, der sie Mitte/Ende zwanzig einkategorisierte.
Sie waren sportlich, muskulös wie ihre Wolfgestalten und wirkten wirklich wie die Chaoten des Rudels. Sie waren Ruby trotzdem unheimlich, wie sie sie beobachteten. Nicht in böser Absicht, aber sie hatten etwas untergründig ziemlich gefährliches an sich. Sicher hielten und kämpften sie auch zusammen. Sie hatte schon von vielen gehört, was die Zwei für ein unschlagbares Team seien. Und das sie Menschen wie Tiere jagten, war ihr auch nicht entgangen.
Wenn ihre Aufmerksamkeit nicht gerade bei ihr lag, dann unterhielten sie sich mit einer sonnengebräunten Frau mit dunkelbrunetten Haaren. Mit ihren eisblauen Augen hatte sie eine wahnsinnige Ausstrahlung und Ruby fragte sich langsam, ob ihre Schönheit an die Unsterblichkeit der Wölfe gekoppelt war.




Allerdings hatten sie sich heute auch alle irgendwo rausgeputzt, bis vielleicht auf Clay und Malin, deren Klamotten so mitgenommen aussahen, wie es nur zu ihnen passte.
Die Frau hatte eine schöne Bluse und eine dunkle Jeans, eine schlanke Figur und markante Züge. Ihr Blick erinnerte Ruby an den eines Raubvogels. Sie tippte auf Mahila, denn diesen Blick, der ihren Körper immer wieder streifte, als wollte sie ihr mit jedem Mal deutlich machen, dass sie nicht halb so viel drauf hatte, wie die schokobraune Wölfin, kannte Ruby zu gut. Übrig blieb also eine blonde, schlanke, aber nicht schmächtige Dame. Nach dem Ausschlussverfahren Sarama, von der Ruby bisher am Wenigsten mitbekommen hatte. Sie hatte ebenfalls blaue Augen, aber einen sanften, teilweise tiefgründigen Blick. Sie wirkte unter den restlichen Frauen wirklich gutartig.
Und so viel wie Ruby wusste, wäre sie mit ihren Qualitäten in einer rationaleren Aufteilung wie der des Eisrudels, die Jagdleiterin und nicht die ältere Vineeta.




Sarama war außerdem am alltagstauglichsten gekleidet und Ruby ziemlich sympathisch. Sie wusste allerdings nicht, wie sie Kontakt aufbauen sollte, da Mahila ihr immer nahe war.
Vineeta kam gerade zurück und riss Ruby aus ihren Gedanken. Sie hatte Schalen mit Obst und Gemüse dabei, was die Jüngere überraschte. Das Eisrudel lebte fast ausschließlich von Fleisch.
Vineeta bemerkte ihren Blick lächelnd.
"Wölfe fressen auch nicht nur Tierisches, wenn sie auch pflanzliches haben können. Und das finde ich sehr gesund. Besonders vor einer anstehenden, anstrengenden Jagd", erklärte sie führsorglich. Die Jägerinnen spielten die Coolen und Ruby zögerte etwas, sich zu Essen zu nehmen. Das hier war ein geschlossener Club, wie Chena sagte, doch wie integrierte man sich halbwegs? Was Ruby auch tat, schien die Anderen eher zu belustigen.
Sila griff sich völlig ohne Zurückhaltung etwas und biss zufrieden in einen Apfel. Clay beugte sich vor, fing Ruby's Blick und ließ sie nicht mehr aus den Augen, während er sich auch etwas nahm. Sein freches Grinsen ließ sie erröten, während er sich mit seiner 'Beute' in der Hand wieder zurück auf den Baumstamm fallen ließ und nur quälend langsam seinen Blick löste und sich dem gerade redenden Malin zuwandte und sich in ihr Gespräch vertiefte, als wäre nichts gewesen.




Ruby schenkte ihm stattdessen insgeheim ungeteilte Aufmerksamkeit und beobachtete die Zwei immer wieder. Das wurde von der kühlen Mahila immer mal wieder mit abschätzigen Blicken kommentiert. Ruby fühlte sich wie in einer quälenden Schleife, während Vineeta Getränke verteilte und immer wieder betonte, dass sie heute ihren menschlichen Abend haben wollte. Die Anderen folgten ihrem Wunsch einfach, auch die Alpha, die bald auf den Plan trat und Sura, die beide trotz ihres höheren Ranges, Vineeta sanft umarmten.

"Wie in einer echten Familie, ohne Hackordnung. Hab ich ja gesagt", erklang neben ihr eine Stimme. Ruby zuckte zusammen und sah mit Erleichterung, wie sich Jay neben ihr fallen ließ. Sie lächelte ihn an, doch das erlosch nach kurzer Zeit, als er das nicht erwiderte, sie auch nicht ansah, sondern sich nur etwas von dem Obst nahm.
Beide merkten nicht, wie Clay sie aus dem Augenwinkel heraus beobachtete.
"Ja, da hast du recht. Alle respektieren sich und keiner fürchtet sich um seinen Rang", sagte Ruby sehr leise und nippte an ihrem Getränk. Sie kannte diese Beklemmtheit von sich gar nicht, aber sie spürte die Feindschaft und das machte ihr derzeit noch zu schaffen. Das wurde nicht besser, als Fabs mit Janna dazustieß. Das blonde, schlanke Mädchen, dass einen Kopf kleiner als Fabs war und fröhlich dicht neben ihm herging. Ganz so Leidenschaftlich wirkte dieser nicht, aber Ruby nahm sich vor, ihn stoisch zu ignorieren. Es brachte Clay und Malin einen großen Pluspunkt bei der Rothaarigen ein, als sie sah, mit was für Blicken sie die beiden bedachten, die sich zwischen sie und Chena in die freie Lücke setzten. Aber ein Blick von der Letzten genügte, damit neben ihr auch weiterhin zwei Plätze freiblieben. Sie war also auch Rudelintern so, nur fragte sich Ruby, weshalb sie selbst diese familiäre, warme Atmosphäre so ablehnte.
"Jay, wenn ich etwas falsch gemacht hab.. dann tut es mir Leid. Ich wollte nicht, dass das alles hier in so viel Streit zerbricht. Ich hab euch doch mitgenommen, weil ich euch lieb hab und an meiner Seite wollte", flüsterte Ruby leise in Jays Richtung, während sie mit den Blicken Desna verfolgte, die irgendwo Mitte 40 aufgehört hatte, zu altern, lange, braune Haare hatte und markante Gesichtszüge aufwies. Ihr Blick hatte Strenge, die nur schwer der Wärme Platz machen konnten, aber sobald sie lächelte, taute diese Kühle etwas.
Sura hatte hellbraune, fast dunkelblonde Haare und war jung geblieben mit ihren Mitte 20, aber ihr Ausdruck sprach sehr viel Reife aus.
Jay ließ sich derweil Zeit mit seiner Antwort und starrte vor sich, während die anderen Wölfe ein kleines Lagerfeuer bauten und Clay und Malin sich mit Feuereifer beteiligten.

"Das ist nicht der richtige Ort oder die richtige Zeit für so was, Ruby. Passiert ist passiert" erwiderte Jay zu aller Unzufriedenheit Ruby's. Sie wollte das Ganze nicht so auf sich sitzen lassen, aber bevor sie die Gelegenheit hatte, es zu überspitzen, rief schon jemand ihren Namen. Es hatten sich erste Grüppchen gebildet und die Stimme, die sie rief, war die von Drisana. Sie saß bei Vito und Sarama. Ruby schnaubte, ließ Jay sitzen und gesellte sich mit einem kleinen, hergezauberten Lächeln zu den drei Anderen. Es war vielleicht wirklich besser, wenn sie jetzt nichts vom Zaun brach.




Ahalya hatte sich zu Chena gesellt. Sila war zu Sura, Desna und Vineeta gegangen. Sie schien die Gesellschaft der Älteren zu bevorzugen.
Janna war noch bei Fabs, der aber gerade recht rüde von Clay ins Gespräch gezogen wurde, zum Leidwesen der Blondine.
Länger hatte Ruby keine Zeit auf die Anderen zu achten, da reichte ihr Vito selbstbewusst und Sarama etwas zurückhaltend die Hand und begrüßten sie.
"Hey, wie gefällts dir bisher? Man sieht und hört kaum was von dir. Schon was gelernt?" fragte Vito neckend und bekam ein schüchternes Lächeln von Ruby. Diese Runde schien es ja gut mit ihr zu meinen. Woher kam bloß ihre Unsicherheit? So würde sie bloß alle verlieren. Es war, als würde die Kälte des Eisrudels noch immer an ihr haften.
"Ganz gut eigentlich. Es ist schön zu sehen, was ihr für eine Gemeinschaft habt", sagte sie schließlich ehrlich und ignorierte seine Neckerei.
"Naja, ein chaotischer Haufen seltsamer Menschen, die etwas zu viel können für diese Welt. Ob das hier bei manchen in den besten Händen ist. Wir haben schon unsere schwierigen Gesellen, aber... mach dir nichts draus. Man muss sie zu nehmen wissen", meinte Vito, aber Ruby schüttelte den Kopf.
"Ihr seid schon genau richtig so. Natürlich, jeder hat seine Macken und seine Eigenheiten, aber ihr seid eine Familie, die in der Not zusammenhält."
Vito lächelte über ihre Worte.
"Das ist lieb von dir. Viele hier haben einen recht schwierigen Leidensweg gehabt, bis sie hier waren. Größtenteils war das ihrer Gabe geschuldet- oder aber sie hat sie befreit. Das hängt vielen noch sehr lange nach. Desna versucht dem Herr zu werden, aber Vini's kleine Selbsthilfegrüppchen helfen da nicht viel", er lachte auf.
"Jeder hat halt so seine Problemchen und nicht jeder will die loswerden", er zuckte die Schultern.
"Manche sind einfach gern unzufrieden", bestätigte Ruby mit einem Seufzen und warf einen Blick zu Jay, der noch ganz alleine da saß und frustriert ins Feuer schaute.

Im Laufe des Abends lockerte sich die Stimmung durch etwas Essen und den gepanschten Alkohol, den sie bekamen. Andere würden sich wie Kinder behandelt vorkommen, aber keiner sagte etwas und so wagten es die Drei auch nicht, so einen Kommentar fallen zu lassen. Alle ließen Vineeta ihre Mutterrolle spielen, die sich irgendwann mit Janna verzog, welche sehr geknickt aussah. Fabs und Jay waren derweil bei den beiden anderen Jungs, Mahila, Ahalya und Chena saßen zusammen und Ruby wurde entspannt, da sich jeder nur noch um sich kümmerte.
Irgendwann brannte ihr die Frage aber zu lästig auf den Lippen. Sie strich über ihr knallgelbes Orangensaft-Alkohol-Gemisch, dass verdächtig gut seine Wirkung zeigte, dadurch das man den Alkohol nicht schmeckte.
"Du Vito", flüsterte sie leise und ließ ihn sich ihr zuwenden.
"Diese Runde ist wirklich super und so, aber... scheint mehr so ne Sache für Vineeta. Warum? Hat sie Geburtstag? Warum lassen sich alle von ihr so bemuttern und sie.. naja.. ihren Kopf haben?" fragte sie vorsichtig, wusste langsam nicht mehr, wie sie sich geschickt formulieren sollte. Vito nahm es zum Glück locker und grinste.

"Wir haben hier keine Ehre zu verteidigen, keinen wertvollen Rang und Namen, den wir gleich verlieren, wenn wir jemanden anlächeln, der das vielleicht nicht vor der Hackordnung verdient hat. Wir gehen hier aufeinaner ein", flüsterte er zurück.
"Jeder lebt mit Janna's Zickereien, ohne sie zu verstoßen, weil wir wissen, dass es in ihr sicher nicht rosig aussieht, aber wir halten zusammen. Wir gehen auf Chena zu, obwohl sie Dauerabweisend ist, weil wir wissen, sie braucht eine Sache mehr, als alles andere; nämlich das, was sie verloren hat: Eine Familie. Wir tolerieren unsere raubeinige Mahila, weil wir wissen, dass sie unsere beste Waffe ist und das sie, ob ihrer Art, immer für ihre Familienmitglieder einstehen würde. Wir lassen ihr das, was ihr in der Vergangenheit geraubt wurde: Die Freiheit. Wir haben jedem, ob wir als Wilde bezeichnet werden oder nicht, die Menschlichkeit bewahrt, die Menschen ihnen beinahe geraubt hätten", sagte er leise, aber Ruby ließ seine Worte auf sich wirken und fühlte sich blöd wegen ihrer Frage. Bekam sie doch sehr vertrauliche Informationen, die sie sicher eigentlich nicht haben durfte, würde es nach den Betroffenen gehen. Aber eines stand für sie fest: Sie würde sie hüten und schweigen wie ein Grab. Auch vor ihren Rudelmitgliedern.

"Und auch Vineeta braucht eine Familie", schlussfolgerte Ruby. Nicht das offensichtliche, menschliche Gebilde, das eine Familie jeder brauchte. Sondern im besonderen Maße.
"Sie ist eine führsorgliche, gute Mutter. Ein Familienmensch, durch und durch. Sie wollte stets normal sein, für ihre Kinder und ihren Mann. Aber irgendwann hat ihr Blut gestockt, durchdrungen von Silber und ihrer Vergänglichkeit Einhalt geboten. Erst überlebte sie ihren Mann, dann ihre Kinder. Und ihre Enkel. Sie resignierte und ertrug es nicht länger, jeden gehen sehen zu müssen. Desna schätzt sie nicht, weil sie eine wahnsinns Jägerin oder eine absolut geübte Taktikerin ist. Sie schätzt sie als Mensch. Selbst, wenn wir noch so sehr die Zähne zusammenbeißen mussten, als sie neu war und wir unter ihr nicht mal ein Kaninchen gerissen haben."
Vito lächelte während seinen Erzählungen liebevoll und Ruby hatte das Gefühl, als würde er wirklich an Vineeta hängen. Aber sie verstand nun diese Veranstaltung und diese Kennenlernrunde. Es war auch nichts, wo die Anderen wegen ihr durchmussten und ihr wohlmöglich die Schuld gaben. Das sich aber jeder diese Mühe gab, dem Anlass zu entsprechen und noch etwas schönes daraus zu ziehen, in dem sie sich besonders schön kleideten oder auftraten, fand Ruby fast schon wieder rührend. Und Vito's Worte ließ sie Mahila und Chena auch in einem etwas anderen Licht sehen.
"Aber jetzt bin ich mit fragen dran. Was ist das da, zwischen dir und deinen Jungs?" er grinste so verschmitzt, dass Ruby unwillkürlich rot wurde. Als hätten sie so eine seltsame Dreiecksgeschichte am Laufen!, dachte sie, aber ihr wurde auch klar, dass sie das irgendwie schon hatten. Nur nicht gerade eine gut laufende Dreiergeschichte.
"Ach das... sie sind meine Arbeitskollegen gewesen oder sind es noch. Ich mag sie einfach, es sind Freunde. Und ich brauchte gute Verbündete auf der Reise", Ruby versuchte es mit einem unbedarften Lächeln und musste nicht in den Spiegel sehen um zu  merken, wie sehr ihr das misslang.
Vito hob ebenfalls eine Augenbraue und schaute nicht unauffällig in die Runde, wo Jay und Fabs sich keinen Deut um Ruby scherten und vor allem auch nicht umeinander. Auch wenn sie von Clay und Malin in die Konversation gezogen worden waren.

Ruby kam nicht umhin die Zwei kurz zu beobachten und obwohl sie so vertieft in ihr Gespräch wirkten, traf Clay's Blick auf einmal den ihren. Rasch schaute sie wieder weg und räusperte sich.
"Ähm und was hat es mit den Beiden auf sich?" fragte sie vorsichtig, vor allem aber um vom Thema abzulenken. Nichtsdestoweniger interessierte es sie wirklich. Erst recht, seit sie so seltsam beobachtet wurde.
"Sie kamen aus einem schlechten Haushalt zu uns und lebten unter der Gewalt ihres Stiefvaters. Bis sie alt genug waren sich zu wehren und ihn töteten", antwortete Vito, betrachtete Ruby aber beinahe argwöhnisch über ihre Reaktion. Diese versuchte sich erst einmal nichts anmerken zu lassen, spielte aber auffällig mit der Spitze ihres Pullis.
"Mhm... ich habe gehört sie haben dem nie abgeschworen", murmelte sie und Vito war auf die Frage gefasst gewesen. Für Ruby war diese Frage normal, aber immer mehr kam es ihr so vor als hätten die Silberblüter wirklich ihren Bezug zu ihrem alten Leben verloren.
"Es gibt einige Menschenjäger unter den Silberblütern. Fast mehr noch als Tierjäger. Obwohl es leicht ist, ist es durch das gesellschaftliche Denken, Menschen seien etwas besonderes, für viele besonders reizvoll. Es gibt einige Menschenjäger und mehr noch, die es gerne wären. Schau nicht so. Wandler sind keine Menschen mehr und oftmals sind eben diese daran schuld, dass sie ihre letzte Menschlichkeit verloren haben. Fenrirs Wille ist vielen mit der Gabe eingeflößt worden und der schätzt die Kinder des Allvaters nicht sonderlich. Hier ist es noch vergleichsweise gering. In Amerika und Kanada gibt es große Rudel und Clans und überall auf der Welt verteilt kleine Stämme, die laut danach rufen oder leise danach flüstern, dass die Menschen zur offenen Jagd freigegeben sein sollten. Noch herrscht die Weltordnung, in der Silberblüter als versteckte Monster leben und das wollen viele nicht hinnehmen. Ein leises Brodeln, dass uns seit hunderten von Jahren begleitet", sagte er leise, aber ihre Unterhaltung hatte mittlerweile auch andere spitze Ohren angezogen. Ruby merkte erst jetzt, dass es im ganzen Lager still geworden war und obwohl Vito leise sprach, war er deutlich für alle zu hören. Er schaute Ruby an und sie wusste, dass lediglich ihr es unangenehm war, dass es alle hörte. Jeder schaute die Zwei an.

"Aber ihr folgt nicht Fenrir", sagte sie, fast tonlos. Warum nur schaute sie jeder so an? Nur Jay und Fabs verfolgten das Thema überrascht und musterten auch mal die Anderen. Besonders die drei Menschenjäger, Clay, Malin und Mahila. Sie hob ihr spitzes Kinn selbstbewusst, während die Blicke der anderen Beiden sich verhärtet hatten.
"Tapio wünscht nicht nur Tierjägern ein gutes gelingen. Für ihn gibt es keinen Unterschied. Es gibt Jäger und Gejagte. Manchmal sind die Rollen fließend", erwiderte Malin und Vito legte Ruby sanft eine Hand auf den Arm.




"Ich will das nicht rechtfertigen. Aber es gibt keinen Grund die Menschen auf ein besonderes Podest zu stellen und nur das zu jagen, was ohnehin schon in der Unterzahl ist. WIe jeder Jäger, sind auch Wandler dafür zuständig, Populationen im Zaum zu halten. Aber eine Anarchie zu Gunsten der Wandler strebt keiner von uns an", sagte Vito betont. Ruby nickte etwas unwohl. Für sie war es ein seltsamer Gedanke. Aber sie fand den Bezug noch nicht so richtig. Allerdings grauste es ihr davor, dass sie später Menschen jagen würden, anstelle von Wild.
"Mach dir keine Sorgen, dass dir hier Menschenfleisch aufgetischt wird", meinte Mahila abfällig und warf ihr einen Blick zu, als hielte sie sie für die dümmste Person auf Erden.
"Weiß mans?" gab Jay zurück, auch wenn er von ihr ignoriert wurde. Ruby freute sich einen Moment für den Einwurf.
Als die Stille immer noch Bestand hatte, sagte sie nüchtern: "Keine weiteren Fragen", und schaute zu, wie sich alle wieder etwas sich selbst zuwandten.

Drisana war die Erste, die schlappmachte und öfter an Vito's Schulter einnickte, bis er sie aus dem Lager zu den Schlafplätzen begleitete. Ahalya und Chena verzogen sich ebenfalls und das Rudel dünnte sich etwas aus.
Zuletzt waren noch Clay, Malin, Jay, Desna, Sura, Sarama und Mahila anwesend. Als sich Sarama zu den Jungs und Mahila gesellte, stand Ruby auf und nahm sich andächtig langsam etwas von dem Obst.
Sie versuchte sich, auf das was sie tat zu konzentrieren, als sie Schritte hinter sich wahrnahm.
Clay..., dachte sie seufzend und wusste nicht, wie sie ihm begegnen sollte.
"Du hast doch nicht etwa Angst vor uns?" fragte eine raue, aber noch jung klingende Männerstimme neben ihr und es war nur ein Hauch Spott im Unterton zu erkennen.
Ruby wandte überrascht den Kopf. Malin stand neben ihr, anstelle von Clay und schaute auf den Apfel, den er sich mit Andacht nahm.
"Ich bin ja schließlich kein Mensch oder?" antwortete Ruby gefasst und entlockte ihm ein Lächeln, das sie nicht ganz einordnen konnte.
"Hör zu, du musst uns nicht verurteilen. Kein Lebewesen ist in der Position dazu", er lehnte sich locker mit dem Rücken an einen Baumstamm und biss herzhaft in seinen Apfel. Er hatte eine ruhige, fast träge Art zu reden, aber Ruby spürte die Elektrizität dahinter. Er konnte sicher noch ganz anders.
"Ich kann mich nicht daran erinnern, Kinder zu Waisen gemacht zu haben", erwiderte Ruby spitz, aber musste sich etwas anstrengen dieses Selbstbewusstsein auch unter seinem scharfen Blick zu halten.
"Vielleicht war das letzte Schwein ja eine Mutter von acht Ferkeln", entgegnete er schon mit sehr viel schnurrender Stimme und Ruby war überrascht, dass er sich auf eine Diskussion einlassen wollte.
"Wenn, dann hab ich auch die nicht selbst umgebracht", ließ Ruby sich darauf ein. Wenn er eine Diskussion wollte, konnte er das gerne haben.
"Vielleicht hättest du diese Ressource dann aber mehr zu schätzen gewusst."
Ruby biss sich auf die Lippen. Ja, vielleicht. Sie hatte schon getötet. Die Mühe und der Kampf mit dem Tier, das seinen Überlebenswillen hatte und die anschließende Verteidigung gegen hungrige Eindringlinge hatten sie einiges in diese Richtung gelehrt. Jeden Tag würde sie sich diese Mühe nicht machen. Ihr würde es nicht einfallen, das Töten zu einem Alltagsjob zu machen.
Eine Minute des zu langen Schweigens reichte Malin.
"Siehst du. Aber den Menschen als Ressource, schätzen wir tatsächlich nicht. Das ist Trophäenjagd", er lächelte verschmitzt und Ruby blieb kurz der Mund offen stehen, da wollte sie schon wieder ansetzen.
"Können es nicht wenigstens irgendwelche Straftäter oder Verbrecher sein?", brachte sie schließlich hervor, nachdem sie sich für einen Satz entschieden hatte, den sie einwerfen wollte. Sie wollte Malin so einiges sagen, aber sobald sie durch den Sinn-Unsinn Filter in ihrem Kopf gelaufen waren, war das Meiste als Unsinn zerschreddert worden.

Er wandte sich um, immer noch dieses mysteriöse Lächeln auf den Lippen.
"Sind wir nicht alle irgendwo Verbrecher? Wo ziehst du die Grenze?"
Mit diesen Worten drehte er sich wieder um und verwandelte sich, um tiefer in den Wald zu laufen. Wie durch einen Magneten fühlte sich Clay genötigt, es ihm gleich zu tun und der etwas kräftigere Wolf, mit der Horuszeichnung am Auge, folgte seinem Bruder.
Jay schien derweil tatsächlich mit Mahila klar zu kommen, wo beide halbwegs vom Alkohol gelockert waren, aber Ruby machte sich darüber keine Sorgen. Die Konversation schienen die Anderen interessanterweise nicht mitbekommen zu haben. Sie wusste nicht, was sie gerade mit sich anfangen sollte. Sarama war ebenfalls verschwunden, das hatte Ruby nicht einmal bemerkt.
Sie verwandelte sich schließlich ebenfalls und setzte den beiden Brüdern nach. Es sah nicht so aus, als gingen sie schlafen und Ruby schreckten die Zwei so sehr ab, wie sie sie mittlerweile reizten. Obwohl alle Drei nicht auf einen Nenner kam, schien keiner vom Anderen ablassen zu wollen.




Erst nach einigen Kilometern bremsten die Zwei und Ruby schloss sich ihnen mit etwas Abstand an. Ob sie sie wohl bemerkt hatten, fragte sie sich gerade, als sie Clay's Stimme in ihrem Kopf hörte.
"Gibt es eigentlich niemanden auf der Welt, den du hasst?" fragte er ganz offen und Ruby schloss murrend im Trab zu den Beiden auf. Aufgeflogen. Aber sie waren offenbar nicht böse.
"Selbstverständlich gibt es Menschen die ich hasse. Es gibt so unfassbar viele Arschlöcher", meinte sie hart und dachte dabei unwillkürlich an Fabs. Doch natürlich war das mehr in ihrer momentanen Gefühlslage. Gewisse Verbrecher erachtete sie als viel schlimmer.
"Würde es die Welt nicht zu einem besseren Ort machen, wenn man sie aussortieren würde?" fragte er frei heraus und Ruby fühlte sich fast schlecht, an Fabs gedacht zu haben.
"Sie gleich umbringen? Ich meine, wo ziehst du die Grenze, welches 'Arschloch' sein Recht auf Leben verwirkt hat?"
"Die Welt wäre kein besserer Ort ohne Ärsche, von Schwächlingen besetzt. Sie wäre besser, wenn sie den Gesetzen der Natur wieder unterworfen würde, wie vorgesehen. Es gibt aber kein Tier mehr, dass dazu in der Lage wäre die Menschen zurecht zu weisen, also sind wir da"
, erinnerte Malin die beiden, ehe eine Diskussion losbrechen konnte.

So platt hatte sie das Ganze nie betrachtet. Und wer bekämpfte die Silberblüter? Sie sich selbst?
"Es wird nie wieder ein Gleichgewicht geben, bis die Welt vielleicht doch einmal untergeht. Vielleicht sind wir ja der Meteor, der alles Unbewohnbar machen soll. Wir Menschen", erwiderte Ruby philosophisch und war auf ihre Theorie ganz stolz. Sie seufzte nur korrigierend ein 'Die Menschen', als sie von den Beiden einen vielsagenden Blick abbekam.
"Und wenn es so ist, dann werden wir es dennoch überleben", gab Malin zu bedenken und Ruby zuckte die Schultern.
"Ich glaube nicht, dass Fenrirs Eingreifen vorgesehen war", gab sie zurück und fühlte sich langsam nicht mehr so unwohl, auch als die Beiden sie in ihre Mitte nahmen. Sie würden ihr nichts tun... oder?
"Fenrirs Kinder haben ihre ganz eigenen Pläne", meinte Clay leise und es klang nach mehr als den bloßen Rudeln. Alle schienen mehr zu wissen als sie.
"Was meinst du damit? Es kommen immer seltsame Kommentare, aber niemand erklärt sie. Sind damit die großen Rudel gemeint? Das leise Rufen, nach.. naja", Ruby brach unschlüssig ab.
"Nach Aufstieg und Revolution? Ja. Im Norden Amerikas hat es bereits großflächig begonnen. Hier sind wir einfach nur noch zu gesittet", seufzte Clay und Malin schüttelte den Kopf.
"Oder zu Wenige", entgegnete Malin, der aussprach was Ruby dachte.
"Und die Rudel dort? Wie sind die so?" fragte Ruby. Etwas, dass sie schon lange fragen wollte. Sie hatte zwischendurch überlegt, ob sie nicht auch die Reise ins Ausland in Kauf nehmen sollte. Irgendwann wurde sie eine Nomadin und kannte sie alle. Aber diese Illusion platzte wie eine Seifenblase, bei der nur einsilbigen Antwort von Malin.
"Menschenfresser."
"So wie ihr?" rutschte es Ruby provokant heraus. Malin klang so abwertend, dabei tat er es zum Teil doch selbst. Ob sie sie nun jagten oder fraßen, das tat überhaupt nicht zur Sache.

Dennoch fletschte Malin die Zähne. Nur Clay fuhr dazwischen.
"Hast du schon mal getötet?" fragte er und sah Ruby an. Diese zögerte einen Moment, ob sie das Wort 'Mensch' überhaupt noch fallen lassen durfte und entschloss sich mit viel hart erkämpfter Selbstdisziplin die Frage neutral zu behandeln.
"Ich habe mit dem Eisrudel gejagt", erwiderte sie. Wäre die Sache mit dem Moschusochsen nicht gewesen, wäre sie fast stolz darauf gewesen. Manchmal vermisste sie gewisse Wölfe, aber vermutlich nur, weil sie die besser einschätzen konnte. Sie hatte ihre Zeit dort nicht als schlimm betrachtet.
"Na dann wollen wir mal sehen, wie es um deine Fähigkeiten bestellt ist. Vielleicht nehmen sie ja jeden", neckte Clay sie und wich ihrem Schnappen aus, ehe er den Kopf in den Nacken warf und heulte. Ruby war irritiert.
"Wohin glaubst du, waren wir unterwegs?" fragte Malin trocken und hob witternd die Nase. Der Geruch von Wild lag in der Luft und ein warnender Ruf von einem Hirsch durchbrach die Stille der Nacht.
Vineeta antwortete Clays Ruf und Ruby schaute sich nervös um.
"Habt ihr nicht getrunken?" fragte sie verunsichert, während das Adrenalin in ihren Adern anstieg. Sie hatte sich auf müde werden und gleich hinlegen vorbereitet, doch nicht, dass sie heute Nacht noch jagen gingen.
"Ach, die Jäger haben kaum getrunken", winkte Clay ab, obwohl Mahila das Gegenteil bewies. Als die schokobraune Wölfin angelaufen kam, kam sie nur torkelnd zum stehen, doch als sie die Vorderbeine auseinander stellte, den Kiefer öffnete und ohrenbetäubend laut grollte, wollte sich Ruby auch nicht unbedingt mit ihr anlegen.
Wenigstens wirkte Vineeta völlig nüchtern, ebenso wie Sarama. Sura war ebenfalls da, obwohl sie eher alarmiert wirkte, wie ihr aufgeregtes Ohrenspiel verriet.
"Ahalya, schließ dich Mahila an! Chena, du gehst bei der zweiten Gruppe mit!", befahl sie ausnahmsweise sehr herrisch und bestimmt, aber die Wölfe folgten ihrem Befehl. Dabei bekamen sich Ahalya und Mahila fast in die Köpfe.

Die Aufregung, die sich aufeinmal auf der beschaulichen kleinen Waldebene gebildet hatte, ließ sie erschauern.
Vito kam ebenfalls angelaufen. Janna blieb allerdings aus.
"Sarama, Mahila und ihr Jungs übernimmt das Rotwild. Wir kümmern uns um eine zweite Portion in Form von Schwarzwild. Ruby, du übernimmst bitte Jannas Part", sagte Vineeta und da stoben die Wölfe schon auseinander. Die Vier anderen mit Ahalya als Anhang lärmten so sehr, dass sich Ruby wundern würde, wenn sie mit Beute heimkamen. Kläffend und knurrend schnappten sie nacheinander und sprangen mehr, als das sie liefen. Lediglich Sarama blieb verschont. Ruby bedauerte es, dass sie sie nicht jagen sah. Sie hätte jene gerne mit Suka verglichen.
Stattdessen musste sie sich darüber ärgern, dass Janna wahrscheinlich bei Fabs war und nun hing ihnen auch noch Chena an den Fersen.
"Ich dachte, sie ist Druidin und jagt nicht", grummelte Ruby leise und Vito gluckste.
"Tut sie auch nicht. Die Druiden begleiten im Namen von Tapio die Jagd und gedenken der Beute, die ihr Leben für uns lässt", erklärte er, während er mit der Nase am Laubboden vortrabte. Es war ziemlich geräuschvoll, aber ab einem gewissen Punkt bremste er und zwang alle zu pirschen.
"Du bist neu, also für dich Ruby. Einer pirscht sich nahe an die Rotte heran und springt dann in ihre Mitte, um für Chaos zu sorgen. Dabei wird das ausgewählte Schwein gebissen und markiert. Auch mit einem Panzer nicht ganz ungefährlich. Aber danach wissen alle, auf welches Tier sich zu konzentrieren ist", sagte Vineeta leise, auch wenn die Tiere sie sowieso nicht hören konnten.
"Klingt unorthodox", meinte Ruby, auch wenn sie eigentlich keine Kritik üben wollte. Sie kannte es anders, viel professioneller. Allerdings hatte das Eisrudel, das merkte sie gerade, mit sehr viel schwerer Beute und schlechteren Bedingungen zu kämpfen, als das Waldrudel.
"Na gut ich machs. Verteilt euch mal nach links, da werden sie hinlaufen. Sind ja nicht sehr schnell für uns", meinte Ruby und erntete überraschte Blicke, selbst von Chena. Sie hatte nicht gewusst, dass sie gerade Vitos Part weggenommen hatte und als sie es merkte, war sie zu stolz um einen Rückzieher zu machen.
"Vertraut mir", fügte sie leichtsinnigerweise hinzu, da es mehr als respektlos war, der Jagdleiterin den Part zu klauen und zu planen. Vineeta spielte mit, aber Ruby fragte sich, in dem Moment, als die Zwei gingen, was sie sich zum Teufel dabei gedacht hatte. Sie hatte eine eher weniger erfolgreiche Jagd mitgemacht und spielte sich nun als Jagdleiterin auf? Was tat sie da?

Die zweite Irritation war Chena, die sich ihren Worten widersetzte, der Ruby aber nichts zu sagen hatte, da sie als Druidin nur die Jagd beobachtete und nicht unbedingt aktiv teilnehmen musste. Immerhin schwieg sie, aber das machte es nicht einfacher.
Die Zwei hatten sich links neben der Rotte platziert und für Ruby gab es kein Zurück mehr. Wo war bloß Jay, der ihr jetzt mit seiner lockeren Art geholfen hätte?
Langsam pirschte sich Ruby in die Büsche und fixierte den Keiler, den Vineeta ihr vorgab. Sie hatte sich so ausgemalt, dass die Wildschweine sicher nach links ausbrachen, wenn man auf der rechten Seite reinsprang. Was sie nicht bedacht hatte, war die große Lichtung und ihr beträchtlicher Abstand zu der Rotte. Sie müsste einen Satz machen, um sie zu überraschen. Ihre einzige Chance war es, den Keiler so lange festzuhalten, bis er automatisch in die Richtung zog und dann loszulassen.
Ruby zitterte vor Aufregung und betete zu Tapio, dass sie eine langsame Reaktionszeit hatten, wie sie da auf dem Waldboden nach Fressbarem suchten.
Sie sträubte ihr Fell und gab dann alles. Sie schoss aus dem Busch, so schnell sie konnte und versuchte, den Überraschungsmoment auszunutzen. Sie hatte nur den Keiler in ihrem Tunnelblick und bekam ihn tatsächlich am Hinterlauf zu packen. Sicher hatte der nicht oft flüchten müssen. Aufgrunddessen, dass sie wie aus dem Nichts kam, versuchte das Tier sofort sich loszureißen.
Ruby hatte arge Probleme, ihn unter Kontrolle zu bekommen und als er halbwegs den Kopf in Richtung der angestrebten Richtung hatte, ließ sie los und hoffte, betete und bangte. Und das Wildschwein war wahnsinnig schnell. Es schoss in den Busch wie ein Pfeil. Sie rechnete damit, dass Vineeta verfehlte, doch unterschätzte ihre Abpassfähigkeiten. Mit Vitos Hilfe bekam sie es unter Kontrolle und als sich Ruby endlich aus ihrer Starre löste, konnten sie es auch reißen.
Sie zitterte noch immer vor Aufregung und hechelte, als Chena die Drei von der Beute wegscheuchte, aber keine große Mühe damit hatte.

"Tut mir Leid, ich hätte weiter unten sitzen sollen", sagte Vito und Ruby hätte fast hysterisch gelacht. Er entschuldigte sich wirklich für ihre eigene schamlose Selbstüberschätzung. Dass es geklappt hatte, konnte sie kaum glauben.
Sie setzte sich noch immer nervös hin und wedelte leicht, während sie Chena beobachtete, welche die Augen halb schloss und über der Beute verharrte.
Sie ließ sich auch nicht stören, als der Wind ein wildes Gekläff, Geheule und Getose zu ihnen trug. Vito blieb bei Chena, aber Ruby folgte sofort Vineeta. Hinter ihnen hörten sie Sura und die anderen Druiden dazu stoßen.
Aber für Ruby waren die anderen Jäger wichtiger. Wohlmöglich hatte Cato angegriffen und dann brauchten sie richtige Hilfe. Je mehr desto besser.
Doch als sie an den Ort des Verbrechens kamen, stand eine hechelnde und Zähne fletschende Ahalya vor einem toten Hirsch und versuchte sich gerade gegen mehrere Jäger verzweifelt durchzusetzen, die ihr den toten Leib streitig machen wollten. Mahila war die Schlimmste und die Jungs ließen sich anstiften. Selbst Sarama ließ sich die Druiden nicht gefallen und lief aufgeregt vor der Beute herum und heulte hin und wieder.




Erst Vineeta's lautes Grollen brachte alle zum Schweigen. Ahalya zog die Lefzen bis zum Anschlag hoch, während die Anderen knurrend und Fell sträubend vor ihr stehen blieben, sie aber nicht mehr attackierten.
Ruby war mal wieder vollends verwirrt.
"Das ist doch nichts, was neuerdings erst gemacht wird. Wieso stellt ihr euch gegen eure eigenen Druiden?" fragte sie fassungslos und warf Clay und Malin einen vernichtenden Blick zu.
"Sie haben kein Recht auf die Beute! Sie helfen einen Scheiß und meinen dann, sie hätten alles recht. Sie sollen sich was Eigenes reißen", kläffte Clay und knurrte laut. Trotzdem war dieses Getue Ruby nicht Geheuer.

"Sie haben Blut geleckt", erklärte Drisana abschätzig klingend.
"Es ist ihr Instinkt. Ohne ihn würde ein Jäger seine Beute selbst an die Krähen verlieren", entgegnete Vineeta. Aber alle machten ihr Platz, als sie dazwischen ging und der wütende Mob löste sich auf, damit Ahalya endlich ihre Arbeit tun konnte.
Ruby kam sich fast besserwisserisch vor, als sie sich fragte, wieso Sura Ahalya hierhergeschickt hatte und nicht Chena. In einem Kampf gegen Mahila, erst recht eine betrunkene Mahila, hätte Ruby durchaus auf die Druidin gesetzt.
Desna trat auf einmal auf den Plan. Die rotweiße Alphawölfin war sehr viel weniger präsent als Sam. Sie hatte mit ihr nicht einmal richtig geredet und Desna schien daran auch wenig Interesse zu haben.
Allerdings war sie da, in einem Moment, als es gefährlich wurde, die Beute zurück ins Lager zu bringen.
Sie eskortierte die erste Beute zur Zweiten und von da aus zurück zum Lager. Ohne Zwischenfälle zwar, aber auch nicht ohne von hungrigen, neugierigen Augen verfolgt zu werden. Ruby spürte sie immer um sich, wenn sie alleine in dem riesigen Wald war. Doch war es nicht Cato's Aura, die um sie herumschlich. Gar nicht allzu unauffällig, aber mit großzügigem Abstand, verfolgte sie eine kleine, schmale Wölfin mit grellgelben Augen. Sie hechelte und man sah ihre Rippen bereits. Sie leckte sich die Lefzen und blieb nervös immer in Bewegung.
Nachdem Ruby sie einmal gesehen hatte, fiel es ihr schwer, den Blick von ihr zu wenden und sie konnte sich nicht mehr richtig auf den Weg konzentrieren.
Clay blieb neben ihr stehen und folgte ihrem Blick.
"Das ist Tikaani. Eine Einzelgängerin, aber völlig harmlos", erklärte er und schaute Ruby kurz an, ehe er weiterging. Ruby nickte Gedankenverloren, aber keiner der Wölfe beachtete ihre Begleitung. Irgendwie tat sie Ruby Leid und sie hätte ihr gerne etwas abgegeben, aber das Waldrudel schien das gar nicht in den Sinn zu kommen.

"Vergiss sie. Wenn du ihnen zu viel gibst, werden sie nur scharf und irgendwann zur Gefahr", winkte Malin ab und Ruby kam dieser Spruch sehr bekannt vor. Sie schüttelte den Kopf verständnislos.
"Oder dankbar", entgegnete sie knapp. Sie war jetzt schon sehr viel mutiger geworden und sie merkte selbst, dass es die laue Führung war, die sie dazu verleitete. Chena hatte recht, für einen Gast war sie undankbar.
Langsam senkte sie den Kopf und trottete dem Rudel hinterher, die kurz darauf das Festmahl eröffneten. Hier lief es wieder strenger ab und sehr viel blutiger.
Die Ranghohen zuerst und wer gut und schnell genug war, riss sich etwas von der Beute ab und stritt mit den anderen Wartenden darum. Ruby hatte sich mit viel Abstand hingesetzt und betrachtete das blutige Schauspiel, als sie die Beute um ihrer Gier willen zerrissen. Es wäre ihr unheimlich, sich an dem Schlachtfest zu beteiligen. Fabs und Janna saßen ebenfalls außerhalb und mit Genugtuung merkte Ruby, dass Fabs sie offenbar ziemlich Leid hatte. Die Wölfin war wie eine Klette und ließ ihn nirgendwo mehr alleine hingehen. Auch jetzt saß die etwas Kleinere neben ihm und leckte ihm die Lefzen, während Fabs nur stoisch den Kopf anhob und recht genervt wirkte.
Sie hörte das Rascheln des Laubs hinter ihr, schaute aber nicht hin, als Jay sich neben sie setzte.
"Wird Zeit für den Abschied", sagte er und Ruby nickte. Sie waren nicht so lange hier gewesen, wie beim Eisrudel, aber sie alle waren verbraucht.

Doch keiner von ihnen hätte mit einem so pompösen Abschied gerechnet. Alle Drei waren aus dem Lager gelockt worden und als sie zurückkamen sahen sie, dass alles hübsch geschmückt worden war und auch das Waldrudel hielt die Verabschiedung in Menschengestalt ab. Es war früh abends, dennoch war es schon dunkel um diese Jahreszeit. Oktober hatte Einzug gehalten.
Es wurde eine richtig menschliche Party daraus und Ruby war von der Mühe, die sie sich gaben, richtig gerührt.
Hier gab es anstelle einer förmlichen Verabschiedung eine Party.
"Ihr seid so süß", gab sie begeistert von sich und schaute sich fasziniert die Deko an, die an den Bäumen und um das Lager herum hing.
Vineeta hatte sogar wieder für menschliches Essen in Form von Süßigkeiten und Kuchen gesorgt. Und das war sicherlich eine Rarität. Zwar kannten alle diese Menschlichkeiten, aber hatten sie wie schon oft betont abgelegt.
Sila war völlig hin und weg und da sie noch so jung war, fragte sie sich, wann sie sich dazu wohl entschieden hatte so zu leben.
Ruby setzte sich also zu ihr und lächelte vergnügt darüber, wie sehr die Blonde die Süßigkeiten genoss.
"Die hast du schon lange nicht mehr gehabt, was?" fragte Ruby sanft und nahm sich etwas von dem Knabberzeug.
"Nein! Leider... ich hätte es nie aufgegeben. Die Anderen hatten wenigstens Vorbereitungszeit", meinte sie und leckte sich etwas Sahne vom Finger.
"Bist du überstürzt hierhin gekommen? Ich will nicht aufdringlich sein... nur wenn du antworten möchtest", gab Ruby vorsichtig von sich. Aber bei Anderen interessierte es sie einfach auch.

"Ach wo, wir wissen doch auch alle wie es bei euch war. Das ist nur fair. Angefangen hat alles mit so seltsamen Träumen. Wochenlang. Monatelang. Ich konnte kaum schlafen, aber mein Freund war für mich da. Er war meine große Liebe. Etwas exzentrisch vielleicht, aber ich hab alles an ihm geliebt. Auch seine Macken. Irgendwann hat der Schlafmangel aber auch seinen Tribut gefordert. Wir haben uns öfter gestritten und er ist dann meistens weggegangen und hat seinen Frust in seiner Hobbyjagd Luft gemacht. Wir haben da schon begonnen, uns voneinander zu entfernen. Bis ich ihn irgendwann festhalten wollte, damit er nicht immer wieder abhaut. Er wollte richtig weg, da ist es aus mir rausgeplatzt und ich hab mich verwandelt. Das war so ein befreiendes Gefühl, als wäre ein Korken gezogen worden. Endlich war ich wieder Herr meiner Sinne. Ich hatte den Kopf gehoben, um es ihm irgendwie mitzuteilen. Da sah ich ihn vor mir, mit nassgeschwitzter Stirn und sein Gewehr auf mich haltend. Ich hab versucht, ihn zu besänftigen. Er müsste die Tiersprache ja wenigstens annähernd verstehen und hey.. das war doch ich, das hatte er gesehen. Stattdessen hat er mir zwischen die Augen geschossen. Aus nächster Nähe. Deshalb gab es sogar eine Platzwunde. Ich bin geflohen, blind von Blut und Tränen. Ich bin Tagelang unterwegs gewesen. Keine Ahnung wohin. Hab Straßenverkehr und Autobahnen gestört. Zunächst bin ich im Eisrudel gelandet, aber dort gefiel es mir nicht sehr lange. Sie sind diszipliniert ja, aber auch viel zu abweisend. Aber Blue vermisse ich ein bisschen. Dann habe ich von dem Waldrudel gehört und bin in ihrer unmittelbaren Nähe herumgeirrt. Bis ich am Rand dieses Waldes von Clay und Malin aufgegriffen wurde. Ich kam runter von dem Stark sein müssen im Eisrudel und hatte richtige Angststörungen von meinem alten Leben. Die Hoffnung in Männer fast aufgegeben, aber Clay und Malin haben mir wieder aufgeholfen. Dafür gesorgt, dass ich den Glauben und die Hoffnung nicht verliere. Ich hatte gar keine Zeit, mich richtig von meinem alten Leben zu verabschieden", seufzte sie leise und Ruby hörte gebannt zu. Das Ende war für sie eine Überraschung. Clay und Malin hatten ihr also aufgeholfen? Das wäre nicht ihre erste gute Tat. Eventuell unterschätzte sie die Zwei. Sie warf ihnen einen Blick zu.
"Und was bedeutet dein Name?" fragte Ruby neugierig weiter und entlockte der Weißblonden ein Lächeln.
"Eska hat mir damals den Namen gegeben, deshalb kommt er aus der Inuitsprache und bedeutet Geist von Wind und Wetter. Er hat aber je nach Sprache so einige Bedeutungen und ich finde alle passen ein bisschen."
Ruby nickte langsam und bedankte sich für ihre ehrliche Auskunft, bevor sie sie mit ihrem Stück Kuchen alleine ließ.

Dann ging sie zu Clay und Malin. Die Zwei waren als Nächstes dran. Sanft legte sie den Beiden je einen Arm um den Nacken und musterte die überraschten Gesichter.
"So Jungs, jetzt seid ihr dran. Sila sagt, ihr kennt alle meine Verwandlungsstory. Also möchte ich jetzt eure hören. Ihr seid doch nicht schüchtern und verschlossen", stichelte Ruby scherzhaft, aber sie wusste genau, dass es sie ihren Antworten etwas näher brachte. Beide grinsten nur, ließen sich aber darauf ein.
Also suchten sie sich eine gemütliche Ecke und dieses Mal war es Ruby recht, zwischen den Beiden zu sitzen.
Clay überließ Malin das Wort, also begann er. Er hatte sowieso ein bisschen mehr das Sagen, hatte Ruby das Gefühl. Aber das war bei Zwillingen sowieso oft so, dass einer die Führung hatte.
"Nun, wir sind als Zwillinge geboren, ganz spontan. Deshalb hat unser Vater es nicht geschafft dabei zu sein. Das ist für die Geschichte essenziell, weil er in seiner Überstürztheit einen Autounfall gehabt hat, der tödlich geendet ist. Ironischerweise war er im selben Krankenhaus wie unsere Mutter. Sie verfiel eine ziemliche lange Weile gefährlichen Depressionen und konnte es immer nur knapp verhindern, unter Zuhilfe von ihrer eigenen Mutter und ihrer Schwester, dass wir ihr weggenommen wurden. Als ihre Mutter starb, fehlten ihr die finanziellen Mittel völlig und der Tod unseres Vaters hatte schon ein großes Loch gerissen. In ihrer Verzweiflung und Einsamkeit hat sie verschiedene Dates gehabt und sich schließlich auf einen Typen eingelassen. Erst war er nett, außer zu uns, wenn wir alleine waren. Irgendwann hat er unserer Mutter dann auch sein wahres Ich gezeigt. Sie windelweich geprügelt, angefangen zu trinken. Aber sie war finanziell abhängig von ihm. Ihre Schwester wandte sich von ihr ab, weil sie von dem Typen nicht lassen wollte. Wir konnten sie nicht verteidigen, da die ersten Attacken begannen, als wir sechs Jahre alt waren. Irgendwann wurde unsere Mutter krank und wir wurden öfter Opfer von dem Kerl, als wir versucht haben, sie zu beschützen. Anfangs war sie immer noch in der Lage dazwischen zu gehen. Wir bekamen dann ein paar Tage vorher Visionen. Rachevisionen. Wir haben zusammen geträumt und Fenrir ist uns erschienen und hat uns einen Ausweg gezeigt. Das Menschen eine grausame, überflüssige Rasse sind, die zu lange an der Macht war und das es Zeit würde, das Blatt zu wenden. Wie es uns gefallen würde, wenn wir es selbst zu unseren Gunsten wenden könnten. Natürlich haben wir in unserer Rachsucht zugesagt. Sofort am nächsten Tag haben wir unseren Stiefvater herausgefordert und ihn böse überrascht. Zerissen haben wir ihn und uns vor der Außenwelt abgeschirmt. Erst als unsere Mutter gestorben ist, sind wir ausgebrochen und haben wohl ziemlich viel Chaos angerichtet. Das Waldrudel hat uns dann eingefangen und aufgenommen. Ich glaube, wir waren keine einfachen Patienten", schloss Malin mit einem frechen Grinsen. Clay lachte nur.
"Ganz bestimmt nicht. Aber wenigstens gab es wenig später Mahila. Sie ist super drauf. Wirklich", meinte Clay, als er Ruby's Blick sah.
"Glaubst du mir erzählt sie ihre Geschichte?" fragte Ruby zweifelnd. Versuchen wollte sie es aber bei ihr zumindest. Danach war ihre Traute wohl auch aufgebraucht.
"Du kannst es versuchen", schlug Malin Schulterzuckend vor.
"Ausnahmsweise. Wenn ich danach weg bin... wisst ihr wenigstens bescheid. Zuletzt noch... eure Namen. Clay bedeutet Lehm? Wobei..", dachte Ruby und Clay schubste sie sanft.
"Passt doch auf meinen Wolf", er grinste.
"Vielleicht wird man dich auch einfach nicht mehr los", gab Ruby neckend zurück.
"Und Malin?" fügte sie hinzu und warf diesem einen Blick zu.
"Da gibt es einige. Meine Mutter bevorzugt die Bedeutung 'Krieger'. Und Ruby? Ist das dein voller Name?" fragte er schließlich und musterte sie.
Ruby brummte leise.
"Eigentlich Rubina. Aber ich bevorzuge die Kurzform. Und ob ich jetzt einem Edelstein gleiche, die Entscheidung überlasse ich Anderen", meinte sie mit einem frechen Grinsen und stand auf.

Sie wollte es doch einmal probieren bei Mahila. Sie hatten ja keinen Konflikt gehabt. Mahila hatte lediglich eine etwas raubeinige Art und Ruby hatte sich mal wieder als die Zarte, leicht zu Erschreckende gegeben. Aber schließlich waren Chena und Mahila heute anwesend. Nicht so wie Suka und ihre Schwester bei der Verabschiedung letzte Woche. Es war ein seltsames Gefühl, dass es so nahe dran war.
"Hey, Mahila", machte Ruby lächelnd auf sich aufmerksam.
"Was willst du?" kam direkt die schroffe Antwort. Ruby seufzte leise.
"Naja, ich dachte mir.. da du meine Geschichte ja kennst und so...", begann sie herum zu drucksen, bremste sich bei Mahila's Blick aber direkt wieder. Was tat sie hier eigentlich? Hatte Sesi ihr nicht ausdrücklich gesagt, dass sie wie ein unbedarftes Prinzesschen wirkte, wenn sie so herumdruckste?
Allerdings durfte sie jetzt auch nicht zu plump agieren. Mahila würde eine Beleidigung nicht mit kindlicher Lieblichkeit auffassen.
"Hör zu, ich bin im Grunde in dieser Familie aufgenommen. Das hat dir wahrscheinlich bei so manchem hier nicht gepasst, aber wir kennen die Geschichten voneinander und ich weiß nicht, ob man aus der Vergangenheit so ein großes Geheimnis machen sollte. Es sind nur vergangene Worte, nicht wahr?" meinte Ruby schließlich entschlossen, verabschiedete sich aber mal von dem Gedanken jetzt noch irgendetwas zu hören.
"Du hast recht", sagte sie zu ihrer Überraschung und Ruby schaute Mahila an wie ein Auto.
"Wenn man daraus etwas Besonderes macht, wird man schwach. Also schön, wenn dich solche Nebensächlichkeiten interessieren", meinte sie und ließ sich auf einen Baumstumpf fallen.
Ruby setzte sich zögerlich und verschränkte die Hände im Schoß. Jetzt war sie aber gespannt.
"Vito meinte, du würdest mehr als alles andere Freiheit brauchen", sagte sie in ihrem Übermut und hätte sich am liebsten dafür geohrfeigt. Mahila's Augen wurden schmal, als sie zu Vito schaute, der gerade Vineeta half.
"Hat er das..", sagte sie leise und Ruby nahm sich vor, schnell abzureisen, damit sie ihre Rache nicht mitbekam.




"Jaa..", gab sie gedehnt von sich und glücklicherweise schien Mahila ihre Rache aufzuschieben.
"Na gut. Ich bin nicht Ende 20, sondern einige Jahrhunderte alt. Früher gab es noch die Sklaverei und Frauen hatten keine Rechte. Besser noch, gab es keine gesellschaftlichen Verwerflichkeiten für diejenigen, die sich selbst die Regeln machen konnten. Die Mächtigen durfte man schließlich niemals beleidigen oder diskriminieren und so konnten sie tun und lassen, was sie wollten. Als ich mich das erste Mal verwandelt habe, konnte ich es nicht kontrollieren, so sehr ich diese seltsame Sache auch zu unterdrücken versuchte. Ich wurde als Dämon hingestellt und man befahl mir, nie wieder in meine 'tückische falsche Gestalt' als Mensch zurück zu kehren. In meiner Naivität, dass ich immer noch ihren menschlichen Gesetzen unterstehe und sie mir ernsthaft schaden könnten, folgte ich. Sie machten mich mit Drogen gefügig. Ich habe alles immer bei Bewusstsein, aber wie halb gelähmt mitbekommen. Ich wurde für Arenakämpfe festgebunden und musste Tiere töten oder mich von Menschen verprügeln lassen. Mein Fell hat nur ernsthafte Verletzungen ferngehalten. Sie haben alles mit mir gemacht, was Männern so einfallen könnte zu tun, wenn du verstehst. Ich war nur noch eine leere Hülle. Irgendwann.. kam ein schwarzes Ungetüm zu mir, gerüstet und erzürnt. Das erste und letzte Mal in meinem Leben, wo ich wirkliche Angst gespürt habe. Ich habe ihn nur gehört. Sura hört nicht auf, mich zu belabern, dass Fenrir mich befreit hat. Das ist mir erst einmal egal. Ich habe das erste Mal neuen Mut gefasst. Ich sei unbesiegbar, was ich mich fürchte. Sein Reich, also der Tod nahm ich an, wäre nicht schlimmer als dieses Leben. Und das stimmte. Ich habe mir oft gewünscht Tod zu sein, warum nicht genau das provozieren? Also habe ich meinem 'Trainer', der mir die Drogen eingeflößt hat, die Hand abgebissen. Es war, als wäre ich besessen. Vielleicht war ich das. Ich hätte mich das alles niemals getraut, doch an diesem Abend schon. Ich zerriss meine Ketten, einem nach dem Anderen. Ich sehe die Erinnerung nur noch wie einen Traum vor mir und ich kam mir auch vor, als würde ich mich von außen betrachten. Ich tötete alles und jeden, der sich mir in den Weg stellte und lebte in der Wüste, wo ich immer wieder die Menschen überfiel und vor Hunger verschlang. Ich lernte gut, als Einzelgänger zu leben. Ich bin diesem Rudel nur beigetreten, weil Sura mich eingeladen hat. Sie war ganz begeistert", meinte Mahila, immer noch abfällig klingend, aber sie hatte Ruby in ihren Bann gezogen.
"Das ist wie Fenrir's Geschichte", meinte sie baff und die Brunette verdrehte die Augen.
"Jetzt fängst du auch noch an. Du weißt ja jetzt, was du wissen musst", meinte sie barsch und stand auf. Auf einmal fühlte Ruby sich schlecht und hielt sie instinktiv fest, was vielleicht ein Fehler war.
"Das was dir passiert ist war grausam und ist mit keiner Rache der Welt wieder abgegolten. Aber du hast das Beste draus gemacht. Aber so was sollte keinem passieren", meinte Ruby. Sie erntete zwar einen eisigen Blick, aber glaubte, dass sie wenigstens etwas mit ihren Worten durchdrang. Statt auf ihrer Geschichte herum zu hacken, hätten mehr erkennen sollen, dass es Mahila Jahrhundertelang an Verständnis für ihre Entehrung gefehlt hatte.
Sie ließ sie sich losreißen und stand am Ende selbst auf.

Nun wollte sie weiter die Feierlichkeiten genießen, die sich langsam dem Ende neigten und verkroch sich mit ihrem Kuchen an ein ruhiges Plätzchen. Jay und Fabs hatten noch viel Spaß und Ruby gönnte ihnen das sogar.

Clay kam schließlich auf sie zu und sie schaute ihm überrascht entgegen.
"Gewährst du mir einen letzten Tanz?" fragte er charmant und hielt ihr seine Hand hin. Ruby musste unwillkürlich lächeln. Was hatte sie schon zu verlieren? Die Anderen ließen es sich ja auch gut gehen.
"Wenn du schon so fragst..", antwortete sie verschmitzt und ließ sich sanft von ihm helfen aufzustehen.
"Hast du die Antworten bekommen, die du wolltest?" fragte er leise, während sie sich langsam und sogar romantisch über den Waldboden bewegten. Den Anderen beiden wäre so was niemals eingefallen.
"Ja.. sogar Mahila hat es mir erzählt. Damit hätte ich nicht gerechnet", sagte Ruby leise und Clay nickte Gedankenverloren.
"Manchmal reicht ihre Geschichte, anstatt schwache Argumente", gab er lächelnd von sich, worauf Ruby langsam die Luft einsog und den Kopf schüttelte.
"Du kannst es verstehen. Egal, wie sehr du dich dagegen wehrst", fügte er hinzu, ehe sie etwas sagen konnte. Wahrscheinlich resignierte sie bei diesem Thema lieber erst einmal.
"Rache wohnt in jedem von uns. So viel steht fest. Spätestens dann, wenn es einen selbst betrifft. Warum auch nicht? Würden wir alles hinnehmen, wo wären wir da", sagte sie leise. Das gehörte zum Selbsterhaltungstrieb nun mal auch irgendwo dazu. Die Gefahr bannen.
"Du bist schon eine faszinierende Person. Schade, dass es so kurz war. Aber wir werden uns sicher bald wiedersehen. Ich hab das im Gefühl", meinte er nach einer Weile lächelnd und dann spürte sie seine Lippen auf ihren. Sie erschreckte sich im ersten Moment, ließ sich dann aber doch darauf ein. Zu was sie sich alles bringen musste diese zwei Wochen, da wäre es unverständlich, sich das einzig Gute zu verderben. Also erwiderte sie den Kuss und legte ihre Arme um seinen Nacken, ehe sie sich sanft löste.
"Das werden wir ganz bestimmt", flüsterte sie leise. Jetzt wollte sie ganz sicher nicht mehr zurück in ihr altes Leben. Aber jetzt war es nicht mehr aufzuhalten.


Zuletzt von Autor am Mo Aug 14, 2017 2:44 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Silberblut   Mi Jul 19, 2017 12:31 pm


Phantome der Nacht




Wieder Zuhause. Die Verabschiedung vom Waldrudel hatte Fabs besonders gefallen. Alle waren herzlich gewesen und schienen sie wirklich in ihre Mitte aufgenommen zu haben.
Er dachte über seine Aktionen nach und war nicht sehr stolz darauf, als er nach Hause kam. Etwas früher, als erwartet. Es war stockdunkel, als er die Tür öffnete, aber er hatte auch nicht das Bedürfnis, den Schalter zu betätigen.
Es war ein seltsames Gefühl, die Wohnung von ihm und Sarah zu betreten. Er war Janna satt, schämte sich sogar etwas für das Abenteuer mit ihr. Aber es war definitiv genug der Abenteuer.
Ruby war auch nicht die Richtige.
Er hatte sich auf der schweigsamen Heimfahrt vorgenommen, Sarah die Wahrheit zu offenbaren. Sie würde es sicher verstehen und er würde sie verwandeln. Jetzt, da er nicht mehr in Ruby's Rudel war- er spürte es genau- konnte er eines mit seiner Freundin aufmachen und alles wieder geradebiegen. Er war sich einig geworden und vermisste sie.
Doch Sarah schien nicht da zu sein. Jedenfalls meldete sich niemand. Alleine fühlte er sich aber nicht.
"Sarah? Sarah, hey, ich bin wieder...", er stockte, als er näherkam. Eine Silhouette stand an der Wand gelehnt und hatte die Arme verschränkt. Er wollte die Situation erst entschärfen, denn sicher war sie sauer. Doch diese Figur war kleiner und schmaler als seine Freundin.
Er erkannte lange schwarze Haare, die ein junges, spitzes Gesicht umrahmten. Die Augen waren dunkel geschminkt, die Augenfarbe besaß ein strahlendes blau.

"Wer bist du?" fragte Fabs und ging sofort in Angriffshaltung. Bereit, sich wenn nötig, zu verwandeln.
"Oh, tztz. Du willst dich doch nicht etwa mit mir messen. Eure Selbstüberschätzung ist langsam keine Belustigung mehr für mich", seufzte sie, stieß sich von der Wand ab und kam eleganten Schrittes auf ihn zu.
Sanft strich sie über seinen Arm und die Berührung hinterließ eine Gänsehaut.
"Pfoten weg! Und verschwinde aus meiner Wohnung! Ich..", setzte Fabs an, doch unterbrach sie ihn ungerührt.
"Du willst deiner Freundin dein Geheimnis offenbaren? Und sie verwandeln? Hat dir Ruby etwa gar nichts beigebracht, in der kurzen Zeit, in der du in ihrem Rudel warst?... Oh, nun schau nicht so. Sie hortet das Wissen, ohne es zu teilen. Ein Rudel ist in ständiger Kommunikation. So war das nicht vorgesehen. Sie geht nicht unter unserem Schutz in die Obhut anderer Rudel und lernt bei der Sache nichts. Ihr solltet euch nicht um eure irdischen Probleme kümmern!"
Zuletzt wurde ihre Stimme hell und scharf wie ein Rasiermesser.
Sie wandte sich ruckartig zu Fabs um, der ihre Bewegungen mit Argwohn verfolgte.
"Du bist diese Schattenwölfin", stellte er grimmig fest und sie schenkte ihm ein so überzeugendes, wie falsches Lächeln.
"Ja du kleiner Blitzmerker. Und du bist noch so menschlich und gewöhnlich wie vor den zwei Wochen. Aber gut", sie fasste sich an den Nasenrücken und seufzte.
"Das können wir jetzt nicht mehr ändern. Du wirst deinem Gott dennoch dienen. Aber du wirst ihm keine Steine in den Weg legen. Nur ein Wolf, der beim  Blutmond erwacht ist, ist in der Lage andere zu verwandeln, okay? Und was du siehst, wird dir nicht gefallen. Tu uns beiden einen Gefallen, halte den Schaden in Grenzen und offenbare nicht den Menschen, was wir sind. Noch ist diese Zeit nicht gekommen, okay?"
Kaya trat näher und betrachtete Fabs Gesicht undefinierbaren Blickes. Dann wanderte ihr Blick gen Fenster und wieder zurück. Man hörte ein Auto kommen. Auch Fabs hörte es und wandte den Kopf.




"Ich offenbare dir jetzt: Sie ist so wenig alleine geblieben, wie du mein Freund. Tu uns einen Gefallen und schließe jetzt ohne einen totgebissenen Menschen damit ab. So sehr ich diese Schauspiele auch liebe. Der Zug ist abgefahren."
Sie trat an Fabs vorbei, der den Kopf missmutig senkte. Sein ganzes Vorhaben war in sich zusammengebrochen, in den wenigen Worten, die er mit Kaya gewechselt hatte. Es war, als zerdrücke jemand sein Herz.
"Und was soll ich jetzt machen, deiner Meinung nach?" fragte er, doch es kam keine Antwort mehr. Als Fabs sich umdrehte, war sie weg.
Schritte waren im Flur zu hören und schließlich wurde die Tür aufgeschlossen.
Sarah schloss lachend die Haustür auf und drehte sich einmal vor einem jungen, schwarzhaarigen Mann.
"Ich liebe diesen Film! Du wirst den noch oft ertragen müssen..", zuletzt wurde ihre Stimme sanft, als der Fremde seine Hände an ihre Wangen legte.
In diesem Augenblick huschte ein schwarzer Wolf aus dem Fenster im Schlafzimmer und sah ein letztes Mal zu seiner alten Wohnung zurück.
Er sah Sarah, wie sie die Jalousinen herunter ließ und trabte schließlich davon. In seinem Rücken gingen die Lichter aus und nach ihnen die Straßenlaternen.




____________________________


Ruby merkte schleichend, wie sie sich immer mehr auseinander lebten. Seit sie die stille Fahrt Heim angetreten waren, schien es, als hätten sie die Feuerprobe zu Dritt nicht bestanden.
Es erfüllte sie mit Trauer um ihre verlorenen Freunde und andererseits hatte Clay sich in ihren Kopf gefressen.
Sie war frustriert dieser Tage und die Arbeit konnte sie nicht genug ablenken. Ihr langes Wochenende hätte sie am Liebsten mit ihren Jungs verbracht, aber das ging nicht. Sie hatte noch weniger Kontakt zu Fabs Wohlergehen, durch seinen Rudelausschluss und sie hatte nur die Info von Jay das er lebte und gesund war.




An ihrem zweiten freien Tag- ein Samstag- schlug sie frustriert auf die Sofakante. Etwas musste sich ändern und zwar äußerst dringend. Sie würde jetzt ausgehen und dann mal sehen, wie sich dieser Abend verbringen ließ. Sie brauchte jetzt völlig neue Menschen um sich herum.
Weil es aber traurig war, alleine irgendwo hin zu gehen, wie sie fand, rief sie eine Freundin an, die ganz begeistert zusagte. Sie war gerade verlassen worden und brauchte noch den Anstoß, wieder los zu gehen, den sie alleine nicht fand. Also passte das Ruby nur zu gut in den Kram. Schlimmstenfalls würde sie sie an irgendeinen Typen verlieren. Aber abgelenkt wäre sie.
Sie machte sich also schick und zog sich eine dünne Bluse und Jeans über, ehe sie das Haus verließ. Sie fuhren mit dem Taxi und schon begann Jane drauf los zu quatschen.
"Wie war denn dein Urlaub? Man hat ja echt nichts gesehen und gehört von euch. Da ist doch nicht etwa was gelaufen?" fragte sie feixend und stupste Ruby in die Seite. Diese verzog das Gesicht.
"Nein. Ich hab aber glaub ich eine Herbstliebe, aber die kennst du nicht", fügte sie sofort hinzu, bevor da noch aufdringlichere Fragen kamen. Aber zu spät.
"Ohh und wie sieht der aus? Und wie alt? Man Ruby, du bist ja ne richtige Draufgängerin geworden"; sie grinste und man merkte, dass sie krampfhaft versuchte Ruby aufzuheitern, die sich kaum zum Lächeln bewegen konnte. Es war richtig furchtbar in letzter Zeit. Aber es passierte einfach zu viel um sie herum.

"Ende zwanzig, drei Tage Bart. Voll dein Beuteshema. Blond", Ruby nickte und Jane war ganz hin und weg.
"Charmanter Draufgänger. Darf ich mich heute durch die Karte trinken? Ich muss mal einmal resetten", seufzte Ruby und Jane nickte verständnisvoll.
"Ich hatte auch mal eine Sommerliebe... ich weiß wie das ist", seufzte sie und begann den Rest der Fahrt davon zu erzählen, was sie alles erlebt, getan und gesagt hatten. Und manches davon wollte Ruby wirklich nicht so genau wissen.
Zum Glück waren sie bald da und Ruby bezahlte den Fahrer, ehe sie aus dem Auto sprang und in den Club ging. Dort traf es sie wie eine Abrissbirne. Lila-Rot gehaltene Lichter flimmerten wild durch den dunklen Club, die Musik hallte laut und man sah fast nur Menschen. Tanzende, trinkende, flirtende. Alle auf einen Haufen. Es war schon recht spät und sie mussten so einiges nachholen.
Ihre Freundin setzte sich sogleich an die Bar und bestellte Getränke für beide, während Ruby langsam näherkam und sich bedächtig setzte. Alles fühlte sich so fremd an.
Sie fühlte sich einen Moment wie stockbesoffen, nämlich nicht ganz bei sich und tastete ihre Umgebung ab, um zu wissen, dass sie da war. Es lief ihr wie in Zeitlupe ab. Alarmbereitschaft machte sich in ihr breit. Etwas stimmte nicht.
Jane merkte nichts und lachte nur.
"Ach ist das schön mal wieder auszugehen. Hier ist wenigstens richtig Stimmung!", rief Jane gegen die laute Musik an. Ruby hörte alles dumpf, wie unter Wasser. Langsam nur kam die Schärfe der Töne zu ihr zurück und sie hob den Kopf.
Der Barkeeper stellte ihnen ihre Getränke hin und Jane stieß Ruby an. Sie wollte erst etwas sagen, da sie hier gerade keine Ruhe bekam, als Jane unauffällig in eine Richtung nickte.
"Ich glaub der Typ will was von dir. Der schaut die ganze Zeit zu dir rüber", meinte sie kichernd und nippte an ihrem Getränk. Sie warf dem Fremden einen flirtenden Blick zu, aber man konnte sich nicht sicher sein, ob er überhaupt in ihre Richtung sah, da die Krempe seines Hutes seine Augen verdeckte. Dennoch fühlte Ruby sich beobachtet.
"Wer das wohl ist!", meinte sie etwas lauter gegen die Musik und Jane zuckte fröhlich die Schultern.
"Nö. Von mir will er nichts. Komm, du hast nen Lauf. Vergiss die Loser von der Arbeit und angel dir die richtig dicken Fische!" forderte Jane aufgeregt auf und schubste Ruby von ihrem Stuhl.

Die stand grummelnd auf dem Boden der Tatsachen und schaute unsicher zu dem Fremden. Etwas eigenartiges ging von ihm aus.
Etwas, das nicht normal war.
"Geh schon", scheuchte Jane sie und Ruby trat wie elektrisiert an den Tisch des Mannes heran. Was tat sie da? Wer wusste schon, wer das war oder was er vorhatte? Eine tolle Freundin hatte sie da, dachte sie.
Sie sah auf den Lippen ihres Gegenübers ein Lächeln erscheinen.
"Hey, darf ich mich setzen?" fragte Ruby in einem charmanten Ton. Gut, notfalls konnte sie sich immer noch zur Wehr setzen. Wer kam schon gegen ein Silberblut an?
"Mein Vergnügen, schöne Frau. Bitte", er nahm seinen Hut ab, machte eine einladene Geste und musterte sie belustigt.
Ruby setzte sich und bei jedem Zentimeter Bewegung registrierte sie ihr Gegenüber. Etwas längere, braune Haare, grüne Augen. Markantes Gesicht, dass zu einem muskulösen Körper überging.




"Darf ich dir etwas Gutes tun?" fragte er mit einem charmanten Lächeln und Ruby kam sich sehr schlecht dabei vor, dass sie dieses Lächeln mitriss. Er musste es Jahre vor dem Spiegel geübt haben. Er strahlte ein Charisma aus, dass sie einwickelte, bevor er überhaupt losgelegt hatte. Die Anderen, die sie kannte, hatten sich durch kleine Aufmerksamkeiten, Nettigkeiten oder gut rübergebrachte Komplimente ausgezeichnet. Dieser hier war anders.
Sein Blick, seine Gesten, seine Mimik. Sein ganzes Auftreten schien geplant und aufeinander abgestimmt. Jeder Muskel so kontrolliert, wie es Menschen möglich war. Kein Ausfallschritt, kein Blick außer der in ihre Augen.
Kurzum er war faszinierend für sie und sie hoffte ihn in ihrer Gebanntheit nicht zu dumm auszuschauen. Zum Glück hatte sie sich heute herausgeputzt.
Doch bei aller Hingabe, schien das, was sie anfangs so dabei behindert hatte, hier richtig anzukommen, auch von ihm zu kommen. Gäbe es Vampire, sie hätte alles darauf verwettet, dass er einer war.
"Tut mir Leid, wenn ich dich so anstarre. Gefällt dir meine Freundin nicht oder bin ich nur der Kontakt zu ihr?" fragte Ruby mit einem verschmitzten Lächeln. Der Mann beugte sich vor, legte seinen Kopf auf seine verschränkten Hände und betrachtete ihre Augen. Sie bekam eine Gänsehaut. Kein Ausfallschritt.
Sie wagte nicht, wegzuschauen. Dann würde irgendetwas Unerwartetes passieren. Sie geriet unter Spannung. Das war kein flirtender Blick. Es war, als würde die Katze die Maus anschauen.
"Keineswegs", antwortete er in einem sanften, schnurrenden Ton. Es war zwar nur eine einsilbige Antwort, aber sie genügte Ruby.
"Mich interessieren solche normalen Frauen nicht. Aber du... du bist anders als sie."
Er sprach leise, doch verstand sie jedes Wort, als würde er es ihr ins Ohr flüstern.
"Das sagen sie alle", erwiderte sie schlagfertig. Sie wandte ihren Blick ebenfalls nicht ab. Sie sprach leise, doch er schien sie ebenso gut zu verstehen, wie sie ihn.

"Fühle ich mich an, wie jeder Andere mit dem du es bisher zu tun hattest?" fragte er keck zurück und Ruby fühlte sich zunehmend eingelullt. Es war, als würde ihre Vorsicht schleichend gelähmt unter seinem Blick. Vielleicht doch eher eine giftige Schlange. Ob Hypnose real war?
Was dachte sie eigentlich, was hierraus wurde? Fragen über fragen.
Es war ein letztes Zucken ihrer Selbstbeherrschung. Sie sprang auf einmal auf. Wie ein Kaninchen, welches erkannt hatte, dass es gesehen worden war.
Er schaute überrascht zu ihr auf. Hauchzart, kaum merklich, legte sich dieser Ausdruck in seine Augen. Ein Ausfallschritt.
Doch seine Selbstbeherrschtheit, seine langsame, überlegene Reaktion, verunsicherte sie. Sie wollte sich das allerdings nicht ansehen lassen.
"Ich glaube das war ein Fehler. Ich muss gehen", sagte sie kurz angebunden und wollte an ihm vorbei gehen.
"Lauf nicht vor dem Krieg davon. Er wird kommen und du sollst eine tragende Rolle spielen."
Ruby hielt inne, direkt neben ihm. Wie erstarrt. Er war zurückgelehnt, schaute aber geradeaus. Er bewegte den Mund, beachtete sie nicht. Als würde er ins Nichts reden, doch das tat er nicht. Er meinte sie. Nur sie.
"Ein Krieg?" fragte sie und runzelte die Stirn. Das war also die Lösung. Er war kein gewöhnlicher Mann. Aber in ihren Augen auch kein gewöhnliches Silberblut.
"Eine Schlacht auf einem einsamen Feld, vor einer kleinen, unscheinbaren Höhle. Die Vorbereitungen sind getroffen. Sie sind sozusagen schon auf dem Weg", sagte der Fremde. Seine Stimme hatte einen ernsteren Klang angenommen.
Nun schaute er doch zu ihr auf und Ruby wandte den Kopf. Ihr Blick traf den seiner smaragdfarbenen Augen. Sie glänzten im flimmernden Licht.

Langsam, mechanisch wandte sich Ruby um und ging wieder zu ihrem Platz ihm Gegenüber.
Sie ließ sich fast bedächtig sinken, ließ ihn dabei nicht aus den Augen.
"Du weißt nichts davon", sagte er fest, beinahe klang er verärgert und ein Feuer loderte in seinen Augen auf. Ruby wurde wieder gelähmt, doch dieses Mal wollte sie die Beherrschung bewahren.
"Nein. Ich weiß kryptische Dinge, wie, dass ein Rufen laut wird und... derlei Dinge. Das sie Krieg wollen, da im Norden", meinte Ruby hilflos. Sie wusste gar nicht, warum sie ihn vor allen Anderen ins Vertrauen zog. Er könnte Mist daherreden und sie offenbarte ihm Geheimnisse der Wölfe. Doch es fühlte sich nicht falsch an. Sie müsste sich schon sehr irren. Und wenn sie mit einem der ihren sprach?
Aber würde das etwas ändern?
"Es wird Krieg geben. Ich hatte gehofft, du wärest besser informiert, wenn du schon als Verbindungssteg fungieren sollst. Musst du es wirklich von einem Schleicher wie mir erfahren?" er grinste und es hatte fast etwas von Genugtuung an sich.
Ruby beugte sich vor. Sie bemerkte das erste Mal etwas aus dem Augenwinkel und das war Jane. Sie hatte einen Typen, beobachtete Ruby aber ab und an und fand wohl was da lief, war ein Erfolg.
Aber das Wichtigste war: Der Bann war gebrochen.




"Erzähl es mir", forderte Ruby und ihr Gegenüber ließ sich auf das Spiel ein.
"Sie nennen ihn den Knochenwolf, weil er seine Lager auf und aus Knochen seiner Jagdtrophäen erbaut. Sein zweiter Name ist Wolf des Nebels, denn er greift sowohl Beute, als auch Widersacher am Liebsten in dichten Nebelwänden an. Man sagt, er habe schlechte Augen, aber ein doppelt so gutes Gehör. Sein Name ist Avilox. Er stammt aus Amerika, ehe er nach Kanada ausgewandert ist und dort in diesem Namen und unter diesem Ruf ein Rudel aufgebaut ist, dass größer ist, als jedes Andere. Zunächst ist er Fenrirs Rufen gefolgt. Jetzt will er selbst in den Götterstatus. Er will sich Niemandem mehr beugen. Fenrirs Reich ist das Schattenreich."
Der Mann hielt inne. Ruby hielt den Atem an.
"Auf dem unendlichen Feld, durch eine kleine Höhle. Das ist direkt beim Waldrudel derzeit", gab Ruby schockiert von sich.
"Es wird zu einem Krieg gegen die dünn besetzten Schattenwölfe und Avilox Armee kommen. Er zieht sich da keine gesellschaftsuntauglichen Problemkinder ran, wie das Eisrudel oder dient als Auffangstation für gestrandete Wölfe, wie das Waldrudel. Er hat ein Rudel aus Killern, die er durch Grausamkeit in Schach hält, nicht durch Nächstenliebe oder harte Worte. Und sie alle teilen seine Ansichten", schloss der Fremde und lehnte sich zurück.

Ruby verstand nicht, wie sie da ins Bild passen sollte.
"Aber was hab ich damit zu tun? Das Waldrudel wird ihm aus dem Weg gehen, sie sind Fenrir nichts schuldig. Das Schattenreich ist sein Götterreich. Fenrir wird es zu verteidigen wissen", meinte Ruby fest und wollte aufstehen. Doch er fesselte sie mit seinen Worten.
"Das Schattenreich bricht aber auch zusammen, wenn alle seine Anhänger herausgelockt werden. Und es sind Wenige. Viel zu Wenige. Alle Kinder Fenrirs müssen kämpfen, wenn die Zeit gekommen ist. Und nur du kannst sie vereinen", betonte er. Ruby schüttelte vehement den Kopf.
"Sie wollen doch beide dasselbe. Avilox kann niemals ein Gott werden, egal wie sehr er sich das wünscht. Man kann einen Gott doch nicht besiegen", sagte sie überzeugt.
"Man kann ihn aber verbannen. Nein, Fenrir will die Silberblüter zur neuen Spitze der Nahrungskette machen. Menschen sollen langsam unter ihrer Herrschaft aussortiert werden, bis ein Wolfsplanet übrig ist. Avilox will die Menschen als Beute und Sklaven halten. Momentan entführt er seine Opfer. Nicht einen im halben Jahr. Massen. Und gibt sie zur gnadenlosen Jagd frei. Er will, dass alle Menschen Freiwild werden. Es wird in einer Anarchie enden, gelenkt und geduldet von einem verrückten Wolf. Ruby..."
Er kannte ihren Namen?!
"Woher..."
"Sein Rudel alleine beinhaltet 27 Wölfe. Das Schattenrudel kann nicht bestehen. Aber schlagen sich beide Rudel auf die Schattenseite, dann besteht eine Chance. Beide Rudel beherbergen Wölfe, die kaum richtig kämpfen können. Aber eure Zahl zusammen könnte sie in Schach halten. Es gibt keinen Weg daran vorbei", schloss er. Ruby war wie vor den Kopf geschlagen und mit einem Ruck wieder ernüchtert. So hatte sie sich das Ende ihres Urlaubs nicht vorgestellt. Vonwegen lernen ein Wolf zu sein.

27 Wölfe... Siebenundzwanzig.
Sie ließ sich die Zahl auf der Zunge zergehen und zählte Eis- und Waldrudel. 11 im Eisrudel. 13 im Waldrudel. Machte nur 24, von denen sie noch nicht die Wölfe abgezogen hatte, die im Kampf wohl ziemlich alt aussahen, so wie Blue oder Sila. Wie viele Mitglieder wohl 'dünn besetzt' beim Schattenrudel bedeutete?  Aber nach dem, was sie von ihnen wusste, würden sie keine Hilfe annehmen, wenn es anders ginge.
"Wie lange?" fragte Ruby tonlos.
"Ende des Jahres soll es stattfinden. Mit einem neuen Jahr eine Revolution. Sobald der erste Januar anbricht, will er bereits die Götterposition innehaben", sagte ihr Gegenüber und Ruby schüttelte ungläubig den Kopf. Der Oktober flog nahezu dahin. Bedeutete kaum zwei Monate um sich auf eine Schlacht vorzubereiten, der sie wohlmöglich unterlegen waren.
Sie musste dringend Fabs und Jay wieder auf den Plan rufen.
"Du bist einer von ihnen. Ich weiß nur nicht, warum du mir das erzählst. Bist du selbst Avilox?" fragte Ruby gefasst und der Mann lächelte geheimnisvoll.
"Oh Nein. Einer von den Bösewichten, die ihre Pläne verraten, weil sie besonders von sich überzeugt sind? Nein.. das zieht meistens ein rasches Verfahren nach sich. Und das wird es."
"Es gibt kein Böse und Gut unter Wölfen", erwiderte Ruby trocken. Ihr Gegenüber stand auf.
"Schön, du hast also doch etwas gelernt. Dann war diese Aktion ja nicht umsonst."
Er trat dicht neben sie, sodass sie sich beinahe berührten. Ruby schaute vor sich, doch sah sie nichts. Sie schaute durch alles hindurch, in diesem Augenblick, als die elektrische Spannung zwischen ihnen beiden wieder aufloderte.
"Mein Name ist Zerafin. Ich will, dass du dich immer daran erinnerst", sagte er ruhig und verschwand dann in der Menschenmasse. Ruby drehte sich um und stand auf. Doch wie erwartet, konnte sie ihn nicht mehr ausmachen.
Sie schaute zu Jane, die sich gerade mit Kirschen füttern ließ.

"Jane? Ich muss fahren!"
Beinahe vergaß Ruby wieder gegen die Musik anzureden. Während sie sich mit Zerafin unterhalten hatte war es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Als wäre die Musik und alles um sie herum verstummt. Nun war die Party in voller Lautstärke wieder präsent und sie bekam Kopfschmerzen.
"Jaaa Rubyy! Viel Spaß heut Nacht, ja?! Wuhuu!" jubelte Jane deutlich mehr als angetrunken und winkte Ruby fröhlich zu. Sie dachte wahrscheinlich, dass die Rothaarige sich jetzt ihre Begleitung einpackte.
Aber so war es gewiss nicht. Stattdessen lief sie aus dem Club, als sie erneuter Schwindel ergriff. Sie schaute sich um und sah, wie ein weißer Schweif im Gebüsch verschwand. Als sie den Blick nun abwandte, war es für immer.
Sie verwandelte sich ebenfalls und lief los. Es begann Frühwinterlich zu schneien. Kleine, sanfte Flocken. Sie legte fast den kompletten Weg Querfeldein zurück, den sie zuvor gefahren war.
Dann warf sie den Kopf in den Nacken und heulte laut und hallend in die Nacht hinein.





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Jay hatte lange den Kontakt zu Ruby unterbrochen. Sobald er wieder Zuhause war, kümmerte er sich ganz besonders nur noch um seine Belange, wie er es vorher auch schon getan hatte.
Zu seinem Leidwesen bekam er sie dennoch nie wirklich aus dem Kopf. Das stand ihm bei anderen Frauen auch im Weg.
Während die anderen Beiden sich offensichtlich auch in den Rudeln vergnügt hatten, hatte Jay das nicht wirklich gekonnt. Doch dieses Mal wollte er lockerer werden. Direkt am Tag seiner Ankunft war er auf eine Party eingeladen worden und seitdem war er regelmäßig im Nachtleben unterwegs.
Er flirtete, rauchte, ließ sich von der Musik beschallen. Alles, was er vorher geliebt hatte. Nun war es nur noch halbherzig. Er begann es fast schon zu bereuen, Ruby zugesagt zu haben. Vielleicht wäre es für ihn persönlich dann nie so eng geworden.

Es vergingen ein paar Tage und er hatte sich in eine Disco zurückgezogen. Sogar einen Tag bevor er eine Zusatzschicht einlegte. Also alles andere als empfehlenswert. Ihm fehlte schon jetzt der Schlaf und das wurde alles nicht gerade besser.




Aufeinmal tauchte jemand vor ihm auf und er schaute überrascht, dann abweisend und entnervt zu Fabian auf. Was hatte der Typ hier verloren?!
Genüsslich zog Jay an seiner Zigarette und drehte das Bier in seiner anderen Hand. Und schon entbrannte wieder ein Wortgefecht zwischen den Beiden.
"Was willst du, Mann! Siehst du nicht, dass ich feiere?!" fragte Jay kühl.
"Ich sehe, dass du dich gehen lässt", erwiderte Fabs.
"Das kann dir ja egal sein. Geh dein Leben regeln!"
"Zu spät", war alles, was Fabs darauf kühl entgegnete. Jay schaute überrascht in die verhärteten Gesichtszüge. Dann schnaubte er und stand auf. Musste allerdings mehr Wanken als geplant.
"Seit wann brauchst du mich als Ansprechpartner?" fragte er mit schwerer Zunge und ließ seufzend das Bier stehen. Dann nahm er einen letzten Zug von seiner Zigarette, bevor er Fabs nach draußen folgte.
"Weil ich keinem anderen Kumpel sagen kann, was ich jetzt sagen werde."
Fabs wandte sich zu ihm um und verschränkte die Arme. Jay schaute ihn abwartend an, ehe er sich doch anlehnte, um nicht umzukippen. Er überlegte, sich doch noch einen Krankenschein zu nehmen. Sicher war sicher.
"Nimm dich besser in Acht. Diese Schattenwölfin hat mich auch besucht, wie Ruby anfangs. Vielleicht stattet sie jedem von uns einen Besuch ab und dann sollten wir darauf gefasst sein. Und vor allem: Bei Sinnen sein. Herrgott Jay, du musst morgen arbeiten. Was ist bloß falsch bei dir?!" Fabian verzog das Gesicht und Jay brummte ihn bloß an.
"Klingt ja nicht so toll. Aber was soll ich dann schon machen? Dann kann ich besser betrunken sein. Sag mal, wo kommst'n du jetzt unter?"
Er musterte Fabs nachdenklich und selbst durch den Schleier der Trunkenheit bemerkte er gut genug den Blick, der genau aussagte, dass er es nicht wusste.

Wie ein Wolf draußen gelebt, hatte er die letzten zwei Wochen definitiv genug.
"Dann komm doch erst mit zu mir. Bin eh alleine und schlepp so schnell keine an. Und du hoffentlich auch nicht", Jay grinste, auch wenn sein Gegenüber nur den Kopf schüttelte. Anscheinend war es mit Ruby und Fabs ja doch nicht so gut gelaufen und insgeheim machte ihn das glücklich. Sie passten auch gar nicht so sehr zusammen. Sie passte viel eher zu ihm selbst.
Eigentlich wollte Fabian ablehnen, aber die letzten Nächte und Wochen hatten ihm gereicht. Er sehnte sich nach der Normalität durchaus zurück. Nun, wo er ohnehin Einzelgänger war. Was für ein seltsames Gefühl. War er dann wie Leya?, dachte er.
"Komm. Muss eh Heim", meinte Jay und zog ihn ein kurzes Stück mit. Er konnte einen Ernüchterungsspaziergang jetzt ganz gut gebrauchen.
Jay überkam ein seltsames Gefühl, kurz, bevor sie bei ihm Zuhause waren. Irgendwie befremdlich. Er schaute seine Wohnungstür an, als wäre es nicht wirklich seine eigene.
Dennoch schloss er auf und ließ Fabs rein. Gab ihm eine kurze Einweisung und baute das Sofa um.
"Bedien dich am Kühlschrank. Is zwar nie viel drin so, aber für wen auch."
Jay verzog über seinen eigenen Kommentar das Gesicht. Wie verzweifelt einsam das klang. Fabian grinste bloß und durchstöberte aus reiner Neugierde die Fächer.
"Du.. sorry, aber ich glaub ich hau mich hin", entschuldigte sich Jay schließlich, aber Fabs konnte sich auch ganz gut selbst versorgen. Er hatte kein schlechtes Gefühl, den Dunkelblonden alleine zu lassen.
Und das schlug sich auch direkt nieder, denn er war, just als er sich hinlegte, auch schon eingeschlafen. Allerdings schlief er nicht ruhig. Er wälzte sich hin und her und fühlte sich fast schon fiebrig.
Draußen hatte es angefangen zu gewittern und der Wind ließ die Äste heftig gegen das Fenster schlagen.




Er wusste nicht, ob es das war, was ihn weckte. Aber mit einem Mal schreckte Jay auf und sah vor dem Fenster eine schmale, weibliche Gestalt. Sofort schoss das Adrenalin in ihm auf, doch beim nächsten Aufblitzen war da nichts mehr. Zu spät.
Er stand schon als blonder Wolf im Bett und war aufgewühlt, verunsichert und auf Angriff gepolt. Sein ganzer Körper stand unter Spannung, als er sich langsam durch die Wohnung bewegte. Seine Ohren drehten sich in alle Richtungen. Würde ihn jetzt jemand oder etwas erschrecken, dann würde das extrem gefährlich enden.
Er schaute nach, doch Fabs schlief, zu seiner Erleichterung, tief und fest auf dem umgebauten Sofa. Ihm fiel ein richtiger Stein vom Herzen. Wäre der Kerl jetzt weggewesen, wäre er erst recht in Panik geraten und wusste gar nicht recht, woher die Aufregung rührte. War das Ganze ein Albtraum?
Aber entspannen konnte er sich nicht. Er trabte nach draußen in den Regen. Man sah kaum die Hand vor Augen, so sehr schüttete es. Suchend schaute er sich um und sah wie ein schwarzes Etwas ihn noch kurz scheu anschaute und dann im Wald verschwand. Sofort grollte er laut und durchdringend. Niemand näherte sich hier ohne seine Erlaubnis. Das überhaupt jemand sich diese Dreistigkeit herausnahm, machte ihn unglaublich wütend und raubte ihm den letzten Schlaf.
Er schnaubte aufgebracht und erst, als er sich sicher war, dass dort nichts und niemand war, als der Regen, wandte er sich langsam wieder um.
Kaum, dass er halb durch die Tür getreten war, erklang ein Heulen in der Ferne. Er drehte sich sofort um. Ruby!
Er antwortete instinktiv und all seine Abweisung war wie fortgewaschen. Wie frustrierend, wie er immer für sie da sein würde.
Nun war aber auch Fabs wach und kam alarmiert hergelaufen.
"Was ist los?!" fragte er und Jay hob den Kopf witternd.
"Ruby hat gerufen... Komm mit. Sie wird nicht nur mich meinen", betonte er, als er sah, dass Fabs sich schon wieder abwenden wollte. Geknickt, aber er wollte.
"Du wirst es nicht bereuen."
Was für ein leichtfertiges Versprechen in Bezug auf Ruby. Aber es hatte wirklich dringend geklungen.

Zu seinem Glück ließ Fabs sich darauf ein. Er nahm die Schlüssel, zog die Tür zu und verwandelte sich. Dann liefen sie beide in die Richtung, aus der das Heulen gekommen war und zur Orientierung setzte Jay immer mal wieder einen Ruflaut ab. Nun wurde es ernst, das spürte er. Irgendetwas hatte Ruby, sonst würde sie die Zwei nicht mitten in der Nacht aus dem Bett werfen.
Langsam, als das Adrenalin wich, machte sich zwar wieder etwas der Restalkohol und die Müdigkeit bemerkbar. Aber er war gerade einfach nur froh, wenn er bei Ruby ins Trockene kam.
Und sogar die Hoffnung keimte auf, dass sie wieder vereint wurden.


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